Digitalisierung schafft Neuland: Fünf disruptive Trends für 2020

Der durch die Digitalisierung ausgelöste technologische Wandel vollzieht sich in einem atemberaubenden Tempo. Das Beratungsunternehmen Accenture hat im Rahmen der "Technology Vision 2017" fünf Trends ausgemacht, die schon in den nächsten drei Jahren den weiteren Lauf der Dinge massiv beeinflussen können.

Thema: Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft
Digitalisierung schafft Neuland: Fünf disruptive Trends für 2020

"Das Internet ist für uns alle Neuland." Mit dieser Bemerkung zog sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni 2013 den Spott der Internetgemeinde zu. "Wir schreiben das Jahr 2013, und unsere Kanzlerin entdeckt das Internet", wurde gewitzelt und der Begriff #Neuland wurde in Windeseile auf Twitter und in anderen Sozialen Medien zum vieldiskutierten Schlagwort.

Wie so oft wurde in den Sozialen Medien allerdings ein einzelner Begriff aus dem Zusammenhang gerissen und der Hohn, der sich um Merkel und den Begriff "Neuland" ergoss, war kaum gerechtfertigt. Was die Kanzlerin nämlich weiter sagte, wurde in der Schmäh-Debatte geflissentlich vergessen. Sie führte nämlich weiter aus: "Es (das Internet, Anm.) ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen."

Das Neuland, von dem Merkel damals sprach, beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Bereiche Militär, Terrorismus und Heimatschutz. Das Internet eröffnet tatsächlich immer wieder Neuland, und das in vielen Bereichen.

Trend 1: Digitalisierung schafft Neuland

"Neuland betreten" ist daher auch für das Managementberatungsunternehmen Accenture einer der fünf bedeutendsten Trends, auf die sich die Wirtschaft in den nächsten Jahren einstellen muss. Denn in der digitalen Wirtschaft von heute, in denen Ökosysteme eine prominente Rolle einnehmen, müssen Unternehmen bereit sein, sich auf neues Terrain vorzuwagen und altbekannte Denkweisen abzulegen. Die Herausforderung, hält Accenture in der "Technologie Vision 2017" fest, besteht darin, nicht mehr nur Produkte und Services zu entwickeln, sondern wesentlich weiter zu denken: Es geht darum, bereits heute die Regeln und Standards für neue Geschäftsfelder zu etablieren, deren Entstehen sich durch die Digitalisierung gerade erst abzeichnet.

Wie sich die disruptive Kraft der aktuell oft noch in Kinderschuhen steckenden neuen Technologien auf etablierte Geschäftsmodelle auswirken wird und wie sich die Unternehmen in der Folge neu ausrichten müssen, das lässt sich gegenwärtig in den meisten Fällen kaum abschätzen. Das Verständnis für die bevorstehenden, tiefgreifenden Änderungen ist jedoch mittlerweile in den Führungsetagen der Unternehmen angekommen. Die anlässlich der Technologie-Prognose unter über 5.400 Führungskräften und IT-Managern durchgeführte Befragung zeigt, dass neun von zehn der Befragten überzeugt sind, dass rapide Fortschritte in einzelnen Technologiebereichen durch ihr Zusammenspiel mit anderen Entwicklungen zahlreiche Innovationen hervorrufen werden. Drei von vier Führungskräften sind überzeugt, dass ihr Unternehmen in der Folge komplett neue digitale Geschäftsfelder erschließen wird, die bisher noch nicht einmal definiert sind.

Trend 2: Künstliche Intelligenz

Eine der technologischen Innovationen, die es ermöglichen wird, Neuland zu erschließen, ist die künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence, AI). Vieles, das bis vor kurzem noch als pure Science Fiction galt, wird dadurch ermöglicht werden. Die Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz sind derart massiv, dass es in den nächsten Jahren zu gravierenden Veränderungen bei der Interaktion zwischen Menschen und Maschinen kommen wird.

Vorangetrieben wird diese Entwicklung unter anderem durch die die in den letzten Jahren laufend weiterentwickelten Möglichkeiten zur Sprachsteuerung. In "Star Trek 4: The Voyage Home aus dem Jahr 1986 (siehe Video)" schien es noch fern jeglicher Alltagsrealität, dass Computer einmal per Spracheingabe gesteuert werden könnte. Im Jahr 2017 tragen viele Menschen mit ihren Smartphones Computer in ihren Taschen, deren Rechnerkapazitäten den bei den damaligen Dreharbeiten verwendeten Apple Mac weit übertreffen und längst ist es alltäglich, dass Smartphones per Spracheingabe bedient werden.

