Chris Boos: "Wir erfinden mit Künstlicher Intelligenz das Rad neu"

Chris Boos: "Wir erfinden mit Künstlicher Intelligenz das Rad neu"

Chris Boos: "Volkswirtschaften, die nicht in künstliche Intelligenz investieren, werden von anderen ziemlich schnell überholt."

Warum wir drei bis fünf Jahre Zeit haben, uns auf die neue Effizienz durch die Künstliche Intelligenz (KI) einzustellen, aber trotzdem optimistisch in die Zukunft blicken sollten, erklärt KI-Experte und Unternehmer Chris Boos.

trend: Herr Boos, wenn Stephen Hawking oder Elon Musk vor möglichen negativen Auswirkungen künstlicher Intelligenz warnen, ist das reiner Alarmismus oder konsequent zu Ende gedacht?
Chris Boos: Die werden ja leider nie komplett zitiert. Natürlich sollte sich die Gesellschaft Gedanken über die Konsequenzen machen - wie bei allen großen Entwicklungen. Die KI bringt uns eine Effizienz, die durchaus mit der Erfindung des Rades vergleichbar ist.

trend: Wir sind uns einig, dass dieses Rad noch nicht das maximale Tempo erreicht: Auf welcher Entwicklungsstufe befinden wir uns?
Boos: Wir beschäftigen uns gerade mit genereller künstlicher Intelligenz - entwickeln also Maschinen, die alle Arten von Problemen lösen können. Eine KI ist aktuell aber nicht in der Lage, etwas wirklich Neues zu erfinden, sie ist auf pure Effizienz ausgerichtet, das hat aber einen riesigen Impact. Wir arbeiten seit 200 Jahren daran, alles in vorgegebene Abläufe, Prozesse zu teilen. Seit damals versuchen wir, die Arbeit so maschinell wie möglich zu machen. Mit dieser Art von Arbeit machen wir Menschen aber auch zu Maschinen und oft krank. In vielen der weit entwickelten Gesellschaften, wo viel gearbeitet wird, ist Depression eine Volkskrankheit. Wenn Maschinen repetitive und sinnfreie, aber notwendige Aufgaben übernehmen, können sich die Menschen hingegen auf ihre Stärken konzentrieren, wie Kreativität, Neues entdecken und erfinden. Dann bringen wir unsere Gesellschaft weiter. Das finde ich gut.

trend: Wie mit der Angst und Unsicherheit umgehen, die viele Menschen beschäftigt?
Boos: Die Leute wissen, dass sich etwas verändert, aber man sagt ihnen nicht, was genau und was es für sie bedeutet: Erst durch diese Unkenntnis entsteht Angst. Und sie wird noch befeuert -in Literatur und Film werden gerne und oft angstmachende Geschichten erzählt, die weit von der Realität entfernt sind.


Heute wird ja fast alles, was irgendwie Statistik in sich trägt, als künstliche Intelligenz "verkauft". Das nervt in der Tat etwas.

trend: Welche Fehler sollten Verantwortliche in der Wirtschaft, aber vor allem in der Politik nicht machen?
Boos: Offenheit ist wichtig. Die deutschen Kohlearbeiter wurden in den 1980er-Jahren bewusst belogen: Dass ihr Job woanders billiger gemacht werden würde, war damals schon klar. Das ist mit vielen Büroroutinen heute ähnlich, und diesmal haben wir die Chance, offen und ehrlich damit umzugehen, um ein vorwärtsgerichtetes, gutes Ergebnis für alle zu erhalten. Mittelfristig werden sich drei Berufsgruppen herausbilden: Jene, die die Maschinen verwalten, diejenigen, die etwas Neues machen - die Entdecker, Pioniere und Künstler -, und schließlich jene, die von Mensch zu Mensch arbeiten werden - sicher der Aufgabenbereich, der am meisten Spielraum bei der Umstellung vom heutigen auf das neue Modell bietet.

trend: Und wie erleben das Ihre Kunden? Diese Transformation ist ja auch innerhalb eines Unternehmens herausfordernd, sicher auch riskant.
Boos: Klar, die können ja nicht morgen wie Google sein. Wir fangen in der Regel mit grundlegenden Prozessen an. Oft starten wir im IT-Betrieb, wo zunächst die Systemadministratoren durch unsere KI unterstützt werden. Wenn die sich erst einmal daran gewöhnt haben, dass sie mit unserer Maschine auf Augenhöhe arbeiten, wird die Zusammenarbeit mit einer KI für sie normal und alltäglich.

trend: Für welche Branchen arbeiten Sie?
Boos: Angefangen haben wir in der IT- und Telekom- sowie der Finanzbranche. Heute kommt die produzierende Industrie dazu. Unser schnellstwachsender Markt ist Indien. Die Entscheidungszyklen sind viel schneller dort. Und in China machen wir die ersten Gehversuche. Allerdings sehen wir gerade in Deutschland und da ganz besonders im großen Mittelstand in den letzten drei Monaten ein großes Interesse. Das fühlt sich an, als würde man einen schlafenden Riesen wecken.


