Jeff Jarvis: "Jammern ist kein Businessmodell"

Jeff Jarvis

Jeff Jarvis, 62, ist Journalist, Blogger und Internetspezialist sowie Professor und Leiter des Tow-Knight Center for Entrepreneurial Journalism in New York.

Der bekannte Internetexperte und Buchautor Jeff Jarvis über die panische Angst europäischer Unternehmen vor der Digitalisierung, warum er neue Datenschutzgesetze für entbehrlich hält und wieso Donald Trump für Europa ein Segen ist.

trend: Wir haben in Europa viele Diskussionen, wie wir der fortschreitenden Digitalisierung begegnen sollen, und viele Ängste betroffener Unternehmer, die sich Regeln gegen die neuen digitalen Herausforderer wünschen, um ihr bisheriges Geschäftsmodell abzusichern. Sie haben dazu den Begriff "Eurotechnopanik" kreiert. Ist Europa panisch?
Jeff Jarvis: Zu versuchen, die Zukunft wegzuregulieren, wird nicht funktionieren. Das Einzige, was Sinn macht, ist, zu schauen, wohin die Reise geht, und möglichst rasch dorthin zu kommen. Es gibt keine Alternative dazu, sich anzupassen und zu verändern, auch wenn das oft mit viel Schmerz und Anstrengung verbunden ist und einige Unternehmen bestimmter Branchen panisch werden lässt. Doch davon sollte sich Europa nicht beeinflussen lassen.

trend: Sondern wovon? Was wäre die Aufgabe für europäische Regierungen?
Jeff Jarvis: Die Jahre der Trump-Präsidentschaft wären der ideale Zeitpunkt für Europa, in die Zukunft zu investieren und ein freundlicheres Umfeld für Investitionen im Bereich von Innovationen und Digitalisierung zu schaffen. Es gibt Bereiche wie Energie und Datenschutz, in denen Europa eine Führungsrolle übernehmen und Geschäft aus den USA abziehen könnte.

trend: Werden die USA durch Donald Trump so stark geschwächt?
Jeff Jarvis: Wir haben ein Durcheinander, wissen nicht, wie es weitergeht, sind unsicher. Das ist für Europa die einmalige Möglichkeit, auf bestimmten Gebieten die USA zu überholen. Erst kürzlich hat ein Investor wieder gesagt, dass er überlege, seine Gelder aus den USA abzuziehen und in Europa zu veranlagen. Das ist eine Riesenchance für Europa.


Das Einkommen ist nicht gottgegeben. Man hat sich stets mit neuen Wettbewerbern zu messen.

trend: Die hierzulande aber nicht als solche empfunden wird. Was sagen Sie Menschen, die Angst haben, dass sie durch die fortschreitende Digitalisierung ihr Einkommen verlieren könnten?
Jeff Jarvis: Das Einkommen ist nicht gottgegeben. Man hat sich stets mit neuen Wettbewerbern zu messen. Wir in den Verlagen haben geglaubt, auch in Zukunft immer von Werbung leben zu können -bis Google kam und einfach ein besseres Angebot machte. Aber wir haben nicht richtig reagiert. Wir haben protestiert, uns beschwert und gejammert, aber das ist kein Rezept für die Zukunft. Es gibt kein Businessmodell, das auf Jammern aufgebaut ist.

trend: Das Raunzen und Jammern ist also gar nicht so sehr eine rein europäische Verhaltensweise. Was macht die USA dann innovativer und erfolgreicher?
Jeff Jarvis: Auch bei uns brechen die Jobs weg, und die Angst davor trug möglicherweise auch zur Wahl von Donald Trump bei. Die Angst existiert allerdings mehr in den kleinen Städten als in den Konferenzräumen großer Unternehmen. Dort wird viel Geld für jene Themen in die Hand genommen, die für unsere Zukunft von Bedeutung sind.

trend: Zum Beispiel?
Jeff Jarvis: Google und Facebook haben erkannt, dass künstliche Intelligenz ihr Business sehr verändern wird, darum investieren sie jetzt intensiv in die Entwicklung entsprechender Technologien - mit dem Ziel, dass wir mit unseren Computern reden können. Ich sage zu meinen Studenten stets: Wenn Journalisten ein Problem erkennen, berichten sie über das Problem und glauben, damit sei ihr Job getan. Wissenschaftler und Techniker sehen ein Problem und suchen nach einer Lösung. Unternehmer hingegen erkennen ein Problem, sehen darin eine Chance und suchen nach Möglichkeiten, daraus ein Geschäft zu machen. Und genau das macht Google und andere so stark.


