Kollege Roboter: Wie Software dem Menschen den Job wegnimmt

Roboter können Berichte schreiben, Anlagetipps geben und Gespräche führen. Dabei arbeiten sie schneller und genauer als ihre menschlichen Kollegen, sie werden nicht müde und kosten weniger. Unsere Jobs sind daher in Gefahr. Außer, wir setzen auf unseren einzigen Vorteil: Das Menschsein.

Kollege Roboter: Wie Software dem Menschen den Job wegnimmt

Dank Google DeepMind kann ein Roboter künftig besser lernen als ein Mensch. Doch er weiß noch lange nicht, was Kreativität ist.

Muss ich mir bald einen neuen Job suchen, weil meine Arbeit durch einen Roboter oder ein Computerprogramm ersetzt wird? Diese Frage haben sich in den vergangenen Jahren angesichts des Siegeszugs von Industrierobotern, PCs und Internetdiensten viele Arbeitnehmer gestellt. Und die Antwort schien immer klar: Routinierte, manuelle und meist schlecht bezahlte Arbeit kann mit Maschinen automatisiert werden, doch spezialisierte Wissensarbeiter können sich in Sicherheit wägen. Dies könnte sich nun ändern.

Das zeigt sich etwa an Wordsmith von Automated Insights – einer Software, die Daten findet, sortiert und in eine Textform setzt. Angewandt wird dies unter anderem von der Nachrichtenagentur Associated Press, um Quartalsberichte automatisch zu verfassen. Die Software ist nicht nur schneller als ein herkömmlicher Journalist, sie arbeitet auch genauer und unterscheidet sich in der Wortwahl nicht von den menschlichen Redakteuren. Die Menschen konzentrieren sich nun darauf, tiefergehende Artikel zu recherchieren und Analysen zu schreiben. Denn fundierte Finanztipps können nur Menschen geben, richtig?

TED-Talk von Wissenschaftler Andrew McAfee zum Thema: Nehmen Roboter uns die Jobs weg?

Nein. Das zeigt etwa das Unternehmen „Future Advisor“ aus San Francisco, das seinen Kunden automatisierte Investmenttipps gibt. Der Nutzer verbindet sich dazu mit seinen Bank- oder Onlinebroker-Daten oder gibt die Daten händisch ein; anschließend sagt ihm die Software, an welcher Schraube er drehen muss, um in der Pension mehr Geld zu haben. Der Dienst ist kostenlos.

Konstante Evolution…

Es scheint, als verginge kein Tag, an dem nicht ein neues Start-up mit einem revolutionären Dienst alte Geschäftsmodelle umkrempeln und Menschen aus ihren Jobs drängen möchte. So gibt es etwa das Unternehmen SmartAction, das Call Center obsolet machen wird, indem eine Computerstimme den Anruf entgegennimmt, mit dem Kunden spricht und bei Problemen hilft – die Software erkennt sogar das Gemüt des Gesprächspartners durch die Interpretation seiner Stimme.

Als Konkurrenz zu SmartAction steht das Start-up motion.ai in den Startlöchern – deren Versprechen: Mit nur wenigen Klicks können einfache KMUs, etwa eine Pizzeria, künstliche Intelligenzen kreieren, die auf der Website mit dem Kunden chattet und eine Bestellung entgegen nimmt.

…und die Erfindung des Gehirns

Doch all diese Konzepte haben eine gewaltige Schwachstelle: Sie sind bloß auf die Lösung eines einzelnen Problems getrimmt – müssen sie aber außerhalb ihrer Expertise agieren, so scheitern sie in vollem Ausmaß. So gelang es dem IBM-Supercomputer Deep Blue zwar 1996, den Schachweltmeister Garri Kasparow zu besiegen – hätten die beiden ungleichen Gegner aber stattdessen ein anderes Spiel, etwa das deutlich simplere Tic-Tac-Toe, gespielt, so wäre Kasparow als haushoher Sieger hervorgegangen. Doch auch diese Bastion des Menschen, die Fähigkeit zum Erlernen verschiedener Tätigkeiten, droht nun zu fallen.

Das verspricht zumindest Demis Hassabis, der 2010 das Unternehmen DeepMind gründete und es 2014 an Google verkaufte. Mit seinen 150 Mitarbeitern will das Unternehmen die erste universell einsetzbare künstliche Intelligenz schaffen: DeepMind kommt roh und ohne vorgegebene Inputs auf die Welt und lernt durch seine Erfahrungen.