Eine künstliche Intelligenz, die wie ein Mensch denkt, ist reine Science-Fiction. Bisher weiß niemand, wie man so etwas baut.

trend: Eines der spannendsten KI-Szenarien, an dem Sie mit Ihren Kunden gerade arbeiten?
Boos: Die Nahrungsmittelerzeugung. Man kann das Wissen in der Nahrungsmittelproduktion - beginnend bei der Nährstoffanalyse der Böden bis zur Ernte - durch künstliche Intelligenz bündeln und damit dieses sonst nur sehr teuer anwendbare Expertenwissen auf einmal auch für kleinste Fälle nutzen. So lassen sich in diesem Bereich viele Prozesse vollkommen neu automatisieren und damit optimieren.

trend: Wie viel zeitlichen Spielraum geben Sie den europäischen Unternehmen, sich hier auf den aktuellen Effizienzgrad zu bringen?
Boos: Ich gehe von einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren aus. Das hat Barack Obama noch in seiner Amtszeit als US-Präsident ebenso eingeschätzt: Volkswirtschaften, die nicht in künstliche Intelligenz investieren oder versuchen, sie zu stark zu reglementieren, werden von anderen ziemlich schnell überholt werden. Schwellenländer ohne große Erblast könnten auf diesem Feld die Schnelleren sein. Das birgt durchaus einigen Zündstoff.

trend: Heute kommt kein Technologiekonzern mehr ohne KI-Abteilung aus und in der Vermarktung wird viel Wind gemacht. Nervt Sie das manchmal?
Boos: Das Thema ist da und die Debatten werden geführt. Das ist sehr gut. Manchmal wird ein bisschen viel Hype gemacht, vor allem um die "narrow" AI - also eine künstliche Intelligenz, die auf eine bestimmte Aufgabe spezialisiert bzw. auf ein Anwendungsgebiet beschränkt ist. Am Ende des Tages sind das einfach ein paar gute Algorithmen - nicht mehr. Heute wird ja fast alles, was irgendwie Statistik in sich trägt, als künstliche Intelligenz "verkauft". Das nervt in der Tat etwas. Ich kann Sie aber beruhigen, eine künstliche Intelligenz, die wie ein Mensch denkt, ist reine Science-Fiction. Bisher weiß niemand, wie man so etwas baut. Wir haben den Menschen an sich noch nicht verstanden, wie sollen wir ihn da nachbauen?

trend: Warum messen sich KI-Teams am liebsten mit komplexen Spielen?
Boos: Weil wir verantwortungsbewusster sind als Ökonomen? Jede Art von Spiel ist ja eine Weltsimulation. Wenn wir also eine Idee bekommen wollen, wie sich eine KI in der Welt so macht, dann sind Spiele ein wunderbarer Test. Wenn sie sich Go anschauen - eine Kriegssimulation, Schach - eine Angriffs- und Verteidigungssimulation. Wir lassen unsere KI Civilization spielen. Da geht es um Entdeckung, Handel und Militär. Solche Spiele sind eine wichtige Messlatte unter den KI-Anbietern, um zu zeigen, was die eigene KI kann.

trend: Wer hat die besten KI-Spezialisten angeheuert? Wo ist das Leading Team?
Boos: Die acht Plattformunternehmen haben alle gute KI-Teams, von Alibaba, Amazon bis zu Facebook und Tencent. Das Team von Google ist mit Sicherheit herausragend, auch weil es so viel strategische Unterstützung erfährt. Aber auch außerhalb dieser Firmen gibt es viele brillante kleine KI-Teams und Forschungsgruppen. Gerade in Deutschland und der Schweiz werden einige der besten KI-Experten ausgebildet. Das Wichtigste aber ist, die meisten, die sich mit dem Thema KI beschäftigen, wollen nicht nur Geld verdienen, sondern haben auch ein Auge darauf, dass diese sinnvoll eingesetzt und gesellschaftlich verträglich eingeführt wird. Interessanterweise sind gerade Investoren hier sehr engagiert.

trend: Aber wie viel Einfluss hat der Entwickler am Ende des Tages darauf?
Boos: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite kann ein Entwickler sehr starken Einfluss ausüben. Auf der anderen Seite ist das feste Kodieren von Verhaltensweisen oft der Schlüssel zu unerwünschtem Verhalten. Das ist ähnlich wie die meisten Subventionen: Ins Leben gerufen werden sie für ein gutes Ziel, entwickeln dann aber eine Eigendynamik. Bei den KI-Entwicklern, Designern und Investoren hat sich darum das Prinzip von Systemen durchgesetzt, die ihr eigenes Gleichgewicht finden und so gegen schädliche Einflüsse resistent sind. So hat der Einzelne geringeren Einfluss, das gesamte System lernt aber ständig und nimmt keine Extrempositionen ein.


Zur Person

Chris Boos , 45, hat mit der Gründung seiner Firma Arago schon Mitte der 90er-Jahre auf die kommerzielle Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) gesetzt. Das Frankfurter Unternehmen mit knapp 200 Mitarbeitern hilft Unternehmen bei der Automatisierung ihrer Prozesse - unter anderem mit der Plattform "HIRO".

Veranstaltung - Chris Boos kommt nach Wien

Chris Boos gilt als KI-Pionier und ausgewiesener Szenekenner. Er nennt die Dinge beim Namen, beeindruckend und unterhaltsam - so auch am 28. September beim Darwin's Circle in Wien im Haus der Industrie. Auf Österreichs neuer internationaler Tech-Konferenz werden neben den brennenden Digitalthemen die Zukunft der Mobilität oder sozialpolitische Themen wie die Zukunft der Arbeit oder die "digitale Verantwortung" diskutiert.

Alle Infos zu der vom trend unterstützten Konferenz auf darwins-circle.com

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