Unternehmer erkennen ein Problem, sehen darin eine Chance und suchen nach Möglichkeiten, daraus ein Geschäft zu machen

trend: Sind die Unternehmer in den USA innovativer als in Europa?
Jeff Jarvis: Ich glaube nicht. Vor vielen Jahren arbeitete ich für Startups in Deutschland. Es gibt dort hervorragende Gründer. Ihr Problem ist allerdings, dass es für sie sehr schwer ist, genügend Geld zu bekommen. Erst unlängst habe ich auf einer Konferenz in Europa wieder von Start-ups gehört: Sobald sie größer werden und mehr Geld verbunden mit mehr Risiko benötigen, müssen sie nach Amerika. Dadurch entsteht natürlich auch eine Abwanderung von Humankapital und Innovation in Richtung USA. Doch das müsste nicht passieren. Investoren, Banken und Regierungen müssen einfach nur für viel bessere Rahmenbedingungen sorgen.

trend: Scheitert es tatsächlich nur an diesen Dingen oder gibt es auch kulturelle Unterschiede?
Jeff Jarvis: Natürlich sind es auch andere Faktoren. Einer davon ist, dass die richtige Einstellung fehlt, um Risiko auf sich zu nehmen. Aber auch die Bereitschaft, öffentlich zu versagen. In den USA tragen Unternehmer ihre Misserfolge wie Ehrenabzeichen an der Brust. Da werden Produkte immer zunächst als Betaversion herausgegeben, damit Unternehmen von den Kunden und Usern lernen können. Und sie sind dabei auch bereit, zu scheitern. Facebook macht dies die ganze Zeit: Sie probieren neue Anwendungen aus, und wenn etwas nicht funktioniert, stoppen sie es sofort. Das wird von niemandem von uns als Schande empfunden. Im Gegenteil, wir schätzen die Lehren, die wir daraus ziehen. Das ist ein kultureller Unterschied -und umso mehr eine Aufgabe der Bildung, jungen Menschen beizubringen, unternehmerisch zu denken und etwas zu wagen.

trend: Können Sie ein Unternehmen in den USA nennen, das es erfolgreich geschafft hat, sich der Digitalisierung zu stellen?
Jeff Jarvis: Es gibt auch bei uns nur wenige Beispiele von Unternehmen, die es geschafft haben, ihre Angst zu überwinden und sich radikal zu wandeln. Das beste Beispiel ist Netflix mit dem nahezu lächerlichen ursprünglichen Businessmodell, Videobänder und DVDs an die Haushalte seiner Kunden zu verschicken. Man hat sehr schnell erkannt, dass das Internet den Untergang dieses Geschäfts bedeuten werde, Streaming hingegen völlig neue Möglichkeiten bietet -mit großem Erfolg. Im Gegensatz dazu hat die Medienindustrie einen schlechten Job gemacht, der klassische Handel ist dank E-Commerce in Schwierigkeiten, und die Banken setzen weiterhin sinnloserweise auf den Bau von Bankfilialen.

trend: Was können wir dann überhaupt von Amerika lernen?
Jeff Jarvis: Ich habe öfters Unternehmer aus Europa zu Besuch, die genau das Gleiche fragen. Ich sage ihnen immer, der größte Unterschied ist, dass Unternehmen hierzulande schneller sterben. Die beste Strategie für Europa ist also, unsere höhere Geschwindigkeit zu nutzen und nicht die gleichen Fehler zu machen.


