Digitalisierung: Strategie muss der Technologie folgen

Digitalisierung: Strategie muss der Technologie folgen

Die Digitalisierung erzwingt den strategischen Wandel von Unternehmen.

Die Transformation von Prozessen und Geschäftsmodellen in die digitale Welt ist die strategische Herausforderung für Unternehmen. Es geht darum, aus den Möglichkeiten von Technologien wie Robotics oder Machine-Learning und Künstlicher Intelligenz (KI) mehr Wachstum und Wertschöpfung zu generieren.

Nur noch acht der größten 100 österreichischen Unternehmen sind Wachstumschampions, die überdurchschnittliche Umsatzzuwächse erzielen und zugleich bei Wachstum und Profitabilität in ihrer jeweiligen Branche über dem Schnitt liegen. Vor zwei Jahren hatten noch 16 Unternehmen diese Kriterien erfüllt, vor einem Jahr waren es 13.

"Die Umsätze der größten Unternehmen sind zuletzt gesunken, gleichzeitig wurde die Profitabilität gesteigert", analysiert Michael Zettel, Country Managing Director des Beratungs- und Technologiedienstleisters Accenture, die Ergebnisse der von dem Unternehmen durchgeführten Erhebung. Bei Deutschlands Topfirmen laufe es hingegen genau umgekehrt: gute Wachstumsraten, jedoch niedrigere Gewinne.

Zettels Schlussfolgerung: "Österreichs Konzerne halten an dem fest, was sie haben, sie bewahren und optimieren ihr Geschäft." Genau davor warnt er aber im Hinblick auf die grundlegende Veränderungen durch die digitale Transformation: "Die Welt der Digitalisierung ist keine Welt des Bewahrens. Sie ist eine Welt des Probierens." Folgerichtig daher auch sein Aufruf: "Österreichs Unternehmen sollten vorausschauend mehr und stärker ins Umsatzwachstum investieren. Gerade dabei helfen digitale Technologien."

Digitale Potenziale

Die größten Wachstumspotenziale sieht Zettel dabei einerseits für Unternehmen, denen es gelingt, die zentrale Position in einer Plattformökonomie zu erlangen und Ökosysteme um ihre Produkte entstehen zu lassen; andererseits auch in Anwendungen Künstlicher Intelligenz (KI) - wie maschinelles Lernen und Sehen oder robotergesteuerte Automatisierung von Prozessen - die durch bessere Kundenerfahrungen und eine optimierte Customer Journey Vorteile gegenüber Konkurrenten einbringen.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht würde Österreich laut Accenture-Studie überdurchschnittlich stark vom flächendeckenden Einsatz von KI-Technologien profitieren und seine Wachstumsrate bis 2035 sogar verdoppeln. Zwei Voraussetzungen sind dafür aber unabdingbar zu erfüllen: Einerseits müssen Unternehmen die enormen Potenziale durch entsprechende Ideen und Geschäftsmodelle auch tatsächlich erkennen und realisieren - und andererseits benötigen sie auf allen Ebenen sowie in allen Fachbereichen Mitarbeiter mit entsprechenden IT-Kompetenzen.

Im Future Camp von Accenture im Wiener Börsengebäude erarbeiten Berater und Kliententeams in Workshops gemeinsam mittels Instrumenten wie Design Thinking und Rapid Prototyping neue Anwendungen oder Services und klopfen sie auf ihre Praxistauglichkeit ab. Die Direktverbindung mit den globalen Technologielabors von Accenture sorgt dafür, dass dabei die weltweit aktuellsten Anwendungsfälle neuer Technologien genutzt werden. "Die neuen Technologien sind da. Technische Konzepte muss man nicht mehr beweisen, man muss ihren Wertbeitrag sicherstellen. Jetzt geht es ums Umsetzen", sagt Zettel.

Im Kampf mit Amazon

Die Österreichische Post ist dabei vorbildhaft und hat mit E-Brief und dem Onlineportal Shöpping schon neue Geschäftsmodelle entwickelt. Letzteres ist eine Plattform speziell für österreichische Onlineanbieter, mit der auch kleinere Unternehmen in ihren Nischen Alternativen zum gigantischen Amazon-Sortiment anbieten können - wobei die Wertschöpfung aus der Zustellung durch die Post dabei in Österreich bleibt.

