„Wir brauchen einen digitalen Krypto-Euro auf der Basis von Blockchain“

„Wir brauchen einen digitalen Krypto-Euro auf der Basis von Blockchain“

Don Tapscott, einer der einflussreichsten Technologiedenker der Gegenwart.

Der Blockchain-Experte Don Tapscott prophezeit im trend-Interview das Ende von Big Data, wie man es kennt.

trend: Herr Tapscott, ist der momentane Hype um die Blockchain-Technologie, wenn man sie nüchtern betrachtet, tatsächlich gerechtfertigt?
Don Tapscott: Ja, definitiv. Blockchain ist der Beginn der zweiten Ära des Internets. Die erste Ära war das Internet der Informationen, die es jedem möglich machte, Informationen zu veröffentlichen. Aber es gab bislang noch kein digitales Medium für die Speicherung und den Handel von Vermögenswerten wie Geld, Aktien, Anleihen, Patenten, Treueboni, Musik, Kunst, ja sogar Identitäten oder Gedanken. Mit Blockchain haben wir erstmals ein echtes digitales Medium für Vermögenswerte. Mit dieser Technologie können Menschen zum ersten Mal überhaupt direkt von einem Teilnehmer im Blockchain-Netzwerk zum anderen – peer to peer – Werte managen, speichern, handeln, ver- und übermitteln. Das ist die zweite Ära des Internets, die gerade erst beginnt.

trend: In Ihrem Buch „The Blockchain Revolution“ ziehen Sie einen Vergleich zur frühen Phase des Internets. Wo sind die Parallelen?
Tapscott: Mich erinnert das total an die Zeit rund um 1994, als ich begeistert über die zukünftigen Möglichkeiten des Internets, als es noch in den Kinderschuhen war, referiert habe. Auch damals hieß es: Ist das nicht alles bloß ein Hype? Im Rückblick war der Hype aber nichts im Vergleich zu den Auswirkungen des Internets auf die Welt. Und so wird es sich auch mit Blockchain verhalten.

trend: Worin besteht das Potenzial von Blockchain, abgesehen von digitalen Währungen wie Bitcoin?
Tapscott: Bitcoin ist nur die Spitze des Eisbergs. Es ist vergleichbar mit den E-Mails in der Frühzeit des Internets, der ersten großen praktischen Anwendung des Internets der Information. Und digitales Geld ist eben die erste praktische Anwendung des Internets der Werte. Aber die wirklich wichtige Entwicklung ist nicht die digitale Währung, sondern die Technologie selbst, die diese erst ermöglicht. Blockchain ist schlicht die größte Innovation in Computerwissenschaften unserer Generation. Sie wird alles verändern.

trend: Welche Bereiche und Branchen werden am stärksten betroffen sein?
Tapscott: Wir untersuchen derzeit Hunderte von Anwendungsszenarien. Das Bankensystem etwa wird in zehn Jahren nicht mehr wiederzuerkennen sein. Versorgungsketten, zum Beispiel im Handel, in der Produktion oder in der Energiewirtschaft, werden zu Blockchain wechseln. Und Blockchain wird Big Data, wie wir es kennen, zerstören.

trend: Wie meinen Sie das?
Tapscott: Die Menschen werden durch Blockchain endlich Herr über ihre eigenen Daten sein, also sie wirklich besitzen, statt dass große Social-Media-Unternehmen, Banken oder andere mächtige Institutionen über diese verfügen. In der Folge wird Blockchain natürlich auch jegliches Marketing, den Umgang mit geistigem Eigentum und somit unsere Kultur verändern. Das bedeutet letztlich auch einen grundlegenden Wandel für Regierungen, unsere Art der Demokratie und die Welt der Zentralbanken.

trend: Werden Zentralbanken durch digitale Währungen verschwinden?
Tapscott: Nicht unbedingt. Zentralbanken sind smart und werden sich dieser Technologie bedienen. Eigentlich brauchen wir auch einen digitalen Euro. Der Euro sollte zu einer Kryptowährung auf Basis von Blockchain werden. So könnte die EZB die Geldversorgung und Inflation besser managen, ihre Transparenz erhöhen und Regulierungen leichter im Griff haben.

