Roboter: Kollege Seelenlos

Roboter: Kollege Seelenlos

ROBOTER-KICK: Beim RoboCup in Nagoya Ende Juli wurde nicht nur Fußball gespielt. In der Industrieliga ging es um logistische Spitzenleistungen, bei der Rettungsliga um das Proben für Kriseneinsätze, und beim @Home-Bewerb wurde auf Zuruf, also Sprachbefehl, gekocht (mit der Mikrowelle) oder PET-Flaschen geöffnet.

Roboter arbeiten pausenlos, bleiben bei der Firmenfeier stocknüchtern und nehmen uns die Jobs weg, oder? Ein Blick auf die konfliktreichen Arbeitsbeziehungen zwischen Maschine und Mensch.

Sie schießen Tore, foulen und müssen verletzungsbedingt auch schon einmal vom Feld. Ende Juli waren nicht nur die ÖFB-Kickerinnen in der Form ihres Lebens, im japanischen Nagoya fand die 21. Roboter-WM statt: Der RoboCup ist das Sommermärchen für Programmierer. Hiroaki Kitano, renommierter Computerwissenschaftler in Diensten Sonys, hatte den Bewerb vor zwei Jahrzehnten mitinitiiert: Warum er sich ausgerechnet für Fußball als Wettbewerbsformat entschieden hat? "Fußball kennt die ganze Welt, und an den dafür nötigen Fähigkeiten lässt sich der Level künstlicher Intelligenz gut messen", sagte er am Rande der WM. "Langfristziel ist, ein menschliches Team zu schlagen", so Kitano. 2050 soll es soweit sein, da ist Messi längst in Rente. In vielen anderen Berufsbildern wird der "Kollege Roboter" dann längst Alltag sein, auch wenn er eher selten mit menschlicher Optik daherkommen wird.

Das wirft natürlich Fragen auf, die der trend mit Augenzwinkern, aber anhand der gegenwärtigen Fakten- und Forschungslage zu beantworten sucht.

I. NIMMT MIR DER ROBOTER ARBEIT WEG?

Auf die Killerfrage gibt es nur die eine richtige Antwort: Ja! Und in den meisten Fällen ist das sehr willkommen, weil dann auch die Büroarbeiter ungeliebte monotone Arbeit loswerden. Der Chauffeur (autonomes Fahren gibt ziemlich Gas!) wird früher neue Kollegen bekommen als der Hirnchirurg. Wie der deutsche KI-Forscher Jürgen Schmidhuber richtig bemerkt, ist die Prognose, welche Berufsbilder durch die Automatisierung neu entstehen, die schwierigere: Sprich, hier fehlt es nicht nur an Fakten, sondern auch an Fantasie. Wer sich mit Datenwissenschaft, Statistik oder Maschinenbau auskennt, kann von einer Jobgarantie ausgehen. Selbst der internationale Verband der Industrieroboterhersteller (IFR), der ja Interesse haben sollte, den Unternehmen das Blaue vom Himmel zu versprechen, versucht bei dieser Frage, den Ball flachzuhalten: "Roboter können Arbeitsschritte ersetzen, aber keine Jobs", heißt es in einem Arbeitspapier zur Roboterproduktivität aus 2017. "Weniger als zehn Prozent der Jobs sind vollständig automatisierbar. Das wird sich positiv auf Produktivität und Qualität der Jobs auswirken. Menschen können sich auf komplexere und besser bezahlte Tätigkeiten konzentrieren."

Kurios an dieser Urangst ist, dass sie sich vor allem an den humanoiden Robotern entzündet. Roboterpsychologin Martina Mara hat eine Hypothese: "Die ständige Bebilderung in den Medien mit sehr menschenähnlichen Robotern trägt wohl dazu bei, diese Ängste zu schüren." Der Pflegeroboter, der der Oma die Hand tätschelt, ist halt ein zu schönes Bild, um das Thema Pflege zu illustrieren.

Davon weiß auch Christian Zwittnig vom Haus der Barmherzigkeit zu berichten, der im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts den Roboter Henry im Haus hatte: "Bei der Pressekonferenz war die Angst groß", erinnert er sich. Als Henry erst im Haus war, war den Mitarbeitern rasch klar, dass keine Konkurrenz droht. Zwittnig beschreibt die Phasen der vierjährigen On-Off-Beziehung - Henry musste immer wieder zum Systemupdate - so: "Nachdem sich die Ängste gelegt hatten, wurde er als Attraktion empfunden. Dann kamen Begehrlichkeiten, was er denn tun könnte, um nützlicher zu werden. Darauf folgte die Ernüchterung, dass das halt noch Grundlagenforschung und Henry ohne die sechs Techniker im Hintergrund von einem autonomen Betrieb weit entfernt ist. In der letzten Beziehungsphase wurde er als eine Art mobiles Mobiliar empfunden."

II. HAT EIN ROBOTER RECHTE UND PFLICHTEN?

Noch nicht, denn diese Kollegen werden im Anlagenverzeichnis und nicht über das Personalbüro verwaltet. Ihr Gesundheitscheck ist der vom TÜV und die Betriebsanlagengenehmigung. Mit zunehmender Autonomie (autonomes Fahren gibt noch mehr Gas!) wird die Frage relevant, wer haftet, wenn die Maschine Schäden anrichtet. Die EU denkt darüber schon nach, unter anderem über einen neuen juristischen Status als "elektronische Persönlichkeit" und einen Versicherungsfonds, aus dem allfällige Schäden bezahlt werden können.

