“Für Start-ups wird es schwieriger und härter”

Mike Sutcliff, Group CEO Accenture Digital

Captain Future: Mike Sutcliff, Group CEO von Accenture Digital, im Garten des Futurecamps des Beratungsunternehmens in der historischen Wiener Börse.

Viele etablierte Unternehmen wurden vom Tempo der Digitalisierung und der neuen Konkurrenz durch Start-ups überrascht. Mike Sutcliff, Group CEO von Accenture Digital, sieht nun die Trendwende gekommen: Die Unternehmen werden zurückschlagen und Start-ups in die Schranken weisen. Das Motto: "Buy it or kill it".

Im neu eingerichteten Accenture Futurecamp im historischen Wiener Börsegebäude an der Ringstraße prallen Welten aufeinander. Die Vergangenheit trifft hier auf die Zukunft. Knarrendes Sternparkett auf lautlose Cyberwelten, die nur in der virtuellen Realität existieren. Während die Räume mit Virtual Reality Brillen und modernster Computertechnologie ausgestattet sind, befinden sich in den Regalen an der Wand Schreibmaschinen, Super-8-Kameras und Telefonapparate mit Wählscheiben – mittlerweile verstummte Zeugen einer rasend schnellen technischen Entwicklung, die seinerzeit selbst als innovativ galten.

Das Beratungsunternehmen Accenture, das die meisten der Fortune 100 Unternehmen und in Österreich ebenfalls zahlreiche der Top 500 Unternehmen zu seinen Kunden zählt, bringt Manager und Vorstände von Unternehmen hierher, um sie dem Umfeld, das an Co-Working-Spaces der internationalen Start-up-Hochburgen erinnert, mit neuen Technologien und Denkweisen zu konfrontieren und zu kreativem Denken zu animieren.

Der trend traf Mike Sutcliff, den Group CEO von Accenture Digital, der weltweit das Digital Business des Beratungsunternehmens verantwortet, im Wiener Futurecamp zum Gespräch.


trend: Virtual Reality und Schreibmaschinen, Super-8-Kameras und Touchscreens – wenn man sich hier im Futurecamp umsieht, wird einem das Tempo des technischen Fortschritts bewusst.
Mike Sutcliff: Ja, alle diese Dinge hier waren einmal State-of-the-art und innovativ.

trend: Manche davon waren einmal richtige Global Brands. Vielleicht wird auch das heute kaum bekannte „Tirola Kola“, das Sie jetzt trinken, einmal eine solche Weltmarke sein.
Sutcliff: (lacht) Ja, vielleicht … es schmeckt gut, nicht zu süß.

trend: Gehört es zum Konzept der Futurecamps, die Leute mit eher wenig bekannten Dingen wie eben auch einem Tirola Kola zu konfrontieren?
Sutcliff: Definitiv. Das Futurecamp in Wien ist unser neuestes, wir eröffnen aber laufend weitere. Bis Jahresende alleine elf in der DACH-Region. Wir bringen an diesen Orten Leute aus dem Führungsteam von Unternehmen mit welchen aus dem universitären Bereich und dem Ökosystem zusammen, um gemeinsam Dinge zu erarbeiten und Denkprozesse anzustoßen. Wir analysieren, was wann und wie angegangen werden sollte, mit wem man zusammenarbeiten sollte, was man mit den internen Ressourcen machen kann und welche externen Ressourcen man benötigt. Wir versuchen, einen Weg zu gestalten. Das kann ein rein interner Prozess sein, aber auch ein rein externer Prozess, bei dem man zum Beispiel mit einem Start-up zusammenarbeitet.

trend: Und danach? Ich habe schon öfter die Erfahrung gemacht, dass Leute an solche Orte kommen, dann werden vielleicht auch noch ein, zwei Workshops abgehalten. Jeder findet das cool, ist super motiviert, aber danach passiert reichlich wenig. Alle setzen sich an ihren Schreibtisch und machen weiter wie bisher.
Sutcliff: Das kann passieren, wäre aber sehr enttäuschend. Das Ziel ist, den Kunden zu zeigen, was passiert, was möglich ist. Damit sie darüber nachdenken, was im eigenen Unternehmen geschehen sollte. Hin und wieder gehen wir auch mit ihnen auf eine Art digitale Safari. Da geht es aber nicht nur darum, Unternehmen zu besuchen. Das ist Teil eines Bildungsprozesses: Wussten Sie, dass das möglich ist und dass es bereits passiert? Am Ende geht es darum, die Unternehmen herauszufordern. Sie zu fragen, welche Gedanken sie sich selbst machen und welche Maßnahmen sie sich überlegt haben. Sie bekommen von uns kein Rezept. Es geht darum, das Bewusstsein zu schärfen für das, was in der jeweiligen Industrie passiert. Wir hoffen, dass dadurch Diskussionen angestoßen werden und die Führungskräfte in der Folge wieder auf uns zurückzukommen, um mit ihnen gemeinsam einen Plan für die Zukunft zu entwickeln.


