Digital ist nicht mehr egal

Corona hat dem Gesundheitswesen mit Impfpass und E-Rezept digitale Flügel verliehen. Eine Studie von Accenture kommt zum Ergebnis, dass sich die Österreicher weitere Digitalisierungsschritte vorstellen können.

Digital ist nicht mehr egal

Die Pandemie hat dem Gesundheitswesen eine Überdosis Digitalisierung beschert.

Videosprechstunde, telefonische Krankschreibung, Rezept per E-Mail – erstaunlich, was alles möglich wurde. Es war eine Schocktherapie für alle Beteiligten: Patienten, Krankenhäuser, Ärzte und Versicherungen. „Wir mussten ja ebenfalls ins Homeoffice übersiedeln“, erinnert sich Peter Lehner, SVS-Obmann und Co-Vorsitzender der Konferenz der Sozialversicherungsträger. „Hätten wir nicht vorher viele Prozesse digitalisiert gehabt, hätten wir unsere Dienstleistungen nicht einmal ansatzweise so reibungslos erbringen können“.

Corona hat auch dafür gesorgt, dass ein Digitalisierungsprojekt, das seit Jahren in der Schublade lag, in extremer Geschwindigkeit umgesetzt wurde: der elektronische Impfpass, den sich die Österreicher heute einfach aus dem Netz ziehen können. Das hat sowohl der Handysignatur als auch der elektronischen Gesundheitsakte ELGA Rekordzugriffe beschert (siehe Kasten).

Franz Leisch, ELGA

ELGA-Geschäftsführer Franz Leisch spricht von einem „Kollateralnutzen“. Die pandemiebedingten Kraftanstrengungen haben alle an die Grenzen gebracht. Eine Rückkehr zum Vor-Krisen- Status wünscht sich aber niemand, schon gar nicht die Patienten.

„Viele Bürger und auch Ärzte haben ELGA wohl erst durch den Impfpass entdeckt.“

Die Österreicher sind bereit wie noch nie für mehr Digitalisierung im Gesundheitswesen. Das untermauert eine neue E-Health-Umfrage der Berater von Accenture, die 2020 und 2021 von der Marktforschung Bilendi 6.000 Österreicher repräsentativ befragen ließen (siehe Grafiken).

DIE E-HEALTH-UMFRAGE VON ACCENTURE. Die Bereitschaft für virtuelle Arzttermine hängt stark vom Anlassfall ab: Bei der täglichen Unterstützung chronischer Krankheiten ist sie sehr hoch, bei psychologischen Terminen zum Beispiel wird die physische Präsenz vorgezogen.

MED-APP. Über die App „MeineSV“ können Rechnungen eingereicht und Leistungen eingesehen werden. Dass es so eine App gibt, wussten viele der Befragten gar nicht.

Was am meisten wehtut, ist die verlorene Zeit, die in Wartezimmern und Ambulanzen abgesessen wird. Drei Viertel erwarten von virtuellen Sprechstunden Zeitersparnis. Das persönliche Gespräch vor Ort punktet bei „qualitativ hochwertiger Hilfe“. Eine Befundbesprechung geht gern auch online, die Erfassung bestimmter Werte überlässt man lieber den Fachleuten vor Ort. Auf den Punkt gebracht: Je einfacher das Anliegen, desto lieber eine virtuelle Ordination.

Interessant ist zudem, dass bereits 45 Prozent der Befragten über sogenannte Wearables – Smartwatches, Fitnessarmbänder oder ähnliches – Gesundheitswerte erfassen und kontrollieren. Zu ihnen gehören nicht bloß Fitnessfanatiker. Jeder Fünfte ist älter als 60 Jahre. Die Alten sind E-Health gegenüber kaum weniger aufgeschlossen als jüngere, digitaler sozialisierte Altersgruppen. In Gesundheit und Fitness investieren viele Österreicher Zeit und Geld. Jeder Zehnte wäre bereit, für E-Health zu zahlen, ein Drittel der Befragten könnte sich das „unter Umständen“ ebenfalls vorstellen. Wenn der Nutzwert hoch genug ist, darf es also auch etwas kosten.

