Risikoinvestor Albert Wenger: "Wissen ersetzt Arbeit"

Risikoinvestor Albert Wenger: "Wissen ersetzt Arbeit"

Albert Wenger - Investor von Twitter, Soundcloud und Kickstarter: "Warum sind wir von der Idee der Vollbeschäftigung so besessen und verherrlichen die Arbeit so sehr?"

Albert Wenger einer der erfolgreichsten Risikoinvestoren der USA, über das Ende der Industriegesellschaft, die gefährlich falschen Rezepte der Politiker und unser zukünftiges Leben ohne Arbeit.

trend: Sie investieren in innovative Unternehmen, die unsere Zukunft prägen werden. Gleichzeitig beschäftigt sich die Politik - gerade auch in Österreich während des Wahlkampfs - vorrangig mit Themen der Gegenwart, also Migration, Sicherheit, Ankurbelung der Industrie usw. Sind die Politiker auf dem richtigen Weg in die Zukunft?
Albert Wenger : Sie sind mit Sicherheit nicht auf dem richtigen Weg. Was fehlt, ist das Verständnis dafür, dass das Industriezeitalter dem Ende zugeht und wir schon in einer Übergangsphase in ein neues Zeitalter sind. Und der Grundfehler ist es, mit aller Kraft zu versuchen, in diesem Industriezeitalter zu verbleiben, anstatt dass wir ein neues System auf Basis der digitalen Technologie entwickeln.

Wie sieht dieses neue Zeitalter konkret aus?
Wenger: Das Wichtigste ist es, zu verstehen, dass die digitale Technologie nicht einfach die Fortsetzung der industriellen Revolution ist. Ein Computer kann heute alles, was berechenbar ist, berechnen, und es stellt sich heraus, dass alles, was wir in der Wirtschaft machen, eine Form der Berechnung ist. Das ist ganz anders als die analoge Technologie in zweierlei Hinsicht: Einen Bagger kann ich nur dazu verwenden, Gräben ausheben, aber nicht dazu, Menschen in der Stadt herumzufahren oder Kaffee zu kochen...

Das kann ich aber mit der digitalen Technologie auch nicht.
Wenger: Doch! In einem Vollautomaten steckt auch ein Computer, der berechnet, wie fein der Kaffee gemahlen werden soll, wie heiß das Wasser ist und wie viel Kaffee in die Tasse fließen soll. Und jeder Computer ist nur eine Änderung der Software davon entfernt, etwas ganz anderes zu machen.

Sie meinen also die universelle Einsetzbarkeit der digitalen Technologie. Was ist der zweite Unterschied?
Wenger: Die Digitaltechnik ermöglicht eine Produktion zu null Grenzkosten. Das ist ganz anders als in der analogen Welt: Auf einem Stuhl kann nur einer sitzen, für jemanden Zweiten muss ich einen zweiten Stuhl herstellen. Aber wenn ich ein Video kopieren und verbreiten will, dann kostet das nichts. Und das ist der fundamentale Unterschied, weil die gesamte Wirtschaft darauf aufbaut, dass die Grenzkosten größer als null sind. Aber in einem Markt, in dem die Grenzkosten null sind, funktionieren die ganzen Wirtschaftstheorien nicht mehr. Diese beiden Unterschiede führen in Summe dazu, dass wir Wirtschaft und Gesellschaft völlig neu denken müssen, statt das Industriezeitalter krampfhaft erhalten zu wollen.

Wie sieht also die Gesellschaft der Zukunft aus?
Wenger: Das ist die falsche Frage. Das wäre genauso, wie wenn man vor 150 oder 200 Jahren gefragt hätte, wie die Industriegesellschaft einmal aussehen werde. Wir müssen daher eine andere Frage stellen, nämlich: Was sind Grundannahmen, die so behandelt werden, als wären sie physikalische Gesetze?


Warum sind wir von der Idee der Vollbeschäftigung so besessen und verherrlichen die Arbeit so sehr?

Zum Beispiel?
Wenger: Zum Beispiel die Idee der Vollbeschäftigung. Warum sind wir von dieser Idee so besessen und verherrlichen die Arbeit so sehr? Das hat mit der Verquickung von Arbeit mit dem Sinn des Lebens zu tun: Dein Zweck ist es, zu arbeiten und deine Arbeit ist dein Zweck - eine Einstellung, die erst in der Industriegesellschaft durch die protestantische Arbeitsethik aufkam. Ein weiteres Beispiel ist die Frage, wofür wir noch Nationalstaaten brauchen. Oder wie Erziehung künftig funktionieren soll, denn auch das Erziehungssystem ist gerade einmal erst 150 Jahre alt. All diese Dinge, die wir als gegeben nehmen, müssen wir komplett hinterfragen, weil uns die digitale Technologie völlig neue Möglichkeiten dafür einräumt.

