Home Office: Aufstehen. Anziehen. Agenda machen

Digitalexpertin Anitra Eggler spricht über ihre persönliche Corona-Krise, die mit Hochprozentigem begann und nun einen humorvollen Home-Office-Ratgeber hervorbrachte - vom Scheitern zum Schaumbad.

Home Office: Aufstehen. Anziehen. Agenda machen

trend: Frau Eggler, Sie sind jetzt in Zwangspause. Veranstaltungen und Vorträge sind ja im ganzen D-A-CH-Raum untersagt. Wie sah denn Ihre erste Krisenbewältigungsstrategie aus? Geschockt waren Sie ja sicher auch.
Anitra Eggler: Meine Krisenbewältigungsstrategie war kurz und klar. Sie wurde mir im Käseland am Naschmarkt in einem Glas über den Tresen gereicht. Der Schilcherbrand war eine solidarische Geste der herzensguten Käseland-Mitarbeiter, mit denen ich die Quarantäne-Rede von Sebastian Kurz im Radio angehört hatte. Es war Freitag der Dreizehnte. Dieser Märztag machte dem Aberglauben Ehre. Als ich das Käseland verließ, trat ich in eine neue Welt hinaus. Was sie für mich bedeuten würde, wurde mir erst klar, als die Wirkung des Klaren nachließ und ich zuhause eine weitere Event-Absage vorfand. Als Keynote-Speakerin trete ich meist vor über 200 Menschen auf. Mein erstes Halbjahr war zu diesem Zeitpunkt ausgebucht. Gewesen. Mir wurde schlagartig klar, dass mein Vortragsjahr enden würde, bevor es richtig begonnen hatte. Dann begann das, was die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross als die „fünf Phasen der Trauer“ bezeichnet. Nach 25 Jahren an vorderster Digitalisierungsfront hat man Scheitern gelernt und eine krisensichere Resilienz entwickelt. Ich durchlebte die Trauerphasen in Rekordgeschwindigkeit.


Leg dich aufs Sofa. Schlag’ die Zeit mit Serien tot. Tröste dich mit Schokolade. Bekomme Übergewicht. Ergib dich der Schwerkraft und bleib liegen!

Und haben als „Wiederauferstehung nach Ostern“, wie Kanzler Kurz das genannt hat, also direkt ein Buch geschrieben. Wie kamen Sie so schnell in die Gänge?
Eggler: Wie Jesus. Ich bin einfach nicht liegen geblieben. Zunächst leugnete ich die Möglichkeit, dass sämtliche Auftritte abgesagt werden würden – täglich kamen weitere Absagen. Dann zürnte ich meinem Schicksal – das machte es noch unerträglicher. Die dritte Phase erreichte ich am dritten Tag: Ich machte einen Kassensturz. Dann verhandelte ich rigide Sparmaßnahmen mit mir selbst. Anschließend erklärte ich mir, dass auch ein paar zwangsverordnete Home-Office-Wochen ein Luxuszustand sein können, wenn ich diese Zeit mit kreativer Arbeit erfülle. Das tröstete mich und setzte neue Energie frei, die mir die vierte Phase, die Depression, erleichterte – aber nicht ersparte. Den vierten Tag dominierte mein innerer Schweinehund. Seine Stimme klingt wie die der fiesen Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch. Alle paar Minuten meldete er sich zu Wort. Er flüsterte mir zu, dass jede kreative Anstrengung in Zeiten einer globalen Rezession vergeblich sei. „Gib auf, Anitra“, sagte er. „Leg dich aufs Sofa. Schlag’ die Zeit mit Serien tot. Tröste dich mit Schokolade. Bekomme Übergewicht. Ergib dich der Schwerkraft und bleib liegen!“ Abends trank ich einen weiteren Schnaps und knipste mir und dem inneren Schweinehund die Lichter aus. Am fünften Tag hatte ich Kopfschmerzen. „Nur Tote bleiben liegen!“, sagte ich und imitierte dabei die Stimme meines preußischen Großvaters. Dann stand ich auf und akzeptierte die neue Corona-Situation. An diesem Tag kam mir die Idee, einen kreativen Home-Office Survival Guide zu schreiben. Das war meine Rettung. Ich fing sofort an, Kunden, Kollegen und Freunde zu interviewen. Ich begann zu schreiben und plötzlich erlebte ich, dass es stimmt: Jede Krise steckt voller Chancen – man muss sie nur ergreifen.

