[EFA2020] Aufschwung: Digitalisierung als Konjunkturmotor

Homeoffice, Videokonferenzen und Collaboration: Die Corona-Krise hat vielen Unternehmen erst gezeigt, was mit der Digitalisierung möglich ist. Sie soll nun auch den stotternden Konjunkturmotor wieder in Schwung bringen. Aber wie fit ist Österreich in Sachen Digitalisierung?

Thema: Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft
[EFA2020] Aufschwung: Digitalisierung als Konjunkturmotor

Kodak, der einstige Weltmarktführer für Fotografie, gilt heute als das Paradebeispiel für verschlafene Chancen. Obwohl der einstige Musterkonzern 1975 die Digitalkamera erfundenund das Patent dafür angemeldet hatte, musste er 2012 Insolvenz anmelden. Die Visionäre bei Kodak konnten sich offensichtlich nicht durchsetzen. Die Folge: Der analoge Filmprofi wurde von der digitalen Fotografie verdrängt, während sich viele neue digitale Unternehmen wie Amazon, Facebook, Uber & Co schon in der digitalen Zukunft sonnten.

Heute geht ohne digitale Werkzeuge kaum mehr was. Das hat die Corona-Krise erst recht vor Augen geführt. Die Digitalisierung ist längst essenziell für unsere Gesellschaft und Wirtschaft und bietet mit Technologien wie etwa künstlicher Intelligenz (KI) noch ein riesiges Innovationspotenzial.

Schlafendes Potenzial

Trotzdem ist bei vielen Unternehmen in Österreich das digitale Zeitalter noch nicht wirklich angekommen. So nutzen laut der aktuellen Studie "Digitalisierung - Konjunkturmotor in der Krise" von Accenture, die vom Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort (BMDW) beauftragt wurde, nur sechs Prozent aller KMU Big-Data-Analysen. Bei den großen Unternehmen sind es immerhin schon 29 Prozent. An kommerzielle Cloud-Services wagen sich 23 Prozent der KMU und immerhin schon rund die Hälfte der großen Unternehmen.

Online-Kurse wurden in Österreich bis zur Corona-Krise kaum genutzt, bei Online-Banking und Payment sind die Länder Skandinaviens weit voraus.

Online-Kurse wurden in Österreich bis zur Corona-Krise kaum genutzt, bei Online-Banking und Payment sind die Länder Skandinaviens weit voraus.

Studien wie etwa der im März vom IHS publizierte Projektbericht "Digitale Kompetenzen in österreichischen KMUs" zeigen, dass sich kleine Unternehmen erst von digitalen Lösungen überzeugen lassen, wenn sie einen unmittelbaren Wert darin erkennen. Mangelnde Zeit, fehlendes Wissen sowie die Furcht vor unabsehbaren Kosten, Abhängigkeiten von Anbietern und mangelnder Akzeptanz bei Kunden sind weitere Hindernisse. Schlecht sieht es auch bei der Nutzung von Onlinemarktplätzen aus. Hier erzielen die heimischen Unternehmen nur ein Prozent der Umsätze. Noch schlimmer: Ganz Europa kann nur vier Prozent der globalen Plattformwirtschaft abdecken.

Besser durch die Krise

Digitale Investitionen haben sich laut Accenture-Studie besonders in der Phase des Lockdowns bezahlt gemacht. Während die digital weniger fitten Betriebe sehr hart getroffen wurden, erholten sich die digitalen Innovationsführer sehr rasch. Die bereits vorhandene digitale Infrastruktur und das Know-how machten es möglich, sehr schnell alle Mitarbeiter ins Homeoffice zu übersiedeln und auf bereits bestehende oder zumindest im Aufbau befindliche digitale Kommunikations-, Verkaufs-und Marketingkanäle zuzugreifen.