Fast drei Viertel gaben an, dass sie eine App nutzen würden, die zu einer Beschleunigung ihres Krankenhausaufenthalts führen würde. 20 Prozent lehnten das strikt ab. Dass die eigenen Gesundheitsdaten zu den sensibelsten Daten gehören, ist evident. Die größten Bedenken hegen die Betroffenen beim Datenschutz. 45 Prozent derer, die die Nutzung so einer App ablehnten, führten das ins Treffen. Hinter den Bedenken stehen auch ­Sicherheitsüberlegungen, Privatsphäre und prinzipiell Sorge vor Überwachung.

Eine Art „Super-App“, die eine komplette Patientenhistorie abbildet und Interaktion mit allen Gesundheitsdienstleistern erlaubt, ist aber nicht so einfach umzusetzen. Was mit Bankkonto dank einer EU-Richtlinie heute recht einfach möglich ist – die Einbindung von Dritten –, ist im Gesundheitsbereich durch die vielen Beteiligten und Schnittstellen unvergleichlich komplexer. Aber immerhin: Im Jänner 2020, kurz vor Ausbruch der Pandemie, haben sich die Beteiligten bei Austrian Standards darauf verständigt, sich besser abzustimmen, damit es zu keinen Parallelentwicklungen und Reibungsverlusten beim weiteren E-Health-Ausbau kommt. Ein guter Schritt, denn in den weiteren Ausbau wird auch so noch sehr viel Geld fließen müssen.

Lernen von den Allerbesten.  Österreich schneidet im Ländervergleich aber nicht so schlecht ab. Beim Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung lag Österreich 2018 knapp über dem Schnitt. Gelobt wurden damals der rechtliche Rahmen, die institutionelle Verankerung und die technische Infrastruktur. Weniger gut waren die Noten für die ­Datennutzung und Datenaustausch.

Bei niedergelassenen Ärzten wurde „erheblicher Nachholbedarf“ diagnostiziert.

An der weltweiten Spitze stand bereits damals Estland, das seinen beeindruckenden Digitalisierungsgrad in der Verwaltung auch auf das Gesundheitswesen übertragen konnte. Über die E-Government-Plattform E-Estonia können Bürger Befunde und Rezepte einsehen und ähnlich wie bei ELGA auch selbst die Zugriffsberechtigungen verwalten. Rezepte und Verrechnung passieren zu 100 Prozent digital. Mit Blockchain-Technologie wird für die Sicherheit gesorgt.

Auf dem zweiten Platz in Europa landeten die Dänen, die es mit der Plattform sundhed.dk geschafft haben, alle Krankenhäuser, Hausärzte und Apotheken anzubinden und einen hohen Digitalisierungsgrad beim Service wie auch in der Verrechnung zu erreichen. Gleichzeitig erreicht das System eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung.

Philipp Krabb, Research Manager, Accenture

Philipp Krabb, Research Manager von Accenture, der die aktuelle Studie konzipiert und ausgewertet hat, sieht das Potenzial:
„Österreich hat durch ELGA gute technische Voraussetzungen, sollte aber handeln, wenn es zu den Spitzenreitern aufsteigen will.“

Warum das notwendig ist, ist rasch erklärt: Mit steigenden Gesundheitskosten und höherer Lebenserwartung muss das System effizienter werden, um volkswirtschaftlich leistbar zu bleiben. „Bis zu 40.000 Euro kann ein zusätzliches gesundes Lebensjahr an volkswirtschaftlichen Einsparungen pro Jahr und Person bringen“, zitiert Krabb aus Berechnungen. Auf bis zu zwei Prozent des BIP – das wären fast sieben Milliarden – taxiert Krabb das Einsparungspotenzial im ­Gesundheitswesen.

Den Nutzen von Innovation betonte im August auch das Institut für Höhere Studien (IHS). Durch mehr E-Health könnte einerseits der Zugang niederschwelliger gemacht werden und Verschlechterungen im Krankheitsverlauf früher erkannt werden. „Durch diese Telefon- oder Videobehandlungen werden weniger stationäre Aufenthalte entstehen,“ rechnet Gesundheitsökonom Thomas Czypionka, „es können auf diese Weise auch mehr Menschen besser medizinisch versorgt werden.“

Weniger Krankenhausaufenthalte und weniger Krankenstandstage zahlen auf eine höhere Produktivität ein. Die Kosten für mehr Technologie werden wieder eingespielt. Czypionka spricht von ausgabensteigernder und ausgabensenkender Wirkung. SVS-Obmann Peter Lehner ergänzt: „Die Kunst besteht nicht darin, analoge Prozesse zu digitalisieren. Gute Digitalisierung bedeutet, Prozesse zu hinterfragen und neu zu denken, so dass am Ende weniger Bürokratie und mehr Leistung herauskommt.“

Auf den Punkt gebracht: Wenn die Digitalisierung richtig angegangen wird, sollte sich das auszahlen – für die Gesundheit und das Gesundheitsbudget.


