Künstliche Intelligenz - wenn der Abteilungsleiter überflüssig wird

Künstliche Intelligenz - wenn der Abteilungsleiter überflüssig wird

Babor Cosmetics: 800 Produkte mit bis zu 40 verschiedenen Komponenten, für die es bis zu 5.000 verschiedene Verpackungen, je nach Auftragslage rechtzeitig an die Kosmetikerinnen zu liefern - Einsatzgebiete in denen sich künstliche Intelligenz besonders bewährt.

Für viele ist der Einsatz künstlicher Intelligenz angstbesetzt. Außerdem leidet auch die Vorstellungskraft, was mit KI gemacht werden kann. trend.at sprach dazu mit Adrian Weiler, Chef von Inform, einem deutschen Spezialisten für künstliche Intelligenz, und einem seiner Abnehmer - Barbor Cosmetics. Der Boss des Kosmetikprodukteherstellers erklärt, wie durch den Einsatz neuer Algorithmen, die Produktionsabläufe wieder reibungslos funktionieren und warum Abteilungsleister seither überflüssig sind. Das kostet der Einsatz der dafür nötigen Software ein mittelständisches Unternehmen.

Künstliche Intelligenz (KI) ist längst nicht nur mehr nur etwas für finanzstarke Konzerne, sondern ist auch bei mittelständischen Produktionsbetrieben angekommen. Doch je cleverer die Lösungen sein müssen, umso weniger Anbieter solcher dafür notwendiger intelligenter, besonders reaktionsschneller Steuerungssoftware gibt es.
Einer davon ist das deutsche Unternehmen Inform. Der Anbieter von Optimierungssoftware ermöglicht es durch spezielle Algorithmen Produktionsabläufe und Lieferketten, die Arbeitsweise effizienter zu gestalten. Zu den Kunden zählen renommierte Konzerne wie BMW, Daimler, aber auch viele deutlich kleinere Unternehmen. Inform beschäftigt dafür über 750 Software-Ingenieure.

So funktioniert künstliche Intelligenz

Mit Hilfe von KI werden Entscheidungsgrundlagen geschaffen, die es einem Unternehmen ermöglichen, Abläufe auf Knopfdruck zu automatisieren. Vorteil einer solchen dafür nötigen Optimierungssoftware ist höhere Zuverlässigkeit des Produktionsablaufs, von Lieferketten, das Vermeiden von Störungen, Fehler im System und es senkt die Kosten. Intelligente Software kann anhand von Daten Zusammenhänge oder Muster identifizieren und so blitzschnell zu Lösungen kommen. Die Basis für diese Entscheidungen liefern Algorithmen.

Kosmetikproduzent Babor: Steigende Komplexität lange vergeblich versucht mit höherer Manpower zu bewältigen

Ein Unternehmen, das diese neuen Möglichkeiten in der Produktion nutzt, ist der Kosmetikproduktehersteller Babor. Das deutsche Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 150 Millionen Euro und 500 Mitarbeitern muss in der Produktion täglich komplexe Prozesse steuern. Die besondere Herausforderung für das Unternehmen: Deren Kunden sind nicht Drogerien oder andere Märkte, sondern Kosmetikerinnen. „Für sie ist die Belieferung von Produkten zur rechten Zeit essentiell. Trifft die Ware nicht rechtzeitig eint, können sie ihre Kunden nicht betreuen“, erläutert Horst Robertz, Geschäftsführer von Babor Cosmetics. Die Produktionsmenge muss entsprechend gut kalkuliert werden, trotz stark schwankender Absatzprognosen.

Keine leichte Aufgabe: Babor verfügt über 800 Produkte mit bis zu 40 verschiedenen Komponenten, für die es bis zu 5.000 verschiedene Verpackungen gibt. „Wir haben lange Zeit versucht die steigende Komplexität der Prozesse im Laufe der Jahre mit höherer Manpower zu bewältigen. Die Fehlerquote ist aber trotzdem gestiegen“, erzählt Babor-Chef Robertz.

Für Planer waren die Entscheidungsmöglichkeiten, wie viel, wann und von welchem Produkt hergestellt werden soll, einfach zu groß. Die Lösung: Mathematische Algorithmen. Sie sind in der Lage sämtliche Faktoren binnen kurzer Zeit berücksichtigen und komplexe Entscheidungen zu fällen und bei Bedarf in sekundenschnelle auf neuen Bedingungen anzupassen. Robertz: „Alle Parameter können von Menschen nicht berücksichtigt werden. Oft wird das mit Erfahrung ausgeglichen, aber bei hochkomplexen Arbeitsabläufen, reicht das längst nicht mehr.“ Inform bot die passende Software-Lösung dazu an.


