Digitalisierung: Pandemie-Effekt bei weitem überschätzt

Die Digitalisierung ist in Österreich während der Corona-Pandemie weit weniger vorangekommen als vielfach angenommen. Bei den Klein- und Mittelbetrieben gab es dem von Drei, Arthur D. Little und marketmind erstellten Digitalisierungsindex kaum Bewegung.

Thema: Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft
Digitalisierung: Pandemie-Effekt bei weitem überschätzt

Homeoffice, Homeschooling, Online-Shopping und Online-Entertainment - während der Corone-Pandemie, der Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen sind viele Aspekte des Lebens ins Internet gewandert. Der Vielfach daraus gezogene Schluss war, dass die Digitalisierung in Österreich einen Riesensprung nach vorne gemacht hat.

Ein Trugschluss, wenn man den vom Telekommunikationsanbieter Drei, dem Beratungsunternehmen Arthur D. Little Austria und dem Marktforschungsunternehmen marketmind neu erhobenen Digitalisierungsindex 2021 heranzieht. Der seit dem Jahr 2017 jährlich erstellte Index, der sich aus Beobachtungen von 811 Unternehmen aus 19 Branchen ergibt und bei dem fünf Einzelfaktoren - von der IT-Ausstattung und Vernetzung, über Online-Präsenz und -vertrieb bis zur Arbeitsweise berücksichtigt werden, zeigt gegenüber dem Vorjahr nur eine minimale Verbesserung von 34 auf 35 von 100 Punkten.

Überschätzter Pandemie-Effekt

"In der Pandemie schien es, als ob jeder Bauer, jeder Einzelhändler zum Online-Händler wurde. Aber der Effekt der Pandemie hatte in Österreich bei weitem nicht das Ausmaß", sagt Drei-CEO Rudolf Schrefl. Vor allem die angesprochenen und zumeist kapitalschwachen Klein- und Kleinstbetriebe hatten es, so der Drei-Chef, aufgrund der Corona-Restriktionen schwer und zu wenig Reserven, um in Digitalisierungsprojekte zu investieren. Vornehmlich sei es fast nur Großbetrieben gelungen, ihre Digitalisierungsstrategien voranzutreiben. Schrefl: "Die Kluft hat sich vergrößert. Es gibt dringenden Handlungsbedarf bei den KMU. Wir dürfen die Klein- und Kleinstunternehmen nicht zurücklassen."

Speziell im Handel, der vermeintlich besonders stark vom Online-Shopping profitiert hat, konnte bei der Erhebung des Digitalisierungsindex kaum eine Verbesserung festgestellt werden. Im Gegenteil: "Nur rund zehn Prozent der Unternehmen konnten ihr Geschäft auch ohne Beeinträchtiugung fortführen. Der Pandemie-Effekt wird massiv überschätzt", betont Schrefl.

Positive Effekte

Zweifellos positive Pandemie-Effekte zeigen sich hingegen bei den österreichischen Großbetrieben. Diese haben bei der jüngsten Erhebung einen durchschnittlichen Fortschrittsgrad von 54 Punkten erreicht, um 11 Punkte mehr als noch 2019. 70 Prozent der Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern sind daher auch der Meinung, dass sich die Digitalisierung im Unternehmen durch Coronoa beschleunigt hat.

Einen regelrechten Digitalisierungssprung gab es zudem im Bereich der Bildung, Erziehung und Unterricht, wo sich etwa Videokonferenz-Tools und Online-Formate fest etabliert haben.

Zumindest angestoßen wurde während der Pandemie die Digitalisierung im Gesundheitssektor, wobei dieser aber generell noch gegenüber den anderen Sektoren hinterher hinkt und als "Schlusslicht" bezeichnet wird. "Projekte wie Online-Ärzeberatung wurden außerdem nur auf Kundenwunsch umgesetzt", gibt Schrefl zu bedenken. Die Vorteile müssten noch größer werden.

Schlüsse und Forderungen

Stefan Schiel, Managing Partner von marketmind, sieht auf Österreichs Wirtschaft noch große Herausforderungen zukommen. Über alle Branchen verzichtet etwa nach wie vor jedes dritte Unternehmen auf die digitale Ansprache bestehender und neuer Kunden. Dementsprechend erzielt immer noch der Großteil der Unternehmen unter zehn Prozent ihrer Umsätze über digitale Kanäle. Immer noch besitzt ein Viertel der Betriebe keine eigene Website und nur ein Zehntel verfügt über einen Webshop. Schiel: "Digitalisierung ist viel mehr als Homeoffice, dezentrales Arbeiten oder ein Webshop."

"Wo drückt der Schuh?", fragt Karim Taga, Managing Partner von Arthur D. Little Austria und gibt darauf die Antwort: Die Unternehmen sind mit der komplexen Materie der Digitalisierung überfordert. Eine Beratung zur strategischen Umsetzung der digitalen Transformation wäre daher von essenzieller Bedeutung - und natürlich auch die entsprechende Infrastruktur in Form von flächendeckend verfügbaren Breitband-Internetanbindungen, die in Österreich auch im Jahr 2021 noch nicht selbstverständlich sind. Zumindest hier zeichnet sich durch den fortschreitenden 5G-Ausbau eine Besserung ab. Drei-Chef Schrefl verspricht, den Netzausbau zügig voranzutreiben und die neue, leistungsfähige mobile Internetgeneration auch in die entlegendsten Gemeinden zu bringen.

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