Hip. Vif. Tel Aviv!

Hip. Vif. Tel Aviv!

Zwischen Business, Beach und Song Contest: Die drittgrößte Wirtschaftsmetropole des Nahen Ostens zieht junge Gründer und IT-Konzerne in ihren Bann - und auch Ex-Kanzler Christian Kern.

Um ein Haar wäre ich fast von dem wackligen Pferdekarren überrollt worden, der da um neun Uhr morgens abrupt auf dem Gehweg vor meiner Haustür zum Stehen kommt: "Alte Sachen! Alte Sachen!", ruft mir der Fahrer lautstark auf Jiddisch vom Kutschbock entgegen. Sein Kollege ist derweil schon damit beschäftigt, ein klappriges Regal und ein abgewetztes Sofa auf die Ladefläche zu schieben. Schnell reiche ich ihm noch den vergilbten Lampenschirm nach, der auf die Straße gerollt ist, als sich das müde Pferd schon widerwillig in Bewegung setzt. Im schnellen Tripptrapp verschwindet das eigentümliche Ensemble schließlich wieder in den Wolkenkratzerschluchten.

In Tel Aviv wird der Sperrmüll noch wie vor hundert Jahren abtransportiert, und niemand scheint sich darüber zu wundern. Das liegt wohl daran, dass in dieser Stadt Alt und Neu an jeder Ecke ganz natürlich aufeinandertreffen: Eine Gruppe Jugendlicher rast mit ihren E-Scootern über den traditionellen Bazar, während neben Suppenküchen moderne Coworking Spaces aus dem Boden schießen. Eine U-Bahn gibt es nicht, dafür aber flächendeckendes 5G-Highspeed-Internet am Strand.

Der religiöse Vorort Bnei Berak gilt mittlerweile als Paradies für ultraorthodoxe Programmierer und Softwareentwickler, im Kindergarten basteln bereits Dreijährige an Robotern - öffentliche Verkehrsmittel am Schabbat sind dagegen immer noch tabu. Der Muezzin ruft, der Marktschreier wirft einen Hühnerkopf auf die Straße, das Wi-Fi summt.

Starke Kontraste. Junge Israelis feiern den Unabhängigkeitstag am Strand von Tel Aviv (siehe oben). Der ultraorthodoxe Tech-Gründer Israel Rosenberg arbeitet im Bezirk Ramat Gan.

"Wir sind eben wie ein hochmodernes Dritte-Welt-Land", sagt Amir Barkan und lacht. Der Grafikdesigner will heute mit seinem Laptop von Café zu Café pilgern und an seiner Website arbeiten. Dabei wird die Sitzplatzsuche heute noch schwieriger, als sie sowieso schon im überfüllten Stadtzentrum ist: In dieser Woche finden die Festlichkeiten rund um den Eurovision Song Contest statt, und auf den Gehwegen schieben Besucher ihre Rollkoffer zur nächsten Airbnb-Wohnung. Ein großer Teil der Strandpromenade ist zur Festival-und Ausgehmeile umfunktioniert. "Wohin werde ich mich in dieser Woche bloß flüchten?", fragt Amir und blickt sich suchend um.

In der Mittelmeermetropole ist Platz rar, und schon jetzt weichen viele Firmen in den Speckgürtel aus oder ziehen stattdessen nach Haifa oder Jerusalem. "Jerusalem ist besonders attraktiv für die Medienindustrie und Haifa zieht immer mehr Agritech-Businesses an", erzählt Yoel Feldman. "Eine richtige Alternative zu Tel Aviv ist das allerdings noch nicht. Nur hier findet man bislang ein lebendiges Start-up-Ökosystem."

Yoel hat die Tage der Café-Sitzplatz-Suche bereits hinter sich. Er hatte das Glück, in einem Hub mitten im Herzen der lärmenden Stadt unterzukommen. Vor fünf Jahren gründete er seine Firma Proonto, die als digitale Vermittlungsplattform zwischen Anbieter, Onlineverkäufer und Konsument fungiert und die in den letzten zwei Jahren so stark gewachsen ist, dass sie nicht mehr auf externe Investitionen angewiesen ist. Die Idee, die Kommunikation zwischen Anbieter, Verkäufer und Kunde im E-Commerce zu verbessern, hatte Yoel in seiner Studienzeit am Interdisciplinary Center (IDC) in Herzliya, einem Vorort von Tel Aviv. Die Hochschule ist eine von acht Universitäten des Landes und gilt als führendes Elitecollege für angehende israelische Entrepreneure.

Extrem dicht

Die Aufnahme in den Hub mitten in der Stadt sei ein Segen gewesen, erinnert sich Yoel. "Es ist sehr komfortabel, denn das Zentrum Tel Avivs ist recht klein. Die meisten meiner Meetings finden in einem Radius von 500 Metern statt und meine Wohnung ist nur zehn Minuten entfernt", sagt er. Da es keine funktionierende Infrastruktur gebe, würde er bei all den Staus über eine Stunde bis zu einem Büro im Vorort brauchen, fügt er hinzu.

Es sind diese Gegensätze, die den Freelancer Amir Barkan zum Schäumen bringen. "Innovation, Innovation, aber keine U-Bahn", murmelt er, als er endlich einen Sitzplatz in der Nähe einer Steckdose gefunden hat. An der Kreuzung wimmelt es. Ein Lastwagen hat auf der mittleren Spur angehalten und lädt Waren ab. Das Hupkonzert beginnt, Amir schüttelt den Kopf.

