Blockbuster aus dem Keller

Blockbuster aus dem Keller

ANIMATIONS-WELTMEISTER. Die ehemalige Schauspielerin Dunja Bernatzky und Kris Staber führen das Studio arx anima.

Eine der beliebtesten Kinderserien kommt aus Wien: Wie das Studio arx anima Kater Tom und seinen Freunden Leben einhaucht und sich Animation auf Weltklasseniveau in Österreich rechnet.

Ein Hinterhofbüro in Wien-Margareten, vor weiß gekalkten Ziegelwänden stehen Schreibtische dicht an dicht. Jeder hier hat hier mindestens zwei Bildschirme im Blick. Zu sehen - Katzen. Hier vertreibt sich aber keiner der Kreativarbeiter die Mittagspause mit Katzenvideos: Die Tierchen sind das wichtigste Produkt des Studios arx anima, konkret ein sprechender Kater namens Tom. "Talking Tom" ist eine der meistgesehenen Kinderserien der Welt, erzielt monatlich 350 Millionen Aufrufe - über Apps, YouTube oder Streamingdienste wie Netflix.

Erfunden hat den Wiener Kater vor neun Jahren das slowenische Ehepaar Samo und Iza Login. Rasch gewann die Figur in den damals noch jungen Appstores an Reichweite. Nach eineinhalb Jahren hatte die App 300 Millionen Downloads, und die Erfinder bauten in Kooperation mit der Sparte von Disney Interactive ein weltweites Franchise-System und verschiedene Produktionsbüros auf. Bereits seit 2011 produziert arx anima dafür die Serie "Talking Tom and Friends". Aktuell wird gerade an der dritten Staffel gearbeitet.

Am 31. Mai ging die vierte Episode davon online. In "A Garage Affair" sabotiert eine eifersüchtige "Alexa" den romantischen Abend zwischen Tom und Freundin Angela nach allen Regeln der künstlichen Intelligenz. Ein Plot auf der Höhe der Zeit, und in elf Minuten kommt alles vor, was großes animiertes Katzenkino ausmacht: Actionszenen, Streit und Happy End.

Den Aufwand dahinter können Zuseher allenfalls erahnen, wenn sie den langen Nachspann lesen oder den Artists über die Schulter schauen könnten, die hier hochkonzentriert in die Stille des Raums hinein arbeiten. Bis auf Klicks und dezentes Surren aus den Rechnern ist nichts zu hören: Vom Storyboard weg geht es über mehrere Zwischenschritte zum Layout und dann zur eigentlichen Animation. Im Finish werden unter anderem Licht und Schatten und die Endkomposition erledigt.

"Jede Szene wird speziell ausgeleuchtet", erzählt arxanima-Geschäftsführer Kris Staber, "natürlich macht es auch hier einen Unterschied, wie die Schatten fallen." Der Beleuchter richtet hier aber keinen Scheinwerfer aus, sondern berechnet und justiert den Lichteinfall am Rechner. Vom Drehbuch bis zu Postproduktion passiert alles in Wien, und für zehn Minuten Katzenfilm braucht das Studio zwischen "sieben und neun Monate", erzählt Staber. In diesen Zeiten arbeiten 90 bis 150 Mitarbeiter mehr oder weniger ausschließlich an dieser Katzenanimation. Outfit7, das Unternehmen hinter dem Talking-Tom-Imperium, ist heute der größte Kunde von arx anima.

Der große Katzenerfolg wirft aber Schatten: "Zum einen sichert Tom über Jahre Dutzende Kreativarbeitsplätze. Zum anderen ist das Projekt in der Szene so prominent, dass viele glauben, wir würden gar nichts anderes mehr machen oder wären so teuer, dass man sich das gar nicht leisten kann", seufzt Staber. "Wir produzieren aber für jedes Budget, auch sehr kleine." Referenzen aus heimischen oder internationalen Werbe-und Spielfilmproduktionen gibt es zuhauf. arx anima lässt den Corn-Flakes-Tiger im Werbespot ebenso tanzen wie die Teens im Hollywood-Blockbuster "Highschool Musical". Was aber nicht nur Auftraggeber Outfit7 erstaunt, ist der Umstand, dass Animation auf Weltklasseniveau in Wien produziert werden kann. Wie viel eine Minute Katzenfilm kostet, dürfen die Wiener allerdings nicht sagen.