Okay, aber das Hinterfragen alleine ist noch kein neues Lebenskonzept. Wie kommen wir dorthin?
Wenger: Über die Überlegung, dass es in jedem Zeitalter eine Knappheit gibt: Bei den Jägern und Sammlern war es die Nahrung, in der Agrargesellschaft das Land, und im Industriezeitalter ist es das Kapital. Im digitalen Zeitalter gibt es eine andere Knappheit, und das ist die Aufmerksamkeit der Menschen. Und die Frage ist, wofür wir diese Aufmerksamkeit verwenden.
Privat verwende ich sie dafür, welchen Job ich habe, wie viel Geld ich verdiene, ob ich ein tolles Auto habe. Zusätzlich haben wir jetzt immer mehr Systeme, die bewusst versuchen, unsere individuelle Aufmerksamkeit an sich zu binden. Ich meine damit etwa Google oder Facebook, deren Marktwert davon abhängt, wie viel Aufmerksamkeit der Menschen sie aggregieren können. Und kollektiv geht es um die Frage, wie viel Aufmerksamkeit wir als Menschheit Themen wie dem Klimawandel oder der Raumfahrt widmen.

Und was lässt sich nun daraus schließen?
Wenger: Daraus lässt sich eine Reihe von Schlüssen ableiten, wie man das neue Zeitalter angehen sollte. Konkret geht es um drei Freiheiten. Die erste ist die wirtschaftliche Freiheit. Darunter verstehe ich eine Form des Grundeinkommens, also dass man eine bestimmte Menge an Geld bekommt, egal ob man arbeitet oder nicht, ob man verheiratet ist oder nicht, egal wo man wohnt - komplett losgelöst von all diesen Dingen. Das ist extrem wichtig, damit wir uns von der Idee lösen können, dass wir Vollarbeit brauchen, dass Arbeit der Zweck des Lebens ist.
Das zweite Thema ist die Informationsfreiheit. Es ist extrem wichtig in der Zukunft, wer Informationen kontrolliert und aggregiert und wie viel Macht diese Stellen haben. Denn ich fürchte, dass wir durch unser bestehendes Rechtssystem Systeme geschaffen haben, die dazu führen, dass Firmen wie Google, Facebook, Amazon &Co., also alle Firmen, die Netzwerkeffekte haben, zu viel Macht haben.

Albert Wenger - Investor


"Die Politiker, die als erste ein zukunftsweisendes Programm haben, werden bei vielen Menschen die Türen einrennen."

Und die dritte Freiheit?
Wenger: Das ist die psychologische Freiheit. Unser Gehirn ist über viele Millionen Jahre entstanden und darum nicht sehr gut vorbereitet auf eine Welt, in der ich zu so vielen Informationen Zugang habe wie noch nie zuvor. Das ist so wie mit dem vielen Zucker, auf den unser Körper nicht eingestellt ist. Das Äquivalent dazu ist, dass wir zu viel Zeit auf Facebook, Snapchat und so weiter verbringen. Dann ärgere ich mich über andere oder denke mir, dass mein Leben im Vergleich zu anderen armselig ist; oder ich werde durch die vermeintliche Masse von Gleichgesinnten in meiner Meinung beeinflusst. Das alles führt dazu, dass wir immer weniger Zugang zu uns selbst haben. Und das sind in Summe die drei Freiheiten, an denen wir arbeiten müssen, dann kann sich eine neue, freie Gesellschaft entwickeln.

Und wie sieht die dann aus?
Wenger: Ich weiß nicht, wie die Gesellschaft genau aussehen wird, aber das zentrale Thema ist in jedem Fall Wissen. Ich will nicht in einer Informationsgesellschaft, sondern in einer Wissensgesellschaft leben. Information kommt aus jedem Computer heraus, sogar die erwähnte Kaffeemaschine produziert eine Unmenge an Informationen. Aber Information hat nicht die zentrale Bedeutung für das Leben der Menschen, sondern es geht um das Wissen. Und damit meine ich nicht nur das wissenschaftliche Wissen, sondern auch die Kultur, die Kunst, die Musik. Das Wissen ist das, was uns als Menschen menschlich macht und uns von den Tieren unterscheidet. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Fortschritts, und dieser Fortschritt basiert auf Wissen. Das Wichtigste für uns ist daher, nicht noch mehr industrielle Produktion und noch mehr Arbeit, sondern mehr Wissen zu erzeugen. Und da gehört auch dazu, künstlerisch tätig zu sein, zu musizieren, schöne Dinge zu erleben oder einfach nur mit anderen Menschen Zeit zu verbringen.

Das heißt, die Zukunft meines Lebens sieht so aus, dass mir Roboter meine Arbeit abnehmen, ich Freunde im Kaffeehaus für einen Kaffee aus dem Vollautomaten treffe, dann mit ihnen ins Museum gehe und abends eine Diskussionsveranstaltung rund um Maschinenethik besuche.
Wenger: Für manche Menschen: ja. Andere Menschen werden den ganzen Tag darüber nachdenken, wie man eine Krankheit heilen kann oder wie das ganze Plastik, das unsere Meere verschmutzt, herausgefischt werden kann. Es gibt Millionen von Dingen zu tun. Also die Idee, dass wir rumsitzen und Däumchen drehen, weil uns nichts einfällt, ist absurd.
Ich will aber nochmal kurz auf den Kaffeeautomaten zurückkommen: Es wird viele Dinge geben, die wir Menschen lieber selbst machen wollen, obwohl es ein Automat besser machen könnte. Das klassische Beispiel ist die Musik. Wir haben seit vielen Jahren die Möglichkeit, Musik perfekt zu Hause wiederzugeben, trotzdem gehen so viele Menschen in Konzerte.

