Nach der Kavallerie kommt das Cyberheer

Nach der Kavallerie kommt das Cyberheer

CYBER HORSE. Gebaut wurde dieses trojanische Pferd aus den Bauteilen Tausender infizierter Computer. Seit 2016 steht es am Uni-Campus in Tel Aviv - das beliebteste Fotomotiv der Cyber Week.

Wie Israel aus Cybersecurity einen weltweiten Exportschlager macht und warum digitale Landesverteidigung Chefsache ist. Eine Reportage von der Cyber Week.

Wache Augen in einem freundlichen Gesicht, der durchtrainierte Körper steckt im knappen T-Shirt. Yuval Diskin könnte einer der superfitten Rentner sein, die morgens den Tel-Aviv-Beach entlangjoggen. Dafür hat er keine Zeit. Der 62-Jährige hat gerade zwei Unternehmen mitgegründet und diskutiert an diesem Juni-Donnerstag lieber mit Journalisten. "Sie können mich wirklich alles fragen", eröffnet er die Runde, "nur nichts zur Politik." Ein hintergründiger Opener.

Diskin war von 2005 bis 2011 Leiter des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet und legte in der sehenswerten Doku "The Gatekeepers" (2012) offen, wie divergent die Meinungen zwischen Politikern und ihren Diensten sein können. Konsens herrschte aber stets darin, die neuesten Cybersecurity-Technologien zum Einsatz zu bringen -in einem Land, das sich in einem mal mehr, mal weniger intensiven Alarmzustand befindet.

Früher schützte Diskin den Staat, heute schützt er Autos und entwickelt mit Cymotive (einem Joint Venture mit VW) Sicherheitskonzepte: "Wenn Sie das System schützen wollen, müssen Sie die Strategien der Angreifer antizipieren, bevor die überhaupt loslegen." Wer also im Auto sitzt und auf den Angriff wartet, hat schon verloren. Diskin skizziert, wovor sich Autohersteller - und nicht nur jene, die an autonomen Fahrzeugen bauen - fürchten: "Dass Angreifer Schwachstellen finden, mit denen sie ganze Flotten lahmlegen oder manipulieren können."

Willkommen zu Cyber Week, die von 17. bis 21. Juni fast 10.000 Besucher aus 85 Ländern auf das Universitätsgelände in Tel Aviv und etliche Nebenschauplätze zieht. Angereist ist auch Generalmajor Hermann Kaponig, Chef der Cyber- Streitkräfte des österreichischen Bundesheeres. "Das ist sicher der Topevent im Cybersecurity-Bereich. Hier ist die Crème de la Crème der Cyber-Community. Das ist eine weltweit einzigartige Mischung aus neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, technischen Entwicklungen, politischem Austausch und der Möglichkeit, Erfahrungen mit Unternehmen und anderen Streitkräften zu teilen."

Wer den Diskussionen, Vorträgen und Gesprächen folgt, bekommt leichte Paranoia und jedenfalls einen starken Eindruck, wie die Fronten im Cyberkrieg heute verlaufen, wo sich geopolitisches Kalkül mit knallharten klandestinen Wirtschaftsinteressen überlagert und warum Fake News brandgefährlich sind: Immer wieder taucht die Risikomatrix auf, die bereits beim World Economic Forum (siehe Grafik, unten) im Jänner die Runde machte.

Von den fünf größten globalen Risiken sind mittlerweile zwei dem Cyberverbrechen zuzuordnen. Analysten von Juniper schätzen, dass die Schäden in den nächsten fünf Jahren auf bis zu acht Billionen Dollar - zehn Prozent der Weltwirtschaftsleistung - anwachsen könnten. Ein einträgliches Geschäft für perfekt organisierte Banden wie Carbanak oder Cobalt, die ab 2013 bis zu eine Milliarde Dollar von Banken in 30 Ländern gestohlen hatten.

Auf der Cyber Week berichten Sicherheitsexperten, wie sie Kreditkartenfirmen und Banken helfen, das Abschöpfen von Geldern zu entdecken. Antibetrugssoftware kann heute ziemlich zweifelsfrei erkennen, ob auf der anderen Seite des Bildschirms ein mutmaßlicher Betrüger sitzt: Wie? Wer nicht seine eigenen Daten eingibt, tippt anders, vollführt andere Bewegungen am Touchscreen und setzt seine Nachdenkpausen anders. "Wir werden diesen Betrügern immer ein Stück weit hinterherrennen", gesteht Limor Kessem, Security-Expertin von IBM, "aber wir können den Abstand zwischen ihnen und uns verkleinern."

