Digitale Zukunft: 7 Business-Optionen für Österreich

Digitale Zukunft: 7 Business-Optionen für Österreich

Das Prüf- und Beratungsunternehmen KPMG hat mit mehr als 50 führenden heimischen Unternehmen einen Katalog erstellt, wie die digitale Zukunft Österreichs erfolgreich gestaltet werden kann.

Kaum war Halloween überstanden, brach mit dem Black Friday die nächste seltsame Tradition aus den Vereinigten Staaten über Österreich herein. Wer am Freitag, dem 25.11., so unvorsichtig war, ein Einkaufszentrum zu betreten, glaubte sich versetzt in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ab dem Moment, an dem das Filialpersonal die Glaswände öffnete, bis zum Infarkt der Kreditkarte kämpften kreischende Shopper um verbilligte Bestseller.

Ausgerechnet auf der anderen Seite des Atlantiks verlieren die seit Jahrzehnten ausgeübten Shopping-Exzesse deutlich an Fahrt. Fast ein Drittel des Umsatzes wird bereits online getätigt. Und der darauffolgende Cyber Monday spielt sich nur noch im Netz ab. Da ist er, der Sieg der Bequemlichkeit und der hohen Preistransparenz über die Kostenstruktur der Filialisten, der Triumph des Onlinehandels über den stationären Vertrieb.

Zum Mitrechnen: Angenommen, ein Konsument kauft ein Kleidungsstück um 120 Euro in einer Boutique. Von den 100 Euro Warenwert fließen rund 45 Euro in die Filialinfrastruktur (Miete), in die Kosten für das Filialpersonal, in die Zentrale (Einkauf, IT, Verwaltung usw.) und in die Logistik. Der Großteil davon ist österreichische Wertschöpfung. Wird der gleiche Pullover bei Amazon erworben (zum Beispiel um nur 96 Euro) werden von den 45 Euro Warenwert nur wenige Euro in Österreich erwirtschaftet - die Kosten für die letzte Meile.

Signifikante Verschiebungen mit gewaltigen Auswirkungen

Der Handel ist der drittgrößte Sektor in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung Österreichs. Knapp 600.000 Arbeitskräfte bestreiten ihren Lebensunterhalt als Angestellte in Handelsunternehmen. Eine signifikante Verschiebung des erwirtschafteten Umsatzes von den physischen Standorten in den Online-Handel à la Amazon hat gewaltige Auswirkungen auf den Sektor.

Doch an dieser Stelle soll kein "Fahr nicht fort, kauf im Ort"-Plädoyer gehalten werden. Der österreichische Einzelhandel wird einen Weg finden, neben Amazon und anderen Anbietern zu bestehen, auch wenn drastische Anpassungsschritte erforderlich sind.

Nicht Maschinenstürmertum ist gefragt, sondern die Fokussierung auf Bereiche, in denen Österreich nachhaltige Wertschöpfung in einer digitalisierten Zukunft erbringen kann. Um die (R)Evolutionen aktiv mitzugestalten, sollten wir uns folgende Frage stellen: Wie können die Stärken Österreichs auf jene Zukunftsfelder angewendet werden, die sich durch technologische Innovationen auftun?

Das sagt Österreich

Führungskräfte aus mehr als 50 österreichischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen haben sich daran beteiligt, die vielversprechendsten Felder für den Standort Österreich zu identifizieren. Anhand von Einzelinterviews mit Entscheidungsträgern aus allen Branchen - vom Tourismus bis zum Kulturbetrieb, vom landwirtschaftlichen Unternehmen bis zum Technologie-Start-up - wurden mögliche Themenfelder gesammelt, aufbereitet und vergleichbar gemacht. Themen, von denen sie überzeugt sind, dass sie nicht nur den Standort Österreich stärken, sondern die dafür sorgen, dass der heimische Markt auch in der digitalen Zukunft Erfolg hat.

Die Arbeitsgruppe war der Ansicht, dass die Bündelung von Kräften aus mehreren Bereichen Wettbewerbsvorteile schafft. Wenn etablierte Unternehmen an der Seite von Start-ups Entwicklungen vorantreiben, kann es zu jenen Netzwerkeffekten kommen, die in technologische Innovationen ebenso wie in Anwendungsinnovationen münden.

Sieben Geschäftsmöglichkeiten der Zukunft: In einem Großgruppenworkshop diskutierten die Teilnehmer über die Vorzüge und Chancen der zuvor gesammelten Themenfelder und wählten schließlich folgende sieben Themen aus.

