Andreas Bierwirth: "Streckenmaut fürs Internet"

Der Ausbau des Breitbandinternets ist eine Überlebensfrage für den Standort Österreich, meint Magenta Telekom CEO Andreas Bierwirth. Die dafür nötigen Milliardensummen sollten auch von jenen Contentanbietern kommen, die die Netze derzeit völlig gratis für ihre Dienstleistungen nutzen.

Andreas Bierwirth, CEO Magenta Telekom

Andreas Bierwirth, CEO Magenta Telekom sowie Aufsichtsratsmitglied der Schwesterngesellschaft Telekom Deutschland.

Österreich ist ein Mobilfunkparadies auf der einen, aber ein Breitband- Entwicklungsland auf der anderen Seite - insbesondere, wenn es um ultraschnelles Internet geht.

Erklärungen dafür gibt es viele: Eine Theorie ist, der gute Ausbau der 4G-Mobilfunkversorgung und die europaweit einzigartige Verbreitung von mobilen Internetroutern wäre schuld daran, dass es nie eine ausreichende Nachfrage nach superschnellem Festnetz-Internet gab bzw. diese erst jetzt nach Corona im Entstehen ist.

Eine andere Theorie besagt, dass es zu wenig Kapital für den Ausbau gibt, weil die Telekombranche nach der Mobilfunkauktion 2012 und durch die Roamingregulierung zu wenig Kapitalkraft für große Investitionen hatte. Beide Theorien greifen die tatsächlichen Herausforderungen nur im Ansatz auf.

Was man nicht angeboten bekommt, wird nicht nachgefragt

Anders als in vielen Branchen funktioniert das Spiel von Angebot und Nachfrage bei Breitband nicht nach dem bekannten Schema F: Der Konsument fragt etwas nach, es wird produziert, der Konsument ist glücklich. (Telekom-)Infrastruktur wird erst dann nachgefragt, wenn sie schon verfügbar ist. Die Infrastruktur wird also zu einem Zeitpunkt errichtet, zu dem der Konsument noch gar nicht weiß, dass er ein Bedürfnis nach mehr Bandbreite entwickeln wird.

Österreich ist eine Internet-Kupfer-Nation. Die alten und langsamen DSL- Kupfernetze sind technisch limitiert und bremsen den digitalen Fortschritt Österreichs aus. Man kann es mit einer Zugstrecke vergleichen, deren Gleise schon so alt sind, dass sie einen Zug mit maximal 20 Stundenkilometern befördern, obwohl es heute schon Züge gibt, die 300 Stundenkilometer schaffen. High-Speed-Internet wird erst nachgefragt, wenn es technisch verfügbar ist und sich das Konsumentenverhalten verschiebt.

In Schweden ist es zum Beispiel heute kaum mehr möglich, eine Wohnung ohne Gigabit-Anschluss zum regulären Mietpreis zu vermieten, weil nur wenige Mieter eine derart schlechte Internetversorgung akzeptieren würden. Dort sind aber auch über 90 Prozent aller Haushalte mit Gigabit- und Multi-Gigabit-Anschlüssen versorgt - zum Vergleich: In Österreich sind es gerade einmal 42 Prozent.

Gigabit-Netze sind der Gamechanger

Schweden würden also nicht mal eine Wohnung mit einer derart schlechten Versorgung mieten, warum sind dann 60 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher mit einem schlechten Breitbandanschluss zufrieden? Meine Hypothese: Sie wählen eine Notlösung, die für den Moment halbwegs gut funktioniert.

Österreichische Konsumenten behelfen sich nämlich mit mobilen Internetlösungen, wenn das Festnetz zu wenig Leistung bietet. Diese mobilen Internetrouter verkaufen auch wir bei Magenta sehr häufig. Sie sind eine gute Brückentechnologie bis zu dem Zeitpunkt, an dem High-Speed-Internet, etwa in Form eines Gigabit-Anschlusses, verfügbar ist.

Aber wo liegt nun eigentlich der Nachteil einer Internet-Verbindung, die nur 30 Mbit/Sekunde oder weniger liefert und am Samstagabend beim Videostreaming vielleicht etwas mehr Geduld erfordert? Unsere Antwort ist: die fehlende Zukunftssicherheit. Technologische Sprünge erfolgen meist ungeplant.


Die alten Kupfernetze sind wie Gleise, die einen Zug mit maximal 20 Stundenkilometern befördern.

Als im Jahr 2005 erstmals Internet mit 16 Mbit/Sekunde möglich war, konnte sich niemand vorstellen, wozu das gut sein soll. Niemand hatte 2007 das iPhone als Gamechanger für mobilen Internetzugang am Radar, aber es hat die Kategorie Smartphone geprägt. Ebenso waren Streaminganbieter bloß ein nettes Zusatzangebot zur Videothek, inzwischen hat Video on Demand in manchen Altersgruppen den normalen TV-Konsum völlig ersetzt.

