Industrie 4.0: Verliert Europa den Anschluss?

Industrie 4.0: Verliert Europa den Anschluss?

Industrie 4.0 - also vernetzte Maschinen und selbstlernende Bauteile - sind das Kernthema auf der Hannover Messe 2016. Doch die deutsche Industrie fürchtet, gegenüber den USA den Anschluss zu verlieren. Vor allem die Politik wird kritisiert. Europa müsse an einem gemeinsamen Strang ziehen, heißt es von den Unternehmern.

Die Industrie in den USA sticht die deutsche Konkurrenz beim Zukunftsthema der vernetzten Produktion laut einem Branchenexperten weiterhin aus. Zwar habe Deutschland zuletzt Boden gutgemacht. "Aber Amerika läuft weiter voraus", sagte der Chef des Industrie-4.0-Pioniers Forcam, Franz Gruber, zum Auftakt der Hannover Messe: Dort sind die unter dem Schlagwort Industrie 4.0 bekannten Trends wie etwa selbstlernende Maschinen, kommunizierende Bauteile oder der komplett vernetzte Warenfluss das Hauptthema.

"Die USA haben keinen technologischen Vorsprung, sondern einen mentalen. Es ist ein Vorsprung durch Tatkraft. Die US-Gesellschaft ist viel IT-affiner, die Integration von innovativen IT-Lösungen liegt sozusagen in der US-Seele begründet," sagt Gruber: Die Dynamik der Digitalisierung und die 4.0-Offenheit seien "dort riesengroß".

Deutschland verliert gegen die USA immer mehr Meter

Gruber, dessen Firma mit Sitz im baden-württembergischen Ravensburg nach eigenen Angaben schon 60.000 Maschinen weltweit vernetzt hat, bescheinigte der Industrie in den Vereinigten Staaten einen gesunden Pragmatismus und kritisiert Deutschland für das genaue Gegenteil: "Grundsatzfragen über Zuständigkeiten oder Standards werden in den USA gar nicht gestellt oder schnell durch praktikable Lösungen beantwortet. Anders ausgedrückt: Theoretisch sind wir in Deutschland top, aber in der Praxis müssen wir viel schneller werden."

In dem industriellen Wettkampf zwischen Deutschland und den USA sieht Gruber historische Parallelen "mit Jahrhundert-Tradition". "Im 19. Jahrhundert fand die Elektrifizierung mit großen Marktteilnehmern wie AEG und Siemens gegen General Electric statt. Im 20. Jahrhundert kam die Computerisierung - und aus Deutschland behauptet sich international einzig SAP noch gegen Software-Riesen wie Microsoft, Apple oder Oracle," sagt Gruber: Und aktuell laufe die nächste Welle an Digitalisierung mit Giganten wie Google, Facebook und Co., die in vielen Branchen bis hin zum Autobau angriffen. "Deshalb muss auch in Deutschland gelten: lieber digitalisieren als diskutieren," sagt er.

Die Zeit werde knapp, das Tempo des Wandels wachse rasant. "Zwischen Elektrifizierung seit 1850 und Computerisierung seit 1950 vergingen noch 100 Jahre. Zwischen Computerisierung und Digitalisierung bis zum Jahr 2000 waren es nur noch 50 Jahre. Es ist klar abzusehen, dass nach 25 Jahren Digitalisierung - bis zum Jahr 2025 - unser Leben umfassend und unumkehrbar geprägt sein wird vom Internet der Dinge - im Privaten, in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und Industrie."

Deutsche Maschinenbauer für mehr EU-Zusammenarbeit

Die deutschen Maschinenbauer haben außerdem beim Zukunftsthema Industrie 4.0 eine gemeinsame europäische Rechtsprechung und mehr Zusammenarbeit innerhalb der EU gefordert. "In der Digitalisierung der Industrie will und muss Europa mindestens auf Augenhöhe sein mit den Amerikanern und Chinesen", sagt der Vizepräsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Carl Martin Welcker. Auch er zieht den Vergleich zur anderen Seite des Atlantik: In den USA produzierten die Unternehmen neue Technologien für einen Binnenmarkt von 320 Millionen Menschen. "Da kann es sich die EU nicht leisten, dass die Digitalisierung der Industrie auf einem Flickenteppich von 28 nationalen Initiativen vorangetrieben wird."

Laut einer Studie des Verbands arbeitet derzeit jedes fünfte Maschinenbauunternehmen in Deutschland an der Umsetzung digitaler Projekte. Richtig rund lief es zuletzt allerdings nicht für die Branche, in der in Deutschland mehr als eine Millionen Menschen arbeiten. Das Produktionsvolumen verbesserte sich 2015 im Vergleich zum Vorjahr nur leicht von 199 auf 201 Milliarden Euro. Die Kapazitätsauslastung konnte den langjährigen Branchendurchschnitt von 86 Prozent nicht erreichen und lag im vergangenen Jahr bei 84,3 Prozent. Daran wird sich nach Schätzungen des Verbands erst einmal nichts ändern "Wir müssen weiterhin auf konjunkturelle Wachstumsimpulse verzichten", sagt Welcker.

Sicherheit im Wandel: Von links: Ralph Echemendia, Peter Sempelman (trend), Michaela Novak-Chaid (HP), Stefan Schrey (HP), Roland Marko (Wolf Theiss Rechtsanwälte), Javier D. Fernández (Privacy & Sustainable Lab WU)

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