Digitalisierung: "Führt die Vernetzung zu Ende!"

Tim Cole bei einem Vortrag auf der HR-Messe Personal Austria im November 2017

Tim Cole bei einem Vortrag auf der HR-Messe Personal Austria im November 2017

Der Digitalisierungsexperte Tim Cole im trend-Interview über ängstliche Manager die zu viel auf einmal wollen, eine verwöhnte Generation, Algorithmen für Industriekletterer und Innovation als konspirative Angelegenheit.

trend: Das Schlagwort Digitale Transformation wird heute derart inflationär verwendet, dass ich mich frage, ob es als Titel eines Ratgeberbuchs überhaupt noch Sinn macht und verkauft?
Tim Cole: Mein Buch war das erste, das diesen Titel trug. Darauf bin ich ein bisschen stolz. Außerdem ist digitale Transformation – so wie ich sie verstehe – ein so umfassendes und alles veränderndes Thema, dass es auf jeden Fall auf Jahre hinaus aktuell bleiben wird. Es ist kein allein stehendes Phänomen, sondern die Kombination von drei Megatrends, wo jeder für sich groß genug ist, um die Welt zu verändern. Gesellschaft, Politik, Wirtschaft – nichts wird verschont bleiben von diesem Tsunami. Und deswegen kann man dieses Thema auch sicher noch sehr lange diskutieren, denn bedauerlicherweise hinken gerade Firmen im deutschsprachigen Raum hier weit hinterher.

trend: Was macht Sie so sicher? Als Thema ist es doch gesetzt, die Umsetzung hapert da und dort vielleicht noch.
Cole: Wissen Sie, die Deutschen und Österreicher reden sehr gern über das Thema. Aber die Deutschen an sich sind sehr ängstlich. Sie haben uns Angelsachsen ja das schöne Wort „Angst“ beschert. Der deutsche Manager hat leider typischerweise Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen und trifft deswegen lieber gar keine. Das wäre aber in dieser Situation fatal.


Der deutsche Manager hat leider typischerweise Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen und trifft deswegen lieber gar keine.

trend: Welchen drei Megatrends sollten sich diese Manager also nicht verschließen?
Cole: Der erste Trend ist die Digitalisierung. Die ist jetzt komischerweise in aller Munde, obwohl wir das seit 25 Jahren machen. Es gibt im Unternehmen kaum mehr Informationen, die nicht in digitaler Form vorhanden sind. Was die Digitalisierung allerdings tatsächlich bewirkt, ist eine ungeheure Beschleunigung. In der digitalen Welt ticken die Uhren im Takt zu Moore’s Law. Die wirkt anfangs noch harmlos, aber dann geht es auf einmal ganz, ganz schnell. Erst der zweite Trend bewirkt massive Veränderung. nämlich die Vernetzung: Geschäftsprozesse verändern sich komplett, die Verhältnisse zwischen Kunde und Anbieter, zwischen Arbeitgeber- und –nehmer werden auf den Kopf gestellt. Aber leider haben sie es in der Vergangenheit mit der Vernetzung ziemlich schleifen lassen. Ja, jeder verweist stolz auf seine Kundendatenbank, auf E-Procurement oder seinen Webshop. Aber leider hat niemand daran gedacht, der IT zu sagen, dass sie die Informationen, die in diesen Systemen anfallen, auch in allen anderen Systemen verfügbar machen müssen.

trend: Das sollte eigentlich nur eine Fingerübung sein.
Cole: Die IT verspricht uns seit vielen Jahren: „Wir bringen die richtige Information zur richtigen Zeit an den richtigen Ort.“ Das war übrigens jahrelang der Werbespruch von IBM, bis sie dann irgendwann gemerkt haben, das klappt nicht. Jetzt reden sie über Smarter Planets und so. Tatsächlich sind in allen Unternehmen lediglich digitale Inseln entstanden. Auf das CRM-System kann nur das Marketing zugreifen. Was ist mit dem Vertrieb oder der Produktentwicklung? Was ist mit dem Beschwerdemanagement? In meinen Augen ist die große Herausforderung ans Management in den kommenden Jahren: Führt die Vernetzung zu Ende! Sonst können wir uns das ganze Gerede vom Internet der Dinge oder von autonomen Fahrzeugen knicken.