Wenn wir die Zukunft andauernd an der Vergangenheit messen und versuchen, die Zukunft damit zu verhindern, vergeben wir wertvolle Chancen.

trend: Das ist aber der europäischen Politik zu wenig. Da wird an neuen Rechtsvorschriften zum Einsatz von intelligenten Geräten gearbeitet, eine Datenschutz- Grundverordnung beschlossen oder über Gesetze zum Einsatz von Robotern diskutiert...
Jeff Jarvis: Es ist völlig natürlich für Institutionen, zu versuchen, Veränderungen der Zukunft abzuwehren oder in den Griff zu bekommen. Ich glaube aber, dass es für Regulatoren unmöglich ist, in Zeiten des vulkanartigen Wandels in die Zukunft zu schauen. Vor einigen Jahren sagte ein deutscher Politiker, dass die Kombination aus Gesichtserkennung und Lokalisierungstechnologie generell verboten werden sollte - aus Angst, dass dies zu Missbräuchen führen könnte. Aber es gab keine Diskussion darüber, wie dies für positive Dinge eingesetzt werden kann, wie man damit verloren gegangene Kinder finden oder Kriminelle aufspüren könnte. Wenn wir die Zukunft andauernd an der Vergangenheit messen und versuchen, die Zukunft damit zu verhindern, vergeben wir wertvolle Chancen.

trend: Tatsache ist aber auch, dass unsere Privatsphäre durch die Digitalisierung immer bedrohter wird und wir darum neue Regeln für ein korrektes Miteinander im Internet benötigen.
Jeff Jarvis: Wir haben doch schon genügend Gesetze! Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bei uns sind "First-Class Mails" vor behördlichen Zugriffen ohne richterlichen Beschluss mit dem Briefgeheimnis geschützt. Doch dann kamen Mails und Chats, und diese sind nicht geschützt, weil sie keine Briefe sind. Das Gesetz hätte also prinzipieller formuliert werden müssen. Darum glaube ich, dass sämtliche Versuche, Gesetze für bestimmte Technologien zu formulieren, zum Scheitern verurteilt sind. Privatsphäre ist wichtig und bedeutend. Aber wir haben genügend Gesetze, um diese zu schützen.


Sämtliche Versuche, Gesetze für bestimmte Technologien zu formulieren, sind zum Scheitern verurteilt.

trend: Diese sind allerdings schon jetzt weniger streng als in Europa -mit unabsehbaren Folgen für jeden Einzelnen...
Jeff Jarvis: Diese Gesetze sind völlig ausreichend. Wenn ich mich bewerbe, kann niemand übersehen, dass ich weißes Haar habe und im mittleren Alter bin. Wenn ich deswegen diskriminiert werde und den Job nicht bekomme, kann ich dagegen ankämpfen auf Basis der Gesetze, die es heute schon gibt. Es ist der Gebrauch von Information, auf die es ankommt. Wir sollten nicht, nur weil eine Technologie neu ist, gleich davon ausgehen, dass sie missbraucht wird.

trend: Aber das wird sie ja jetzt schon -umso wichtiger sind doch präzise Regeln des Datenschutzes.
Jeff Jarvis: Ich würde vorsichtig mit der Forderung nach neuen Regeln sein. Denn wenn man versucht, das Sammeln von Daten zu verhindern, bedeutet das, das Sammeln von Wissen zu verhindern - und das sollte in einer modernen Gesellschaft nicht passieren. Ich war Teil einer Initiative des Weltwirtschaftsforums rund um Datenschutz, wo Gesundheitsunternehmen davor warnten, das Sammeln von Daten einzuschränken, weil wir sonst weniger über die Entstehung und Heilung von Krankheiten erfahren würden. Es gibt das Prinzip, dass in einer freien Gesellschaft Wissen frei verfügbar sein soll. Niemand darf Information besitzen und niemand darf sagen, dass er etwas nicht wissen darf, was er bereits weiß. Wir alle sollten die Gefahr kennen, die davon ausgeht, wenn Leute etwas nicht wissen dürfen. Das hat in einer freien und modernen Gesellschaft nichts zu suchen.


Darwin's Circle

VERANSTALTUNG: JEFF JARVIS KOMMT NACH WIEN

Internetexperte Jeff Jarvis und weitere digitale Innovationsleader von Unternehmen wie Alibaba, Facebook und Google kommen am 28. September zu DARWIN'S CIRCLE nach Wien. Auf Österreichs neuer internationaler Tech-Konferenz werden neben aktuellen Digitalthemen wie künstliche Intelligenz (AI), Internet der Dinge (IoT), Zukunft der Mobilität und Fintech auch sozialpolitische Themen wie die Zukunft der Arbeit oder die "digitale Verantwortung" diskutiert.

Nähere Informationen zu der vom trend unterstützten Konferenz, zu den Sprechern und den Teilnahmebedingungen finden Sie unter www.darwins-circle.com.

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