Software aus Österreich: Jobkiller oder Jobmotor?

Software aus Österreich: Jobkiller oder Jobmotor?

Knapp 500.000 Arbeitsplätze werden durch die IT-Branche in Österreich geschaffen, in fünf Jahren sind Umsatz und Personalaufwand der Betriebe über 20 Prozent gewachsen. Zugleich heißt es immer wieder, dass alte Jobs durch Automatisierung obsolet werden. Experten erklären, wie diese beiden Aussagen sich vertragen und was jedermann tun kann, um nicht auf der Strecke zu bleiben.

„Die Branche plant eine Erhöhung des Personalstands, aber leider fehlen in Österreich rund 3000 Fachkräfte“, sagt Martin Puaschitz, Obmann der Fachgruppe UBIT Wien in der Wirtschaftskammer und Geschäftsführer von Puaschitz IT. Mehr als 100.000 Mitarbeiter (83.000 Vollzeitäquivalente) arbeiten derzeit im österreichischen Software- und IT-Bereich, durch Vorleistungen – also Produkte und Dienstleistungen, die an die IT-Branche geliefert werden – entstehen indirekt weitere 133.000 Arbeitsplätze, durch Kaufkrafteffekte – also die Tatsache, dass die Angestellten ihr Geld ausgeben – kommen weitere 175.000 Jobs hinzu. Nicht ausklammern darf man zudem die knapp 30.000 Freelancer, die in Beschäftigungsstatistiken separate ausgewiesen werden. Insgesamt, so rechnen UBIT und der Verband der Österreichischen Software Industrie (VÖSI) vor, ergeben sich Beschäftigungseffekte von etwa 486.000 Arbeitsplätzen, beziehungsweise 367.000 Vollzeitäquivalenten.

Der Bedarf an Arbeitskräften geht einher mit dem Wachstum, den die Branche in den vergangenen Jahren verzeichnete, wie die „Impact-Analyse: Software- und IT-Sektor 2016“ vor Augen führt: Von 2011 bis 2016 ist der Umsatz je Unternehmen um 24,8 Prozent auf 759.000 Euro gestiegen, um gut 23 Prozent sind auch der Personalaufwand im gleichen Zeitraum auf rund 245.000 Euro pro Betrieb geklettert. Und das in einer Zeit, in der Österreichs Wirtschaftswachstum allgemein im niedrigen einstelligen Prozentbereich herum dümpelt: Laut Einschätzung der Bank Austria wächst das BIP heuer 1,5 Prozent, 2017 dann nur noch 1,1 Prozent.


Service: Laden Sie hier die komplette Studie „Impact-Analyse: Software- und IT-Sektor 2016 herunter


Doch was bedeutet dieses vergleichsweise starke Wachstum der IT-Branche für die Beschäftigung? Ein neuer Arbeitsplatz in der IT schafft durch die genannten Vorleistungen und das Mehr an Konsum vier weitere Arbeitsplätze, heißt es von den Branchenvertretern – zugleich wird betont, dass durch Bankomaten Bank-Jobs eingespart werden können und dass das selbstfahrende Auto den Taxifahrer bald obsolet macht. Sind diese Aussagen nicht widersprüchlich?

Positive und negative Effekte

„Wir sind der Meinung, dass der verstärkte Einsatz von Automatisierungslösungen auf kurze Sicht die Arbeitsmärkte belasten wird“, schreibt Aneeka Gupta, Analystin von ETF Securities, in einer Studie: „Langfristig dürfte moderne Robotertechnik jedoch auch Chancen am Arbeitsmarkt schaffen.“ Denn je mehr einfache monotone Tätigkeiten an Maschinen abgegeben werden, desto besser können sich Menschen kreativen Aufgaben widmen und in der Folge die eingesetzte Zeit besser nutzen. Auch würden durch neue Technologien neue Jobs entstehen, heißt es in Guptas Analyse: Man denke nur an die heute gängigen Berufsbezeichnungen der Social Media Manager, Blogger und App-Entwickler, deren Entstehen durch das Informationszeitalter überhaupt erst ermöglicht wurden.

Die herrschende Ungleichheit wird sich laut Gupta durch die technologische Entwicklung noch verschärfen – kurzfristig werden jedoch alle Schichten der Gesellschaft unter der Automatisierung leiden: Denn nicht nur der Taxifahrer verliert seinen Job an das selbstfahrende Auto, auch der menschliche Finanzberater kann durch einen maschinellen Berater ersetzt werden. Andererseits wird es in der Koexistenz zwischen Mensch und Maschine zahlreiche Jobs in der Aufsicht und Kontrolle geben, die für ein reibungsloses Funktionieren erforderlich sind. Mittelfristig dürfte bei Mitarbeitern die Fähigkeit zur Kooperation mit Maschinen eher zu einer Transformation am Arbeitsmarkt führen als zum Verlust von Arbeitsplätzen: „Es ist in unserem besten Interesse, den Veränderungen am Arbeitsmarkt proaktiv zu begegnen“, schreibt Gupta.

Ähnlich sieht man das beim VÖSI: Die genannten Jobs werden ohnehin durch Digitalisierung ersetzt, der Fortschritt wird kaum aufzuhalten sein. Nun müsse Österreich selbst konkurrenzfähig sein, um die Entwicklung selbst aktiv zu gestalten und sich nicht von internationalen Konzernen „digitalisieren zu lassen“, wie VÖSI-Vizepräsident Klaus Veselko sagt: „Wenn die Software im Bankomaten von internationalen Konzernen geliefert wird, dann steckt da keine österreichische Wertschöpfung drin.“

Womit wir thematisch wieder zum Bedarf an Fachkräften für die heimische Branche zurückkehren: „Österreich ist ein Hochlohnland, das in punkto Personalkosten mit Indien und ähnlichen Ländern nicht mithalten kann“, sagt Puaschitz: „Wir müssen also mit Innovation punkten.“ Für die Innovation braucht es Fachkräfte, und für die Fachkräfte braucht es eine entsprechende Ausbildung in Österreich. Gesucht werden in Österreich vor allem Experten für Arbeitsplätze mit hohen Qualifikationsanforderungen, wie auch aus der Ausführungen von VÖSI-Präsident Peter Lieber ersichtlich ist: „Meine Mitarbeiter lassen sich ungern als Programmierer oder gar als Coder bezeichnen“, sagt er: Hierzulande finden Beratung und Konzeption statt, während das Programmieren in die Slowakei und nach Ungarn, oder gar in die Ukraine und nach Indonesien ausgelagert wird.

In Zukunft, so sagt es Lieber in einem Nebensatz, könnten Computer sogar selbst die Computerprogramme schreiben. Klassische Code-Schreiber werden dann wohl ersetzt – durch Software, die sie einst selber geschrieben haben.

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