Die digitale Neuerfindung der Stadt Wien #GPDF17

Die digitale Neuerfindung der Stadt Wien #GPDF17

Digital Days. Einmal im Jahr feiert sich die Wiener IT-Community selbst. Ein plakatives Fotoshooting darf dabei keinesfalls fehlen.

Vor gut drei Jahren fiel in der Bundeshauptstadt der Startschuss für das urbane Entwicklungsprojekt Digitale Agenda Wien. Dank hoher Bürgerbeteiligung und einzigartiger Öffnung der Stadtverwaltung sind daraus inzwischen etliche richtungsweisende Smart-City-Innovationen entstanden.

Ende September 2017, am Freitag, dem 29. des Monats, trug sich in Wien etwas ganz Außergewöhnliches zu – das erste total abhörsichere interkontinentale Quanten-Videotelefonat der Geschichte. Hier, im gerammelt vollen großen Saal der Akademie der Wissenschaften, der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger, der Präsident dieser Institution und weltweit führendes wissenschaftliches Mastermind des „Beamens“. Dort, gut 7.000 Kilometer weiter östlich in Peking, sein chinesischer Amtskollege Chunli Bai und sein früherer Doktorand Pan Jian-Wei, heute Leiter des „Quantum Experiments at Space Scale“, kurz QUESS, über dessen Satelliten „Micius“ der gelungene Live-Test ablief.

Der „Spuk“, so Albert Einstein über das quantenphysikalische Phänomen, dass zwei Lichtteilchen auch über große Distanzen hinweg die gleichen Eigenschaften, also Informationen, aufweisen können, was die Basis der Quantenkommunikation darstellt, dauerte nach dem Austausch von ein paar Höflichkeiten („Hallo Peking“, „Ni Hao Weiyena“) nur wenige Minuten. Aber er kam in Wahrheit einem wissenschaftlichen Durchbruch gleich. „Wir werden über kurz oder lang ein Quanten-Internet haben“, zeigte sich Zeilinger nach diesem quantenkryptografischen Long-Distance-Videocall überzeugt. „Und heute war der erste große Schritt dorthin.“

Digitale Strategie

 Es sind Momente wie diese, die das Herz von Wolfgang Müller, 52, zum Jauchzen bringen. Er ist seit 2010 stellvertretender Magistratsdirektor der Stadt Wien, und unter seine Ägide fällt die Entwicklung und Umsetzung der „Digitalen Agenda Wien“ – ein so wie das Projekt „Innovatives Wien 2020“ wesentlicher Bestandteil der Wiener Smart-City-Rahmenstrategie 2050.

Zwar hätte Zeilingers revolutionäres Quanten-Experiment zweifellos auch ohne diese digitale Agenda stattgefunden. Und Müller ist auch weit entfernt davon, es sich auf seine Fahnen zu heften. Aber er betont, wie sehr diese junge Wiener Digitalstrategie auch dazu beiträgt, den Nährboden für derartige wissenschaftliche „Leuchtturm-Projekte“ Schritt für Schritt aufzubereiten, stetig zu düngen und dessen „Weiterentwicklung in der Köpfen voranzutreiben“ (siehe Interview mit Wolfgang Müller: "Innovation durch Kooperation") . Auch mit dem Ziel, den Innovationsstandort Wien – die Bundeshauptstadt liegt im diesbezüglich maßgeblichen Ranking „Innovation Cities“ momentan auf dem zehnten Platz – weiter nach vorne zu bringen.

Im Grunde kommt dieses Innovations-Projekt der digitalen Neuerfindung der Stadt Wien gleich. Es setzt auf den Abbau bürokratischer Hierarchien in der Stadtverwaltung, auf Bürgerbeteiligung und Inklusion, Transparenz, Offenheit und Kooperation. „Wir wollen in eine neue Dimension des Service vordringen“, skizziert Müller das Ziel der Digital Agenda Wien. „Und alle Stadtbürger sollen daran teilhaben.“

Wie so oft haben solch große Ambitionen recht klein begonnen. Anfang 2014 begehrte die Wiener IT-Wirtschaft mit dem Hinweis, dass sie in etwa gleich viele Beschäftigte wie die hier ansässigen Tourismusbetriebe in Arbeit und Brot hält, aber das Vierfache an Wertschöpfung generiert, etwas mehr Aufmerksamkeit seitens der Stadtverwaltung. Das leuchtete ein, denn parallel dazu begann auch das immense Ausmaß der allgegenwärtigen digitalen Revolution, allen so richtig bewusst zu werden.

Also begann man, sich in der Bevölkerung umzuhören, was sich diese von der Wiener Stadtverwaltung erwartet, um für das digitale Zeitalter gerüstet zu sein – gleichsam der erste Schritt zur institutionellen Aufforderung zur Partizipation. „Die Leute haben sich einen dermaßen offenen Prozess gar nicht erwartet und alle möglichen kleinen und großen Ideen online und offline eingebracht“, sagt Müller.