Auf der Innovationskonferenz „Falling Walls“ in Berlin zeigte Hassabis anhand des Computerspiels „Breakout“, was dies in der Praxis bedeutet: Nach 100 Spieldurchläufen verhielt sich die Software noch sehr stümperhaft, nach 300 Spielen spielte sie so gut wie ein Mensch. Dann ließen die Entwickler die Software eine Zeit lang weiter laufen und trauten anschließend ihren Augen nicht: DeepMind hatte den exakten Winkel errechnet, mit dem die Spielkugel geschossen werden muss, damit sich das Spiel von selbst besiegt - das gelingt kaum einem menschlichen Spieler. Anschließend ließen sie die gleiche Software auf ein Autorennspiel los: Kurz darauf konnte DeepMind so gut fahren wie ein Mensch.

Beim Spiel "Breakout" kontrolliert der Spieler eine kleine Plattform (unten), die mit einem Ball eine Mauer (oben) Stück für Stück zerschießt. DeepMind schoss der Ball seitlich an der Mauer vorbei, so dass dieser regelmäßig abprallte und die Mauer von hinten selbständig zerstörte.

Die Anwendungsszenarien für selbstlernende Maschinen sind naturgemäß breit – im Grunde kann DeepMind überall angewandt werden, wo große Datenmengen im Spiel sind. Etwa könnte die Software neue Lösungen entwickeln oder interdisziplinär arbeiten – etwas, das menschlichen Fachexperten oft schwer fällt.

„Die Maschine könnte uns etwa auch das Lernen lehren“, sagt Hassabis: „Oder sie könnte uns Dinge über uns selbst beibringen. Etwa über Kreativität, unsere Träume oder unser Bewusstsein.“ Eine digitale Intelligenz könne viele Probleme lösen und die Welt zu einem besseren Ort machen, so Hassabis.

Maschinen gründen keine Gewerkschaft

In der freien Wirtschaft geht es weniger idealistisch zu. Hier geht es um Effizienz, und um Kosten. Denn Software wird nicht müde, ist nie schlecht gelaunt und will auch keine Mittagspause machen – im Gegensatz zu Menschen. So zeigte etwa eine Studie unter israelischen Richtern, dass diese vor ihrer Mittagspause deutlich härtere Urteile fällten als nach dem Essen, als ihr Hunger gestillt war. Bei Maschinen gibt es dieses Problem nicht. Sie gründen auch keine Gewerkschaft. Und sind meist günstiger als ihre menschlichen Kollegen.

Eine dem britischen „Guardian“ exklusiv vorliegende Meryll-Lynch-Studie betont, dass das Offshoren der Produktion in Billiglohnländer Arbeitskosten um 65 Prozent senken kann, während Automatisierung die Kosten gar um 90 Prozent drückt. Manche Länder und Sektoren sind hier fortgeschrittener als andere: Während weltweit im Schnitt 66 Roboter auf 10.000 Arbeiter kommen, sind es in der Automobilproduktion vin Japan bereits 1520.

Die Kosten für Roboter sind in den vergangenen Jahrzehnten jährlich um zehn Prozent gesunken und werden in Zukunft noch stärker fallen, das treibt die Kostendifferenz zwischen Automatisierung und Offshoring noch weiter auseinander. Bis zum Jahr 2018, so schätzen Industrievertreter, wird der Markt für Industrieroboter jährlich um 15 Prozent wachsen.

Doch was bedeutet dies für jene Menschen, die nicht in der Roboterbranche arbeiten? Sind nun all unsere Jobs in Gefahr?

Kreativität ist gefragt: So sichern Sie Ihren Job

Die Antwort auf diese Frage lautet in einer Studie der Oxford University aus dem Jahr 2013 ganz klar: Jein. Die Wissenschaftler schätzen, dass innerhalb der kommenden 20 Jahre 47 Prozent der Jobs in den USA durch Maschinen ersetzt werden können – merken aber zugleich an, dass Prognosen auf Grund stetig aufkommender neuer Technologien schwierig sind.

Klar zeigen jedenfalls die eingangs genannten Beispiele, dass nicht mehr nur manuelle Routinetätigkeiten von Maschinen übernommen werden, sondern auch wissensbasierte Berufe und Aufgaben, die ein vernetztes Denken erfordern. Die Maschinen funktionieren umso besser, je mehr Daten sie als Entscheidungsgrundlage bekommen; der Hype um Big Data und die Omnipräsenz von Sensoren spielen dem Kollegen Roboter in die Hände.

