"Das menschliche Verhalten hält sich nicht an Algorithmen"

Damianos Soumelidis, Managing Director Nagarro Austria (li) und James Lee, Head of Sales, Google Glass.

Damianos Soumelidis, Managing Director Nagarro Austria (li) und James Lee, Head of Sales, Google Glass.

Kommt nach der Industrie 4.0 der Arbeiter 4.0? Wird die Technologie genutzt werden, um den Mensch bei der Arbeit zu unterstützen oder um den Mensch als Arbeitskraft zu ersetzen? Der trend sprach mit James Lee, Head of Sales, Google Glass und Damianos Soumelidis, Chef des IT-Dienstleisters Nagarro, über die Zukunft des vernetzten Arbeitens.

trend: Die Digitalisierung greift in allen Branchen um sich. Mit der Google-Datenbrille, den Smart Glasses, gehen Sie einen Schritt weiter und wollen auch die Mitarbeiter vernetzen.
James Lee: Es ist interessant, wie die Digitalisierung, die Industrie 4.0, hier in Europa, in Österreich und Deutschland, auch mit staatlicher Unterstützung durchgestartet ist. Die dabei von den Staaten geleistete Unterstützung ist eine richtige und wichtige Reaktion auf die zunehmende Automatisierung. Es ist der Weg, um die produzierenden Betriebe in diesen Hochlohnländern zu erhalten. Die Werkzeuge der Digitalisierung und die daraus entstehenden Möglichkeiten sind die Versicherung, dass die Mitarbeiter nicht durch Roboter ersetzt werden.

trend: Wird der „vernetzte Mitarbeiter“ bald allgegenwärtig sein?
Lee: Die Antwort ist eindeutig ja. Trotz der Automatisierung werden heute noch viele Produktionsschritte manuell abgewickelt, auch wenn bereits Daten vorhanden sind. Werkzeuge wie Google Glass bringen die Daten zu den Mitarbeitern und steigern so die Produktivität.

trend: Wo sehen Sie denn die größten Vorteile?
Damianos Soumelidis: Auf jeden Fall in der Reduzierung der Fehlerquote, aber generell bei der Qualitätssteigerung durch die laufende, unterstützte Qualitätskontrolle. Und die Produktionsabläufe können beschleunigt werden.
Lee: In den Fabriken von heute ist die Produktion viel komplexer und diversifizierter als es früher der Fall war. Das bedingt einen hohen Grad an Flexibilität. Nehmen Sie zum Beispiel Audi. Das Unternehmen baut heute mehr Modelle als jemals zuvor. Die einzelnen Autos sind hochgradig individualisiert und müssen außerdem den Vorschriften der Länder in die sie geliefert werden entsprechend ausgestattet werden. Wenn man die Informationen zum jeweiligen Fahrzeug in Echtzeit zu den Arbeitern bringt, wissen diese, was zu tun ist. Das ist der Schlüssel, um trotz der steigenden Anforderungen und Komplexität die Produktionskapazitäten steigern zu können.


Der Schlüssel ist, Daten in Echtzeit zu den Menschen zu bringen.

trend: Tendenziell nehmen Mitarbeiter neue Technologien eher zögerlich an. Was können oder sollten Unternehmer denn tun, um Ressentiments abzubauen?
Soumelidis: Das ist speziell in Österreich bemerkbar. Veränderungen hat man hier nicht so gerne. In Skandinavien oder in den USA sind die Mitarbeiter wesentlich aufgeschlossener. Wenn man die Leute aber schon bei der Einführung neuer Technologien mit einbezieht, und sie selbst sehen, welche Vorteile sie bringen, werden sie diese kaum mehr abgeben wollen. Sie haben dann die Erfahrung gemacht, dass sie ihre Arbeit damit besser erledigen können, sie schneller sind und die Arbeit leichter fällt.
Lee: Bei der Einführung neuer Technologien ist immer ein Drittel der Menschen begeistert, ein weiteres Drittel dagegen und der Rest steht ist eher unentschlossen: Wenn es sein muss, wird sie ohne größeren Widerstand verwendet, sonst aber nicht. Man muss dem Drittel, das sich dafür begeistert, die Möglichkeit geben, die Dinge auszuprobieren, so viel wie möglich damit zu tun und sie ermutigen, den Kollegen die Vorteile zu zeigen. Das kann sehr viel bewegen und Widerstände lösen.

trend: Kann man Glass vielleicht als das Elektronenmikroskop der Gegenwart sehen? Es macht Dinge sichtbar, die man sonst nicht sehen würde. Ärzte, die es verwenden können damit wissenschaftliche Fortschritte machen.
Soumelidis: Das ist ein interessanter Gedanke und ein guter Vergleich. Konzepte wie Glass erweitern tatsächlich unseren Wahrnehmungsbereich.
Lee: Es gibt bereits ein Anwendungsbeispiel im Bereich der Medizin. Dabei tragen Ärzte beim Gespräch mit den Patienten die Datenbrille und zeichnen damit das Gespräch auf. Selbstverständlich nur wenn der Patient das Einverständnis dafür gibt. Die Daten werden anschließend automatisch transkribiert, was dem Arzt rund ein Viertel seiner Arbeitszeit erspart. Er kann sich daher für einzelne Patienten mehr Zeit nehmen oder mehr Patienten betreuen und bei der Diagnose auf eine ständig wachsende Datenbank zurückgreifen.