Innerhalb weniger Wochen hatte er etwa 170 konkrete, innovative Vorschläge am Tisch, die dann in einem bald auf 900 Teilnehmer angewachsenen Panel diskutiert, vertieft und weiterentwickelt wurden. Über 220 Applikationen sind aus diesem inklusiven Verfahren bisher hervorgegangen. Und wegen seiner Vorbildwirkung für andere Städte ist es international bereits mehrfach ausgezeichnet worden.

„Partizipatives ärgern“

 Viele der aus den Vorschlägen engagierter Bürger, umtriebiger Kreativer oder von Bürokratie genervter Betriebe entstandenen Umsetzungen gehören inzwischen zu den digitalen Selbstverständlichkeiten im Leben der Wiener. Beispielsweise die Wien.at-live-App, eine Art erweiterter Stadtplan mit laufend aktualisierten City-Infos. Oder der kostenlose Internetzugang an rund 400 öffentlichen Plätzen und Freizeitarealen mit WLAN-Reichweiten von bis zu hundert Metern. Auch die „virtuelle Bücherei“, über die die Wiener Büchereien mehr als 40.000 E-Medien zur Verfügung stellen, wird erstaunlich oft genutzt. Und die rund 300 äußerst umfangreichen Daten­sätze mit allen möglichen Verwaltungsinformationen, die die Stadt Wien auf open.wien.gv.at kostenlos zur Verfügung stellt, sind bislang in die Entwicklung von auch etwa 220 Apps und Visualisierungen gemündet.

Aber das für die digitale Agenda wahrscheinlich typischste Ergebnis ist die App Sag’s Wien, die seit Februar 2017 zum Download bereit steht. „Es hat sich herausgestellt, dass es den Wienern sehr oft um die schnelle Erledigung von Kleinigkeiten geht“, so Müller. „Etwa Verunreinigungen, ausgefallene Straßenlampen oder kaputte Kanaldeckel. Daraus haben wir dann gemeinsam Sag’s Wien entwickelt, sozusagen die Bürger-App für partizipatives Ärgern auf hohem Niveau.“

Die funktioniert ganz einfach so: Foto von, sagen wir, einem verschmutzten Verkehrschild schießen. Hochladen. Kurzen Beschwerdetext tippen. Fertig. Innerhalb kurzer Zeit kommt die Nachricht vom Stadtservice, das seit der Einführung von Sag’s Wien mit 20 Prozent weniger Leuten auskommt, dass die Sache in Angriff genommen, etwas später, dass die Arbeit daran erledigt wurde. Bisher sind rund 20.000 Downloads der Sag’s-Wien-App registriert, und etwa 10.000 Bürgeranliegen sind aufgrund dieser Hinweise gelöst worden. „Und zwar nicht nur Dinge, die ohnehin auf unserer To-do-Liste gestanden wären“, wie Müller ergänzt.

Für den Vizemagistratsdirektor stellt dieses Resultat der digitalen Agenda Wien geradezu einen Paradigmenwechsel für die Administration der Stadt dar. Es zeige, wie sehr „Kooperation auf Augenhöhe statt zentraler Verwaltung und Kontrolle von oben herab“ zu schnelleren Lösungen und letztlich auch einer einfacheren Verwaltung führen würden.

Wien gibt Raum 

So sehr bei Sag’s Wien die unmittelbare Inklusion der Bürger im Vordergrund steht, so sehr soll die ebenfalls aus der digitalen Agenda heraus geborene Aktion „Wien gibt Raum“ den bürokratischen Genehmigungsaufwand für die Nutzung des öffentlichen Raums der Stadt reduzieren. Allein dessen Dimension hat es in sich: So verwaltet die Stadt mehr als 41 Quadratkilometer an öffentlichem Grund – etwa die Größe des Attersees. Er ist durchfurcht von gut 6.800 Straßen, auf denen sich rund 300.000 unterschiedlichste Objekte befinden, und die fast 3.000 Kilometer lang sind – das ist etwa die Entfernung Wien–Helsinki.

Wer auch immer in diesem ­ öffentlichen Raum etwas unternehmen, hinstellen oder verändern will, braucht jede Menge Genehmigungen – von der Baupolizei bis zum Magistratischen Bezirksamt. Ein Quell von Mühsal und Ärger. Nun aber soll aus mitunter ausufernden bürokratischen Irrwegen von Pontius zu Pilatus ein One-Stop-Shop für solche Genehmigungen werden.

