Digitale Praxis: Blick in den Maschinenraum

Digital First, denken sich viele Unternehmer seit Corona. Die Praxis erfordert kluge Strategie und Investitionen. Zahlreiche Unternehmen haben es schon zur Meisterschaft gebracht.

Digitale Praxis: Blick in den Maschinenraum

Digital Austria! Mit diesem Schlagwort will die Kanzlerpartei ÖVP Österreich unter die technologisch führenden Länder in der Welt führen. Davon sind wir weit weg. Aber die Bestandsaufnahme ist so schlecht auch wieder nicht. Seit Jahren predigen Fachleute die Notwendigkeit, sich als Unternehmer dem digitalen Wandel zu stellen. Seit Jahren wird dieser Weckruf von vielen aus den verschiedensten Gründen beharrlich ignoriert. Durch die Coronapandemie ist jedoch vieles anders, die Botschaft hat mehr Unternehmer erreicht. Diese Krise hat aber auch schonungslos die Lücken in den Kommunikations- und Arbeitsprozessen offengelegt. Und so stand bereits Ende 2020 für neun von zehn Unternehmen fest, dass sie die Digitalisierung in der Post-Corona-Zeit priorisieren wollen. Fast die Hälfte der von Berater Capgemini befragten Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gaben an, die Budgets dafür erhöhen zu wollen.

Was die digitale Transformation für das eigene Unternehmen bedeutet und wo sich Investitionen lohnen, muss allerdings individuell definiert werden. Digitalisierung ist mehr als die Erneuerung veralteter Hardware oder das Lizenzieren von Programmen.

E-HEALTH. In der Pandemie wurde vieles möglich. Dennoch ist das Gesundheits- und Sozialwesen laut Digitalisierungsindex der noch immer am wenigsten digitalisierte Sektor in Österreich.

E-HEALTH. In der Pandemie wurde vieles möglich. Dennoch ist das Gesundheits- und Sozialwesen laut Digitalisierungsindex der noch immer am wenigsten digitalisierte Sektor in Österreich.

Sie ist in den Chefetagen angekommen - das belegt auch die Umfrage des trend im Rahmen der TOP 500. Allerdings ist sie noch nicht überall Chefsache bezüglich der Umsetzung: Sie erfordert strategisches Vorgehen und saubere Planung.

Warum hektische Betriebsamkeit nicht automatisch Umsätze bringt, war ebenfalls im Coronajahr 2020 während der Lockdowns gut zu beobachten. Vielen Unternehmern wurde schlagartig klar, dass sie gar keinen einsetzbaren digitalen Absatzkanal hatten, und sie mussten feststellen, dass die reine Existenz eines Onlineshops noch nichts verkauft und das wahllose Durchtelefonieren einer Kundendatenbank keine Rettung verspricht. Andererseits ist den Unternehmen laut der Umfrage bewusst, dass der höchste Digitalisierungsdruck von Seiten ihrer Kunden kommt. Umso mehr überrascht eine Zahl aus dem jüngsten Digitalsierungsindex: Im Jahr 2021 verzichtet noch immer ein Drittel der heimischen Unternehmen auf die digitale Ansprache bestehender und neuer Kunden. Immer noch besitzt ein Viertel der Betriebe keine eigene Website, und nur ein Zehntel verfügt über einen Webshop.

Das sind Werte für die gesamte Wirtschaft. Unter den TOP 500 ist das Digitalisierungsniveau natürlich höher. Unterschiede gibt es aber auch in dieser Liga. 50 Unternehmen wurden als Vertreter der "Digital Excellence","Digital Transformation" oder "Digital Fitness" hervorgehoben. Sie eint, dass sie lange vor der Pandemie den Zusammenhang von digitalen Projekten und Geschäftserfolg erkannt haben - wie auch die vier Beispiele von der Post, Raiffeisen Bank International, Porsche Informatik und der Privatbrauerei Stiegl belegen.

Exzellenz ist überall

Die Auswahl demonstriert, dass digitale Meister in großen wie in kleinen Unternehmen zu finden sind, starke Innovationsarbeit in traditionellen, fast analogen Umgebungen - etwa Abfall- oder Milchwirtschaft - ebenso anzutreffen ist wie in technologienahen Sektoren à la Telekommunikation oder Finanzindustrie. Dass eine SAP als führender Anbieter für ERP-Programme oder eine A1 Telekom Austria als größter Telekomanbieter Österreichs starke Leistungen bringen, ist erwartbar.

Überraschender ist es schon, dass Energieversorger in ihren digitalen Transformationsprozessen recht weit fortgeschritten sind: Die Vorarlberger Illwerke zeigen hier ebenso auf wie die Innsbrucker Kommunalbetriebe oder Energie Burgenland. Beim Verbund sind die Digitalisierungsagenden sogar auf Vorstandsebene angesiedelt. Smarte Stromzähler in Wohnungen und Büros sind Symbol für die großen Weichenstellungen, die aus der E-Wirtschaft eine D-Wirtschaft machen.