Digital bedeutet nicht nur Smartphone und Social Network.

trend: Start-ups haben in den vergangen Jahren in vielen Bereichen Business-Modelle mit neuen Technologien auf den Kopf gestellt. Wurden die etablierten Unternehmen am falschen Fuß erwischt?
Sutcliff: Beim Stichwort „Digital“ hatten die Leute bislang immer an junge, digitale Kunden gedacht, die mit Smartphones alles Mögliche machen, online einkaufen und so. Daher fokussierten sich viele schnell auf das Marketing und darauf, die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen. Auf soziale Netzwerke und darauf, das Verhalten und die Lebenseinstellungen der Leute zu verstehen. Einige Jahre gab es die Überzeugung, dass „Digital“ einen neuen, anderen Markt bedeutet, der für einen kleinen Teil der Bevölkerung relevant ist.
Mittlerweile ist allen klar, dass Digital viel mehr ist: Eine Kombination von Tools und Technologien, die das Business genauso beeinflusst wie die Konsumenten. Für einen großen Chemiekonzern ist das genauso relevant wie für ein Handelsunternehmen..

trend: Warum hat es so lange gedauert, bis die Unternehmen das erkannt hatten?
Sutcliff: Viele Unternehmen sind eben sehr erfolgreich in dem, was sie tun und ihre Geschäftsmodelle funktionieren auch gut. Bis es in dem Markt, in dem man als Unternehmen aktiv ist, Innovationsdruck gibt, kann man sich auch zurücklehnen und beobachten, was zum Beispiel Uber mit der Taxi-Industrie oder Airbnb mit der Hotelindustrie macht. Wenn man selbst nicht in einer dieser Industrien ist, kann man sich das beinahe wie ein Tourist ansehen und das interessant finden. Die Frage ist allerdings, wann die eigene Industrie betroffen sein wird. In der Realität sind aber bereits alle Industrien betroffen. Man hat es nur vielleicht noch nicht bemerkt.

trend: Und wenn man es bemerkt, dann ist es zu spät…
Sutcliff: Entweder ist es zu spät, oder man muss selbst wieder innovativ sein, denn sonst wird man seine Position nicht halten können. Man hat die Wahl: Entweder man gibt auf und sagt, dass es zu spät ist, weil das eigene Geschäftsmodell disruptiert wurde oder man kann selber zum Disruptor werden. Etablierte Unternehmen haben das Wissen, die Kunden, die Assets, die finanziellen Möglichkeiten – alle Vorteile, von denen ein Start-up nur träumen kann. Warum sollten sie nicht selbst innovativ und zum Disruptor werden? Wenn es eine Möglichkeit gibt, das Angebot an die Kunden zu verbessern, es auf eine andere Weise zu machen - wenn man eine Möglichkeit sieht, Prozesse oder die eigene Industrie auf den Kopf zu stellen und dadurch zu verbessern – warum machen Sie es nicht einfach? Es geht darum, das eigene Business neu zu überdenken, sich zu überlegen, wie die Zukunft aussehen könnte und sie dann zu schaffen.


Buy it or kill it.

trend: Sind manche Unternehmen nicht schon zu groß geworden, um sie wieder disruptieren zu können? Ich denke da an die Unicorns, Unternehmen mit Milliardenbewertungen.
Sutcliff: In den meisten Bereichen gibt es ein, zwei dominante Plattformen, und alle weiteren sind nicht mehr relevant. Es gibt zum Beispiel Uber und Lyft, aber man braucht kein drittes oder viertes derartiges Unternehmen. Wenn ein Unternehmen einmal eine dominante Marktposition erreicht hat, ist es oft zu spät. Man muss früher aktiv werden, schon wenn eine neue Idee auftaucht. Die meisten Disruptoren sind unterfinanziert. Also kann man sie entweder kaufen oder sie unterkriegen. "Buy it or kill it."
Große Unternehmen müssen ihre Kraft nutzen. Sie haben viele Kunden, mit denen sie schnell kommunizieren können, sie wissen, wie sie ihre Karten ausspielen können. Es gibt keinen Grund, warum sie nicht selbst das Heft in die Hand nehmen sollten. Ein Start-up kann einem etablierten Unternehmen vielleicht einen Teil der Kunden wegnehmen, aber sobald ein großes Unternehmen verstanden hat, wie der Hase läuft, gibt es keinen Grund, warum es ein Start-up nicht übertrumpfen sollte.