  1. Vernetzung von Tourismus und Landwirtschaft: Österreich ist sowohl für seine Serviceorientierung im Tourismus als auch für die Qualität seiner landwirtschaftlichen Produkte international bekannt. Die jetzt auf den Markt drängende Generation junger Reisender legt hohen Wert auf die Authentizität des Reiseerlebnisses. Dort ergeben sich Chancen, sowohl landwirtschaftliche Leistungen als auch touristische Angebote auf lokaler Ebene miteinander zu vernetzen. Österreich wäre hierfür prädestiniert.
  2. Spital 2.0: Innovationen sind des Gesundheitswesens täglich Brot. Die Möglichkeiten, die sich durch die Vernetzung der Daten organisatorisch bieten, haben das Potenzial, das Gesundheitswesen von Grunde auf zu revolutionieren. Österreich hat derzeit eine führende Position, um die "Patient Journey" im Interesse des Patienten und des Systems produktiver zu gestalten.
  3. Humanzentrierte Industrie 4.0: Die Vernetzung aller Anlagen einer Fabrik inklusive ihrer intelligenten Steuerung verfolgt letztlich das Ziel der mannlosen Fabrik. Aus der Sicht einiger führender österreichischer Unternehmen ist diese Vision kurzfristig nicht erstrebenswert. Vielmehr sollte Österreich mehr auf die Unterstützung des Menschen innerhalb der smarten Fabrik setzen und ihn in den Mittelpunkt der Innovationsbemühungen stellen.
  4. Sicherer Datenhafen: Eine Begleiterscheinung der digitalen Transformation ist die Explosion der Daten. Für viele Unternehmen ist die Verknüpfung von Daten Grundlage ihres Geschäftsmodells. Gleichzeitig erkennen die Kunden, dass sie durch die Menge der über sie gesammelten Informationen "gläsern" werden und sich gegen Missbrauch nur schwer schützen können. Der Aufbau eines sicheren, gegen Missbrauch geschützten Datenspeichers, auf den nur über Datentreuhänder zugegriffen werden kann, macht daher Sinn. Österreich als neutrales Land mit kompetenten IT-Mitarbeitern könnte hier eine führende Rolle einnehmen.
  5. Intelligente Mobilität: Nur wenige Branchen stehen langfristig vor größeren Umbrüchen als die Automobilindustrie. Österreich ist in vielen Teilbereichen der Mobilität führend. Neben der hohen Kompetenz auf vielen Stufen der Automobilherstellung forschen österreichische Betriebe auch auf den Gebieten der Elektromobilität, beim autonomen Fahren, aber auch bei alternativen Mobilitätskonzepten. Trotz der hohen Kompetenz der heimischen Betriebe ist Verstärkung durch zusätzliche Ressourcen nicht verkehrt.
  6. Vernetzte Verwaltungsplattform: Die Vernetzung und intelligente Steuerung von Verwaltungsabläufen bieten hohes Potenzial, um die Verwaltung unserer Körperschaften deutlich effizienter und bürgernäher zu machen. Im internationalen Vergleich hat Österreich schon heute eine führende Rolle, wenn es um die Digitalisierung von Verwaltungsfunktionen geht. Durch eine Öffnung des Ökosystems für private Anbieter könnte es zu einer signifikanten Beschleunigung bei der Realisierung effizienterer Abläufe kommen.
  7. Künstliche Intelligenz: Die künstliche Intelligenz (KI) ist das Endspiel der Digitalisierung. Derzeit noch in den Anfängen der praktischen Anwendung, hat KI das Potenzial, die Grundstruktur, wie Computersysteme funktionieren, vollständig zu verändern. Bereits jetzt zeigen erste Anwendungsfälle, welch gewaltiges ökonomisches Potenzial im Einsatz von selbstlernenden Systemen steckt. Österreich verfügt über Pioniere auf diesem Gebiet, von denen einige bereits ins Ausland abgewandert sind, da ihnen vor Ort die Entwicklungsmöglichkeiten fehlten. Ein Fokusfeld mit führenden Experten, unterstützt von einigen Hundert gut ausgebildeten Informatikern, könnte das derzeit offene Zeitfenster, in dem sich die Amazons der Zukunft formieren, nützen.

Gemeinsam Zukunft schreiben

Die Entscheidungsträger der österreichischen Wirtschaft sind nicht zusammengekommen, um einen Forderungskatalog für die Politik zu erstellen. Auch wenn die erforderlichen Rahmenbedingungen (z. B. Bildung, steuerliche Rahmenbedingungen, Breitbandinfrastruktur) nicht gänzlich unbeachtet blieben, war es das Ziel, Felder zu definieren, die für Unternehmer und Unternehmen sowie für Mitarbeiter und Geldgeber attraktiv genug sind, um ein unternehmerisches Risiko einzugehen. Wenn mehrere Unternehmen im Umfeld von Bildungs- und Forschungseinrichtungen ähnliche Innovationsfelder besetzen, steigt die Wahrscheinlichkeit eines nachhaltigen Erfolgs.

Diese sieben identifizierten Bereiche stellen attraktive Startpunkte dar ohne zu vergessen, dass sich österreichische Unternehmen schon seit Jahrzehnten als sehr geschickt darin erwiesen haben, Nischen zu erkennen und erfolgreich zu besetzen.


Der Autor

WERNER GIRTH ist Partner bei KPMG in Österreich mit Spezialisierung auf die digitale Transformation von Unternehmen.

Die Studie

Zum Download der Studie "Digitale Zukunft Österreichs - Sieben visionäre Geschäftstmöglichkeiten zur Zukunftssicherung des Landes" von KPMG Austria klicken Sie hier oder auf die obige Abbildung.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 48/2017 vom 1. Dezember 2017 entnommen.

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