Wachstumspotenzial durch Digitalisierung in den nächsten zehn Jahren; Schätzung von Accenture Research

Wachstumspotenzial durch Digitalisierung in den nächsten zehn Jahren; Schätzung von Accenture Research

Die Corona-Krise ließ das heimische BIP allein im zweiten Quartal 2020 um knapp 13 Prozent einbrechen. Nun geht es um den raschen Wiederaufbau der kranken Ökonomie. Auch da haben die digitalen Vorreiter nun eine deutlich bessere Startposition. Und sie konnten schon in den Jahren zuvor, verglichen mit den Technologienachzüglern, ein bis zu doppelt so hohes Umsatzwachstum erzielen. Auch im Staatenvergleich kamen die stärker digitalisierten Volkswirtschaften deutlich besser durch die Corona-Krise. Sie sind generell krisenfester und weisen höhere Wachstumsraten auf. Deshalb wird nun in Österreich intensiv versucht, das Land auf den neuesten Digitalstandard zu bringen.

Besser nach der Krise

"Die Digitalisierung wird jetzt noch wichtiger. Es ist vielen bewusst geworden, dass die Unabhängigkeit und die Resilienz des Wirtschaftsstandorts davon abhängig sind", sagt dazu Margarete Schramböck, Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort (siehe Interview "Jeder digitale Arbeitsplatz schafft drei weitere"). All die neuen Kollaborations- und Kommunikationsmöglichkeiten, die neuen smarten Technologien für Städte, Fabriken und Gebäude sowie die Vereinfachung von Abläufen, Bestellvorgängen oder Behördenwegen bieten ein riesiges Verbesserungs- und Innovationspotenzial. Die Digitalisierung ist der Konjunkturmotor, der die Wirtschaft nun wieder in Schwung bringen kann.

Margarete Schramböck, Ministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort

Bundesministerin Margarete Schramböck: "Die Unabhängigkeit und die Resilienz des Wirtschaftsstandorts Österreich sind von der Digitalisierung abhängig."

Um sie zu fördern, wurden schon zahlreiche Maßnahmen gesetzt, wie etwa Digital Pro Bootcamps für rasche Fortbildungskurse oder Digital Innovation Hubs als Informationszentren zu spezifischen Themen. Diese FFG-Programme sind laut IHS-Umfrage aber nur wenigen Unternehmen bekannt. Deshalb soll es nun einen neuen Schub geben.

Aktuell plant das BMDW beispielsweise das digitale "Kaufhaus Österreich", das besonders den noch wenig digitalisierten KMU einen Einstieg in den E-Commerce erleichtern soll. Weitere Initiativen wie fit4internet zielen auf die generelle Förderung der digitalen Kompetenzen der Österreicher ab. Auch bei der Covid-19-Investitionsprämie ist das Thema Digitalisierung ein klarer Schwerpunkt.

Das große Ziel ist, den Wirtschaftsstandort Österreich mittels Digitalisierung krisenfitter, attraktiver für Hightech-Unternehmen und international wettbewerbsfähiger zu machen.

Wirtschaftsmotor Digitalisierung

Die Digitalisierung soll nun die kränkelnde Wirtschaft kräftig ankurbeln. "Sie kann ein BIP-Wachstum von 1,9 Prozent pro Jahr bewirken", so Michael Zettel, Chef von Accenture Österreich (siehe Interview). Für Österreich bedeutet dies bis zu 3,6 Milliarden Euro zusätzliches BIP-Wachstum pro Jahr, das vor allem durch höhere Produktivität, mehr Effizienz und Innovationen erzielt wird. Auf zehn Jahre gerechnet, summiert sich das auf bis zu 82,5 Milliarden Euro.

Michael Zettel, Country Managing Director Accenture Österreich

Michael Zettel, Country Managing Director Accenture Österreich: "Digitalisierung kann ein BIP-Wachstum von 1,9 Prozent pro Jahr bewirken."