trend: Werden sich nicht Big-Data-Konzerne wie etwa Facebook, Google oder Amazon, für die unsere Daten eigentlich der Rohstoff ihrer Geschäftsmodelle sind, ebenfalls an Blockchain anpassen?
Tapscott: Daten sind eine neue Assetklasse, das Öl des 21. Jahrhunderts. Wir alle als Individuen generieren diese Daten, aber sie werden von mächtigen Kräften vereinnahmt. Über Ihr virtuelles Ich, den digitalen Rainer Himmelfreundpointner, ist mehr bekannt, als Sie über sich selbst wissen. Das Problem heute ist, dass der virtuelle Rainer – all Ihre Daten, wo Sie sich aufhalten, was Sie einkaufen, wen Sie kennen – nicht Ihnen gehört. Sie haben eigentlich gar keinen Überblick und kaum Rechte über die Gesamtheit dieser Daten. Sie können sie nicht für Ihre Lebensplanung nutzen. Und Sie können sie nicht verwerten, also monetarisieren. Kurzum: Nicht Sie, sondern andere profitieren von Ihren Daten. Blockchain hat das Potenzial, all dies radikal zu verändern und umzudrehen.

trend: Wie genau?
Tapscott: Jeder von uns wird seine eigene Identität auf einer Blockchain haben. Mit seinen Stammdaten, seiner Ausbildungs- und Gesundheitsgeschichte, seinen Transaktionen in digitalen Währungen. Dieser virtuelle Rainer gehört allein Ihnen, ist in einer sicheren Blackbox verwahrt und kann nur von Ihnen verwaltet und kontrolliert werden. Der virtuelle Rainer wird seine persönliche Blockchain vermutlich verantwortungsvoll managen und sehr vorsichtig sein, welche Daten er preisgibt und welche nicht. Blockchain ist die historische Chance, Big Data total auf den Kopf zu stellen. Solche Geschäftsmodelle stehen vor ihrer größten Herausforderung.


Zur Person

Don Tapscott, 70, ist am Donnerstag, den 16. November 2017 zu Gast beim Global Peter Drucker Forum (#GPDF17) in Wien. Er diskutiert von 14:00 Uhr bis 15:00 Uhr in der Jesuitenhalle zum Thema "Die Rolle der Technologie - Bedrohung oder Katalysator für den menschlichen Wohlstand?

Das Programm des #GPDF17 zum Download

Tapscott ist Autor von 15 Wirtschafts- und Technologiebüchern – darunter das soeben auf Deutsch erschienene „Die Blockchain-Revolution“ –, hat Anfang 2017 das Blockchain Research Institute gegründet, das derzeit 777 potenzielle Anwendungen erforscht. Er lehrt an mehreren Universitäten, etwa Harvard, und gilt als einer der einflussreichsten Technologiedenker der Gegenwart.


Buchtipp

Don & Alex Tapscott - Die Blockchain-Revolution

Blockchain ermöglicht Peer-to-Peer-Transaktionen ohne jede Zwischenstelle wie eine Bank. Die Teilnehmer bleiben anonym und dennoch sind alle Transaktionen transparent und nachvollziehbar. Somit ist jeder Vorgang fälschungssicher. Dank Blockchain muss man sein Gegenüber nicht mehr kennen und ihm vertrauen – das Vertrauen wird durch das System als Ganzes hergestellt. Und digitale Währungen wie Bitcoins sind nur ein Anwendungs­gebiet der Blockchain-Revolution.

In der Blockchain kann jedes wichtige Dokument gespeichert werden: Urkunden von Universitäten, Geburts- und Heiratsurkunden und vieles mehr. Die Blockchain ist ein weltweites Register für alles. In diesem Buch zeigen die Autoren, wie sie eine fantastische neue Ära in den Bereichen Finanzen, Business, Gesundheitswesen, Erziehung und darüber hinaus möglich machen wird.

Don Tapscott wurde 2013 von Thinkers50 als einer der wichtigsten Businessdenker der Welt ausgezeichnet. Im selben Jahr erklärte eine Forbes-Analyse der sozialen Medien Don zum wichtigsten Managementdenker der Welt.

Alex Tapscott ist Vizepräsident der Investmentbank Canaccord Genuity.

Killt Produktivität die Kreativität? #GPDF17

Global Peter Drucker Forum 2017

Killt Produktivität die Kreativität? #GPDF17

Mario Herger

Auto & Mobilität

Autonomes Fahren: Menschen nicht mehr ans Steuer lassen

„Innovation durch Kooperation“ #GPDF17

Global Peter Drucker Forum 2017

„Innovation durch Kooperation“ #GPDF17