Blockchain: Wie die Industrie profitieren kann

Anders als die Finanzbranche hatte die Industrie nie überzogene Erwartungen an die Blockchain-Technologie. Trotzdem befasst sie sich intensiv mit möglichen Anwendungen. Denn durch die starke Vernetzung der Lieferketten ist mit einer rasanten Technologieassimilation zu rechnen.

Thema: Management Commentary
Raimund Reiser, Berater im Competence Center Industrial Goods & High Tech von Horváth & Partners Wien.

Raimund Reiser, Berater im Competence Center Industrial Goods & High Tech von Horváth & Partners Wien.

Hand in Hand mit der fortschreitenden Spezialisierung von Herstellern, Zulieferern und Händlern entwickeln sich einfache Lieferketten zu komplexen Produktions- und Logistiknetzwerken. Während es den Unternehmen um effiziente Steuerung und Risikominimierung geht, wächst das Kundenbedürfnis, die Wertschöpfungsketten nachvollziehen zu können, um Nachhaltigkeit der Erzeugung zu prüfen. In Summe wünschen sich alle Beteiligten Möglichkeiten, Informationen im Netzwerk zu teilen und eine einheitliche, verlässliche Informations- und Datenbasis zu schaffen.

Entstehung neuer Datenquellen

Die rasant ansteigende Anzahl von Datenpunkten in den Lieferketten führt dazu, dass wir viel mehr Informationen als bisher gewinnen können. Aber wie auswerten? Die Blockchain kann hier ein Schlüssel sein. Sie ist nichts anderes als eine dezentrale Datenbank, deren Informationen auf verschiedenen Knotenpunkten im Netzwerk liegen – nämlich auf den Servern der Teilnehmer. Und sie ermöglicht direkte Transaktionen zwischen den Teilnehmern, ohne dabei auf eine verifizierende Instanz zurückgreifen zu müssen.

Die Blockchain-Technologie basiert auf den drei Prinzipien a) Dezentrale Datenspeicherung, b) Verschlüsselung durch kryptografische Verfahren und c) Verifizierung aller Datenbankeinträge im Konsensverfahren.

Die Blockchain-Technologie basiert auf den drei Prinzipien a) Dezentrale Datenspeicherung, b) Verschlüsselung durch kryptografische Verfahren und c) Verifizierung aller Datenbankeinträge im Konsensverfahren.

Management von Wertschöpfungsketten

Durch die Blockchain können Informationen entlang der Wertschöpfungskette gesammelt und fälschungssicher gespeichert werden. Davon profitieren – über ein Berechtigungskonzept – alle Teilnehmer des Netzwerks. In der Seefracht findet diese Lösung bereits breite Anwendung. So haben sich im Sommer 2019 mit Hapag-Lloyd und Ocean Network Express zwei globale Player dazu entschlossen, der von Maersk und IBM gegründeten Versandplattform TradeLens beizutreten.

Die Plattform repräsentiert ein Ökosystem, das für über 50 Prozent der weltweiten Containerfracht steht. TradeLens ermöglicht es den einzelnen Teilnehmern, digitale Informationen innerhalb des Netzwerks Blockchain-basiert auszutauschen und trägt dazu bei, die im Gütertransport und -handel vielerorts noch papierbasierten, manuellen Prozesse zu automatisieren.

Auch deutschsprachige Lösungsanbieter haben sich der Digitalisierung ihrer Supply Chains verschrieben. Das Schweizer Start-up „modum“ bietet etwa Unternehmen durch die Kombination von IoT-Sensorik, Blockchain und künstlicher Intelligenz neue Möglichkeiten, die Transparenz in ihren Wertschöpfungsketten deutlich zu erhöhen, Prozesse zu automatisieren und Kosten zu optimieren.

Besonderen Nutzen entfaltet diese Anwendung für Hersteller und Transporteure sensibler Güter. So kann etwa die Umgebungstemperatur von Pharmaprodukten und verderblicher Ware oder die Luftfeuchtigkeit bei High-Tech-Geräten in Echtzeit gemessen und auf der Blockchain gespeichert und übermittelt werden. Registriert der Sensor einen Wert, der einen definierten Grenzwert über- oder unterschreitet, setzt der in der Blockchain hinterlegte Smart Contract automatisch einen Workflow in Gang, z.B. die Aufschiebung einer Zahlung des Herstellers an den Spediteur.