trend: Welche Erklärung haben Sie dafür?
Wenger: Weil in dem Moment, in dem Musiker auf der Bühne für eine ganz spezielle Zielgruppe ein Konzert geben, eine Beziehung zwischen allen Zuhörern besteht -und nicht zwischen Mensch und Maschine. Auf absehbare Zeit werden wir jedenfalls eine andere Beziehung zu Menschen als zu Maschinen haben, weil wir wissen, dass andere Menschen gleiche oder ähnliche Empfindungen wie wir selbst haben und dadurch eine emotionale Verbindung existiert. Darum werden wir auch künftig den besten italienischen Espresso, der mittels total mechanischer Maschine hergestellt wird, von einem Barista genießen. Das ist auch der gleiche Grund, warum Leute segeln, obwohl es Motorboote gibt. Oder reiten, obwohl es Autos gibt. Dass wir alles automatisieren, was automatisierbar ist, ist ein Fehlschluss, weil wir heute schon viele schöne Dinge für uns selbst machen.

trend: Das heißt, die Menschen stehen dann zum Beispiel als Barista kostenlos - weil sie ja ein Grundeinkommen beziehen - hinter der Bar und machen Kaffee, weil es ihnen Spaß macht.
Wenger: Das muss nicht kostenlos sein, aber der Antrieb ist nicht mehr, damit Geld verdienen zu müssen. Derzeit beschäftigen wir uns zu 80 Prozent mit ökonomischen Dingen, also Arbeiten, Geldverdienen, es wieder Ausgeben. Wenn wir es richtig machen, dann wird in einer Wissensgesellschaft nur noch zehn Prozent der Zeit mit Arbeit verbracht und 90 Prozent werden nichtökonomische Aktivitäten sein.

trend: Von welchem Zeithorizont sprechen wir da eigentlich?
Wenger: Wir reden von den nächsten 20 bis 50 Jahren. Aber dazu müssen wir endlich beginnen, uns mit der künftigen Wissensgesellschaft auseinanderzusetzen, denn es könnte sich sonst auch ganz anders entwickeln, nämlich dass ein paar Menschen gottähnliche Fähigkeiten bekommen, wahnsinnigen Reichtum kontrollieren, unsterblich werden, aber es dem Großteil der Menschheit schlecht geht.

trend: Jetzt würde aber eine Partei, wie wir sie auch im Wahlkampf erleben, nicht viel Erfolg mit so einer Vision haben, weil die Menschen damit noch nicht viel anfangen werden können. Wo müsste man ansetzen, um die Menschheit langsam darauf vorzubereiten?
Wenger: Ich glaube, man muss da radikaler denken. Wenn man etwas Positives an der Wahl Donald Trumps in den USA sehen will, dann die Erkenntnis, dass die bisher übliche Politik nicht die Antwort für die Zukunft sein kann. Wir könnten also schon heute mehr auf das Thema Grundeinkommen eingehen und auch im Sinne der Informationsfreiheit beginnen, gegen die großen Netzwerke wie Google oder Facebook aufzutreten. Die Politiker, die als Erste ein zukunftsweisendes Programm haben, werden jedenfalls bei vielen Menschen offene Türen einrennen. Schließlich sind die fehlenden Zukunftskonzepte der Grund dafür, dass diejenigen, die in Richtung Vergangenheit orientiert sind, mit ihren Botschaften so erfolgreich sind. Es wird also nicht das Einfachste werden, vor allem, wenn wir sehen, wie viele Menschen Trump gewählt haben, aber ich glaube, dass auch in diesen Gruppen relativ schnell die Ernüchterung einsetzen wird.


Zur Person

Albert Wenger ist Risikoinvestor bei Union Square Ventures in New York und hat während seiner Laufbahn erfolgreich in viele digitale Unternehmen investiert, unter anderen in Twitter, SoundCloud oder Kickstarter. Wenger beschäftigt sich intensiv mit den Folgen der Digitalisierung und ist auch Koautor des im März erschienenen Buchs "Sozialrevolution!"(Campus).

Veranstaltung - Albert Wenger kommt nach Wien

Risikoinvestor und Vordenker Albert Wenger und weitere digitale Innovationsleader von Unternehmen wie Alibaba, Facebook und Google kommen am 28. September zu Darwin's Circle nach Wien. Auf Österreichs neuer internationaler Tech-Konferenz werden neben aktuellen Digitalthemen wie künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, Zukunft der Mobilität und Fintech auch sozialpolitische Themen wie die Zukunft der Arbeit oder die „digitale Verantwortung“ diskutiert.

Nähere Informationen zu der vom trend unterstützten Konferenz, zu den Sprechern und den Teilnahmebedingungen finden Sie unter www.darwins-circle.com .

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