"Hello Computer": Szene aus dem Film Star Trek 4: The Voyage Home

In den nächsten Jahren wird es immer mehr Geräte und Maschinen geben, die per Sprache gesteuert werden können. Schon in wenigen Jahren werden nahezu alle neuen elektronischen Geräte werden diese Möglichkeit unterstützen. Und dank der anhaltenden Weiterentwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz wird es nicht bei der Steuerung alleine bleiben. Die Maschinen werden lernen, Situationen zu antizipieren und sich selbst zu steuern. In Ansätzen ist das auch heute schon möglich. Man denke nur an die Tempomat-Steuerung von Autos, die mit in Kombination Abstandsensoren automatisch die Geschwindigkeit reguliert und sogar Bremsmanöver einleiten kann, ohne dass der Fahrer etwas dazu tun müsste.

Wohin die Fortschritte auf dem Feld der künstlichen Intelligenz führen werden, darauf kann niemand eine Antwort geben. Auch Google-Gründer Sergey Brin nicht. Erst im Jänner erklärte er im Rahmen einer Diskussion am World Economic Forum in Davos, dass er dem Thema künstliche Intelligenz bis vor kurzem wenig Bedeutung zugemessen habe, weil er in den 1990er Jahren die Erfahrung gemacht habe, dass künstliche Intelligenz nicht funktioniere. Mittlerweile wäre aber "Brain", das Google-interne Programm, in dessen Rahmen die Einsatzmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz ausgelotet werden, ein integraler Bestandteil aller wesentlichen Projekte des Unternehmens.

"Wir leben in einer unglaublich spannenden Zeit. Es ist sehr schwer, vorauszusagen, was diese Dinge bewegen können und wo die Grenzen sind", meint Brin (siehe Video). "In hundert Jahren wird vielleicht mehr möglich sein als wir uns heute vorstellen können."

Google Gründer Sergey Brin über die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. (Im Gespräch mit Klaus Schwab beim World Economic Forum, Davos 2017.)

Als sicher gilt, dass die Fortschritte schon in wenigen Jahren zu einer grundlegend neuen Interaktion zwischen Menschen und Maschinen führen werden. Die künstliche Intelligenz wird neue User-Interfaces, Schnittstellen zwischen Menschen und Geräten, schaffen. Sie wird bislang ungeahnte und einfache Möglichkeiten zur Interaktion eröffnen und es obendrein Unternehmen ermöglichen, heute noch unvorstellbare Informationen über Kunden zu gewinnen und diese in der Folge für weitere Geschäfte zu nutzen.

Accenture's Chief Technology Officer Paul Daugherty erklärt im folgenden Video-Statement, wie die künstliche Intelligenz zum neuen User-Interface werden soll.

Accenture's Chief Technology Officer Paul Daugherty über künstliche Intelligenz als neues User-Interface.

Trend 3: Design Thinking

Der nächste große Trend, der auf die Gesellschaft und die Wirtschaft zukommt heißt Design Thinking. Dinge konsequent für Menschen optimiert zu gestalten - was an und für sich ohnehin der Normalfall sein sollte - wird für produzierende Unternehmen zur Herkulesaufgabe. Der grundlegende Gedanke dahinter ist, dass nicht die Menschen lernen sollen oder müssen, Dinge oder Technologien zu verstehen, sondern dass sich das Design der Produkte dem Verhalten der Menschen anpasst.

Die Frage, wie Technologie gestaltet ist und welche Funktionen sie haben soll, wird von Menschen für Menschen entschieden. Technologie ordnet sich dem Verhalten unter und passt sich - auch unter Nutzung der neun, durch die künstliche Intelligenz geschaffenen Möglichkeiten, dem individuellen Verhalten an. Gleichzeitig erlernen die Produkte die Gewohnheiten der Benutzer und passen sich diesen automatisch an. Ein Bereich, wo es besonders große Fortschritte geben wird, ist die Steuerung von Häusern und Betriebsobjekten. Intelligenten Steuersysteme können Immobilien hinsichtlich ihrer Energieeffizienz optimieren und gleichzeitig ein für die Menschen angenehmes Umfeld schaffen.

Der Einfluss des Design Thinking ist allerdings viel weitreichender. Das Verständnis dafür, dass Produkte und Dienstleistungen viel stärker als das in der Vergangenheit möglich oder überhaupt vorstellbar war an die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen angepasst werden müssen, ist in der Wirtschaft bereits sehr weit verbreitet. Vier von fünf von Accenture befragte Führungskräfte gaben an, dass sich Unternehmen sich zukünftig noch stärker an den Wünschen ihrer Kunden orientieren müssen, um besser zu verstehen, wie Technologie Verbrauchern noch größeren Nutzen bringen kann.