„Denken sie sich einfach das Papier weg “

SVS-Obmann Peter Lehner spricht über Pilotversuche mit E-Rezept und E-Visite.

Peter Lehner, SVS-Obmann

TREND: Sie testen bereits das E-Rezept. Wie funktioniert das?
LEHNER: Denken sie sich einfach das Papier und alle Stempel weg. Der Arzt gibt das Rezept in seinem System ein, der Patient geht in die Apotheke, dort werden die E-Card gesteckt und das Medikament ausgehändigt. Im Hintergrund läuft die Verrechnung mit der Versicherung. Dafür muss die Software bei Arzt und Apotheke leicht angepasst werden. Wir testen es mit Ärzten und Apotheken in Kärnten.

Wie sind die Erfahrungen damit?
Patienten und Ärzte nehmen das System gerne an. Wir mussten nur den Beweis liefern, dass es auch für Apotheken gut funktioniert, vor allem für die, die einen Roboter (Anm. Logis­tik­automat) haben. Apotheker sehen, dass ihnen manuelle Routinen abgenommen werden und sie sich auf Beratung konzentrieren können. Mit dem E-Rezept sind wir nicht die Ersten in Europa, aber mit der Durchgängigkeit der Prozesse ganz vorn dabei.

Immer mehr Start-ups rollen den Markt für E-Visiten auf. Sie testen ebenfalls.
Wir machen das nicht mit Consumerprodukten von Technologiekonzernen, sondern auf einer sicheren Kommunikationsebene und setzen auf eine Eigenentwicklung, die wir mit den Ärzten entwickeln.


Impfpass als Killerapp

Überschaubar war das Interesse an der ELGA – bis der Impfpass ins System eingespeist wurde.
Vor der Pandemie hätte niemand darauf gewettet, dass ausgerechnet der elektronische Impfpass zur Killerapp der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) werden würde. Im Jahresvergleich stiegen die monatlichen Zugriffszahlen von 10.000 auf fast 600.000. „Viele Bürger und auch Ärzte haben die ELGA wohl erst durch den Impfpass entdeckt“, vermutet ELGA-Co-Geschäftsführer Franz Leisch. Zahlreiche Abmelder haben sich für Impfpass und Test sogar wieder angemeldet. Das pandemiebedingt priorisierte Projekt Impfpass bleibt weiter im Fokus: Jetzt werden auch die Grippeimpfungen erfasst und damit auch andere Ärztegruppen als bei der Coronaimpfung angeschlossen. Stück für Stück sollen die gesamten Impfungen digital nachgetragen werden. Finales Ziel ist der persönliche Impfplan. Das wird auch 2022 der ELGA-Schwerpunkt sein. Die Pandemie war und ist auch für die Projektteams rund um ELGA eine extreme Herausforderung. Leisch: „Wir haben 2020 und 2021 sehr viel aus dem Boden gestampft. Der Bau steht robust, jetzt müssen wir die Fassaden bearbeiten und bewerten, was gut gelungen ist und wo wir noch nachbessern“, zieht Leisch einen bildhaften Vergleich.

2023 will Leisch die nächsten neuen Projekte angehen. „Wir haben so viele Dinge im Köcher, die nicht alle gleichzeitig umgesetzt werden können“, so Leisch. Über die Umsetzungsgeschwindigkeit entscheiden letztendlich die finanziellen und personellen Ressourcen. Und was priorisiert wird, entscheidet die Politik. „Die Politik muss entscheiden, wo sie den Turbo einlegen will.“

ELGA. Befunde von Spitälern, Kassenärzten und Apotheken sowie Medikation können Nutzer hier einsehen. Berechtigungen (welcher Arzt darf welchen Befund sehen etc.) können die Nutzer selbst vornehmen. Sicheren Zutritt garantiert die Handysignatur.

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