Innovation ist harte Arbeit

Einem gängigen Irrtum sollten Unternehmer nicht erliegen: Digitalisierung ist nicht automatisch Innovation. Oft hat man mit dem Systemerhalt im Tagesgeschäft noch alle Hände voll zu tun, sodass gar keine Ressourcen für Entwicklung oder Adaptierung der Geschäftsmodelle bleiben. Die Investitionen fließen zum Großteil in den laufenden Betrieb: laut Capgemini im Schnitt 47 Prozent der IT-Budgets, bei Konzernen tendenziell weniger als im Mittelstand. Quer über alle Firmengrößen fließt gerade einmal ein Viertel des IT-Budgets in Innovationen.

Die Pandemie war nicht nur ein Weckruf, sie hat auch die Prioritäten neu geordnet: Der Ausnahmezustand hat viele Digitalisierungsprojekte, die nicht dem unmittelbaren Überleben des Unternehmens dienten, in die Warteschleife versetzt. Besonders stark betroffen davon war etwa SAP, einer der wichtigsten Lieferanten für Businesssoftware. Die epochale Umstellung auf das neue "S/4HANA"-System haben mehr als 40 Prozent der betroffenen Unternehmen letztes Jahr einfach aufgeschoben.

Neben der Wiederaufnahme von gestoppten Projekten erhalten zwei Aspekte nun überraschend mehr Aufmerksamkeit. Das durch die Pandemie erzwungene Großexperiment "Homeoffice" wird stärker in den sich langsam normalisierenden Bürobetrieb integriert. Unternehmen versuchen, ihre Balance zwischen den Vorzügen der virtuellen Teamarbeit und notwendiger physischer Präsenz zu finden. Gelebte Realität ist dieses "New Work" in erster Linie in Großunternehmen. In Österreich arbeitet die Hälfte der Unternehmen auch jetzt noch ohne Zoom und Cloud.

Auf der Agenda weiter nach oben gerückt sind Sicherheitsthemen. Unternehmer und Organisationen jeder Größe werden von Internetkriminellen, die aus finanziellen oder politischen Motiven agieren, unter Dauerbeschuss genommen. Vor der einträglichen Erpressung mit Verschlüsselungstrojanern sind weder heimische Vorzeigeunternehmen wie Palfinger oder Do &Co gefeit noch USamerikanische Energieversorger oder deutsche Krankenhäuser.

Für das Absichern von Produktionsumgebungen wird viel Geld ausgegeben. Die zunehmende Automatisierung und Vernetzung (Internet der Dinge) eröffnet leider massenweise potenzielle neue Einfallstore.

VIRTUELLE UND VERSCHNITTENE REALITÄTEN. Neben dem klassischen Anwendungsfall im Gaming-Sektor sind Datenbrillen in der Industrie und im Wartungsbereich immer weiter verbreitet.

VIRTUELLE UND VERSCHNITTENE REALITÄTEN. Neben dem klassischen Anwendungsfall im Gaming-Sektor sind Datenbrillen in der Industrie und im Wartungsbereich immer weiter verbreitet.

Sich in Eigenregie um die Sicherheit zu kümmern, können sich fast nur Konzernverbünde leisten. Die meisten anderen Unternehmen sind auf das Know-how externer Dienstleister angewiesen. Und: Der größte Hemmschuh bei Digitalisierungsprojekten ist das Fehlen kompetenter Arbeitskräfte. Die verzweifelte Personalsuche, die in der Gastronomie in diesen Wochen zu beobachten ist, erinnert viele Betriebe an ihr eigenes Dilemma: Viele tun sich schwer, IT-Fachkräfte zu finden. Die in den MINT-Fächern ausgebildeten Studenten sind viel zu wenige - wenn sie überhaupt zum Studienabschluss kommen. Vielfach wechseln sie nach dem Erwerb der Grundkenntnisse direkt ins Berufsleben: Job-out statt Drop-out.

In den vergangenen Jahren wurden in Österreich neue Lehrberufe definiert, etwa für E-Commerce, die dem geänderten Bedarf in der Wirtschaft Rechnung tragen sollen. Um die ganz junge Generation in ihrer Lebenswelt abzuholen, hat sich die Wirtschaftskammer zuletzt sogar "virtuelle Betriebsbesichtigungen" einfallen lassen, hat 360-Grad-Videos produziert, die einen realistischen Einblick in die konkrete Arbeitssituation einzelner Berufe geben sollen.

Diese Initiative ist ein prototypisches Beispiel für den viel zitierten Digitalisierungsbeschleuniger Corona: Die Idee gab es bereits vorher, umgesetzt wurde sie aber erst jetzt, weil berufspraktische Tage kaum oder gar nicht stattfinden konnten.