Mit der Datenschutzgrundverordnung schießt sich Europa gerade ins Knie.

trend: Was gegen diesen synchronisierten Datenfluss spricht ist ein Recht auf Datenhoheit, Privatsphäre, Dinge, denen unter anderem mit der Datenschutzgrundverordnung mehr entsprochen werden soll ...
Cole: Ja, damit schießt sich Europa gerade ins Knie. Aber lassen Sie mich, damit Sie den Gesamtkontext verstehen, noch den dritten Trend beschreiben: die Mobilität. Dinge, die wir früher nur am Computer machen konnten, gehen jetzt überall. Das verändert unseren Umgang mit digitalen Inhalten, macht ihre Nutzung einerseits leichter, offenbart aber andererseits umso mehr die fehlende Vernetzung. Als digitale Nomaden könnten wir eigentlich überall arbeiten, wo wir Strom finden – die Chefs in Deutschland und Österreich haben da aber etwas dagegen. Es gibt eine Umfrage des Bitkom (Deutscher Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien; Anm.), wonach 75 Prozent aller Vorgesetzten im deutschsprachigen Raum ihren Mitarbeitern Präsenzpflicht abverlangen. Der Grund ist nicht Technik, sondern liegt am Misstrauen der Chefs gegenüber ihren Mitarbeitern: Wenn ich den Kerl nicht sehe, schafft der nix, der faule Hund! Das ist ein Versagen der Führungskultur in diesen Ländern. Durch Misstrauen kannst du nicht führen. Du kannst nur mit Zielen und Ergebnissen führen, indem du deine Teams so zusammenschweißt, dass sie autonom arbeiten können.

trend: Es gibt aber gerade in den USA Unternehmen, die die Vorzüge der Präsenzkultur wiederentdecken ...
Cole: Gut, manche gehen zwei Schritte vor und dann wieder einen zurück. Es geht um Autonomie, Eigenverantwortung und Selbstbestimmung. Das ist aus Sicht der Mitarbeiter eine wahnsinnige Befreiung.
Jetzt nehmen wir diese drei Trends – Digitalisierung, Vernetzung und Mobilität – tun noch ein bisschen künstliche Intelligenz dazu und das ändert alles – im Grunde die ganze Welt und wie wir sie wahrnehmen. Augmented Reality steckt noch in den Kinderschuhen, aber wir werden in ein paar Jahren alle Kontaktlinsen tragen, die uns ständig eine Mischung aus echter und virtueller Realität erleben lassen werden.


Wir reden zulange und trauen uns nicht so recht.

trend: Wann wird es soweit sein?
Cole: Schneller, als wir denken. Das Blöde ist, wir haben keine Zeit. Ich erinnere an ein Zitat des legendären Professor Bullinger vom Fraunhofer Institut, der meinte: Ja wisset sie, meine Studenten und ich haben eine todsichere Managementmethode erfunden: die SNS-Methode. Schaffe, net, schwätze. Er hat ja so furchtbar recht. Wir reden zulange und trauen uns nicht so recht. Und wenn wir anfangen, wollen wir zu viel, dann gibt es gleich das Megaprojekt, die „Eierlegende Wollmilchsau“, die in der Regel die Erwartung nicht erfüllen kann. Ich sage nur BER (Flughafen Berlin, Anm.).

trend: Das ist doch eine Berliner „Spezialität“ ...
Cole: ... Maut, Elbphilharmonie. Wenn der Deutsche was will, dann meist zu viel. Warum nicht mit Projekten anfangen, die in 40 bis 60 Tagen erledigt sind, wo man weiß, ob es was wird oder nicht? Und wenn nicht, dann ab damit in die Tonne und was Neues probieren. Wir brauchen mehr Mut, auch mal einen Fehler zu machen.

trend: Sind die Jungen besser?
Cole: Viel, viel besser. Berlin bezeichnet sich selbst stolz als die ‚Hauptstadt des Scheiterns‘. In der Start-up-Szene scheitern mehr Firmen als sonstwo. Aber es werden auch mehr gegründet als anderswo. Und niemand hat deswegen ein Kainsmal auf der Stirn.


