Mobile World Congress: Telekom-Show mit zwei Geschwindigkeiten

Mobile World Congress: Telekom-Show mit zwei Geschwindigkeiten

Der Mobile World Congress: Auf der Suche nach echten Innovationen - Start-ups sollen der Nabelschau der Mobilfunkbranche neue Impulse geben.

Analyse. Die Nabelschau der Mobilfunkbranche hat offenbar nicht viel Neues zu bieten. "More of the same" scheint heuer einmal mehr das Motto zu sein. Die Aufpolierung einer alten Marke als Medienereignis zeigt auf, in welcher Situation die Branche ist. Mit Innovation hat dies nur wenig zu tun. Einen neuen Kick erwartet man sich von Start-ups, die heuer wesentliche mehr Raum bekommen. Spannend bleibt das Match der Kontinente um Innovationen. Und Europa könnte der Verlierer sein.

Nichts Neues auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona 2016? So drastisch will es das Beratungsunternehmen Strand Consult im jüngsten Report nicht schreiben. Aber: "Das Programm dieses Jahr ist wie eine verlängerte Version von dem, was wir im vorigen Jahr gesehen haben, halt mit noch mehr Hype." Oder auf den Punkt gebracht: More of the same - mehr von dem Gleichem (des Vorjahres).

Und Strand Consult dürfte in der Einschätzung nicht ganz verkehrt liegen. Was Top-News und Visionen anbetrifft, die es über die Verkaufsgespräche offenbar hinaus kaum schaffen ist am ersten Tag tatsächlich nur "more-of-the-same" über die Rampe gekommen.

Die Messe in Barcelona teilt sich inzwischen auf zwei Standorte auf. Auf dem neuen, größeren Gelände der Fira Gran Via findet der eigentliche Mobile World Congress (MWC) statt, wo die Massen hinströmen werden. Über 100.000 Besucher werden dort erwartet. Die Start-up-Messe Now the Four Years From Now (4YFN) ist im alten Messegelände. Gerade etwas mehr als Zehntel der MWC-Besucher werden dort erwartet.

Alte Männer gegen junge Emporkömmlinge

Die Größe steht sinnbildlich für die beiden Veranstaltungen. Es sind quasi zwei Messen, die getrennt aber zusammengehören zu einer Branche, aber mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Und da hakt Strand Consult ein: "MWC repräsentiert die alte Garde der Mobilindustrie, während 4YFN die jungen Emporkömmlinge anlockt." Oder anders ausgedrückt: "Auf dem MWC gibt es viele alte Männer, die über die Zukunft der Industrie sprechen, wohingegen bei 4YFN die Sprecher bereits die Zukunft schaffen."

Dementsprechend zeigt sich auch die Agenda mit der Eröffnung in gewohnten alten Bahnen und den "alten Männern". So wird eine Rückkehr von Nokia im Smartphone-Business am ersten Tag fast als die Top-News verkündet. Und von manchen Schreibern auch so abgefeiert.

Vom "Comeback" Nokias wurde in den ersten Stunden schon rauf und runter geschrieben. Ein altes Handy neu aufgelegt, drei Smartphones mit Google Android-Betriebssystem waren vermeintliche Top-News. Ein von Investoren gehyptes Unternehmen namens HMD mit seinen Ex-Nokia- und Ex-Microsoft-Managern, hat die große MWC-Show eröffnet. Nachdem Microsoft sein gut Fünfjähriges Milliarden-Intermezzo mit der Übernahme von Nokias Mobile-Sparte endgültig beendet hat, soll es mit altbewährter Marke einen neuen Anfang geben.

Von einer Innovationskraft à la Nokia vor der Übernahme von Microsoft kann nicht die Rede sein. Mittlerweile jede Technobude zwischen Anchorage und Shenzhen kann derartiges auf die Beine stellen. Innovationsdurstigen Beobachtern ringt die Nokia-Show bestenfalls ein Achselzucken ab - trotz der Marke Nokia am Revers. Dass Nokia von Medien noch mit "Comeback" gefeiert wird, gibt der neu aufgelegten Story einen geradezu abstrusen Anstrich, da die nun präsentierten Geräte ohnehin schon bekannt waren. Innovationsgehalt? Fehlanzeige.

Samsung aus Südkorea, Innovator Nummer 1 der vergangenen Jahre - neben Apple (das traditionell sich vom MWC fernhält) -, hatte die Rolle des Frontrunners vor gut zehn Jahren des Mobile World Congress von den Finnen übernommen. Doch Samsung lässt heuer fast ungeahnte Schwächen erkennen. Dem Trauma der brennenden Akkus im September 2016 und darauffolgendem Rückruf von gut zwei Millionen Smartphones nagelneuen "Galaxy Note 7" direkt in die Schrottcontainer wurde bekanntlich mit dem Schmiergeldskandal und die kürzlich erfolgte Verhaftung des Konzern-Juniorchefs der Samsung-Gründerfamilie noch die Krone aufgesetzt.