Die Ambitionen des Titanen Amazon in Sachen Lebensmittelzustellung im Blick hat auch die Handelskette Billa, wenn sie sich in ihrer neuen Strategie dazu bekennt, zum 360-Grad-Rundumversorger und Zentrum eines Ökosystems mit Dienstleistungen von verschiedenen Partnern zu werden. Dieser Ansatz geht jedenfalls weit über ein Omnichannel-Konzept für die Integration von stationärem und Onlinehandel hinaus. Strategieberater Martin Unger, Partner bei Contrast EY, der das Billa-Management bei der Konzeption begleitete, erklärt: "Unternehmen brauchen heute nicht nur eine Digitalstrategie, sondern eine strategische Antwort auf die digitale Welt. Und im Match zwischen Retailern und ihren digitalen Herausforderern wird es darum gehen, wer schneller das lernt, was der andere am besten kann."

Technlogie-Transformation

Wie österreichische Unternehmen ihre strategische Positionierung mit Hilfe neuer Technologien verändern

  • ÖSTERREICHISCHE POST Die Post hat sich unter CIO Peter Garlock zu einem Vorzeigeunternehmen für Digitalisierung entwickelt. Neben dem konsequenten Ausbau des Kundenservice etwa durch die Post-App wurden mit dem E-Brief und der Online-Verkaufsplattform Shöpping.at neue Geschäftsmodelle entwickelt. Auch die Digitalisierung der Mitarbeiter wird massiv forciert. So erhalten alle Zusteller in Kürze neue Geräte mit modernen Apps, ein Konsumenten-CRM verbessert die Servicierung der Kunden.
  • SOZIALVERSICHERUNGSANSTALT DER GEWERBLICHEN WIRTSCHAFT (SVA) Mit dem Transformationsprojekt "SVA 2020" vereinfacht die SVA den Leistungszugang ihrer Kunden und die eigenen Verwaltungsabläufe. "Erste Services aus dem Digitalisierungsprozess - Online- Erstanmeldung, Online-Einreichung von Rechnungen und Bewilligungen sowie das Dashboard als Rundum-Info für unsere Kunden sind bereits aktiv oder gehen gerade online", so Generaldirektor Hans Aubauer. Sein Ziel: SVA soll die modernste, schnellste Serviceeinrichtung für soziale Sicherheit der Selbstständigen in Europa werden.
  • RAIFFEISEN BANK INTERNATIONAL (RBI) Robotergesteuerte Prozessautomatisierung (RPA) steht für Automatisierung von Geschäftsprozessen, niedrigere Kosten, bessere Compliance und höhere Produktivität. "Wir benötigten eine Lösung, die betriebsintern aufgestellt, schnell skaliert und innerhalb von zwei Monaten eingerichtet und in Betrieb war", so Markus Stanek, Head of Group Efficiency Management der RBI. Die Bank setzt dabei auf die Beratungskompetenz von Accenture und Softwareroboter von Blue Prism. Das RPA-Programm wurde in vier Ländern erfolgreich pilotiert, weitere Roll-outs sind geplant.
  • BILLA Im Rahmen der neuen Strategie geht der Lebensmittelhändler weit über die Integration von stationärem und Onlinehandel via App hinaus. Das Ziel ist, selbst zum Zentrum eines Ökosystems zu werden, das Dienstleistungen und Angebote von vielen Partnern in einer Hand bündelt - also ein 360-Grad-Versorger. Bereits bestehende Beispiele dafür: Paketabholung und Bargeldabhebungen in Filialen. An weiteren Kooperationen wird gearbeitet. Grundlage dafür sind die realen 800.000 täglichen Kundenkontakte sowie die Datenbasis von 4,5 Millionen Vorteilscards, die individualisierte Angebote auf Basis von KI ermöglichen.

Der Artikel ist der trend-Ausgabe 50-52/2017 vom 15. Dezember 2017 entnommen.

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