Durch die Integration der neu gewonnenen Informationen in die unternehmenseigenen Steuerungssysteme wird das Real-time-Monitoring der Lieferkette also Realität und reduziert damit Kosten. Die zunehmende Serialisierung von Produkten führt außerdem dazu, dass Informationen nicht mehr nur für Produktionsbatches oder Transporteinheiten, sondern für jedes individuelle Produkt erfasst, gespeichert und analysiert werden können.

Güter als Informationsträger

Im IoT-Zeitalter werden physische Güter immer mehr zu Informationsträgern. Damit steigt das Bedürfnis, auch Geldwerte zwischen diesen Gütern auszutauschen. Spezifische Kryptowährungen verfolgen genau dieses Ziel. Sie ermöglichen den Wertaustausch innerhalb eines Peer-to-Peer-Netzwerks, ohne dass Vermittler nötig wären. Der Austausch erfolgt dabei nicht nur zwischen Personen, sondern auch zwischen Fahrzeugen, Produktionsanlagen oder Bauteilen – und das deutlich effizienter als jede andere Technologie das könnte.

Die beteiligten Komponenten werden hier mit einer virtuellen Geldbörse („Wallet“) versehen und können anschließend mithilfe von Smart Contracts Werteinheiten (Kryptowährungen) automatisiert austauschen. Im Automobilbereich kann dies die Bezahlung eines autonomen Fahrzeugs an einer E-Tankstelle sein. So haben Bosch und EnBW eine Partnerschaft lanciert, um ein Lade- und Parkmanagementsystem für E-Mobile zu etablieren. Der Autobauer Daimler testet mit der Commerzbank automatische Bezahlvorgänge von LKWs an der Zapfsäule.

Im Industrieumfeld könnte dies bedeuten, dass ein Produkt während seiner Entstehung die Kosten der Produktion schon mitgeliefert bekommt und bei dessen Fertigstellung die verursachergerechten Kosten als Produktpreis an den Hersteller gehen. Weitere Anwendungen dieser Blockchain-Lösung finden sich im Smart-Energy-Bereich oder im Umgang mit Wearables im Gesundheitssektor. Der primäre Nutzen liegt darin, den automatisierten Austausch kleiner Beträge (Micro Payments) in hoher Frequenz direkt (Peer-to-Peer) zwischen den Teilnehmern eines Netzwerks zu ermöglichen.

Token zur Finanzierung

Zur Bezahlung werden sogenannte Token (Wertmarken) verwendet, die für physische ebenso wie für nicht physische Güter, Rechte oder Assets stehen. Sie haben einen bestimmten Wert und können emittiert und gehandelt werden. Die mit einem Token verbundenen Informationen werden in der Blockchain abgebildet und sind somit fälschungssicher gespeichert. Damit das Ganze auch rechtlich abgesichert ist, schaffen (staatliche) Regulierungsbehörden aktuell die notwendigen Voraussetzungen.

Für Investoren werden so bisher schwierig handelbare Assets handelbar. Für investitionsintensive Projekte oder Unternehmen bedeutet dies gleichermaßen eine neue Finanzierungsmöglichkeit. So kann beispielsweise die Errichtung einer neuen Produktionsanlage durch die Emission von Tokens finanziert werden. Sie repräsentieren einen zuvor definierten Wert, etwa einen Anteil an der mit der Anlage erzeugten Produktionskapazität oder einen Anteil am Unternehmenswert.

Aktuell sind schon mehrere Finanzdienstleister dabei, diesen neuen Markt zu erschließen. So plant etwa die Schweizer Grossbank UBS Vermögenswerte zu tokenisieren und handelbar zu machen. Auch die Schweizer Börse SIX und die Deutsche Börse (in Zusammenarbeit mit dem Telecom Anbieter Swisscom) wollen den Handel von Tokens für Wertpapiere, strukturierte Produkte oder Immobilienfonds möglich machen und damit vor allem KMUs und Start-ups eine neue Chance der Kapitalbeschaffung bieten.

Fazit: Technologieanbieter sind oft dem Vorwurf ausgesetzt, mit dem Hammer in der Hand nach Nägeln zu suchen. Doch gerade in der Industrie kann man schon heute Lösungen identifizieren, die echten Mehrwert schaffen. Die Blockchain-Technologie kann bestehende Herausforderungen lösen, und überdies neue Möglichkeiten für Bereiche eröffnen, die bisher noch gar nicht als Problemfeld taxiert wurden.

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Der Autor

Raimund Reiser ist Berater im Competence Center Industrial Goods & High Tech von Horváth & Partners Wien.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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