trend: Wenn die technologische Entwicklung weiter voranschreitet ist es aber oft nur noch ein kleiner Schritt, bis die Künstliche Intelligenz so weit ist, dass die Menschen gar nicht mehr notwendig sind.
Soumelidis: Hier wird sich in Zukunft definitiv einiges ändern. In der Zwischenzeit wird der Mensch aber durch die Technologie unterstützt.
Lee: Die Angst vor dem vernetzten Arbeiter und die Angst vor der Künstlichen Intelligenz ist weit verbreitet. Elon Musk (der Tesla-Chef, Anm.) hält sie zum Beispiel für das größte Übel aller Zeiten und die größte Bedrohung der Menschheit. Ich halte es eher mit Steve Jobs, der vor seinem Tod noch erklärt hat, dass Künstliche Intelligenz die Welt verändern wird. Menschen und Maschinen gemeinsam werden immer mächtiger sein als Maschinen alleine. Zumindest in den nächsten 50 bis 100 Jahren. Das menschliche Verhalten hält sich nicht an Algorithmen. Es gibt Züge die man nicht am Computer nachempfinden kann. Es wird dennoch definitiv Arbeiten geben, die nicht mehr von Menschen gemacht werden müssen. Aber nicht umfassend. Der von Technologien „unterstützte Mensch“ wird auf die nächsten zehn, 15 Jahre gesehen das Konzept sein.


Technologie ist nicht das Problem

trend: Im Automobilbereich geht die Entwicklung ganz klar in Richtung selbstfahrender Autos. Für Uber sind Fahrer heute schon nur noch ein Zwischenschritt, sie sollen bald nicht mehr nötig sein. Ist der vernetzte Arbeiter von heute bald auch nicht mehr notwendig?
Lee: 95 Prozent der Todesfälle im Straßenverkehr sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. 5.000 Menschen könnten jährlich leben, einen Beitrag zur Gesellschaft und der Wirtschaft leisten. Sicher wird die Automatisierung auch einige negative Begleiterscheinungen haben, aber die Technologie ist nicht das Problem. Das Problem ist das ökonomische Modell dahinter: Werden dadurch nur drei oder vier Menschen reich oder profitieren alle davon?
Soumelidis: Die Dinge müssen reguliert werden. Noch mehr als die Staaten ist die Gesellschaft gefordert, Ideen hervorzubringen, wie alle profitieren können. Das ist eine der Aufgabe, die vor uns liegt.

trend: Geht durch die fortschreitende Automatisierung nicht auch etwas verloren? Wie steht es um die Individualität und die Kreativität, wenn Produktionen und Arbeiter automatisiert werden?
Soumelidis: Zu einem gewissen Teil sicher. Wir erleben das schon heute. In Supermärkten tendieren die Menschen zum Beispiel dazu, standardisierte Produkte zu kaufen. Wenn ein Apfel komisch aussieht und nicht dem gewohnten Bild entspricht, dann wird er nicht gekauft, selbst wenn er saftiger, fruchtiger oder gesünder ist. Ich schätze, dass es einen Trend zur Individualisierung geben wird und dass diese als ein Faktor der Künstlichen Intelligenz in Maschinen eingebaut wird. Wenn Dinge von Maschinen hergestellt werden heißt das nicht, dass sie alle gleich aussehen müssen.


Technologie kann die Kreativität fördern.

trend: Aber wird am Ende nicht menschliche Kreativität der maschinell gefertigten Perfektion gegenüber stehen?
Lee: Wir sind absolut davon überzeugt, dass Menschen und Maschinen gemeinsam die besten Ergebnisse herbeiführen und die Technologie auch die Kreativität fördert. Denken Sie nur an den 3D-Druck. Wenn ich zum Beispiel eine Idee für eine Tasse habe, kann ich davon über Nacht 1.000 Varianten ausdrucken und testen, welche den Leuten am besten gefällt, ehe ich damit in Produktion gehe. Technologie kann Kreativität unterstützen, sie effizienter und günstiger machen. Denken Sie nur an die vielen online-Shops, in denen kreative Sweater oder Beanies verkauft werden. Plötzlich gibt es all diese kreativen Outlets. Technologie hat sie ermöglicht. Es gibt heute so viele Dinge, die sich früher kein Mensch vorstellen konnte. Technologie hat die Art und Weise wie wir und verhalten, vernetzen und wie wir Handel betreiben völlig umgekrempelt. Und die Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende.

trend: Zurück zu Google Glass. Die Datenbrille war ja ursprünglich komplett anders konzipiert und als Consumer-Produkt gedacht. Jetzt ist sie ein reines Business-Produkt.
Lee: Das ist richtig. Wir haben unseren Ansatz um 180 Grad geändert. Wir haben damals so begonnen, weil Google vom Grund auf ein an den Konsumenten orientiertes Unternehmen ist. Wir haben aber bald gemerkt, dass die Zeit nicht dafür reif war und gehen jetzt den traditionellen Weg der Technologien, also zuerst in öffentlichen Einrichtungen, dann in Unternehmen, schließlich in den Bildungsbereich und am Ende zum Konsumenten.
Wenn es so weit ist wird Glass günstiger und schneller sein, es wird zusätzliche Apps, neue Funktionen und neue Geschäftsmodelle geben. In drei bis fünf Jahren wird es so weit sein. Die Erfahrung zeigt, dass nichts unmöglich ist.

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