"Wer es nicht versteht, der stirbt"

"Investment Punk" Gerald Hörhan mit seinem neuen Buch "Der stille Raub".

"Investment Punk" Gerald Hörhan mit seinem neuen Buch "Der stille Raub".

Als "Investment Punk" ist Gerald Hörhan, der wohl schrägste Vogel der Finanzbranche, bekannt geworden. Darauf will er sich jedoch in Zukunft nicht mehr beschränken, denn sonst könnte er am Ende selbst auch zu einem Opfer der Digitalisierung werden. Wie große Teile der Mittelschicht, wie er in seinem Buch "Der stille Raub" beschreibt.

Image verpflichtet. Deshalb lässt sich Gerald Hörhan, der wohl schrägste Vogel der Finanz- und Investment-Branche, zum Interview-Termin noch einmal das richtige Styling verpassen: Seine Haare werden zum Irokesen hochgekämmt, er schlüpft in die bereitgelegte, standesgemäß zerschlissene Lederjacke und die mit einem Union Jack geschmückten Dr. Martens werden nochmals aufpoliert.

So kennt man den selbsternannten "Investment Punk". Mit gleichnamigen dem Buch, das den Untertitel "Warum ihr schuftet und wir reich werden" trägt, und Auftritten in TV-Talkshows ist der 1975 geborene Wiener im deutschsprachigen Raum bekannt geworden. Es folgten weitere Bücher mit den Titeln "Gegengift: Wie euch die Zukunft gestohlen wird. Was ihr dagegen tun könnt", "Null Bock Komplott: Warum immer die Weicheier Karriere machen und wie ihr es trotzdem schafft". Darin zog Hörhan über die spießige Finanzwelt her und übte Kritik an dem auf Pump finanzierten Lebensstil der Mittelschicht.

Seither war Hörhan nicht untätig. Als umtriebiger Unternehmer, Finanzjongleur und Immobilien-Investor ist er laut Firmenbuch aktuell Geschäftsführer, Gesellschafter, Vorstand und Aufsichtsrat in insgesamt 14 Unternehmen. Er hat in zahlreiche Immobilienprojekte investiert, Millionen verdient und seine "Investmentpunk Academy" in Wien aufgebaut.

Das eigentliche, einschneidende Erlebnis, das Hörhan nun dazu gebracht hat, nach mehrjähriger Pause wieder ein Buch zu schreiben, geht auf den Jänner 2014 zurück. Er besuchte damals das Seminar "Business Mastery" in Florida, für dessen Teilnahme er 10.000 Dollar bezahlt hatte, und hörte dort von den radikalen, einschneidenden Veränderungen der Digitalisierung, von der Macht der Sozialen Medien und der disruptiven Kraft der neuen Technologien. Und Hörhan begriff: Wenn er nicht beginnen würde, die Kräfte der Digitalisierung für sich und seine Geschäfte zu nutzen, dann würde er selbst bald nur noch "der alte Punk" sein, für den sich kaum jemand mehr interessiert. Er hätte zwar vermutlich immer noch reichlich Geld, aber während er sich in Zukunft bestenfalls Business-Flüge leisten könnte, würden die wahren Gewinner der Digitalisierung - in "Der stille Raub" bezeichnet er sie als "Nerds mit Milchgesichtern" - in Privatjets an ihm vorbei düsen. Eine Vorstellung, die der Investor, der sagt, dass "Geldverdienen schon immer seine Lieblingsbeschäftigung war", nicht hinnehmen wollte.

Also beschäftigte er sich mit dem Internet, Sozialen Medien, neuen Technologien und begann seine Unternehmen umzukrempeln. In "Der stille Raub - Wie das Internet die Mittelschicht zerstört und was Gewinner der digitalen Revolution anders machen" sieht er sich bereits auf der Seite der Gewinner. "Mein Buch soll anregen, zu den Gewinnern zu gehören. Die Chancen sind gigantisch für kreative Unternehmer, die etwas bewegen wollen. Die Bewahrer werden dagegen unter die Räder kommen. Und es wird viele Verlierer geben" sagt er beim Interview mit dem trend in der Investmentpunk Academy, in der Wiener Innenstadt.