Mitarbeiter aus aller Welt

Klar ist, wo die größte Konkurrenz sitzt: vor allem in China. Die Herausforderung, gute Designer zu bekommen und mit österreichischen Gehältern zu bezahlen, "ist definitiv eine große", gesteht Dunja Bernatzky, als Co-Geschäftsführerin für alles Organisatorische und Kaufmännische zuständig, freimütig ein. "Wir haben hier Mitarbeiter aus 19 Nationen, die meisten sind zwischen 25 und 40 Jahre alt.

Am lokalen Arbeitsmarkt sind solche Spezialisten nicht leicht zu finden, obwohl es intensive Bemühungen gibt." Arx rekrutiert weltweit und hat dafür sogar ein eigene Software entwickelt und eine Datenbank mit über 6.000 potenziellen Kandidaten aufgebaut, in der gezielt nach bestimmten Fähigkeiten gesucht werden kann. "Das besondere Flair der Stadt zieht schon, aber bei Wohnungssuche und Formalitäten müssen wir schon helfen. Für einen Programmierer aus Brasilien, der nicht Deutsch spricht, ist die Wohnungssuche nicht leicht", sagt Bernatzky. Dienstsprache in Wien ist natürlich Englisch.

MANN IM VERNETZTEN CATSUIT. "arx anima"-Chef Kris Staber filmt einen "3D Motion Capture Suit" im Studio im Keller. Damit können Bewegungsabläufe lebensnah digitalisiert werden, die dann in die Animationen einfließen - eine Möglichkeit für qualitätsvolle und effiziente Produktion im Animationsbereich.

In diesem wettbewerbsintensiven Geschäft mit einem österreichischen Produktionsstandort zu bestehen, "geht nur über Effizienz und sehr gute Organisation der Arbeitsprozesse", sagt Staber. Die Artists sollen sich voll auf ihre Arbeit fokussieren können. Im Prinzip ist jeder Arbeitsplatz ein ausgeklügelter Teilabschnitt einer großen kreativen Produktionsstraße.

Den Takt gibt Staber vor: Er ist nicht nur wichtigster Vertriebsmann auf Messen und Festivals, sondern auch Art Director. Im Keller in der Wehrgasse richtet er gerade ein Studio für Motion-Capture-Verfahren (siehe Bild) ein. Um die Bewegungen von Menschen in Games oder Filmen möglichst geschmeidig und lebensnah zu animieren, werden sie von echten Darstellern abgefilmt. Eine Wohnung nach der anderen hat die arx anima in dem Mietshaus "besetzt". Die einstige Garçonnière des Wiener Originals WaLuLiSo wurde zum Meetingraum umfunktioniert, und im Keller des Nachbarhauses stehen bis zur Decke Server, die so viel Abwärme erzeugen, dass sich der Hausbesitzer nicht um feuchte Mauern sorgen muss.

HUND UND KATZ. Der titelgebende Kater Tom, flankiert vom besten Freund Ben (einem Hund!) und Freundin Angela. Mit dabei auch der Mitbewohner Hand und der jüngere Nachbarskater Ginger.

Der Plafond ist aber nicht nur aus räumlichen Gründen erreicht. Ein anderer, ganz profaner, limitierender Faktor ist für Staber die fehlende Glasfaseranbindung im Haus. "Diese Bilder sind wahnsinnig datenintensiv. Wir brauchen Bandbreiten von bis zu 50 Gigabit pro Sekunde." Die Investitionen in die Faser selbst zu tätigen, kommt für arx anima nicht infrage, sind die monatlichen Internetkosten ohnehin schon astronomisch.

Bernatzky und Staber haben mittlerweile in Gran Canaria einen zweiten Standort aufgebaut und richten die dortige Niederlassung gerade ein: "Spanien ist bekannt für seine guten Grafikdesigner", sagt Bernatzky. Kater Tom erweitert allerdings nur sein Revier, seinen Wiener Stammplatz gibt er nicht auf.


Die Geschichte ist im trend 25/2018 am 22. Juni 2018 erschienen

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