"Bei der Digitalisierung gibt es keine ausgetretenen Pfade"

Siemens Österreich Generaldirektor Wolfgang Hesoun

Siemens Österreich Generaldirektor Wolfgang Hesoun

Siemens Österreich Generaldirektor Wolfgang Hesoun im Interview über Digitalisierung und Österreichs Chancen als High-Tech-Produktionsland.

trend: Siemens Österreich konzentriert sich besonders auf den Bereich Digitalisierung. Wohin gehen die großen Trends?
Wolfgang Hesoun: Die Digitalisierung wirkt heute in allen Bereichen unseres Lebens - vom Onlineshopping bis zum autonomen Fahren. Wir betrachten Digitalisierung vor allem für den industriellen Bereich. Mit Hilfe modernster IT planen, steuern, gestalten, kontrollieren und betreiben wir Prozesse und Produktionsschritte über die gesamte Wertschöpfungskette. Im Idealfall sind alle Produktionsbereiche miteinander vernetzt und aufeinander abgestimmt. Dann können Unternehmer individuelle Kundenwünsche auch in sehr kleinen Stückzahlen erfüllen, ihren Produktionsprozess effizienter gestalten, die Produktionsanlagen besser auslasten oder neue Geschäftsmodelle schaffen.

trend: Was ist das zentrale Thema dahinter?
Hesoun: Das Internet of Things (IoT). Vereinfacht bedeutet es eine Vernetzung von Anlagen, Maschinen, Instrumenten und Sensoren mit dem Internet, damit diese selbstständig miteinander kommunizieren können. Die Daten werden in einer Cloud, mit der die Objekte digital verbunden sind gesammelt, miteinander verknüpft, analysiert und ausgewertet. Entscheidend ist, aus der sehr großen Datenmenge die richtigen Erkenntnisse zu ziehen und Algorithmen zu entwickeln.

trend: Welche Ziele möchten Sie in den nächsten Jahren erreichen?
Hesoun: Wir wollen unsere Kunden und Partner in Österreich dabei unterstützen, die Digitalisierungsstrategie ihrer Unternehmen erfolgreich umzusetzen. Bei der Digitalisierung gibt es keine ausgetretenen Pfade. Da geht es zuerst einmal darum, zu verstehen, wo die individuellen Bedürfnisse und Herausforderungen liegen. Nur so gelingt es, echte Wettbewerbsvorteile abzuleiten. Wenn ich heute meine Produkte effizienter, schneller oder kundenorientierter auf den Markt bringen kann, dann sind das wesentliche Assets im internationalen Wettbewerb. Österreich hat eine echte Chance, sich als High-Tech-Produktionsland mit starkem Forschungs-und Entwicklungsschwerpunkt zu etablieren.


In Aspern gewinnen wir wertvolle Erfahrungen, die in das weltweite Geschäft von Siemens einfließen.

trend: Welche Bedeutung hat dafür Ihr Forschungsprojekt in der Seestadt?
Hesoun: In der Seestadt Aspern erforschen wir gemeinsam mit der Stadt Wien seit mehreren Jahren Technologien, um Städte intelligenter, nachhaltiger und damit zukunftsfähiger zu machen. Gerade in den Bereichen Energiemanagement, Gebäudetechnologie und Mobilität können wir ansetzen, um die Energiewende durchzusetzen und zukünftige Smart Citys wirtschaftlich zu gestalten. Wir gewinnen wertvolle Erfahrungen, die in das weltweite Geschäft von Siemens einfließen. So haben zum Beispiel die beiden Forscher Andreas Lugmaier von Siemens Österreich und Friederich Kupzog vom AIT eine neue Software entwickelt, die aus den Daten erkennt, welche Wege der Strom im Niederspannungsnetz nimmt. Das Team wurde dafür als Erfinder des Jahres 2017 ausgezeichnet.

trend: Warum ist für Siemens dieses Forschungsprojekt so wichtig?
Hesoun: Diese Forschungen sind wichtig, weil sich der Anteil der städtischen Bevölkerung in den nächsten vier Jahrzehnten nahezu verdoppeln wird: Bis zum Jahr 2050 wird ein Anstieg um circa 80 Prozent erwartet; statt wie aktuell 3,56 Milliarden Menschen werden dann rund 6,25 Milliarden Menschen in großen Ballungsräumen wohnen, die sehr viel Energie verbrauchen und auch CO2-Emissionen erzeugen. Daher wird der Kampf gegen den Klimawandel in den Städten entschieden werden.

trend: Siemens ist Partner des Projekts H2Future zur Erzeugung grünen Wasserstoffs ...
Hesoun: Knapp werdende Ressourcen und der drohende Klimawandel machen es immer wichtiger, Strom umweltfreundlich und nachhaltig zu erzeugen. Siemens hat ein Elektrolysesystem entwickelt, das aus Strom Wasserstoff erzeugt, der leicht gespeichert werden kann und bei Bedarf wieder direkt zur Stromerzeugung dient. Gemeinsam mit unseren Partnern setzen wir diese Technologie ab Herbst erstmals in einem Pilotprojekt in Österreich ein.

trend: Was bedeutet die Digitalisierung für Österreichs Zukunft?
Hesoun: Gerade für Hochlohnländer wie Österreich ist die Digitalisierung der Industrieproduktion eine große Chance. Viele Jahrzehnte wurde der globale Wettbewerb über die Produktionskosten -und damit zu einem erheblichen Teil über Personalkosten -geführt: zum Nachteil Europas und Österreichs. Mit der Digitalisierung aber werden Innovation und kundenzentriertes Know-how deutlich wichtiger. Nehmen wir die Autoindustrie, die auf dem Gebiet Vorreiter ist: Früher gab es für neue Modelle eigene Entwicklungsprozesse und langwierige Testphasen. Heute funktioniert alles virtuell: Entwicklung, Simulationen und Tests werden am Computer abgewickelt. Das führt zu einer noch nie da gewesenen Geschwindigkeit, mit der ein neues Produkt auf den Markt kommt. Wer diese Komplexität beherrscht, gewinnt.


Zur Person

WOLFGANG HESOUN ist Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG Österreich mit Verantwortung für 18 Länder in CEE. Das Unternehmen ist mit weltweit 377.000 Beschäftigten schwerpunktmäßig auf den Gebieten Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung aktiv.

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