IT-Veteranen aus der Pension zurück zum Großrechner

Altes IT-Know-How wird in der Finanzbranche wieder dringend benötigt. IT-Experten werden aus dem Ruhestand geholt, um die IT-Systeme in Betrieb zu halten oder auf neue Computersysteme umzustellen. Die alte Programmiersprache Cobol wird auf einmal wieder gebraucht. Viele Manager haben Angst vor Systemumstellung.

IT-Veteranen aus der Pension zurück zum Großrechner

IT-Experten, die auf der aussterbenden Spezie der Großrechner gearbeitet haben, sind auf einmal wieder nachgefragt.

New York. Mathematik zu lernen alleine ist zu wenig, aber auch Programmieren selbst, kann nicht genügen, wenn es um die Wartung oder gar Mutation von Alt-IT-Systemen und Programmen auf die aktuelle IT-Infrastruktur geht. Und da im Besonderen, wenn es um Informationstechnologie von Banken geht. Die Umstellungen sind heute oft sehr mühsam und teuer, dauern Jahre. Der Grund: Die einstigen IT-Experten sind in Ruhestand. Und die damals verwendeten Programmiersprachen - ganz besonders Cobol - werden nicht mehr oder kaum noch gelehrt. Außerdem fehlen heute Dokumentation und Handbücher, die noch in den 1980ern zum Einsatz kamen.

Einer der aus dem Ruhestand zurückgeholt wird, ist Bill Hinshaw. Der 75-Jährige verbringt seit kurzem seinen Ruhestand etwas anders als der Durchschnittspensionist. Der Großvater von insgesamt 32 Enkeln und Urenkeln ist zwar auch bei seiner Familie. Das Arbeiten aber kann er nicht lassen. Er hilft amerikanischen Unternehmen dabei, ihre Computersysteme am Laufen zu halten. Sein Alter ist dabei kein Nachteil. Im Gegenteil: Es ist ein Asset, das Unternehmen nicht genug schätzen können.

Hinshaw erlernte das Programmieren in den 60er-Jahren, als ein Computer so groß wie ein Zimmer war und mit Lochkarten arbeitete. Der Unternehmer gehört zur immer kleiner werdenden Zahl von Experten für die Programmiersprache Cobol. Auch in Deutschland und Österreich wurde die Programmiersprache in den 80-Jahren noch unterrichtet. Selbst in Schulen galt Cobol neben Basic als eine von zwei Programmiersprachen, der damals noch eine große Zukunft vorausgesagt wurde, aber durch andere Sprachen allmählich in den 90er-Jahren abgelöst wurden.

Back in Business - Bill Hinshaw kann etwas, was viel nicht (mehr) können: Der 75-jährige Pensionist beherrscht die Programmiersprache COBOL, die vor allem in IT-Systemen der Finanzbranche im Einsatz ist und dort den Managern Kopfzerbrechen bereitet.

Obwohl es längst modernere Programmiersprachen gibt, ist Cobol aus großen Banken, Konzernen und Teilen der US-Regierung nicht wegzudenken. Denn die leistungsfähigen Computersysteme der Firmen und Behörden wurden oft in den 70er- oder 80er-Jahren aufgebaut und nie ganz ersetzt. Sie sind heute noch auf sogenannten Großrechnern, auch Mainframes genannt, im Einsatz.

Die Ur-Sprache feiert Comeback

Vor allem für die Finanzbranche hat die Uralt-Programmiersprache eine große Bedeutung. Täglich werden Transaktionen mit einem Volumen von schätzungsweise drei Billionen Dollar über Cobol-Systeme abgewickelt. Dabei geht es um Girokonten, Kartennetze, Geldautomaten und die Abwicklung von Immobilienkrediten. Weil die Banken aggressiv auf eine Digitalisierung ihres Geschäftes setzen, wird Cobol sogar noch wichtiger. Denn Apps für Smartphones etwa sind in modernen Sprachen geschrieben, müssen aber mit den alten Systemen harmonieren.

In solchen Fällen kommen Hinshaw und andere Experten ins Spiel. Vor ein paar Jahren wollte der 75-Jährige aus Nordtexas seine IT-Firma eigentlich schließen und in Pension gehen. Aber seine früheren Kunden riefen immer wieder an und wollten Hilfe. Im Jahr 2013 gründete Hinshaw schließlich eine neue Firma, die Kontakte zwischen Konzernen und Experten vermittelt. Erfahrene Cobol-Programmierer können mehr als 100 Dollar in der Stunde verdienen, wenn sie Fehler beseitigen, Handbücher neu schreiben oder dafür sorgen, dass die alten Systeme mit den neuen zusammenarbeiten.