In dieser Disziplin sind die Israelis verdammt gut, weiß auch der österreichische Unternehmer Daniel Mattes, der Mitte der Nullerjahre den Telefoniedienst Jajah gegründet hatte und wie alle in dieser Industrie mit Kreditkartenbetrug zu kämpfen hatte. "Unsere Leute in Israel haben das richtiggehend persönlich genommen, wenn es den Betrügern doch einmal gelang", erinnert sich Mattes. "Die haben einfach nicht aufgegeben, bis es die Gegenseite tat." Mit ein Grund für diesen Einsatzgeist: Der in Israel verpflichtende Militärdienst für Männer und Frauen bedeutet heute für viele Dienst an der Tastatur.

Perfide Taktiker

Cybercrime ist ein Perpetuum mobile, die Kriminellen setzen ihre Angriffszeitpunkte raffiniert und nützen dafür oft den Windschatten globaler Events etwa für Phishing-Attacken -dieser Tage also die Fußball-WM. "Am 30. Mai ging es los. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichten die Machenschaften am 5. Juni", berichtet Maya Horowitz von Check Point Software.

Versandt werden vorgebliche Ergebnislisten, die, einmal geöffnet, Rechner mit Schadsoftware infizieren und Daten absaugen, die dann wieder für Finanzbetrug und Erpressung ausgeschlachtet werden. Check Point ist eines der ältesten israelischen Cybersecurity-Unternehmen und gilt mit der Erfindung der kommerziellen Firewall Anfang der 1990er-Jahre als Pionier. An der Rezeption im Check-Point-Büro in Tel Aviv hängt einen riesiger Flatscreen mit virtuellem Fußballrasen: Zu sehen sind aber keine Spielergebnisse, sondern die Live-Ansicht gerade laufender Cyberattacken.

Sicherheitstechnisch ein vielerorts unterbelichtetes und unterdotiertes Feld ist das Gesundheitswesen, was die Wanna-Cry-Attacke im Mai 2017 in einem bis dahin nie gesehenen Ausmaß darlegte. 230.000 Computer in 150 Ländern wurden von den Angreifern in Geiselhaft genommen -vom russischen Innenministerium bis hin zu Renault und Nissan, die Teile ihrer Produktion stoppen mussten.

PREMIER NETANJAHU AUF DER CYBER WEEK. "Die Vernetzung bringt der Menschheit unglaubliche neue Chancen, stellt uns auch vor unglaublich große Herausforderungen. Sie macht uns verletzlicher. Wir müssen stärker kooperieren, das macht uns für Angriffe nicht so verwundbar."

Wie konnte das passieren? Die Betroffenen hatten ein Windows-Sicherheitsupdate nicht rechtzeitig eingespielt. Auf der Cyber Week erzählt der britische Notfallmediziner Anthony Bleetman, wie es am 12. Mai letzten Jahres ums sprichwörtliche Überleben ging: "Wir mussten in fünf Londoner Spitälern die Ambulanzen komplett schließen, waren von einen Moment auf den anderen vom digitalen Workflow getrennt." Die Behandlung wurde auf Flipcharts dokumentiert, Jungärzte mussten die Laborbefunde persönlich holen und auf die Tafel transkribieren. Nicht verloren ging der britische Humor: "Es ist schon gut, dass die älteren Ärzte das Schreiben noch mit der Hand auf Papier gelernt hatten."

Patientendaten wurden keine gestohlen, die Systeme auch wieder hochgefahren. Doch das nachträgliche Erfassen der Daten im System war laut Bleetman "extrem aufwendig und richtig teuer".

Security als Chefsache

Aufwendig wird es am Mittwoch auch für die Besucher der Cyber Week. Wer den prominentesten Redner des Tages hören will, tut gut daran, nur mit Stift und Papier zu erscheinen. Der Sicherheitslevel ist auf "Airport Security" - und das meint in Israel doch etwas anderes als etwa in Mitteleuropa. Premier Benjamin Netanjahu erzählt dem vollen Auditorium, wie Cybersecurity in Israel zur Chefsache wurde: Vor Jahren habe ihm der Rektor der Uni in Tel Aviv einen Roman über einen Cyberkrieg zwischen den USA und China in die Hand gedrückt. Den habe er in einer Nacht gelesen und Rami Efrati - damals General in der Reserve - zu sich zitiert: "Wir müssen etwas unternehmen."

Nach einigen Jahren strategischer Vorarbeit wurde 2012 schließlich das National Cyber Directorate gegründet, das dem Premier direkt unterstellt ist. Efrati erinnert sich an den damaligen Auftrag: "Macht, was ihr für richtig haltet." Netanjahu wollte zwei Dinge sichergestellt haben: dass das Cyberbüro Terrorattacken verhindern helfe und die lokale Technologieindustrie so entwickle, dass es der Staat unter die Top-fünf-Cybermächte bringe.

