Unternehmensführung digital - Wie Corona das Management fordert

Das Corona-Virus hat in den Führungsetagen der heimischen Industrie über Nacht Veränderungen bewirkt, die Kommunikation und Unternehmensabläufe verkürzen werden. Stefan Bergsmann, Geschäftsführer von Horváth & Partners Österreich, beschreibt in seinem Gastkommentar, dass die vielbeschworene Digitalisierung nun endgültig das Top-Management selbst erreicht. Und was dies bedeutet.

Thema: Management Commentary
Stefan Bergsmann, Geschäftsführer von Horváth & Partners Österreich

Stefan Bergsmann, Geschäftsführer von Horváth & Partners Österreich

Was für viele Unternehmenschefs bisher wohl kaum denkbar war, gehört nun zur täglichen Führungsaufgabe. Kommunikation ohne Sicherheitsnetz, Besprechungen mit Untergebenen auf Augenhöhe, per Video, ohne papierene Erklärungen, abseits von Vorzimmerhürden und Termindruck. Wer diese Form direkter Kommunikation beherrscht, wird eher verstanden und bessere Ergebnisse erzielen, sind sich alle Unternehmens- und Kommunikationsberater einig.

1. Reports werden gelesen

Corona hat für viele Manager deutlich gemacht, worauf es wirklich ankommt, wenn man gute Ergebnisse erzielen möchte. Nicht die Anwesenheitsdauer im Büro oder Arbeitszeiten am Computer zählen, sondern ob die vereinbarten Zahlen und Ziele erreicht wurden. „Management by Objectives“ – die Unternehmenssteuerung über Zielsetzung und Zielerreichung – ist zwar in vielen Unternehmen längst etabliert, mit dem Wegfallen der physischen Präsenz wird sie aber zum Backbone der Führung.

Die Auswirkungen sind hochinteressant. Viele Unternehmen, die schon bisher auf Kennzahlensteuerung setzen, haben ihre monatlichen Berichte (monthly reports) auf wöchentlich umgestellt – und lesen diese viel intensiver als bisher. Andere, die bisher eher nach Gefühl oder sichtbaren Entwicklungen geführt haben, fordern nun von ihren Teams umso vehementer regelmäßige Berichte. Chefs können ja während einer Pandemie nicht mehr so einfach durch die Firma gehen und prüfen, ob alles gut läuft. Kennzahlen und Reports bekommen dadurch eine größere Bedeutung.

2. Werte statt Kontrollen

Ein weiteres Phänomen ist die Erfahrung, dass gerade in Krisenzeiten Werte sehr viel zählen. Dort wo der soziale Kitt und die gemeinsame sinnstiftende Wertebasis fehlen, entstehen Sinnkrisen, drohen Fluktuation und Fliehkräfte den Zusammenhalt zu sprengen. Andauernde Kontrollen von Mitarbeitern sind nicht nur kontraproduktiv, sondern funktionieren bei Home-Office auch gar nicht mehr. Dann geht es um die oftmals belächelten Werte. Sind solche Core Values tatsächlich etabliert, und werden sie gelebt?

Nach zehn Wochen Corona-Erfahrung lässt sich sagen, dass es gerade die Unternehmenskultur ist, die hier strapaziert wurde, und dass es zwei Bereiche gibt, die von der beschleunigten digitalen Transformation vorrangig betroffen sind. Zum einen das Management, dass nunmehr anders arbeiten muss – manche Topmanager haben erst jetzt in der Krise gelernt, selbst mit digitalen Kommunikationstools wie Skype, Teams oder Zoom umzugehen. Zum anderen der traditionelle Backoffice-Bereich, der in seiner Digitalisierung bisher auf den Arbeitsplatz und Stand-PC beschränkt war, und plötzlich ebenso wie andere Bereiche remote arbeitsfähig sein muss.

3. Neue Fähigkeiten gefragt

Dass sich Manager wie Mitarbeiter in vielen Unternehmen zuletzt komplett umstellen mussten, hat Folgen für ihre Zukunft. Neue Managementfähigkeiten sind ebenso gefragt wie Kommunikationsskills, so etwa die Multimedia-Kompetenz oder auch die Fähigkeit, Emotionen digital zu transportieren. Das wird entscheidend für die künftige Performance. Wurde die Kommunikation in der Vergangenheit top-down kompliziert über schriftliche Unterlagen und mündliche Weitergaben praktiziert, so wendet sich der Post-Corona-Manager per Video direkt an alle Mitarbeiter.

Kommunikationskaskaden über mehrere Ebenen haben ausgedient. Über Formulierungen solange zu feilen, bis sie als Statement freigegeben werden können, das war gestern. Heute braucht es nur noch eine Kamera und die Kompetenz frei und verständlich für alle zu sprechen, die Belegschaft emotional zu erreichen. Was Politiker vor Jahrzehnten lernen mussten, nämlich ihre Wähler übers Fernsehen zu gewinnen, müssen Unternehmenslenker jetzt über den perfekten Video-Auftritt schaffen. Dann sind auch Krisen leichter zu bewältigen.

4. Manager on the Screen

Die Entwicklung zum virtuellen Chef auf dem Bildschirm wird die physische Präsenz von Topmanagern im Unternehmen jedenfalls weiter reduzieren und damit die Vorort-Verantwortung erhöhen. Experten gehen auch davon aus, dass sich Führungskräfte künftig noch mehr fokussieren müssen, um ihre Ziele zu erreichen. „Manager on the Road“, vielreisende Führungskräfte, werden sich also noch mehr als bisher überlegen müssen, welche Reisen und Anwesenheiten wirklich notwendig sind. Das wird den Wert und die Kosten echter Anwesenheit weiter steigern.

Auch wenn das überraschend klingen mag: Viele Projektaktivitäten funktionieren auch ohne Vorort-Präsenz im virtuellen Raum. Das sagen Managementberater zwar schon seit einigen Jahren, nur wird das jetzt auch für die Kunden vorstellbar. Remote-Meetings sind aktuell auch deutlich ergebnisorientierter, weil man sich viel besser vorbereitet und genauer überlegt, was man wirklich braucht. Das mag eine aktuelle Momentaufnahme sein, mittelfristig wird sich aber die Erkenntnis durchsetzen, dass vieles möglich ist, was zuvor nicht denkbar war.

5. Kommunikation ist Trumpf

Sicher ist, dass Führungskräfte nach Corona Kommunikationsfähigkeiten entwickeln müssen, die bisher vernachlässigt werden konnten. „Dezentrales Führen“ etwa wird immer wichtiger, das tägliche Stand-up Meeting übers Web ebenso wie die Fähigkeit klar zu formulieren, was man von den Leuten will. Die betriebliche Motivation oder auch das Fingerspitzengefühl für die notwendige, personen- oder gruppenbezogenen Führungsintensität. Newcomer brauchen eine andere Betreuung als alte Hasen.

Fazit: Top-Manager ebenso wie Managementberater stehen vor großen Herausforderungen. Sie werden in Zukunft bis zu 30 Prozent weniger reisen und weniger lang bei Projekten vor Ort arbeiten, dafür aber verstärkt online gefordert. Ihre Leistung wird weniger anwesenheitsbezogen als ergebnisorientiert honoriert. Das wird vor allem auch jene freuen, die bisher wegen der hohen Reisetätigkeit früher oder später aus solchen Jobs ausgestiegen sind.


Über den Autor

Stefan Bergsmann ist Österreich-Geschäftsführer der Managementberatung Horváth & Partners. E-Mail: sbergsmann <AT> horvath-partners.com


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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