Hoffnung gibt es für den menschlichen Arbeiter dennoch. Denn es gibt den Oxford-Forschern zufolge Dinge, die der Roboter nicht so gut beherrscht wie der Mensch.

1. Die menschliche Wahrnehmung

Roboter können über Kameras sehen und über Mikrofone hören – doch die Tiefe und Breite der Wahrnehmung ist mit den natürlichen Sinnen des Menschen nicht vergleichbar. Wer einen Staubsaugerroboter besitzt, dem ist diese Tatsache bewusst: In einer aufgeräumten Wohnungen agiert das Gerät problemlos, doch Teppichfransen, herumliegende Kabel oder allzu neugierige Haustiere bringen den Helfer aus dem Konzept.

Unternehmen kennen dieses Problem und passen ihre Fabriken und Lagerhallen an die schwächere Wahrnehmungskraft der Maschinen an – doch wenn es um Improvisation geht, hat der menschliche Kollege noch die Oberhand.

2. Kreative Intelligenz

Freilich können Roboter Bilder malen. Und schon vor ein paar Jahren hat die FH St. Pölten mit GeMMA eine Software entwickelt, die nach einem mathematischen Modell automatisch Filmmusik kombiniert. Doch wahre Kreativität bedeutet, neue Dinge zu erschaffen, die einen Wert haben. Dazu gehört auch, bekannte Konzepte zu kombinieren, um daraus etwas Neues zu schaffen, das zugleich einen Sinn ergibt.

Und damit haben Computer noch Schwierigkeiten. Die Forscher gehen davon aus, dass Jobs mit hoher Anforderung an kreative Intelligenz über die nächste Jahrzehnte noch nicht ersetzt werden – seien es Künstler, Schauspieler oder Manager.

3. Soziale Intelligenz

Die soziale Intelligenz des Menschen ist in vielen Tätigkeiten unerlässlich – von Verhandlungen bis zur Altenpflege. Maschinen haben damit ein Problem. Auch ist es schwer, einer Software das Konzept dessen zu vermitteln, was der Mensch schlichtweg als „Hausverstand“ bezeichnet.

Ein Beispiel für die Wichtigkeit der menschlichen sozialen Intelligenz ist das Berliner Start-up GoButler: Hier arbeiten 120 Menschen als virtuelle Assistenten, die mit den Kunden per SMS kommunizieren, Antworten auf deren Fragen recherchieren und für sie den nächsten Urlaub buchen.

Der Mensch versteht stets die Frage des Kunden und reagiert bei Gelegenheit mit einem zwinkernden Smiley oder einem freundlichen Nebensatz – das hat deutlich mehr Charme als die hölzerne und oft frustrierende Interaktion mit digitalen Assistenten wie Apples Siri, Microsofts Cortana oder Google Now.

Auch hier glauben die Forscher, ähnlich wie bei kreativen Menschen, dass soziale Tätigkeiten über die nächsten Jahrzehnte nicht von Robotern ersetzt werden.

Die erste Welle trifft das Büro

Schlechter sieht es den Forscher zufolge aber für jene Menschen aus, bei denen die zuvor genannten Fähigkeiten weniger ausgeprägt sind: Vor allem in der Administration tätige Büroarbeiter werden zu den Ersten gehören, deren Jobs in den kommenden Jahren unter die Räder kommen – zusammen mit den Fabrikarbeitern, die durch Entwicklungen der Industrie 4.0 umdenken müssen und Logistik-Mitarbeitern, die durch selbstfahrende LKWs ersetzt werden.

Vor allem werden vom Umbruch am Arbeitsmarkt den Autoren zufolge schlecht bezahlte Jobs mit niedrigen Anforderungen betroffen sein: Je höher das Gehalt und je besser die Ausbildung, desto besser ist man der Studie zufolge gegen die Roboter-Revolution gerüstet. Jene, die ihre Jobs verlieren, werden daher in andere Jobs wechseln müssen – und das, so die Forscher, erfordert bei ihnen die Aneignung von sozialen und kreativen Fähigkeiten, gegen die kein Computer ankommt.

Für die Zukunft stellt sich dann die Frage, ob DeepMind Kreativität und soziales Verhalten schneller erlernen wird als seine menschlichen Konkurrenten.

Thomas Haller ist Managing Partner der globalen Strategieberatung Simon-Kucher & Partners.

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