Key2Pay: Bezahlen mit Klimts Kuss

Key2Pay: Bezahlen mit Klimts Kuss

Lucas Scheybal, Key2Pay: "Das ist auch ein Wettkampf der Chiptechnologien."

Die NFC-Technologie macht aus Handy, Uhr und Schlüsselanhänger Mobile Geldbörsen. Mit seinem Key2Pay-System will das heimische Familienunternehmen LAKS nun am Bezahlmarkt umrühren.

Das erste Mal war er um acht Jahre zu früh dran. Als Lucas Scheybal 2006 eine Armbanduhr mit SIM-Karte erfand, konnten sich wenige vorstellen, was man mit so einem Ding eigentlich anfangen soll. 2014 launchte dann ein US-Konzern seine Apple Watch. Mit Fitnessfunktionen, Terminplaner, Verbindung zum iPhone. Plötzlich war klar, was smart daran ist, wenn eine Uhr online geht. Scheybal ärgerte sich.

Nun hofft er, den Puls der Zeit exakter zu erwischen. Mit seiner neuen Erfindung steigt der Eigentümer des Uhrenproduzenten LAKS in den neuen Markt des "Mobile Payment" ein, genauer: ins kontaktlose Bezahlen. Der umtriebige Familienunternehmer produziert einen speziellen Schlüsselanhänger in Form eines kleinen Goldbarren namens Key2Pay.

Wahlweise gibt es das Ding behübscht mit Gustav Klimts "Der Kuss" oder Vincent van Goghs "Caféterrasse am Abend". Was aber viel wichtiger ist: Im Hintergrund steht eine internationale Kontoverwaltungs-App statt eines heimischen Geldinstituts. Scheybal erklärt: "Es gibt keine Bank in Österreich, die das machen könnte. Ein neues Gesamtprodukt, eine multifunktionale Alternative zu herkömmlichen Zahlungsmitteln."

Das Ende alter Routinen

Die Einschätzung ist zwar mutig, aber dennoch: Der Zeitpunkt für den Vorstoß ist nicht schlecht gewählt. Tatsächlich krempeln gerade Fintech-Start-ups mit verschiedenen Technologien althergebrachte Routinen im Finanzwesen um. Etwa beim Bezahlen: In Handys oder Bankomatkarten eingebaute NFC-Funkchips (Near Field Communication) verkürzen das Bezahlen auf ein umstandsloses Hinhalten des Chips zur Bankomatkassa.

Nach anfänglichem Zögern scheinen die Österreicher Gefallen an der Übung zu finden: Zwischen 2016 und 2017 verdoppelten sich die kontaktlosen Abbuchungen auf 199 Millionen Transaktionen. Das ist fast jeder zweite bargeldlose Bezahlvorgang. Mit dazu beigetragen hat auch, dass bereits 70 Prozent aller Bankomatkassen NFC-fähig sind. Bis 2020 sollen 100 Prozent umgerüstet sein, Österreich hätte somit perfekte Voraussetzungen fürs kontaktlose Bezahlen.

Immer häufiger werden daher auch andere tragbare Gegenstände (sogenannte "Wearables") durch einen Funkchip zur Geldbörse aufgemotzt. Die Erste Bank etwa hat vor zwei Jahren Armbänder und Sticker solcherart mit Konten verbunden. 360.000 Erste-Bank-Kunden haben eines der beiden Teile bereits in Gebrauch und sind auch dann locker liquide, wenn weder Handy noch Geldbörse griffbereit sind.

Englisches E-Wallett

Lucas Scheybals Key2Pay wartet mit ein paar zusätzlichen Besonderheiten auf. Und natürlich bietet seine Uhrenfirma LAKS auch eine Watch2Pay an. Hinter dem elektronischen Konto (E-Wallet), auf das der Schlüsselanhänger aufsetzt, steht keine Bank. Es stammt vom englischen Finanzdienstleister MuchBetter, einem Zahlungstransfer-Start-up, das seine Kompetenz normalerweise im Sportwettenbusiness einbringt.

Das MuchBetter-Konto ist im Idealfall innerhalb weniger Minuten eingerichtet und verifiziert, in Österreich dauert so etwas Tage. Das E-Wallet ist ein Prepaidkonto, das vor der Nutzung aufgeladen werden muss, entweder online oder über spezielle Aufladestellen ("Cash to go") in Trafiken. Seit wenigen Wochen geht das auch an Eni-Tankstellen in Österreich, wo auch die Key2Pay-Anhänger verkauft werden.