trend: Uber oder Airbnb sind Musterbeispiele für den Einsatz und Einfluss neuer Technologien. Es wird auch viel darüber gesprochen, wie Uber, Airbnb und Co. Geschäftsmodelle in ihren Branchen aufmischen. Auf der anderen Seite scheint es aber relativ wenige Bemühungen zu geben, selbst aktiv zu werden.
Sutcliff: Das hängt von den Unternehmen, Branchen und Regionen, in denen sie aktiv sind, ab. In allen Regionen der Welt und in allen Branchen beginnen Unternehmen jetzt, die neuen Technologien zu ihrem Nutzen einzusetzen. Sei es, um ihren Kunden ein anderes Kundenerlebnis zu geben, um ihre Geschäftsprozesse umzubauen oder um manche Probleme, für die sie bisher keine Lösung hatten, zu lösen. Wir sehen durchaus Bewegung. Wir haben starke, zweistellige Wachstumsraten in allen Industrien und jedem Land der Welt. Aber natürlich gibt es Unterschiede bei dem Tempo, in dem Veränderungen herbeigeführt werden.
Je mehr man zum Beispiel in Anlagen investiert hat, desto unflexibler wird man. Man kann dann nicht einfach so von heute auf morgen sein ganzes Business über den Haufen werfen. Aber die Unternehmen verändern sich. Sie machen sich konkrete Gedanken, wann und in welchen Umfang die digitalen Tools und Technologien ausgerollt werden können. Wenn man unter die Decken schaut, dann wird in fast jedem Unternehmen daran gearbeitet. Die Entwicklung verläuft aber in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, abhängig von der Unternehmensführung, aber natürlich auch von den finanziellen Möglichkeiten oder den Kunden.


Es wird definitiv härter für Start-ups. Die Major Player werden zurückschlagen.

trend: Wird oder ist es für Start-ups mittlerweile schwieriger?
Sutcliff: Zweifellos. Es wird definitiv härter für Start-ups. Die Major Player werden zurückschlagen. Letztes Jahr waren zum Beispiel 36 Milliarden Dollar in Fintecs investiert. Ein signifikanter Anteil des Geldes stammte von etablierten Finanzinstituten. Sie investieren jetzt in die Unternehmen im Silicon Valley, in Israel oder Hong Kong. Deshalb ist Geschwindigkeit im digitalen Geschäft auch so wichtig. Wer schneller ist kann seine Konkurrenten überholen. Wenn jemand schneller ist als man selbst, dann hat man Pech gehabt.

trend: Neue Lösungen und Technologien setzen sich am ehesten durch, wenn sie auch einen ökonomischen Vorteil bieten.
Sutcliff: Das stimmt. Zum Beispiel werden heute Drohnen eingesetzt, um Öl- oder Gasleitungen zu überwachen. Drohnen vereinfachen die Wartung enorm. Es müssen keine Wartungstrupps mehr ausgeschickt werden, die eine ganze Pipeline abfahren, um sie zu kontrollieren. Mit Hilfe der Drohnen können die Arbeiter genau dorthin geschickt werden, wo es notwendig ist. Das ist jetzt nicht besonders sexy und klingt nicht nach rasendem Fortschritt, aber es steigert die Effizienz unheimlich und spart viel Geld.

trend: Das klingt gut, auf dem Weg zu solchen Lösungen gibt es aber trotzdem oft scheinbar unüberwindbare Hürden.
Sutcliff: Die Unternehmen haben ein Kerngeschäft, um das sie sich kümmern müssen. Wenn sie sich in Richtung des neuen Geschäfts bewegen, dann gibt es Fragen wie: Wie viel muss ich investieren? Wie viel Risiko muss ich eingehen? Wie viel Zeit habe ich, um in die neue Richtung zu schwenken? Wie schnell wird mein heutiges Kerngeschäft verschwinden?
Theoretisch kann man natürlich sagen, dass sich die Unternehmen so schnell wie möglich bewegen sollten. Aber weil eben das Geschäft weiterlaufen muss kann man nicht Hals über Kopf werfen. Es ist smart, die richtige Balance zu finden. Das Geschäft weiterzuführen, Geld zu verdienen und gleichzeitig in die Zukunft zu investieren und neue Lösungen zu entwickeln. Oft müssen dafür auch erst das die richtigen Leute gefunden werden.

trend: In welchen Bereichen sehen Sie größten Veränderungen und Herausforderungen auf uns zukommen?
Sutcliff: Artificial Intelligence – die künstliche Intelligenz mit ihren zahlreichen verknüpften Technologien wie Spracherkennung und Steuerung, Texterkennung, Bild- und Videoanalyse – wird uns als Thema in den nächsten Jahren in vielen Bereichen treffen. Dazu gehören auch Chatbots, Automatisierung. Daneben Immersive Experience: Die Verknüpfung von Augmented Reality, Virtual Reality und Mixed Reality. Lösungen, die Leuten helfen, ihre Arbeit besser machen zu können.
Es gibt zum Beispiel eine Augmented Reality Lösung, für die Wartung von Atomkraftwerke, bei der das Wartungspersonal mit Hilfe eines Tablets praktisch in Anlagen hineinsehen kann, ohne sie öffnen oder betreten zu müssen. Blockchain wird nun mit Ethereum in Bereiche außerhalb des Finanzsektors etabliert und für Smart Contracting Lösungen eingesetzt. Ethereum ist wie ein Computer in der Cloud, der verschiedene Quellen überwacht und automatisch aktiv wird. Wir sind überzeugt, dass das eine große Sache wird. Und dann Quantencomputer – noch gibt es die Hardware dafür nicht, aber die wird mit Sicherheit kommen. Das wird eine Revolution.

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