Es wie beim Judo – du musst beim Fallen locker sein, sonst tust du dir weh.

trend: Scheitern ist schick.
Cole: Scheitern, wenn du erkennbar was daraus gelernt hast, ist eine Auszeichnung, das ist ein Streifen am Arm. Ich bin gebürtiger Amerikaner, aber seit 50 Jahren in Deutschland und Österreich. Ich kenne meine Pappenheimer auf beiden Seiten. Der Amerikaner ist sorgloser, fällt hin, putzt sich ab, geht weiter. Der Deutsche erstarrt oft aus lauter Angst, nochmal hinzufallen. Es aber wie beim Judo – du musst beim Fallen locker sein, sonst tust du dir weh. Das können die Amerikaner instinktiv besser als die Deutschen.
Es gibt Länder, die wir gar nicht so am Radar haben. Südkorea, das am besten vernetzte Land der Welt. Die baltischen Staaten, die irrsinnig gut vernetzt sind und mehr junge Leute haben, die gut ausgebildet sind und etwas erreichen wollen. Vor einigen Jahren war ich am MIT in Boston und habe im berühmten Hörsaal 3, wo früher auch Einstein vortrug, eine Vorlesung von Professor Bose gehört. Ich war umgeben von 90 Prozent Asiaten. Die sind kulturell und von ihrem Elternhaus getrieben, zu lernen.

trend: Sie müssen mit diesen außergewöhnlichen hohen Erwartungen aber auch umgehen können.
Cole: Ja, dass sie dabei unter Umständen überfordert werden und an Burn-out zu scheitern drohen, ist okay, aber sie sind jedenfalls im Rennen. Bei uns sind die Kids, die die Schule abbrechen, aus dem Rennen. Es gibt eine direkte Korrelation zwischen Bildungsstand und Arbeitsfähigkeit. Jemand mit Hauptschulabschluss hat eine dreifach höhere Wahrscheinlichkeit als Langzeitarbeitsloser zu enden als jemand mit irgendeiner anderen Qualifikation, und das muss auch kein Hochschulabschluss sein. Im Grund haben wir in Mitteleuropa noch ein drittes Problem, den demografischen Wandel, der meines Erachtens falsch eingeschätzt wird. Der Wandel wird bei uns zu einer Arbeitsmarktkatastrophe führen, wenn bei uns eine ganze Generation – die Babyboomer – in Rente geht. Professor Horst Neumann, der frühere VW-Personalvorstand von VW sagte einmal auf einer Konferenz: „Ich habe keine Chance, die ganzen Babyboomer zu ersetzen, weil es kommt ja nichts nach!“ Er hatte drei Lösungsvorschläge, die alle drei politisch nicht besonders korrekt sind, die ich aber vollinhaltlich unterstütze. Erstens Automation: Wir müssen in Roboter investieren, nicht weil wir menschliche Arbeitskräfte ersetzen wollen, sondern weil wir keine mehr kriegen. Dadurch können die noch existierenden menschlichere, herausfordernde, wertvollere Aufgaben übernehmen. Das zweite ist das, was er „Frischfleisch“ nannte nämlich Immigranten. Wir müssen ein Einwanderungsland werden. Wir müssten eigentlich an der Grenze stehen und jeden mit Handschlag begrüßen, der zu uns will, und ihn in eine Lehrlingswerkstätte führen. Es gibt Unternehmen in Deutschland, die genau das machen.

trend: Die handeln in der Regel aber auf eigene Initiative.
Cole: Ja, da gibt es zum Beispiel die Firma Rittal, die Serverschränke herstellen. Die haben eine eigene Lehrlingswerkstätte mit arabisch sprechenden Ausbildnern aufgebaut und die holen sich wirklich vom Ausländeramt syrische Flüchtlinge mit Vorbildung. Die sagen, das ist klasse. Wenn man die richtig anpackt, ausbildet und integriert, kommen die relativ schnell in den Arbeitsprozess. Das war Neumanns dritter Punkt: Qualifikation! Es gibt in der digitalen Wirtschaft keinen Platz für Mittelmaß. Wenn du eine Chance auf Arbeit haben willst, musst du qualifiziert sein.

trend: Und wir lernen einen Menge neuer Mängelberufe kennen: Gerade in der IT ist der Fachkräftemangel eklatant.
Cole: Stimmt schon, aber das heißt nicht, dass jetzt jeder Programmierer werden muss. Ein Manager muss aber sehr wohl in der Lage sein, seine IT-Leute soweit zu verstehen, dass er die richtigen Entscheidungen fürs Business fällen kann. Im Grunde geht es um geistige Flexibilität und das ein Leben lang. Aber das ist leider auch etwas, dass in Europa wenig Tradition hat. Der Amerikaner ist das lockerer: Er schaut immer mal wieder, wo die Wiesen grüner sind, der Deutsche sucht im Grunde die Job- und Karrieresicherheit. Er möchte planen können.
Die Generation Y ist ja auch bei uns anders. Ja, die wollen schon auch Karriere machen, aber nicht um jeden Preis. Sie möchten auch Kinder, aber dafür erwarten sie vom Arbeitgeber Elternurlaub – und zwar für beide. Sie möchten auch mal längere Auszeiten nehmen können und flexiblere Arbeitszeiten haben. Und Stress mögen sie gar nicht! Dazu sind sie nicht erzogen worden.