trend: Mit Ihren früheren Positionen, die sie in Büchern beschrieben haben, konnte ich nie viel anfangen. Sie mochten zwar vielleicht Recht haben, dass ich niemals reich werden würde, doch es war meine Entscheidung, mein Leben so zu gestalten. Mit dem neuen ist das anders. Die Zeiten haben sich geändert. Nicht die Entscheidungen der Vergangenheit werden bestimmen, wer zu Gewinnern und wer zu Verlierern gehört, sondern die Entscheidungen, die wir jetzt treffen werden.
Gerald Hörhan: Ja, aber man muss die richtigen Entscheidungen treffen. Wer sich nicht für die Digitale Ökonomie interessiert, wird aufs Abstellgleis kommen. Man muss sich damit beschäftigen.

trend: Auch Ihre Branche, der Finanzsektor, wandelt sich gerade rasend. Sehen Sie dort schon die Zeit des Erwachens gekommen?
Hörhan: Noch sehr begrenzt. Den Banken geht es nicht gut. Denken Sie nur an die UniCredit, die Deutsche Bank oder die Commerzbank. Jobs werden gekürzt, Filialen geschlossen. Die goldenen Zeiten im Bankgeschäft sind vorbei. Eine neue Bescheidenheit ist eingekehrt, sogar bei Investment-Banken. Während meiner Harvard-Zeit wollte jeder noch zu Goldman Sachs und anderen Investment-Banken. Es gab für einen Job eine Schlange an Studenten. Heute ist das anders. Die Studenten fragen sich, warum sie dort arbeiten sollten. Das Bankgeschäft scheint ihnen nicht mehr als zukunftsfähig.

trend: Es gibt zu viele Banken, zu viele Filialen und die alten Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr.
Hörhan: Nicht nur das. Vor allem knabbern Fintech-Startups an den lukrativsten Ecken des Bankgeschäfts. Sie attackieren Banken beim Zahlungsverkehr, bei Konsumkrediten oder beim Verkauf von Finanzprodukten an Kleinanleger.

trend: Wie sollten die Banken denn nun reagieren?
Hörhan: Konzerne haben Strukturen, für die jedes neue Geschäftsmodell eine Bedrohung ist. Die alten Machthaber kämpfen daher dagegen an. Es ist aber eine neue Firmenkultur nötig. Konzerne müssen sich auf Innovation trimmen. Bürokratie darf nicht alles beherrschen. Ein Kollege kam einst mit roter Krawatte in die Arbeit, und wurde wieder heim geschickt, denn: es war blauer-Krawatten-Tag. Ein guter Programmierer hat keine Krawatte.

trend: Das klingt nicht nach einem Unternehmen, in dem junge, innovative Mitarbeiter gerne andocken.
Hörhan: Digital Natives sind rar. Sie können sich ihre Arbeitsplätze aussuchen. Und zu einer Bank zum Beispiel werden sie sicher nicht gehen, wenn sie sich dort blödsinnigen Regeln unterwerfen müssen: Compliance Codes, Dress Codes, Krawattentage und anderer Schwachsinn. Also kommen Banken und andere Konzerne weiter in Rückstand. Konzerne müssen eine Möglichkeit für Corporate Entrepreneurship schaffen. Aber wenn man eine extreme Bürokratie hat, kontrolliert von Risk Managern, Compliance Managern und Arschkriechern, wird Ihnen das alles nicht helfen.

trend: Den Widerstand der Etablierten gibt es doch fast überall.
Hörhan: Für viele alte Hasen ist es schwer zu verdauen, dass so ein Milchgesicht daherkommt und sagt, wo es langgeht. Und dabei sogar noch mehr verdient. Das ist ein inhärenter, kultureller Konflikt. Die Arbeitsweise in der New Economy ist intensiv, wie eine College Party, kombiniert mit beinhartem Geschäftssinn. Arbeit und Freizeit fließen ineinander.

trend: Es überrascht mich nicht, dass das zu Problemen führt.
Hörhan: Die Firmenkultur von vielen klassischen Konzernen ist innovationsfeindlich. Innovative Mitarbeiter haben keinen Anreiz, etwas zu versuchen. Wenn einer etwas Neues macht und es geht gut, dann bekommt er maximal einen feuchten Händedruck. Wenn es aber schiefgeht, dann kann es den Job kosten. Also wäre der erste Schritt, dass man in Unternehmen ein Anreizsystem schafft, das Innovationen belohnt. Dann muss man im Sinne von Corporate Entrepreneurship überlegen, wie man so was aufbaut. Als eigene Tochterfirma, als Joint Venture oder auch als Corporate Venture Capital. Konzerne müssen sich auf Innovation trimmen.