Die englischen Partner haben ein paar fesche Features in ihr Paket gepackt. Die Smartphone-App kann bis zu zehn Schlüsselanhänger verwalten, inklusive Sofortsperre bei Verlust oder Diebstahl. Sie bietet Echtzeitüberweisungen zwischen MuchBetter-Kunden an, direkt aus dem Kontaktverzeichnis des Telefons heraus. Man kann Kreditkarten anfordern, für Onlinezahlungen wird dabei als zusätzliche Sicherheitsroutine jedes Mal ein neuer CVC-Code generiert. Transaktionslisten in der App dokumentieren alle Bezahlvorgänge. Und: MuchBetter verrechnet keine Fixkosten, in wenigen Fällen aber übliche Gebühren.

Auch für Scheybals Devices gelten die strengen Regeln fürs NFC-Bezahlen. Maximal 25 Euro sind ohne Code möglich, jede fünfte Transaktion verlangt nach der Eingabe einer PIN. Dennoch funktioniert das Zahlen schneller und bequemer als mit Bargeld oder Kreditkarte.

Chip-Wettkampf

Der Österreicher - er bezeichnet sich als "Mastermind fürs kontaktlose Bezahlen" - baut dabei auf gängige technische Grundlagen. Im Unterschied allerdings zu allen anderen Anbietern in Österreich, die auf den Halbleiterproduzenten Infineon setzten, stammt der Funkchip in den LAKS-Schlüssel anhängern vom Mitbewerber NXP; mit Tochterunternehmen in Graz. Dort wurde die nun weltweit genutzte NFC-Technologie von drei Österreichern erfunden, später von Philips und letztlich dann von NXP übernommen. Scheybal, kämpferisch in allen Belangen: "Das ist also auch ein Wettkampf der Chiptechnologien."

Auf der Abwicklungsseite kann er Mastercard als Partner vorweisen, neben Visa die zweite große internationale Gesellschaft für Kredit-, Debit- oder Guthabenkarten. Die Marktführer beim digitalen Bezahlen sind so etwas wie Lizenzgeber für weltweit Hunderte Anbieter im Zahlungsverkehr. Erst vor Kurzem hat etwa auch Uhrenhersteller Montblanc angekündigt, seine Produkte mit NFC-Bezahllösungen auszustatten - auf Basis des Digitalnetzes von Mastercard.

Mastercard-Manager Christian Schicker: "LAKS ist so etwas wie ein Vorreiter. Das Unternehmen hat es geschafft, den Bezahlvorgang aufzulockern und neue User Cases zu schaffen." Gerade jetzt sei der richtigen Zeitpunkt, denn: "Kontaktloses Bezahlen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen."

Digitale Verweigerer

Trotzdem ist das Thema Mobile Payment komplex, und nicht alle Konsumenten sind zum Umstieg von der analogen zur digitalen Geldbörse bereit. Einzelne (internationale) Anbieter ziehen sich aus dem Markt zurück: etwa der Mobilfunkanbieter Vodafone, der Ende Juli seinen Wallet-Dienst einstellt. Die Mitbewerber Telefónica oder Deutsche Telekom haben ihre kontaktlosen Handy-Bezahlangebote bereits früher gestrichen.

Andere wiederum investieren Milliarden. Google etwa führt seine beiden Dienste Android Pay und Google Wallet zu einem einzigen Bezahlangebot zusammen - vorerst allerdings nur in Deutschland.

Erste-Bank-Kartenexperte Ertan Piskin ist ein wenig skeptisch, was die Erfolgsaussichten neuer Mitbewerber wie Key2Pay betrifft: "Wir wissen jedenfalls, dass Kunden nicht bereit sind, viele neue Dinge zu lernen. Daher gehen wir nur in ganz kleinen Schritten voran." Damit Gegenstände wie Uhren, Schlüsselanhänger oder Armbänder als Zahlungs-Devices akzeptiert werden, dürfe sich an sonstigen (Konto-)Bedingungen rundherum nichts ändern. Das spricht gegen den radikaleren Newcomer.

Und: Ungeachtet aller digitalen Möglichkeiten werden immer noch 80 Prozent aller Bezahlvorgänge in Österreich mit Bargeld abgewickelt. Das lässt sich unterschiedlich interpretieren. Entweder als generelles "Nur Bares ist Wahres"-Gen in der österreichischen Seele. Oder als Riesenpotenzial für neue, intelligente Angebote. Keine Frage, wozu Lucas Scheybal tendiert.


Die Geschichte ist der trend-Ausgabe 28-29/2018 vom 13. Juli 2018 entnommen.

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