Es muss nicht jeder Programmierer werden. Ein Manager muss aber sehr wohl in der Lage sein, seine IT-Leute zu verstehen.

trend: Das ist ja auch ein Vorwurf an diese Generation von Älteren, dass sie nichts aushalten, nicht an die Grenzen gehen.

Cole: Ja, aber die Kids können nichts dafür. In der New York Times stand neulich eine Geschichte über die „Entitled Generation“, da wurde das genau beschrieben. Wir haben sie halt so erzogen: Wir haben sie gehätschelt und möglichst jede Belastung von ihnen ferngehalten. Wir haben ihnen immer wieder gesagt, wie toll sie sind. In den USA gibt es ja teilweise Preise für den Letzten in der Klasse. Was sagt das dem Ersten? Du musst dich gar nicht anstrengen. Wer soll denn da bitteschön noch den Ehrgeiz haben, außergewöhnliche Leistungen zu bringen? Das ist ein Problem. Aber insgesamt bin ich sehr zuversichtlich, dass diese Generation ihren Weg machen wird. Sie wird anders arbeiten wollen als ihre Vorgesetzten. Aber sie wissen, dass Talente knapp sind und dass sie sich ihren Arbeitgeber aussuchen können. Auch hier haben sich die Machtverhältnisse im Internet-Zeitalter verschoben. Arbeitgeber müssen sich für die Talente schmücken, denn der Mangel an jungen Fachkräften wird je immer schlimmer, und zwar in jeder Branche.

trend: Was raten Sie Unternehmern beim Recruiting?
Cole: Schaut mal in eigene Belegschaft! Vielleicht ist da ja jemand, den man mit ein paar Maßnahmen auf eine ganz neue Ebene heben kann. Ich war neulich in Lübeck bei einer Veranstaltung. Da kam ein Mann zu mir und sagte: „Was Sie sagen stimmt. Auch in unserer Branche sind Daten ganz, ganz wichtig.“ Ich fragte etwas verwundert: „Ja was machen Sie denn?“ Und er sagte: „Gebäudereinigung“. Da war ich zunächst etwas verblüfft. Aber dann erzählte er mir, dass er insgesamt 6000 Mitarbeiter hat, und die müssen zum Beispiel Windkrafträder reinigen, von denen es in Norddeutschland natürlich besonders viele gibt. Jedes Windrad muss zu ganz bestimmten Zeiten und von speziell ausgebildeten Leuten gereinigt werden. Man nennt diese Leute „Industriekletterer“. Die sind wie Bergsteiger, müssen sich abseilen und sichern. Solche Leute sind am Arbeitsmarkt so gut wie nie zu finden. Dieser Firmenchef hat sich also einen Algorithmus schreiben lassen, der in der Personaldatenbank nachschaut und Leute herausfiltert, die zum Beispiel schon mal im Hochbau gearbeitet oder einem anderen Beruf gearbeitet haben, wo man schwindelfrei sein muss. Damit haben sie 300 Kandidaten identifiziert, von denen sie 200 überreden konnten, eine Spezialausbildung zu machen. Der Mann macht sich keine Sorgen mehr über mangelnde Fachkräfte!

trend: Sie sprechen vor einem sehr breiten Publikum über Digitalisierungsthemen. Was erzählen Sie Jägern, was Sie Personalleitern oder Notaren nicht erzählen?
Cole: Ich bin vor Jahren in den wunderschönen Lungau gezogen mitten in die Natur. Dort habe ich leider feststellen müssen, dass ich mich in der Natur überhaupt nicht auskenne. Ich habe deswegen den Jagdschein gemacht – nicht, um Viecher zu schießen, sondern um verstehen zu lernen, was da um mich herum vorgeht. Mit der digitalen Transformation ist es ähnlich: Was ich sage, lässt sich fast auf jede Branche übertragen. Das Buch, das ich dazu geschrieben habe, ist in Kapitel aufgeteilt, die jeweils eine einzelne Firmenabteilung beschreiben und was sich dort in den kommenden Jahren ändern wird. Die Grundprinzipien der digitalen Transformation kann man auf jedes Unternehmen und jeden Unternehmensbereich übertragen.