ZAHLEN

DICK IM GESCHÄFT

  • Industrieroboter verkaufen sich blendend: 2019 sind bereits 2,5 Millionen Industrieroboter weltweit im Einsatz, rechnet die International Federation of Robotics. Die verkauften Stückzahlen steigen derzeit jährlich um zwölf Prozent.
  • Automatisierungsinvestitionen tun der Volkswirtschaft gut: Zwischen 1993 und 2016 steuerte die Automatisierung zehn Prozent zum BIP-Wachstum bei.
  • Die meisten Industrieroboter hat Japan im Einsatz, vor allem in der Autoindustrie. Wachstumskaiser ist China, das einen Zehnjahresplan abarbeitet: 2020 sollen 150 Roboter auf 10.000 menschliche Arbeiter kommen.

III. WAS BEDEUTEN ROBOTER FÜR DIE UNTERNEHMENSKULTUR?

Mit dem Feierabendbier wird es schwierig, mit Freundschaften ebenso. Das ist vor allem der Sicherheit geschuldet - jener der menschlichen Kollegen. Meist werden Roboter - jedenfalls in der Anfangszeit - "in abgesperrten Bereichen eingesetzt", weiß Thomas Riesenecker-Caba von der Forschungsstelle Arbeitswelt (Forba).

Beziehungen aufbauen zu wollen, ist menschlich, also gibt man den Kollegen für erste schon einmal Namen: Im Amazon-Lager tragen die Roboter die Namen der flinksten menschlichen Arbeiter, und selbst bei Infineon in Villach geben die Mitarbeiter aus der Wartung den Robotern hin und wieder Kosenamen wie Louise.

Dafür, dass die Maschinenkollegen vom Küchentratsch nichts mitbekommen können, wissen sie oft aber recht gut Bescheid, was so läuft. Sie arbeiten nicht nur zu, sie verarbeiten und produzieren eine Menge Daten. "Alle Aktivitäten müssen natürlich aus Qualitätsgründen aufgezeichnet werden", sagt Forba-Mann Riesenecker-Caba, "und oft werden die menschlichen Arbeitsschritte mitdokumentiert." Könnte problematisch sein: "Versteckte Leistungskontrollen sollten damit nicht verbunden sein", sagt AK-Expertin Silvia Hruška-Frank, "Betriebsräte brauchen neben juristischem immer mehr technologisches Know-how." Gerade in den Industrie sind Datenschutz und Datensicherheit etwas, das viele Betriebe noch nicht wirklich am Radar haben. Dass die Kommunikation zwischen Roboter und Leitstelle oft noch unverschlüsselt passiert, ist für Hacker wie ein offenes Scheunentor.

IV. BRAUCHT EIN ROBOTER EIGENTLICH PAUSEN?

Selten! Solange Strom, Sensorik und Software laufen, wird gearbeitet, theoretisch 24x7. Kein Arbeitszeitkonto, keine Überstunden, dem Maschinen-Burn-out wird vorgebaut: In der Halbleiterproduktion bei Infineon werden die Anlagen von einem Leitstand aus überwacht. Richard Lippe, Manager Automation: "In der Work Area Control überblicken wir eine große Anlagenlandschaft. Fehlermeldungen aus der Anlage werden dabei schon automatisch gefiltert und priorisiert. Was ist wichtig, aber nicht dringend? Was ist systemkritisch?" Bis zur Roboterrente wird ordentlich geschuftet. Die jährliche Stundenleistung beträgt das Fünffache eines menschlichen Kollegen. "Die deutlich längere Lebensdauer gegenüber Bürosoftware birgt bei Industrierobotern jedoch die Gefahr veralteter Datensicherheitstandards", warnt Riesenecker-Caba. Also entweder lebenslanges Lernen oder ab auf den Roboterfriedhof.

Ob den Kollegen nachgetrauert wird, wird sich zeigen: Emotionen sind immer im Spiel, das zeigt eine Episode einer früheren Roboter-WM - dereinst in Italien ausgetragen. Irritierenderweise kamen Busse voller Fußballfans angereist, nicht nur die obligatorischen Programmierer. Magnetisch wirkte das Deutschland-Italien-Match. Die Fans meinten: "Schon klar, das sind nur Roboter, aber wir lassen uns von den Deutschen doch nicht schlagen." Martina Mara, Roboterpsychologin vom Ars Electronica Futurelab, kennt das Phänomen: "Der androide Roboter ist uns sympathischer als der Industrieroboter mit Schwenkarm. Diese Sympathie reicht aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wenn die Maschine zu menschenähnlich wird, bekommen wir Angst."

Selbst ein Fachmann wie RoboCup-Erfinder Kitano wird in seinen Einschätzungen widerlegt: "Manche Fortschritte passieren langsamer, als ich dachte. Die Zweifüßer können gehen, aber nicht wirklich sprinten oder springen. Die Materialien müssen auch noch weicher werden, sonst kann es keine Zweikämpfe mit Menschen geben." Mit etwas Glück erleben vielleicht Messis Enkel, wie Roboter und Menschen gemeinsam im Stadion auflaufen.


Der Artikel ist usprünglich in der trend.science-Ausgabe vom August 2017 erschienen

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