Koste es was es wolle

Mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Krisenfestigkeit - so unterschiedlich die Motive für verstärkte Digitalisierung sind, es gibt keine Abkürzung und keine Alternative, um den Standort Österreich international wettbewerbsfähig zu halten.

Der Staat muss die Infrastruktur dafür schaffen und etwa durch zügigen Ausbau der 5G-Kapazitäten für günstige Betriebsbedingungen sorgen. Mit einem Belohnungssystem schafft der Telekomregulator Anreize für die Telekomanbieter, gerade auch in besonders schmalbandigen, meist abgelegenen Gebieten endlich zu investieren.

MOBILFUNK. In den Ausbau der Breitbandinfrastruktur, mobil wie terrestrisch, werden viele Milliarden Euro investiert. Mit der 5G-Verbreitung sollen unterversorgte Gebiete erschlossen werden.

MOBILFUNK. In den Ausbau der Breitbandinfrastruktur, mobil wie terrestrisch, werden viele Milliarden Euro investiert. Mit der 5G-Verbreitung sollen unterversorgte Gebiete erschlossen werden.

Neben den etablierten drei großen Telekomanbietern mit eigenen Netzen haben zuletzt auch Energieversorger, Kommunen und kleine Telekomanbieter wie Spusu lokale 5G-Frequenzpakete ersteigert und können sie bewirtschaften. Das Bandbreitenangebot ist eine Grundvoraussetzung. Der Bedarf wurde durch das entgrenzte Arbeiten im Homeoffice in den Haushalten noch größer und konnte meist auch befriedigt werden. Dennoch: Von 100-Megabit-Leitungen können viele in Österreich nur träumen.

Strategieberater Arthur D. Little, Wirtschaftsuniversität Wien, Wirtschaftskammer und Drei erstellen seit 2017 einen lokalen Digitalsierungsindex für Unternehmen. Der jüngste Befund aus dem Frühjahr ernüchtert: Jedes dritte Unternehmen in Österreich hat keinen adäquaten Internetzugang. Beim jüngsten OECD-Ranking vor Ausbruch der Pandemie kam die heimische Breitbandinfrastruktur - sowohl im Fest- als auch im Mobilnetz - über das Mittelfeld nicht hinaus. Bei der Datennutzung pro Anschluss liegen österreichische Nutzer mit 16 GByte/Monat auf Platz zwei hinter Finnland. Der Bedarf ist also da. Mit 5G steht eine Technologie zur Verfügung, auf die die vernetzte Wirtschaft Hoffnungen setzen darf.

Der schwedische Telekomausrüster Ericsson schätzt, dass bereits in fünf Jahren die Hälfte des globalen mobilen Datenverkehrs über diese Netze abgewickelt werden kann. Mit 5G werden sogenannte Campus-Netze möglich, die abgeschottet und sicher hohe Bandbreiten bieten. Anwendungsszenarien dafür gibt es viele: Sie reichen von industriellen Produktionsarealen über Krankenhäuser bis hin zu Großveranstaltungen. Am Flughafen Wien, auch ein digitaler Champion, wurde bereits vor dem kommerziellen 5G-Start in Österreich die Vorstufe eines solchen Netzes getestet, wo interne Daten für das Handling und Passagierdaten separiert transportiert und verarbeitet wurden. Dass der Wiener Flughafen wiederholt internationale Auszeichnungen gewinnt, ist auch dem konsequenten Einsatz digitaler Technologien geschuldet.

Profitieren wird die heimische Wirtschaft auch von der forcierten Digitalisierung in der Verwaltung. Mit 160 Millionen Euro wird allein dieses Jahr und 2022 das E-Government vorangetrieben. Schwerpunkte sind bessere Bürger-und Unternehmensservices, unter anderem werden die Angebote auf oesterreich.gv.at ausgebaut.

Bis 2027 läuft auch das sogenannte "Horizon Europe"-Forschungsrahmenprogramm, von dem sich Österreich jährlich 300 Millionen Euro holen will. Das Ziel benennt die EU-Forschungskommissarin Mariya Gabriel klar: den grünen und den digitalen Wandel vorantreiben. Die gute Nachricht für Unternehmer:

Wer sich für die Post-Corona-Zeit digital krisenfit machen will, bekommt von vielen Seiten Unterstützung. Beratungsleistungen, Förderungen und Zuschüsse warten darauf, als Treibstoff für den Digitalisierungsturbo zu fungieren (mehr zu Ansprechpartner und Förderinitiativen auf den Folgeseiten).

In einem Befund sind sich Digitalisierungsexperten einig: Der Turbo hat bis jetzt vor allem bei vielen Großen gezündet, und die heben den österreichischen Schnitt. Bei typischen KMU - den berühmten 90 Prozent - ist noch ganz viel Luft nach oben.


Eine Kooperation mit

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