Über die Schiene "Galaxy" suchte Samsung sich immer wieder gegenüber der Konkurrenz in neue galaktische Sphären darzustellen. Doch heuer reagiert Samsung mit Demut, Entschuldigungen und leisen Tönen. Funkelnde Stände mit großen Innovationsshows? Fehlanzeige. Es wäre die Chance für Huawei und ZTE mehr als zu punkten. Letztere präsentieren ein Smartphone mit 5G-Technologie, die es aber in den kommenden drei Jahren wohl noch nicht über die Rampe schaffen wird. Huawei legt ebenso mit einem Edelgerät nach, was aber die technoaffine Zuseherschaft nicht so richtig aus dem Sessel zieht.

Nüchterne Realität

Neue digitale Uhren, neue Smartphones, wasserdicht und (fast) stoßfest, mit vorzugsweise großen Displays für alte Männer, mehr zum Surfen als um Telefonieren, die Annäherung an die 5. Mobilfunkgeneration (5G), die trotz eines ersten Endgeräte erst in ferner Zukunft Reife haben wird, werden auf dem MWC in Unzahl vorgestellt. Und dennoch: Es herrscht in der Branche der Hersteller sowie Mobilfunker eigentlich Ernüchterung. Vor allem in der EU, wo die Betreiber aufgrund dem Wegfall der Roamingumsätze schon zittern. Wegen drohender Erlösrückgänge sind sie bereits krampfhaft auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen und somit Umsatzbringern - wieder einmal.

"Und diese werden sie nicht finden", wie der jüngste Bericht des Beratungsunternehmens Strand Consult behauptet. Die Mobilfunker müssen weiterhin damit rechnen, dass es in den kommenden Jahren mit dem Wachstum nichts wird. Kein Wunder, dass der Chef der Deutschen Telekom Tim Höttges dann auch lauthals in Barcelona fordert, dass die teure Vergabe von Funkfrequenzen mittels Auktion abgeschafft werden muss.

Können die Hersteller und Mobilfunker noch große Entwicklungen präsentieren? Das einstige Modewort "Killer-App" ist genauso verschwunden, wie die großen Innovationen der Branche, die auf der Handymesse einst in Cannes, seit 2006 in Barcelona präsentiert wurden.

Auch wenn die Messe wegen Überfüllung droht fast aus den Fugen zu platzen: Die großen Innovationen kamen in den vergangenen zehn Jahren von den sogenannten Trittbrettfahrern wie Facebook, Twitter, Google, WhatsApp oder Netflix et al, die den Mobilfunkern kaum mehr zulassen als nur die Leitungen zur Verfügung stellen, die überdies hohe Investitionen tätigen müssen, damit die Netze nicht verstopfen.

Innovationen aus der Parallelwelt

Kaum Wunder, dass das vor Jahren fast belächelte Nebenprogramm nun der Hoffnungsschimmer der ganzen Branche ist. Laut Strand Consult sind die Emporkömmlinge der Motor der Industrie. Die Start-up-Szene hat heuer so viel Platz zur Verfügung gestellt bekommen wie kaum zuvor. Über 500 Aussteller werden erwartet. Nach 8000 Besuchern 2016 werden heuer 12.500 erwartet, was zwar noch weit hinter den rund 100.000 Besuchern der klassischen MWC-Veranstaltung ist.

Einst als Trittbrettfahrer nicht gerade gern gesehen, richtet sich immer mehr das Augenmerk auf die kleinen, innovativen Start-ups. Die etablierten Emporkömmlingen wie Facebook, Netflix oder Alibaba, die in der vergangenen Dekade als Aufsteiger hervorgegangen sind, lassen es sich nicht nehmen, dort aufzutreten, wo mittlerweile mehr die Richtung für Innovationen vorgegeben wird, als bei den großen Tankschiffe der Mobilfunkbranche. "Sie bestimmen die Zukunft", sagt Stand Consult.

Europa droht weiter auf die Verliererstraße zu kommen. Gerade junge Start-ups zieht es noch immer in die USA ins Silicon Valley nach Kalifornien. Dabei spielen auch geringe Steuern und weniger straffe Vorgaben von Regulierungsbehörden in den USA eine Rolle. Aber nicht nur. "Die EU fällt weiter zurück, weil die USA hat ein bedeutend höheres Investitionsniveau hat und mehr Innovation als die EU", lautet ein Fazit von Strand Consult.

Die neue US-Regierung hat nun außerdem mit neuen Reformen bei Steuern und Regulierungen Erleichterungen für Unternehmen signalisiert. "Es wird sich weisen, ob sich das US-Modell oder das EU-Modell durchsetzen wird." Vorbei ist laut Strand Consult jedenfalls die Zeit, in der Europas Mobilfunkindustrie die Branche mit Innovationen angetrieben hat und als Heimat der weltweit führenden Mobiltelefonhersteller sich rühmen konnte: "Diese Errungenschaften sind längst verblasst."

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