Eine kluge Produktanpassung in Ihrem Portfolio, aber was qualifiziert Sie eigentlich dazu über Home Office zu schreiben?
Eggler: Sie werden lachen, das war auch die erste Frage, die ich mir selbst gestellt habe. Klar, ich schreibe seit zehn Jahren erfolgreich Ratgeber zum Thema „work smarter, not harder“ und habe über 200.000 Menschen mit den Büchern und einem Bühnenprogramm humorvoll von den fiesesten Krankheiten des Bürokriegers „digitaltherapiert“ – doch, darüber hinaus? Ich habe eine auch für mich überraschende Antwort gefunden: Ich habe das Home-Office-Gen! Kein Scherz. Als ich mit der Arbeit am Buch begann, fragte ich mich, wann ich eigentlich begonnen hatte, im Home Office zu arbeiten. Das war vor über 20 Jahren. Ich bin hybrid gestartet: drei Tage im Büro in Wien, vier Tage auf dem Land. Seit zehn Jahren arbeite ich nur noch im Home Office und das im digitalen Nomaden-Modus: Die Hälfte des Jahres ist mein Büro dort, wo ich gerade zuhause bin; das ist auf der ganzen Welt.

Qualifiziert einen das für einen Home Office Survival Guide?
Eggler: Zum Teil. Als ich weiter nachdachte, wurde mir erstmals bewusst, dass ich sogar im Home Office aufgewachsen bin, weil meine Eltern in den 70er Jahren aus heutiger Sicht Home-Office-Pioniere waren. Mein Vater war Elektrotechniker. Sein Beratungsbüro war bei uns zu Hause, meine Mutter hat ihm geholfen. Die Arbeit war immer da und meine Eltern auch. Das war meistens schön und manchmal schrecklich nervtötend, für alle. In Summe ist das für mich so normal, dass mich die Erkenntnis des Besonderen genauso überrascht hat, wie die Erkenntnis, dass Home-Office-Neulinge von der Gesamtsituation derart überfordert sind, dass sie entweder nicht richtig arbeiten können oder pausenlos arbeiten. Beides ist schlecht. Das Erste für die Wirtschaft, das Zweite fürs Wohlbefinden.
Das Aufwachsen im Home Office ist sicher ein Grund dafür, dass sowohl mein Bruder als auch ich seit über 20 Jahren sehr glücklich im Home Office arbeiten und uns keine andere Arbeitsart als Lebenskonzept vorstellen möchten. Nur, damit jetzt keiner denkt, wir hätten unsere Komfortzone nie verlassen: Mein Bruder war vor seiner Selbstständigkeit Konzernmanager. Ich war Start-up-Managerin von Internetfirmen.

Wer in der Digitalbranche oder in agilen Projektteams arbeitet, hat wohl einen kleinen Startvorteil dieser Tage.
Eggler: So ist es. Kleiner Vorteil, maximale Hebelwirkung. In der Internetbranche habe ich viel gelernt, was Home-Office-Neulinge jetzt in einem teils schmerzvollen Crashkurs lernen müssen: virtuelle Zusammenarbeit, Teamwork und Führen. In der Internetbranche war es bereits zur Jahrtausendwende ganz normal, dass man mit den Programmierteams virtuell zusammengearbeitet hat. Das lief zunächst über Mails, dann über den ICQ-Messenger, später über Skype, dann über Intranets. Als ich mich 2009 als Autorin und Keynote-Speakerin selbständig gemacht habe, war es für mich ganz selbstverständlich, etwa auch Webinars in meinem Auftrittskalender zu haben.
Was für mich so normal ist, dass es mir nie wirklich aufgefallen ist, hat das Leben und Arbeiten von Millionen Menschen in den vergangenen Wochen regelrecht ausgehebelt. Viele Menschen fühlen sich von der Home-Office-Situation überfordert und überfahren. Da kann ich Erste Hilfe leisten, dachte ich mir und habe alles, was ich über erfolgreiches und entspanntes Heimarbeiten weiß, in den Guide geschrieben.


"Liebe Führungskräfte, bucht euch täglich mindestens 30 Prozent Executive Time ein. Das klingt kompetent und schafft Raum, um zu arbeiten und um Pausen zu machen."