Man muss anecken, immer wieder bohren, unbequem sein.

trend: So unterschiedlich die Zuhörer sein mögen, wird es doch typische Reflexe geben?
Cole: Dieser Gebäudereiniger, das war so ein Aha-Erlebnis. Das passiert mir zum Glück sehr häufig. Selbst in den konservativsten, traditionsverhaftesten Branchen ist plötzlich jemand, der mir erzählt, wie es bei ihm weitergeht oder wie er die Probleme gelöst hat. Es gibt vor allem zwei typische Reaktionen: Der eine sagt: „Wir ändern gar nichts, denn sonst hätten wir‘s längst gemacht. Aber dann kommen andere, vor allem meist jüngere Zuhörer beim Buffet oder Bier auf mich zu und sagen: „Mensch sie haben ja sowas von Recht! Aber sagen Sie es bitte nicht weiter, denn mein Chef bremst noch…“ Bei einem der ganz großen Industriezulieferer habe ich neulich eine junge Dame kennengelernt, die im Unternehmen eine Art konspirative Gruppe etabliert hat, die gemeinsam darüber nachdenkt, wie sich das Unternehmen ändern lassen könnte. Im Vorstand durfte das niemand wissen. Die haben aber einen wichtigen Hauptabteilungsleiter als Verbündeten an Bord geholt. Daraus entstand zum Beispiel die Idee, einen hausinternen Inkubator zu gründen, um zu verhindern, dass gute Leute gehen, weil sie sich selbständig machen wollen. Das Unternehmen bietet ihnen heute stattdessen an, sie bei der Unternehmensgründung zu unterstützen, mit Kapitel, mit Know-how, mit Mentoring. Im Gegenzug erwarten sie aber, dass sie im Erfolgsfall eine Beteiligung oder eine Übernahmeoption bekommen, die vorher vereinbart wird. So wird die Nabelschnur zu den jungen Talenten nicht gekappt, aber sie können trotzdem in Freiheit ihre Ideen verwirklichen.

trend: Also hängt der Erfolg von Digitalisierungsprojekten am Ende doch stärker an Personen als an der Technologie?
Cole: Hängt nicht alles an Personen? Es muss jemand wollen, anstoßen, immer wieder bohren, unbequem sein. Denn da wo es juckt, da wird gekratzt. Vor allem bei großen DAX-Firmen beobachte ich eine gewisse Unternehmens-DNA, eine eingefleischte Denkweise, die alle teilen. Jeder, der anders denkt, wird als Störfaktor empfunden und im schlimmsten Fall ausgegrenzt und abgestoßen. Ich denke, das Beste, was ein kluges Unternehmen in dem Fall machen kann, ist ausgründen! Nimm die Störenfriede und lass sie in einer eigenen Abteilung oder sogar in einer eigenen kleinen Firma mal machen. Wenn sie Erfolg haben, kann ich sie noch immer integrieren. Schlimmstenfalls muss man eben Parallelstrukturen schaffen. Aber wie bringt man sonst einen großen Tanker auf einen neuen Kurs? Indem man Beiboote aussendet, die schon mal schauen, wo es Untiefen gibt und wo einen sicheren Hafen. So stelle ich mir die Zukunft großer Unternehmen vor. Wir haben in Deutschland und Österreich eine Menge großer Unternehmen, die jetzt – sehr, sehr schnell - auf ein Riff aufzufahren drohen, wenn sie nicht bald den Kurs ändern. Das möchte ich nicht, denn ich lebe ja selbst sehr gerne hier, und wenn es diesen Industriestandorten gut geht, geht es mir auch gut.


Zur Person

Der Amerikaner Tim Cole ist Publizist und gefragter Redner zum Thema Digitalisierung. Seinen Bestseller „Digitale Transformation“ aus 2015 gibt es seit Kurzem in einer zweiten, überarbeiteten Auflage. Das Interview wurde im November 2017 im Rahmen der Personal Austria Messe geführt.

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