"Mitarbeiter arbeiten ruhiger als vor der Implementierung künstlicher Intelligenz"

Gekündigt hat Babor nach diese Effizienzsteigerung durch Algorithmen Mitarbeiter aber nicht. „Dafür arbeiten die Mitarbeiter, die früher mit Berechnungen eingedeckt waren, heute ruhiger und haben mehr Zeit strategisch zu denken. Der permanente Personalaufbau, um die Produktionsabläufe zu verbessern, sei jedoch nicht mehr notwendig. Die Lieferfähigkeit stieg seit dem Einsatz der Inform-Software um fünf Prozent auf 98 Prozent. Die Software liefert jedoch letztlich nur Vorschläge wie die Produktionsabläufe laut mathematischen Berechnungen optimal funktionieren. Ob diese auch umgesetzt werden, bleibt immer noch den Menschen überlassen.

Durch Algorithmen: Hierarchien in Firmen lösen sich auf

Seit die Produktionsabläufe von künstlicher Intelligenz übernommen wurden, hat sich in Folge dessen beim Kosmetikartikelproduzenten Babor jedoch noch etwas anderes im Unternehmen geändert, „Abteilungsleiter wurden entmachtet. Jeder einzelne Mitarbeiter hat dafür mehr zu sagen und mehr Verantwortung“, verrät Robertz. Schließlich hat nun jeder Zugang zu den Ergebnissen, die die künstliche Intelligenz produziert. „Jeder ist damit ständig auf dem gleichen Wissensstand. Wissen ist damit nicht mehr gleichbedeutend mit Macht. Klassische Hierarchien hören sich damit meist relativ bald auf“, weiß Inform-Boss Adrian Weiler.
Als weiteren Vorteil sieht der Mathe-Profi, dass sich Manager nicht mehr im Mikromanagement verlieren. Prozesse müssten nicht mehr bis ins letzte Detail von Vorgesetzten kontrolliert werden. Schließlich haben sie auch nicht mehr die Verantwortung, sondern jeder einzelne Mitarbeiter. Nachsatz: „Die wissen ohnehin besser, wie es geht, als der Vorgesetzte. Denn die wissen schon was sie tun.“

Software erkennt, wann das Produkt am Fließband liegt und sich Lkws sich zur Abholung auf den Weg machen können

Durch künstliche Intelligenz kann auch das Service für Kunden von Unternehmen gesteigert werden und so ein Wettbewerbsvorteil entstehen, befindet Inform-Gründer und Firmenboss Weiler. So lässt sich die Lieferkette zwischen Produktionsbetrieb und Abnehmer durch eine spezielle Software exakter als bisher abstimmen. Die algorithmisch gesteuerte Software kann erkennen, wann im Produktionsbetrieb die fertig produzierte Ware voraussichtlich vom Band läuft. Der Abtransport der Ware kann so perfekt zeitlich geplant werden.

Ab 50.000 Euro ist man dabei

Inform bietet auch für mittelständische Unternehmen Lösungen an. „Wir erarbeiten auch für kleinere Unternehmen maßgeschneiderte Softwarelösungen.“ Man müsse auch nicht gleich den gesamten Produktionsablauf mit künstlicher Intelligenz neu aufstellen, auch nur einzelne Bereiche zu optimieren, sei eine Möglichkeit. Beispielsweise lässt man nur die Disposition im Rohwarenlager optimieren. Die Implementierung eines solchen agiles mathematischen Systeme, ist jedoch nicht eine Frage von paar Tagen. „Wir brauchen bis die Software läuft und wir alle dazu nötigen Daten aus dem Unternehmen gesammelt und verarbeitet haben, im Schnitt ein halbes Jahr, ohne dafür jedoch ständig vor Ort sein zu müssen“, erläutert Weiler. Die Betriebssoftware SAP ist dafür nicht Voraussetzung. „Es muss nur irgendein Datensystem geben““, so der Inform-Gründer.

Für jene, die sich eingehender mit dem komplexen Thema beschäftigen möchte, hat das Unternehmen ein Buch verfasst: Weiler/Savelsberger/Dorner, Agile Optimierung in Unternehmen. Verlag Haufe. Preis 29,95 Euro. Bestellbar online bei haufe.de

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