trend: Es kommt auch immer wieder vor, dass Projekte von einem Manager gestartet und vom nächsten wieder abgesägt werden.
Hörhan: Das ist eine Frage der Führung. In der New Economy reden wir aber nicht mehr von „Nice to Have“. Wir reden von „Have or Have Not“, von "Leben oder Tod". Konzerne, die das nicht verstehen, sterben. Und Staaten mit wirtschaftsfeindlicher Politik werden leiden, denn Online-Firmen konkurrieren global.

trend: In ihrem Buch schreiben Sie davon, dass es bald kein Mittelfeld mehr geben wird. Sie nennen das "Olympia-Prinzip": Der Sieger bekommt fast alles. Das Geld, den Ruhm, die Ehre. Dann gibt es noch den Silber- und den Bronze-Medaillengewinner, für den Rest interessiert sich keiner.
Hörhan: Das geht jetzt rasend schnell. Man wird überrollt. In den nächsten drei bis fünf Jahren werden die Würfel fallen, wer im deutschsprachigen Raum zu den digitalen Gewinnern und Verlieren zählt. In jeder Branche. Vom Nachhilfe-Lehrer über den Schlosser zum Investment-Banker. Selbst Ärzte, Anwälte oder Immobilienmakler können nicht sagen, dass ihnen nichts passieren kann. Die Besten der Besten werden weiterhin besser verdienen als bisher, aber die breite Masse fällt durch den Rost. Man muss eine Marke schaffen, durch Online-Marketing. Jedes Restaurant muss heute online zu finden sein, am besten mit guten Rezensionen. Einfach nur eine gute Küche und eine schöne Lage reichen nicht mehr. Wer die Funktionsweise der digitalen Ökonomie beherrscht, und das sind etwa zehn Prozent der Marktteilnehmer, wird am Ende Teil eines Oligopols sein.

trend: Das klingt sehr düster. Die große Masse geht kaputt, wir sind alle bedroht...
Hörhan: Man muss eben lernen. Nehmen Sie mich. Ich bin ausgebildeter Investment Banker. Das ist Old Economy, Bricks and Mortar. Ich habe mir alles selbst angeeignet, und bin nicht mehr der Jüngste mit meinen 41. Es geht, wenn man Online Marketing lernt, Programmieren, Virtual Reality, Logistik, Datenanalyse, IT-Ethik und dergleichen. Dann hat man nicht goldene Zeiten vor sich, sondern Zeiten aus Diamant. Mitarbeiter, die sich nicht damit beschäftigen, werden "unemployable" sein. Es ist aber niemandem verboten, sich das entsprechende Wissen anzueignen. Es gibt kein Informations-Monopol. Es gibt Online-Kurse, Videos, Bücher, Seminare - man kann sich alles aneignen.

trend: Dabei kann man sich auch verlaufen.
Hörhan: Klar wirft das auch ethische Fragen auf. Journalisten haben sich wenigstens an Standards zu halten. Im Gegensatz zu YouTubern, die mitunter die doppelte Reichweite der Bild-Zeitung haben oder auch bald das Fernsehen überflügeln und daher die Werbe-Dollars bekommen. Soziale Medien können auch rechts- oder linksextreme Positionen verstärken. Feindbilder zu schaffen wird hoffähig gemacht. Wir haben das bei Trump und beim Brexit gesehen. Früher hatten Politiker noch die Vision, etwas aufzubauen. Die Vision der Populisten ist es, zu zerstören. Die New Economy will Brücken bauen, verbinden und verbessern, doch die sozialen Verwerfungen, die durch die New Economy hervorgerufen werden - jung gegen alt, digital gebildet gegen digital ungebildet - werden viele Probleme verursachen. Auch wenn die New Economy der Welt viel Wohlstand bringen kann.

trend: Es will niemand ein Verlierer sein.
Hörhan: Es wird aber viele Verlierer geben. Im schlimmsten Fall stehen uns Arbeitslosenquoten von 30 bis 50 Prozent und "Failed States" bevor. Mein Buch soll anregen, zu den Gewinnern zu gehören. Die Chancen sind gigantisch für kreative Unternehmer, die etwas bewegen wollen. Die Bewahrer werden unter die Räder kommen. Und für Staaten gilt: Wenn man Geld hat, kann man eine Schule bauen, oder eine Waffenfabrik. Zu viele Regierungen wählen derzeit die Waffenfabrik. Sie sollten aber besser die Leute auf die New Economy voerbereiten. Keine Mauern bauen, sondern Schulen.

Kommentar
Peter Schentler, Principal Horváth & Partners Österreich

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