Ich gebe es zu, meine erste Woche Home Office habe ich im Pyjama bestritten, bis ich selbst erkannt habe, dass Disziplin und Struktur wichtig sind. Sie haben zwölf Maßnahmen zusammengestellt. Welche würden Sie für Neulinge als absolutes MUSS betrachten, nicht verhandelbar?
Eggler: Aufstehen. Anziehen. Agenda machen. Das ist nicht verhandelbar. Das muss Autopilot werden. Die Morgenroutine gibt dem Tag die Richtung. Zehn Minuten Frühsport bei offenem Fenster (Sonnengrüße, Seilspringen, Sit-ups) und zehn Minuten Meeting mit dem Weltgeist in Form einer Meditation gehören bei mir jeden Tag dazu. Alles was Routine ist, stellt der innere Schweinehund nicht mehr in Frage. Es muss nicht verhandelt werden und wird somit unverhandelbar.
Nicht mit der Arbeit ins Bett gehen. Handys Bettverbot erteilen. Beides entweiht die wichtigste Entspannungsbastion, die man in einer Wohnung hat, in der auch gearbeitet wird. Wenn das Handy nicht am Nachtkastel liegt, schafft man es auch, die reaktiven Morgenrituale des Smartphone-Zombies zu vermeiden. Welche sind das? Erst checken, dann strecken. Erst auf WhatsApp, dann aufs Klo. Dann mit Facebook aufs Klo und Insta den ersten Scheiß posten. Frühstück, Mittagessen und Abendessen sind heilig und werden ungestört mit Genuss gegessen. Und das niemals am Arbeitsplatz. Grundregel: Niemals während dem Essen arbeiten oder beim Arbeiten essen. Hier muss man sehr streng mit sich sein, alles andere ist ungesund. Die Versuchung hier in ein Extrem zu gleiten, ist im Home Office viel stärker. Entweder die Leute futtern ständig vor sich hin. Oder: Sie essen gar nichts und arbeiten pausenlos.

Was ist Ihr Tipp für eine Führungskraft, die nun erstmals „unsichtbare“ Team führen muss?
Eggler: Nur einer? Überleben! Auf Manager-Deutsch: refuse to burn out, refuse to die!

Kommen Sie, da können wir doch noch weitere Tipps geben, oder?
Eggler: Führungskräfte sind dieser Tage so gefordert wie nie zuvor. Warum? Weil die Unart, über Meetings und Mails zu führen, jetzt doppelt und dreifach zurückschlägt in Form maximaler Überkommunikation. Manager haben dieser Tage kleine Kinder am Arbeitsplatz und Kalender, die fünffach überbucht sind mit Telkos und Videokonferenzen. Jedes virtuelle Meeting löst einen E-Mail-Tsunami aus, der sich auch binnen eines pausenfreien 14-Stunden-Arbeitstages nicht mehr abarbeiten lässt. Eine Managerin, mit der ich sprach, sagte, nachdem sie an drei Calls gleichzeitig mit drei verschiedenen Geräten teilgenommen hatte, sie fühle sich „kurz vor dem Hirnschlag“.
Deshalb hier ein ganz wichtiger Tipp: Liebe Führungskräfte, bucht euch täglich mindestens 30 Prozent „Executive Time“ ein. Das klingt kompetent und schafft Raum, um zu arbeiten und um Pausen zu machen. Die Siesta im Schaumbad ist ganz sicher produktiver als der zehnte Call am Tag. Im Zweifelsfall schummeln und sich Fake-Calls selbst in den Kalender buchen. Nur 20 Prozent der Kommunikation mit Kamera machen, Kamerapräsenz erschöpft doppelt, kostet mehr Zeit und bringt messbar kein besseres Ergebnis, außer es geht um kollektives Kuscheln aus Teamspirit-Gründen.


"Ausschlafen. Jogginganzug. Bierchen. Pizza. Netflix. Schwerkraft. Schnaps. Depression. Das klingt jetzt sehr klischeehaft. Ist es auch. Es hat mich überrascht, wie schnell Menschen, die ich sonst als selbstbewusst und aktiv wahrgenommen habe, liegen bleiben."