Zu diesem Zweck fahren seit Mitte September 2017 drei Kamera-Autos kreuz und quer durch Wien und fotografieren alle drei Meter jedes Detail des öffentlichen Raumes – Bodenmarkierungen, Verkehrsschilder, Werbetafeln, Schanigärten oder Kioske. „Das Ziel der Befahrung, die bis November abgeschlossen sein wird und periodisch wiederholt werden soll, ist die flächendeckende fotografische Erfassung aller Objekte im öffentlichen Raum“, gibt eine Art Mission-State–ment der Stadt Wien die Richtschnur vor. „Am Ende wird eine entscheidende Verwaltungsvereinfachung stehen.“

All die so erfassten Bilddaten werden unter strengen Datenschutzkriterien zentral gespeichert, um eingehende Projekte dann schneller in diesem digitalen One-Stop-Shop auf ihre verkehrs- oder bautechnischen Auswirkungen qualifizieren zu können. Das wiederum soll die Genehmigungsfristen mittelfristig halbieren, weil statt der Kommissionierungen durch mehrere Magistratsabteilungen in Zukunft nur noch eine einzige Kontrollperson vor Ort die Kollaudierung vornehmen müsse. „Das nenne ich echte städtische Innovation“, meint Müller. „Das hat es überhaupt noch nie in einer Stadt gegeben.“

Künstliche Intelligenz

Mindestens so anspruchsvoll ist ein Projekt, das die medizinischen und administrativen Abläufe in den elf Spitälern des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV), wo im Vorjahr mehr als 93.000 Operationen erfolgten, von Grund auf ändern könnte. Es geht dabei um den Einsatz von künstlicher Intelligenz, und das Ausschreibungs-Rennen hat diesen Sommer der extrem leistungsstarke IBM-Rechner Watson gemacht.

Müller: „Vereinfacht gesagt, wollen wir mit künstlicher Intelligenz die Vielzahl von unstrukturierten Daten in strukturierte Informationen verwandeln.“ Das heißt, dass Watson sämtliche medizinischen Patientendaten des KAVs – dieser kam 2016 in seinen Krankenhäusern, Geriatriezentren und Pflegewohnheimen auf knapp 256.000 stationäre Aufnahmen und gut 2,7 Millionen Ambulanzbesuche – erfassen, kategorisieren und verwalten soll.

Die Informationen dieser medizinischen Datenbank sollen einerseits in konkrete Behandlungsempfehlungen (inklusive der jeweiligen Erfolgswahrscheinlichkeiten) für die Ärzte münden, anderseits für die Forschung verwertet werden. Überdies ist geplant, dass die künstliche Intelligenz automatisch die Verrechnung der vorgenommenen Behandlungsschritte und operativen Eingriffe erledigt, denn kaum etwas nervt die Ärzte mehr als das mühsame Ausfüllen der ellenlangen Listen, auf deren Basis die „leistungsgerechte Krankenanstalten-­Finanzierung“ abgerechnet wird.

Derzeit befindet sich dieses Digital-Agenda-Projekt in der Pilotphase. Die IBM-Fachleute sind gerade dabei, Watson die komplette medizinische Literatur und sämtliche Fachtermini in deutscher Sprache beizubringen und ein auf den KAV maßgeschneidertes Programm zu entwickeln. Wenn alles wie vorgesehen läuft, soll der Betrieb Anfang 2019 beginnen.

Überhaupt sind die medizinischen Einrichtungen, die auch historisch eines der großen Assets des Standorts Wien darstellen, Hort ständiger Neuentwicklungen – von maßgeschneiderter Hightech-Gentherapie bis hin zu Innovationen, die nur am Rande mit der digitalen Agenda zu tun haben. So wurde beispielsweise erst diesen Sommer im Wilhelminenspital ein dort entwickelter neuartiger biologischer Gips vorgestellt. „Die neuen Gipse werden auf Basis von Holz hergestellt, sind leicht formbar und nachformbar, und im Gegensatz zum Kunststoffgips kann der Bio-Gips wiederverwendet werden“, erklärt Franz Kralinger, Vorstand der unfallchirurgischen Abteilung. Und im Wiener Haus der Barmherzigkeit spielt seit 2016 regelmäßig ein Ensemble der Musikschule Ottakring für die Patienten der Wachkoma-Abteilung auf. Wie sich gezeigt hat, reagieren die Patienten trotz ihres apathischen Zustands äußerst positiv auf diese musikalische Bereicherung. „Auch das ist Innovation“, sagt Müller voller Stolz.

Die meisten Projekte, die im Rahmen der digitalen Agenda bearbeitet werden, gehen allerdings weniger ans Herz, sondern widmen sich – etwa im Co-Creation-Lab der Wirtschaftsagentur Wien, wo Start-ups über Anfragen aus der Stadtverwaltung und von Unternehmen brüten – weitaus profaneren Dingen. Wie etwa der Entwicklung neuer, widerstandsfähiger Sensoren für die rund 200.000 Wiener Straßenlampen. Sie sollen die zuständige MA 33 über den Stromverbrauch informieren, welche Lampen wo kaputt sind, und die Wetterfrösche auf der Hohen Warte bei der Klimabeobachtung unterstützen.

Man kann also sagen, dass die digitale Agenda Wien bei der Durchmessung des städtischen Alltags angekommen ist. Ein gutes Zeichen.


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