Blockchain: Tech-Revolution der Wirtschaftswelt

Blockchain: Tech-Revolution der Wirtschaftswelt

Von den Bitcoins ausgehend ist die Blockchain-Technologie drauf und dran, die Finanzindustrie und andere Wirtschaftsbereiche umzukrempeln. In vielen Bereichen ist jedoch noch unklar, wie die Technologie genau verwendet werden kann.Plus: Die wichtigsten Fakten zur Blockchain-Technologie.

Bitcoin war nur der Anfang. Während die Cyberwährung bisher vor allem mit Betrugsvorwürfen und heftigen Kursausschlägen Schlagzeilen machte, wird der dahinter liegenden Technologie Blockchain zugetraut, das Finanzsystem und andere Wirtschaftsbereiche umzukrempeln.

Rund um den Globus spielen Notenbanken derzeit durch, ob sich die Technologie für ihre Zwecke nutzen lässt. Der Ersatz von Bargeld gehört dabei noch zu den konservativen Szenarien. Am Ende könnten ganz neue geldpolitische Maßnahmen zum Einsatz kommen. "Das hat ein enormes disruptives Potenzial für die Art und Weise, wie Zentralbanken arbeiten", erklärt Hans Kuhn von der Universität Luzern. "Wir sind an einem Punkt, wo es zur größten tektonischen Verschiebung seit der Aufgabe des Goldstandards 1973 kommen könnte."

Das Potenzial der Blockchain ist auch Thema eines im Juni 2017 veröffentlichten Weißbuchs des World Economic Forums ("Realizing the Potential of Blockchain). Die Autoren Don und Alex Tapscott sehen die Blockchain Technologie als Basis für die Disruption von Geschäftsmodellen und die Transformation von Industrien in der nächsten Internetgeneration.

White Paper: "Realizing the Potenzial of Blockchain"

"Realizing the Potential of Blockchain" Zum Download des Weißbuchs klicken Sie bitte auf die Abbildung.

Schweden in der Pionierrolle

Mit Bitcoin entstand 2008 erstmals eine elektronische Form von Bargeld, mit der zentrale Eigenschaften von Münzen und Banknoten ins digitale Zeitalter kamen: Eine direkte und sofortige Zahlung zwischen Nutzern, ohne dass sie ihre Identität offenlegen müssen. Auf breiter Front durchgesetzt hat sie sich bisher aber nicht. Die Blockchain-Technologie, auf der Bitcoin beruht, bietet aber ihrerseits enorme Möglichkeiten.

Eine Pionierrolle nimmt Schweden ein. Das war schon in den 1660er Jahren so, als in dem skandinavischen Land erstmals in Europa Banknoten ausgegeben wurden. Was damals die Druckerpresse war, ist heute die Computertechnologie. Dank ihr könnte die Riksbank als erste bedeutende Zentralbank eine eigene digitale Währung an den Start bringen. "Das ist so revolutionär wie Papiergeld vor 300 Jahren", sagte Vize-Chefin Cecilia Skingsley der "Financial Times".


Mehr zum Thema

Die Blockchain und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaftswelt sind auch Thema der Coverstory in der trend-Ausgabe Nr. 35 /2017 vom 1. September 12017.


Schwedens Initiative ist kein Zufall. In dem Land ist die Nutzung von Bargeld bereits massiv zurückgegangen. Die Notenbank will nun verhindern, dass die Bevölkerung bei ihren Zahlungen Privatfirmen ausgeliefert ist. Ende 2018 entscheidet die Riksbank, ob sie eine "E-Krone" etwa in Form einer App oder eine Karte einführt. Bestehende digitale Zahlungsangebote wie Apple Pay ähneln dem nur auf den ersten Blick, denn sie laufen über die herkömmliche Infrastruktur der Kreditkartenunternehmen.

Großes Potenzial sehen Experten auch in Ländern, in denen viele noch ohne Bankkonto auskommen müssen und Geldüberweisungen schwierig sind. "Das trifft etwa auf viele afrikanische Länder zu", erklärt Adrian Weber vom Beratungshaus Roland Berger.

Das wohl radikalste Modell könnte so aussehen: Jedermann erhält ein Konto bei einer Notenbank, über das sämtliche Transaktionen laufen würden. Die Notenbanken würden zu einer Art Volksbank. Technisch halten Experten solche Direktkonten bereits für machbar, allerdings ist das aus Datenschutz-Gründen nicht realistisch, da ein solches System in Echtzeit einen vollständigen Überblick gibt, was jeder Bürger mit seinem Geld macht.

Anfang der Zeitenwende

Die Blockchain-Software funktioniert vollautomatisch, spart Zeit und Geld und kommt, etwa bei Überweisungen ohne zentrale Kontroll- und Schaltstellen wie Banken aus. Die Entwicklung konkreter Anwendungen steht aber nicht nur am Finanzsektor noch am Anfang und in der Bevölkerung ist das Wissen um Blockchain noch dürftig. Einer Umfrage des deutschen Online-Marktforschungsdienstes YouGov.de zufolge wissen zum Beispiel nur elf Prozent der Deutschen, was der Begriff "in etwa" bedeutet. Nur jeder Fünfte hat schon einmal davon gehört.