Die Mission war teuer, aber bislang sehr erfolgreich: Israel ist Vorzeigeland in Sachen Cybersecurity. Ein Fünftel des weltweiten Risikokapitals in diesem Bereich steckt in israelischen Firmen, über 400 lokale Unternehmen gibt es, dazu vier Dutzend internationale Forschungs- und Entwicklungszentren -von Microsoft bis Deutsche Telekom -, die hier angesiedelt wurden. Der Staat fördert Start-ups massiv, lockt Konzerne mit Prämien und Arbeitsvisa ins Land. Allein an die 300 hochrangige Delegationen aus Politik und Wirtschaft pilgern jährlich nach Israel in Sachen Security: Auch die vormaligen österreichischen Minister Hans Peter Doskozil und Wolfgang Sobotka waren schon hier und beeindruckt. Hacker-Vorführungen sind Fixpunkte im Programm. Zu sehen, wie verwundbar Systeme sind, lässt keinen kalt.

Cybertourismus

Solche Besuche sind mitverantwortlich, dass es heute in Wiener Neustadt eine Trainingsakademie - eine Cyber-Range - für Cyberabwehr gibt. Was für Piloten der Flugsimulator, ist für IT-Angriffe die Software der Firma Cyberbit. Der Telekomanbieter A1 trainiert damit IT-Verantwortliche für Angriffe auf Firmennetze. "Damit können wir den Ernstfall einer Attacke simulieren", erklärt Peter Uher, Public-Sector-Bereichsleiter bei A1.

Auch die Cyberkräfte des österreichischen Bundesheeres planen, eine militärisch orientierte Cyber-Range für Trainingszwecke zu beschaffen, also einen eigenen virtuellen Truppenübungsplatz. Derzeit trainieren sie noch in Tallinn mit anderen Nationen, doch bis Jahresende soll eine neue Strategie für die Cybersicherheit stehen, erzählt Generalmajor Kaponig: "Gerade im militärischen Bereich kann man sich hier in Israel sowohl über fiktive als auch über bereits stattgefundene Cyberattacken austauschen."

TEL AVIV. Die Hauptstadt ist Jerusalem, Zentrum dreier Weltreligionen. In der pulsierenden Millionenmetropole Tel Aviv mit den vielen Wolkenkratzern sind die Wirtschaft, Kultur und das säkularere Israel zu Hause. 3,8 Millionen Menschen leben und arbeiten in der Stadtregion.

Das gern zitierte Sprichwort - beten in Jerusalem, arbeiten in Haifa und feiern in Tel Aviv - stimmt bald nicht mehr. Seit ein paar Jahren stampft Israel in Be'er Scheva die neue Cyberhauptstadt aus dem Wüstensand der Negev: Forschung, in- und ausländische Wirtschaft und Militär sollen ein einzigartiges Ökosystem bilden. Be'er Scheva ist längst am Programm touristischer Rundreisen. Cyber-Pilger besuchen dort etwa Mobileye, jenen Zulieferer für autonome Fahrzeuge, der 2017 um rekordverdächtige 15,3 Milliarden Dollar an Intel ging.

DIE NEUE CYBER-HAUPTSTADT. In der Negev-Wüste von Be'er Scheva entsteht seit vier Jahren eine neue Stadt, wo Cyberstreitkräfte, Firmen und Forschungsinstitute Tür an Tür zusammenarbeiten. 20.000 Jobs sollen hier entstehen. Die Regierung zahlt Unternehmen die Gehälter für sechs Jahre.

Sich das anzusehen, empfiehlt natürlich auch Rami Efrati, der für Netanjahu das Cyberbüro aufgebaut hat und nach der Hofübergabe an seinen Nachfolger heute nur mehr "Cyber-Botschafter" ist, wie er sagt. Führt er nicht Wirtschafts- oder Politikdelegationen durchs Land, kümmert er sich ums Geschäft. Sein Geschäft. Auch Efrati ist mit 67 Jahren denkbar weit vom Ruhestand entfernt. Sein Unternehmen Firmitas sichert vernetzte Industrieanlagen. Wer weiß, wie es hinter den Kulissen des Cybercrime aussieht, kann die Rente einfach nicht entspannt genießen.

trend war auf Einladung des Staates Israel auf der Cyber Week.


Die Geschichte ist der trend-Ausgabe 26-27/2018 vom 29. Juni 2018 entnommen.

Kommentar
Peter Schentler, Principal Horváth & Partners Österreich

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