Trend 4: Ökosysteme und Makrokosmos

Niemand ist eine Insel. Unternehmen, die Kunden erreichen wollen sind das schon gar nicht. Und als Unternehmen stehen sie mittlerweile nicht mehr nur mit den direkten Mitbewerbern alleine in Konkurrenz, sondern zusehends auch mit Anbietern, die plattformübergreifend agieren.

Beispielhaft dafür kann der Online-Gigant Amazon gesehen werden. In den vergangenen 20 Jahren hat es Amazon nicht nur geschafft, große Teile des Online-Handels an sich zu binden, sondern als Plattform für den weiteren Handel aufzutreten und gleichzeitig Ökosysteme für die online vertriebenen Produkte aufzubauen, die sich gegenseitig befruchten und das Geschäft stimulieren: Zu den Kindle E-Readern gibt es digitale Bücher, zu Fernsehern ein eigenes Video Streaming und Download Angebot, zu Musik-Playern einen ähnlichen Dienst für digitale Musik.

Selbst Unternehmen, die keine Produkte über Amazon verkaufen, werden daran gebunden: Über Amazon Web Services können diese zum Beispiel auch eigene Online-Shops einrichten.

Plattformanbieter wie Amazon, die über einen einzigen Zugangspunkt den Zugriff auf unterschiedliche Services ermöglichen, haben die Regeln des Wettbewerbs komplett auf den Kopf gestellt. Und viele Unternehmen sind jetzt gezwungen, ihre bisherigen Geschäftsmodelle zu überdenken. Eine Plattformstrategie alleine reicht nicht mehr aus. Stattdessen ist ein umfangreicher und robuster Ökosystem-Ansatz gefragt, um den Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil im zu verschaffen. Das Bewusstsein dafür ist allerdings noch nicht ganz so weit verbreitet. Immerhin gab aber schon jeder Vierte von Accenture befragte Entscheider an, dass digitale Ökosysteme die Wertschöpfung ihres Unternehmens von Grund auf verändern werden.

Trend 5: Neues Arbeiten

Das fünfte Feld, das in den nächsten Jahren massiv von der Digitalisierung betroffen sein wird ist die Arbeitswelt. Traditionelle Unternehmen, die sich angesichts der Herausforderungen der Digitalisierung neu orientieren müssen, werden auch versuchen, ihren Mitarbeiterstab entsprechend anzupassen. Angesichts der ungewissen Zukunft und der schwer abschätzbaren weiteren Entwicklung werden die Unternehmen in einem noch größerem Maß als sie das bisher schon getan haben auf

Online-Portale für freie Mitarbeiter werden dadurch an Bedeutung gewinnen. Die bereits bestehenden Plattformenweiter wachsen und an der Zahl stark zunehmen. In Kombination mit den Kollaborations-Tools zur ortsunabhängigen Zusammenarbeit wird das auch innerhalb von Unternehmen Veränderungen auslösen. Traditionelle Hierarchien verschwinden, Aufgaben, die nicht zwingend von eigenen Mitarbeitern erfüllt werden müssen, können an externe Mitarbeiter ausgelagert werden, die ihre Dienste über Online-Marktplätze anbieten.

Für die Experten von Accenture ist das der Anstoß zu einer der größten Veränderungen in der Organisationsweise von Unternehmen seit der industriellen Revolution. Und wie weit verbreitet das Interesse an den freien Mitarbeitern und die von diesen angebotenen Leistungen ist, zeigt die unter Führungskräften durchgeführte Erhebung. Demnach planen 85 Prozent von diesen, in den kommenden zwölf Monaten noch stärker auf freie Mitarbeiter setzen.

Gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch ist dieser letzte Trend allerdings extren brisant, denn über die Online-Plattformen werden mitunter Leistungen zu Konditionen angeboten, die zum Beispiel weit unter den in Österreich geltenden Standards bezüglich einer Mindestentlohung liegen, beziehungsweise wird es Unternehmern dadurch auch ermöglicht, andere Regelungen, etwa betreffend Arbeitszeit zu umgehen oder Sonderzahlungen oder Sozialversicherungsabgaben zu vermeiden.


Download

Technology Vision 2017 von Accenture (englisch)

Accenture Technology Vision 2017: Download (94 Seiten)

Accenture Technology Vision 2017: Download (94 Seiten)

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