Die Tücken der Komplexität

Für Konzerne ist das allemal billiger, als die alten Systeme ganz aufzugeben - was ohnehin riskant wäre. Der frühere Barclays-Chef Antony Jenkins sagt, für Geldinstitute gehe es nicht nur darum, dass es immer weniger Spezialisten gebe. Die heutigen Großkonzerne sind oft das Ergebnis etlicher Firmenfusionen. "Es ist unheimlich komplex", sagt Jenkins, der heute neue IT-Systeme an Banken verkauft. "Die alten Systeme der verschiedenen Generationen haben mehrere Ebenen und sind oft stark miteinander verwoben." An eine Systemumstellung denken manche Bankmanager deswegen nur mit Grauen.

Ihr Alptraum ist, dass dabei ein Fehler unterläuft und Millionen Kundendaten verschwinden. Zugleich wissen die Verantwortlichen, dass sie nicht ewig auf eine Expertengeneration setzen kann, die irgendwann ausgestorben ist.

IBM - ein Pionier im Bereich der Mainframe-Computer - sieht die Zukunft weniger schwarz. IBM hat in den vergangenen 50 Jahren stets auf Mainframe-Computer gesetzt, sie weiter entwickelt, währenddessen andere Konzerne das sichere Ablaufdatum prognostiziert hatten. Spätestens zum Jahrtausendwechsel, hieß es von der IBM-Konkurrenz, würde der Mainframe eingemottet werden. Sie sollten irren. Und IBM setzte unverdrossen auf ein vermeintlich lahmendes Pferd.

Das Sprachtraining

Und "Big Blue" überlässt auch heute noch nichts dem Zufall, wenn es um Bits & Bytes der Alte-Systeme geht. Im Genteil: IBM bildet junge IT-Spezialisten in Cobol aus und hat nach eigenen Angaben innerhalb von zwölf Jahren mehr als 180.000 Entwickler geschult. "Nur weil eine Sprache 50 Jahre alt ist, heißt das nicht, dass sie schlecht ist", sagt Mitarbeiterin Donna Dillenberger.

Cobol-Veteranen wie Hinshaw argumentieren jedoch, dass es nicht reiche, die Sprache zu beherrschen. Einzelne Systeme sind sehr unterschiedlich, und die Programmierer hinterließen in den Frühtagen nur selten Handbücher. Das erschwert heute die Fehlerbehebung, die Systemwartung und gar den Transfer auf neue IT-Systeme, bei denen andere Programmiersprachen verwendet werden.

Der Marathon zum Umstieg

In den USA beginnen Banken nur langsam damit, Systeme komplett auf modernere Sprachen umzustellen. Dabei können sie von Erfahrungen im Ausland lernen. So löste die Commonwealth Bank of Australia ihr zentrales System 2012 mit Hilfe der Unternehmensberatung Accenture und dem Softwarekonzern SAP ab. Letztlich dauerte die Umstellung fünf Jahre und kostete mehr als 1 Mrd. australische Dollar (712,91 Mio. Euro). Einen ähnlichen Schritt hat die schwedische Bank Nordea bis 2020 vor sich.

Bis es für andere Institute soweit ist, müssen sie frühere Angestellte reaktivieren - obwohl deren Wissen einst als überflüssig eingeschätzt wurde. Das berichtet beispielhaft ein Cobol-Programmierer, der 2012 entlassen worden war. Mit gewisser Häme reiben sich daher heute Cobol-Programmierer die Hände. Sie wurden sukzessive entlassen, weil ihr Know-how veraltet schien. Und ihre Mitarbeit zu teuer wurde.

Stattdessen sollten jüngere und billigere Angestellte mit einer Ausbildung in neueren Sprachen die Cobol-Jobs übernehmen. Der geschasste Cobol-Experte wurde zwei Jahre nach seiner Entlassung wieder zurückgeholt. Als Freiberufler kam er in dieselbe Firma zurück, weil die Manager auf unerwartete Probleme gestoßen waren. "Die Rückbeorderung in die Bank war für mich wie eine Ehrenrettung", sagt der Experte.

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