Dennoch setzen Unternehmen aus vielen Branchen große Hoffnungen in die Technologie und räumen ihr ein enormes Potenzial ein. Auch wenn noch nicht klar ist, wo und wie sie sinn- und gewinnbringend eingesetzt werden kann. Die Technologie befindet sich eben noch in einem Frühstadium, das nach Einschätzung mancher mit dem dem Stand des Internets Mitte der 90er Jahre vergleichbar ist. Wie die Erfahrung zeigt, ist das die beste Zeit, um sich Gedanken zu machen, wie sie für konkrete Produkte und Einsatzbereiche genutzt werden kann.



Die wichtigsten Fakten zur Blockchain

Woher kommt die Blockchain?

Die Blockchain-Technologie wurde ursprünglich für die digitale Währung Bitcoin entwickelt, kann aber auch für alle anderen digitalen Objekte genutzt werden. Etwa als Urheber- oder Besitznachweis, für Warenbestellungen oder als digitaler Ausweis. Für Börsenbetreiber oder im Rohstoffhandel ist die Technologie interessant, weil dadurch Wertpapiere oder Zertifikate ohne Banken oder Mittelsmänner den Besitzer wechseln können. Energieversorger denken darüber nach, wie Kunden an Ladestationen für Elektro-Autos mittels Blockchain bezahlen können.

Was ist eine Blockchain?

Eine Blockchain kann man sich wie ein Kassenbuch oder auch wie ein digitales Grundbuch vorstellen, in dem alle Transaktionen zu einem bestimmten digitalen Objekt festgehalten werden. Allerdings ist dieses Buch nicht an einem bestimmten Ort, auf alle Computer, die an einer solchen Transaktion beteiligt waren, verteilt. Auf jedem beteiligten Rechner wird eine Kopie des Datensatzes gespeichert. Bei einer neuen Transaktion werden die Daten aus der Transaktion (der "Block") an die vorhandene Kette (die "Chain") angehängt.

Was ist das Besondere an Blockchain?

Der größte Pluspunkt ist die Datensicherheit. Alle Informationen werden verschlüsselt gespeichert und nachdem jeder Nutzer eine Kopie der Datenbank verwaltet ist es praktisch unmöglich, diese unbemerkt zu manipulieren. Gleichzeitig sind alle Transaktionen anonym, weil Nutzer nur ihre Kennung preisgeben müssen.

Wer kontrolliert eine Blockchain?

Niemand. Das System ist so konzipiert, dass es ohne zentrale Kontroll- und Steuerungsinstanzen auskommt. Im Zahlungsverkehr sind daher zum Beispiel Banken als Vermittler, die garantieren, dass bei einer Transaktion Geld von einem Konto abgebucht wird und anschließend auf dem richtigen Konto landet, nicht nötig.

Wie funktioniert Blockchain?

Die dahinter liegende Software sammelt Informationen, verschlüsselt sie und hängt sie an die Datenbank. Jede Transaktion erhält einen Zeitstempel und eine Kennung aus dem Hash-Wert des vorangehenden Blocks, eine Prüfsumme, die verhindert, dass ein Block manipuliert oder unbemerkt aus der Datenbank entfernt wird. So werden Doppelungen vermieden und sichergestellt, dass die anschließend an alle Nutzer verteilten neuen Datensätze in der richtigen Reihenfolge an die Blockchain angehängt werden.

Problemfeld Datenverarbeitung

Die größte Schwierigkeit stellen die Prüfung und Zertifizierung der Transaktionen dar. Dahinter stehen komplexe mathematische Formeln. Die notwendige Rechenpower die User selbst zur Verfügung. Je länger die Datenkette ist, desto aufwendiger und langwieriger wird die Validierung neuer Blöcke. Im Massenbetrieb - wenn etwa Millionen Nutzer gleichzeitig Geld überweisen ist die Datenverarbeitung vergleichsweise langsam. Die von Microsoft entwickelte Blockchain mit Namen "Coco" kann etwa 1600 Transaktionen pro Sekunde verarbeiten. Zum Vergleich: Das Netzwerk des Kreditkarten-Anbieters Visa bewältigt 15-mal so viel.

Problemfeld Rechtsrahmen

Es gibt für die Blockchain noch keine verbindlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Unklar ist beispielsweise, wer bei Fehlern bei der Eingabe oder der Programmierung der Blockchain haftet.

Problemfeld Energieverbrauch

Umweltschützern ist Blockchain ein Dorn im Auge, weil die Validierung Rechenleistung und damit Energie frisst. Schätzungen zufolge verbraucht allein die Abwicklung von Bitcoin-Transaktionen bis zu 4,4 Milliarden Kilowattstunden (kWh) pro Jahr (Don und Alex Tapscott, Realizing the Potential of Blockchain, Weißbuch für das Weltwirtschaftsforum, Juni 2017, Seite 14) . Das entspricht in etwa dem Stromverbrauch von einer Million Haushalten. Ein durchschnittlicher Haushalt in Österreich verbraucht 4.187 kWh Strom pro Jahr

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