In der Tat wird Israel seit mehreren Jahren als sogenanntes Silicon Wadi oder als Start-up-Nation gehandelt - mit rund 6.000 Start-ups weist das Land die höchste Dichte an Neugründungen weltweit auf. Laut der "Compass 2015 Global Startup Ecosystem"-Studie gilt das Heilige Land schon jetzt als das zukunftsträchtigste Habitat für junge Unternehmen außerhalb der USA.

"Wir besitzen eine Kultur des Risikos", erklärt Adi Barel, die seit zwei Jahren im Rahmen des Outreach Programs des European Institute of Innovation and Technology mitentscheidet, welche jungen Firmen im Großraum Tel Aviv finanzielle Unterstützung erhalten. "Wir betrachten Scheitern nicht als Minuspunkt. Wenn ich eine Anfrage erhalte und sehe, dass zwei Start-ups des Absenders bereits pleitegegangen sind, sehe ich das nicht als Ausschlusskriterium. Denn er ist augenscheinlich immer noch am Ball, er ist hartnäckig."

Hartnäckiges bis zum Umfallen

Dem kann Yoel Feldman nur zustimmen. "Wir nennen es 'Chutzpah', was so viel heißt wie Hartnäckigkeit oder Dreistigkeit, im guten wie im schlechten Sinne", sagt er und nippt an seinem Kaffee. Die Sonne steht mittlerweile hoch und gibt einen Vorgeschmack auf die Sommermonate. Yoel ist am Telefon, arrangiert ein Meeting nach dem anderen. Auch er hat in den letzten Jahren "Chutzpah" gezeigt: "Mehrmals mussten wir die ganze Struktur der Firma ändern. Aber wir sind drangeblieben."

Unternehmergeist wird in der israelischen Gesellschaft großgeschrieben und lockt auch ausländische Firmen -trotz politischer Bedenken und fraglicher Sicherheitslage. Angeführt von IBM, Intel, Motorola und Cisco haben rund 120 Unternehmen aus 21 Ländern hier Forschungszentren eröffnet. Daimler hat 2018 seine erste R&D-Niederlassung eingeweiht, das Zentrum für Cybersicherheit der Deutschen Telekom sitzt seit zehn Jahren in der Negevwüste.

Gerade im Bereich der Cybersicherheit trägt der Austausch viele Früchte: Israel gilt neben den USA als wichtigster Exporteur von IT-Know-how. Staaten und Firmen rund um den Globus suchen nach Schutzmaßnahmen gegen Hackerangriffe, und viele von ihnen blicken nach Israel, das im vergangenen Jahr 16 Prozent der weltweiten Investitionen in Cybersicherheit - rund 815 Millionen Dollar - einstreichen konnte; einzig in die USA floss noch mehr Geld. Der Grund für die Expertise liegt unter anderem im obligatorischen Wehrdienst.

Auch Adi Barel hat ihr IT-Wissen beim Wehrdienst im israelischen Geheimdienst erhalten. Und Yoel Feldmans Co-Founder ist ebenso Alumnus der berühmten 8200-Intelligence-Einheit. Das Militär funktioniert wie eine Kaderschmiede. Nicht selten dient es als Vorbereitung auf die Universität oder direkter Einstieg in die Privatwirtschaft; vor allem in technischen Bereichen sind die frisch Entlassenen heiß begehrt.

Wachstumsschmerzen

Dieser Boom ist nicht nur positiv. Mit bald neun Millionen Einwohnern und einer Fläche, die nicht viel größer ist als Niederösterreich und zur Hälfte von Wüstensand bedeckt ist, kommt der Staat der Nachfrage kaum hinterher. Im letzten Jahresbericht warnte die Bank of Israel, dass der steigende Wunsch nach qualifizierten IT-Experten das Angebot bei Weitem übersteigt.

Zudem erhöhen multinationale Konzerne die Gehälter, wobei die Löhne im Hightech-Sektor bereits mehr als das Doppelte des nationalen Durchschnitts betragen. Gerade in Tel Aviv ist der zunehmende Druck des ausländischen Geldes spürbar und Grund und Boden für die Mittelschicht mittlerweile fast unbezahlbar - so sind die Preise für Coworking Spaces und Büro- sowie Gewerbeflächen in den letzten zwei Jahren um das Doppelte gestiegen.

Um Druck aus dem Kessel Tel Aviv zu nehmen, soll zumindest das Militär wertvollen Wohnraum in der Innenstadt freimachen. Bis 2021 werden 20.000 Soldaten ihren Dienst statt im Zentrum Tel Avivs in der Wüstenstadt Be'er Sheva ableisten: "Be'er Sheva wird nicht nur die Cyber-Hauptstadt Israels, sondern auch einer der wichtigsten Orte für den Cybersektor der ganzen Welt werden", prophezeit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. Die Fahrt dorthin dauert zwei Stunden. "Das ist ungefähr so lange, wie ich in Tel Aviv für die Parkplatzsuche brauche", sagt Amir Barkan und lacht, während wir die legendäre Strandpromenade ansteuern.

Schon aus der Ferne hören wir das typische Klickklack der Strandtennisspieler, die den Beach zu Hunderten einnehmen. Dazwischen Volleyballteams, Sonnenanbeterinnen, Hundebesitzer, Yogaklassen. Ein Rettungsschwimmer scheucht eine Gruppe Halbstarker aus dem Wasser, drei Männer mit Dreadlocks tanzen zur Musik aus ihren tragbaren Lautsprechern. Der Strand ist das Rückzugsgebiet für alle, die dem hektischen Treiben entfliehen. Hier gibt es endlos Sand, eine feine Brise, den weiten Horizont - und Highspeed-Internet.




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