"Die größte Chance seit der Erfindung des Tourismus"

T-Mobile Österreich CEO Andreas Bierwirth

T-Mobile Österreich CEO Andreas Bierwirth

2017 werden EU-weit die Roaming-Gebühren abgeschafft. Im zweiten Teil des trend-Interviews spricht der soeben bis 2020 als T-Mobile CEO bestätigte Andreas Bierwirth über die daraus entstehenden Herausforderungen für die Telekom-Industrie und über die Chancen, die sich durch Innovationen und Start-ups eröffnen.

trend: Die EU-Staaten haben nun der Abschaffung der Roaming-Gebühren innerhalb der EU ab dem Sommer 2017 zugestimmt. Sie sind immer dagegen aufgetreten. Wie trifft Sie die Entscheidung?
Andreas Bierwirth: Ich finde es tragisch, wie fahrlässig man mit dem Thema Roaming umgeht. Ich bin nicht gegen den Binnenmarkt. Wenn man sagt, dass Telekommunikation als europäischer Binnenmarkt betrachtet werden soll, dann ist das fein. Dann machen wir das auch. Dann muss ich aber auch die europaweite Konsolidierung zulassen, ich muss europaweite Spektrumsauktionen machen, europaweit einheitliche Konsumentenschutzbestimmungen festlegen. Offenbar haben wir jetzt ein Europa, einen Binnenmarkt. Das findet aber nicht statt.
Als Netzbetreiber in einem Tourismusland hatten wir durch Roaming mehr Einnahmen als Ausgaben. Der Wegfall ist für uns daher schlecht. Es ist, als ob man den Tourismus hier regulieren würde. Wenn irgendwer in Brüssel sagen würde, dass das Bett im Skigebiet genauso teuer sein muss wie das Bett in Ostfriesland im Winter. Das ergibt keinen Sinn. Aber in der Telekommunikation passiert genau das.

trend: Wie greifbar ist denn ein EU-Binnenmarkt? Wie wahrscheinlich eine Marktkonsolidierung auf möglicherweise fünf Anbieter, die ganz Europa versorgen?
Bierwirth: Noch nicht wirklich greifbar, aber das kann sich ändern. Was man merkt ist, dass die Power in Amerika größer ist. Ich kann nicht ausschließen, dass ein größeres Unternehmen, eine größere Gruppe überlegt, ob man in Europa einsteigen soll. Man wird, wenn man so weitermacht, in Europa sehr günstige Einstiegspreise finden. Ein Unternehmen hier in Österreich ist ja schon Teil einer transatlantischen Übernahme aus Mexiko geworden.
Der halbe Weg zum Binnenmarkt ist jedenfalls brandgefährlich. Er ist aber der politisch einfachste. Die EU-Parlamentarier haben endlich etwas geschafft, das auch für die Bürger ist. Dabei gab es zum Roaming erst vor zwei Jahren den letzten Beschluss und wir haben in der Folge investiert. Jetzt wurde der Beschluss wieder verworfen. Wir haben politisch bedingte Leer-Investitionen gemacht.
In anderen Ländern, zum Beispiel den USA, geht man mit Konsolidierung und Netzneutralität ganz anders um, um neue Wachstumspfade zu zeigen. Wir sind sehr stark vom Konsumentenschutz und damit von einem Abschneiden auf der Erlös-Seite getrieben. Das macht es sehr schwer, im Bereich Infrastrukturinvestition mitzuhalten. Vielleicht führt es sogar dazu, dass man dann wieder öffentliche Förderungsprogramme braucht, um am Land noch investieren zu können.


WhatsApp ist ein Geisterfahrer in unserem Netz.

trend: Roaming ist nicht die einzige Herausforderung, der Sie sich stellen müssen.
Bierwirth: Wir haben zum Beispiel WhatsApp auch nicht gebraucht. Da fährt jemand wie ein Geisterfahrer im Datentransport in unseren Netzen und die Kunden lieben es. Sie lieben es, obwohl die Daten mitgehört, analysiert, genutzt und vermarktet werden. Es ist ein kostenloser Service und alles scheint wunderbar.
Das kann ich auch nur akzeptieren. Offenbar ist das eben so, und wenn es so ist, dann muss ich mich darauf einstellen. Telefonie und gerade auch SMS wurde durch WhatsApp abgetötet. Dadurch sind Millionen Euro an Wertschöpfung aus unserer Industrie verschwunden. Ich muss mir nun überlegen, wie ich das kompensieren kann.