Was der nächste Gamechanger sein wird, kann niemand sagen, aber ohne schnelle Internetinfrastruktur wird es keinen Entwicklungssprung geben -das hat uns die Vergangenheit gelehrt. Vielleicht sind Videokonferenzen mit dem stark steigenden Upload-Bedarf das nächste große Ding. Hier kommen Mobilfunknetze an ihre Grenzen, da sie nicht für große Uploadmengen ausgelegt sind. Fix ist jedoch, dass der Breitbandbedarf stetig weiter steigt. Gleichzeitig sinkt die Geduld der Kunden, die beim Internetsurfen, Herunterladen von Dateien und Videostreaming nicht mehr bereit sind, Wartezeiten in Kauf zu nehmen.

Wer finanziert den Bau der Gigabit-Netze?

Im vergangenen Jahrzehnt wurde über eine Breitbandmilliarde versucht, in den flächendeckenden Breitbandausbau zu investieren. Fördergeld für Investitionen, das der Telekombranche vorher über eine aus dem Ruder gelaufene Mobilfunkauktion entzogen wurde. Die Breitbandmilliarde hat nur zum Teil funktioniert: Ein großer Anteil der Fördergelder ist über die Leerrohrförderung in die Bauwirtschaft geflossen, und nur ein kleinerer Teil hat zu echten Glasfaseranschlüssen geführt. Das Fördersystem wird nun angepasst und treffgenauer gestaltet.

Das Kernproblem ist jedoch, dass die Summen, die in den Breitbandausbau und besonders Gigabitanschlüsse fließen, zu gering sind und die Investitionen zu spät kommen. Wir als Magenta Telekom haben in den vergangenen Jahren -ohne Fördergelder - durch massive Investitionen in ein Netzupgrade rund 1,4 Millionen Haushalte und Betriebe ins Gigabit-Zeitalter katapultiert und werden die verbliebenen Haushalte in unseren Versorgungsgebieten heuer bzw. spätestens nächstes Jahr upgraden.

Zusammen mit den Glasfaseranschlüssen, die über andere Fördermodelle bzw. durch den Bau anderer Betreiber entstanden sind, werden so in ganz Österreich bereits 42 Prozent der Haushalte und Betriebe mit Gigabiti-Internet versorgt. Ein Großteil unseres Landes ist aber immer noch mit alten Kupferkabeln versorgt, die Internet im Schneckentempo übertragen.


Der Gigabit-Ausbau ist eine Überlebensfrage für den Standort Österreich.

Damit wir auf schwedische Verhältnisse kommen, müssten wir die Zahl der Gigabit-Anschlüsse verdoppeln. Hier kommen nochmals Milliardeninvestitionen auf uns zu. Einen Teil wird die Telekombranche inzwischen wieder aus eigener Kraft finanzieren können, einen Teil werden andere Player wie Versicherungen oder Pensionskassen finanzieren. Sie haben Breitband als attraktives Investment für sich entdeckt.

Aber es bleibt eine Lücke, die von denen finanziert werden sollte, die am meisten von Breitband profitieren: den datenhungrigen Streaminganbietern und Social-Media-Giganten. Sie sorgen für über 90 Prozent des Datenverbrauchs in den Netzen und für das kontinuierliche Wachstum des Datenverbrauchs, weil immer mehr Videos auf allen Plattformen konsumiert werden.

Bei der Autobahnmaut wird allgemein akzeptiert, dass die Maut für Pkw mit Jahresvignette niedriger ist als die streckenabhängige Maut für Lkw. Klar, denn die Belastung für die Infrastruktur durch Lkw ist auch viel höher. Beim Internet ist es bis jetzt umgekehrt. Die Kosten der Infrastruktur zahlen ausschließlich die privaten Haushalte über den Internettarif, die großen bandbreitenhungrigen Internetplayer zahlen jedoch nichts. Sie finden eine kostenfreie Infrastruktur vor, die sie vollkommen frei nutzen können.

Hier könnte eine Finanzierung für die Breitband-Lücke in Österreich ansetzen, indem man eine datenabhängige Streckenmaut für die Nutzung der Infrastruktur einführt, die zweckgewidmet dem Breitbandausbau zu Gute kommt. So würde diese "Internetmaut" das verfügbare Kapital für den Breitbandausbau erhöhen und einen deutlich beschleunigten Ausbau ermöglichen. Betriebsansiedlungen, neue Geschäftsmodelle, all das hängt von der Leistungsfähigkeit der Netze ab. Und der 5G-Ausbau im Mobilfunk wird für andere Zwecke wie autonomes Fahren, Smart City und zahlreiche weitere mobile Dienste immer mehr benötigt werden.

Der Gigabit-Ausbau ist aus meiner Sicht eine Überlebensfrage für den Standort Österreich. Erst wenn wir eine Gigabit-Versorgung von 90 Prozent aller Haushalte und Betriebe erreicht haben, spielen wir im internationalen Wettbewerb der digitalisierten Standorte wieder mit.

Der Gastkommentar ist dem trend.digital | November 2021 entnommen.


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