Für die absoluten Neulinge: Welche technischen Fertigkeiten sollte man sich jetzt schleunigst beibringen?
Eggler: Zwei Kompetenzen entscheiden darüber, ob man 2020 arbeitstechnisch abhebt und wie lange die Startbahn ist.
1. Die Fähigkeit, die beste Infrastruktur auszuwählen und so zu konfigurieren, dass sie die Arbeiter einfacher macht und nicht in eine Dauerablenkung verwandelt. Beispiel: Slack oder Zoom. Klar, es ist idioteneinfach diese Tools zu bedienen, aber nur Idioten geben sich mit den Idiotenfunktionen zufrieden. Work smarter, not harder heißt: Ich nehme mir mindestens 30 Minuten Zeit und sehe mir für jedes neue Tool entsprechende Tutorials an. Dann nehme mir weitere 30 Minuten Zeit, um das digitale Werkzeug individuell zu konfigurieren.
2. Abschalten! Klingt, als hätte ich die Frage falsch verstanden, gell? Ist aber genau so gemeint: Die Fähigkeit, unablenkbar zu sein, ist laut Stanford Universität die Schlüsselkompetenz unserer Zeit. Warum: Weil Multitasking und digitale Dauerablenkung Produktivitätskiller und Burn-out-Treiber Nummer eins sind. Tipp: Deaktivieren Sie an allen Geräten Hinweise, Geräusche und Push-Mitteilungen. Gewöhnen Sie sich an, im Browser weder WhatsApp noch Social Media, LinkedIn oder Xing noch Medien- oder Spieleseiten geöffnet zu haben. Verweigere jegliche Art von News-Updates. Am Handy: lautlos ist lautlos – Vibration ist eine Mogelpackung. In dieser Ruhe kann man jetzt 15 Minuten ungestört arbeiten. In kurzen konzentrierten Sprints zu arbeiten nennt man Intervallarbeiten, das erschöpft weniger und erzielt bessere Ergebnisse.

Sie sagen „Wer im Home Office arbeitet, weil er dort arbeiten muss, kann Regeln individuell gestalten oder individuell interpretieren. Das ist bei aller Unfreiheit eine große Freiheit.“ Aus Ihren Gesprächen mit Betroffenen, welche Regeln werden am liebsten ausgehebelt?
Eggler: Ich würde gerne mit Dingen antworten wie: Viele haben die Mittagspause im Schaumbad verbracht und festgestellt, dass der gemeinsame Quarantini am Freitag um 14 Uhr auch post Corona ein Fixstarter für Teamspirit sein wird. Das sind Einzelfälle.
Leider passiert das Aushebeln von Regeln meist an den Extremen, die unter „Home-Office-Gefahren“ zu verbuchen sind. Ich hoffe, mein Buch inspiriert und motiviert Menschen sich neue Regeln selbst zu gestalten und charmant zu kommunizieren.
Beispiel Pausen. Hier war der Tenor aller Führungskräfte: Ich mache keine mehr. Ich bin dauernd im Call. Ich bin so erschöpft wie nie zuvor. Ich kann überhaupt nicht mehr abschalten. Berufstätige Mütter haben im Home Office keine Nanosekunde Ich-Zeit mehr. Das heißt, die Regel, Pausen zu machen und zu reflektieren, ist ausgehebelt worden. Hier spielt auch eine Rolle, dass der Arbeitsweg wegfällt und damit für viele Menschen ein wichtiger Weg zur Kontemplation.
Anderes Extrem bei Selbstständigen. Hier habe ich erlebt, dass viele durch die Corona-Situation in eine Schockstarre geraten sind, die einer unendlichen Pause gleicht. Ausschlafen. Jogginganzug. Bierchen. Pizza. Netflix. Schwerkraft. Schnaps. Depression.
Das klingt jetzt sehr klischeehaft. Ist es auch. Es hat mich überrascht, wie schnell Menschen, die ich sonst als selbstbewusst und aktiv wahrgenommen habe, liegen bleiben. Hier war ich eine der wenigen, die gesagt hat, kommt, Leute, auf geht’s, wir packen das und packen es an, was sind eure Tipps? Darauf hatten viele keine Antwort, konnten aber Netflix-Serien empfehlen, die jegliche Hirnaktivität lähmen. Vielen Menschen fehlt in dieser Zeit die Selbstmotivationskraft, die man braucht, um diese Krise als Chance zu begreifen und zu ergreifen. Deshalb ist der Survival Skill „Motivation“ prallvoll mit kreativen Tipps.


Anitra Eggler - Das Home Office Bootcamp

Aufstehen. Anziehen. Agenda machen. Digitalexpertin Anitra Eggler mutiert in ihrem jüngsten Buch zum Drill Seargeant für Home-Office-Neulinge. Humorvoll, ehrlich und mit gut umsetzbaren, nicht bloß gut gemeinten, Ratschlägen. Sehr brauchbarer Lesestoff für Führungskräfte, Eltern aber auch Einzelkämpfer. Sticht aus der einschlägigen Literatur hervor. Der trend vergibt dafür den „Home Office TÜV“.
Like Publishing, Taschenbuch, 156 Seiten, 14,95 Euro

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