trend: Hier sind wir wieder bei der Digitalisierung, die zugleich aber auch eine Chance ist.
Bierwirth: Die Digitalisierung ist nach der Erfindung des Tourismus die größte Chance für Österreich ist. Es ist ein Vakuum vorhanden. Wir können hier Arbeitsplätze ansiedeln, die es bisher noch gar nicht gab. Wir brauchen nur die richtigen Ideen, und die richtigen Ideen kann man auch bauen.
Für mich war eine der interessantesten Erkenntnisse aus meinem Besuch an der Stanford University im letzten Jahr, dass es dort Lehrgänge gibt, wie man Start-ups produziert. Ich dachte, dass das nicht funktionieren kann. Dass man Unternehmertum braucht, eine Idee, eine Vision. Aber die schaffen es immer wieder, nachhaltig große Unternehmen heraus zu skalieren.
Man kann Unternehmen „produzieren“. Man braucht dafür ein Ökosystem. Das heißt: Start-up Finanzierungen. Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen. Die Wissenschaft, Universitäten ebenfalls. Wir bei uns sind stark von Max Schrems getrieben und freuen uns, dass wir Facebook in die Knie gezwängt haben. Aber wir sind nicht chancenorientiert.

trend: Sie sind ja selbst auch ein Förderer der Start-up Szene. Wie beurteilen Sie die?
Bierwirth: Es vibriert unter der Oberfläche. Es gibt Speedinvest, Einzelinvestoren wie Hansi Hansmann. Das Thema wird auch seitens der Regierung mit Geld bedacht. Die Chance wird gesehen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, dass wir ein Ökosystem dafür aufbauen.
Eine Sache stimmt mich allerdings bedenklich: Sowohl im Silicon Valley als auch in Tel Aviv, wo es ebenfalls sehr viele Start-ups gibt, war der militärische Bereich einer der Schlüsselsektoren. Die NSA, die innere Sicherheit, militärische Abschirmung. Das gefällt mir jetzt nicht so besonders.
Die Apple-Sprachsteuerung Siri und GPS kamen zum Beispiel aus militärischen Anwendungen. Es gibt viele Beispiele. In Europa gibt es keine Weltmarktführer der Wehrtechnik. Wir wollen das auch gar nicht werden. Aber wir müssen überlegen, wie wir Schlüsselindustrien, in denen wir gut aufgestellt sind nutzen können, um auf deren Basis skalieren zu können.


Wir sind nicht chancenorientiert.

trend: Wie könnte das funktionieren?
Bierwirth: Europa hat zum Beispiel mit Siemens im Bahn-Bereich eine sehr starke Position. Darauf könnte man aufbauen und Lösungen für die Digitalisierung im Bahnbereich entwickeln. Wir sind auch sehr stark im Anlagenbau. Man könnte überlegen, wie man den in Richtung IoT – Internet of Things – transportieren kann. Und vielleicht schaffen wir es dann auch noch, über Fabriken á la Stanford Unternehmen wie Runtastic herauspurzeln zu lassen. Unternehmen, die wir vielleicht noch gar nicht sehen, weil man die einzelne Idee dafür braucht. Und diese Fabriken können junge Leute auf so mutige Ideen kommen lassen, wie sie Florian Gschwandtner hatte.
Dieses Ökosystem, Unternehmen und Universitäten nah an Start-ups, das können wir noch mehr gestalten und finanziell unterstützen. Wir müssen da noch schneller werden. Auch wenn das schwierig ist. Das Potenzial ist aber vorhanden. Gerade im Raum Wien, wo Unternehmen, Universitäten und die Politik gut vernetzt sind. Ich frage mich: Wenn nicht wir in Europa, wer dann?
Miteinander zu reden, das ist doch eine ur-österreichische Stärke. Lasst uns doch aus dieser Stärke und der Kleinheit des Landes den Vorteil generieren, mit ganz hoher Geschwindigkeit im Bereich der Digitalisierung Ökosysteme zu schaffen und Chancen zu generieren.

trend: Viele Start-ups scheitern dennoch, weil ihnen das Geld ausgeht.
Bierwirth: Was uns in Österreich fehlt sind Anschlussfinanzierungen. Wenn es um Millionen, aber noch nicht hundert Millionen geht. Da tun wir uns noch ein bisschen schwer. Der Staat kann nicht mehr wirklich mitgehen. Die Fonds, die jetzt hier sind, sind ebenfalls auf kleinere Beträge ausgelegt. Hier gibt es ein Vakuum, das man noch schließen muss. Aber Geld ist in dieser Welt derzeit massiv vorhanden. Man muss es nur magnetisch anziehen.
Wenn man aber in ein Start-up investiert, ist das Geld mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10 futsch. Man könnte stattdessen auch in einen Aktienfonds investieren, doch dadurch entstehen keine Arbeitsplätze. Man redet viel zu wenig davon, wie viel Geld bei Start-ups verloren geht. Wie viel Geld auch verbrannt wird. Häufig sieht man den Gründer, der plötzlich x-Millionen hat und steinreich geworden ist. Aber das ist der Fußball-Nationalspieler unter den tausenden Fußballprofis. Man darf sich davon nicht fehlleiten lassen.


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