Dabei spielen Technologien wie künstliche Intelligenz (KI), Big-Data-Analysen & Co eine wichtige Rolle. Allein durch den Einsatz von KI ist ein zusätzlicher jährlicher Wachstumsbeitrag von 1,6 Prozent am BIP bis ins Jahr 2035 möglich. Der Einsatz von KI soll dabei die Produktivität der Beschäftigten in Österreich um bis zu 30 Prozent erhöhen. Effizientere Arbeitsabläufe und ein hoher Automatisierungsgrad schaffen zudem mehr Zeit für wertschöpfende Tätigkeiten. Ein großes Thema sind heute besonders Big-Data-Analysen, die völlig neue Zusammenhänge und Erkenntnisse zu Tage fördern können. Sie tragen aber auch zu einer besseren Unternehmens- und Entscheidungssteuerung bei. Insbesondere die Industrie, der Handel und der Dienstleistungsbereich sollen von einer "smarten" Datennutzung profitieren.

Jobmotor Digitalisierung

Dem oft angeführten Argument, dass die Digitalisierung und Automatisierung Arbeitsplätze vernichte, widersprechen die Autoren der Accenture-Studie. Zahlreiche Untersuchungen zeigen positive Effekte zur Schaffung neuer Jobs. Ohne einen kräftigen Wandel am Arbeitsmarkt wird es aber nicht gehen. Laut Accenture sind in Österreich rund 23 Prozent aller Arbeitsplätze automatisierbar. Da die Transformation nicht von heute auf morgen erfolgen werde, sollte aber genug Zeit zur Anpassung bleiben. Das Wifo geht etwa davon aus, dass eine Vertiefung der Digitalisierung zu einem zusätzlichen Beschäftigungswachstum von bis zu 0,4 Prozent pro Jahr in Österreich führen wird. Das wären knapp 20.000 zusätzliche Arbeitsplätze pro Jahr.

Um die Digitalisierung weiter voranzutreiben, sind aber zuerst einmal ein entsprechender Zugang zur neuen digitalen Welt sowie die Ausbildung der Nutzer erforderlich. In Sachen Zugang und Infrastrukturausbau wurde zwar mit Maßnahmen wie der Breitbandmilliarde oder dem 5G-Netzausbau schon einiges erreicht. Trotzdem gibt es noch einigen Aufholbedarf. Erst 89 Prozent der österreichischen Haushalte verfügen über eine Breitbandinternetverbindung. Damit liegt Österreich nur im EU-Durchschnitt. Die besten Quoten haben Holland (98 Prozent), Norwegen (97 Prozent), UK (96 Prozent) und Schweden (95 Prozent). In Summe nutzen 86 Prozent der Österreicher das Internet zumindest einmal pro Woche.

Eine Frage der Kompetenzen

Immerhin 66 Prozent der Bevölkerung verfügen über grundlegende bis fortgeschrittene Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien. Damit liegt Österreich zwar im guten EU-Mittelfeld, aber noch weit hinter den europäischen Spitzenreitern. Bei der individuellen Internetnutzung und der Digitalisierung von KMU insbesondere in den Bereichen E-Commerce, Marketing und Social Media schneidet Österreich unterdurchschnittlich ab.

"Wichtig ist vor allem, mit dem raschen digitalen Wandel Schritt zu halten", erklärt Ulrike Domany-Funtan, Generalsekretärin von fit4internet, einer unabhängigen Initiative zur Qualifizierung und Quantifizierung digitaler Kompetenzen der österreichischen Bevölkerung, die eng mit rund 30 Unternehmen, Institutionen und Organisationen sowie dem BMDW zusammenarbeitet. Um dies zu erreichen, müssen die Qualifizierungsangebote laufend an die neuen Entwicklung angepasst werden.

Ulrike Domany-Futan, Generalsekretärin fit4internet

Ulrike Domany-Funtan, Generalsekretärin von fit4internet: "Mit dem raschen digitalen Wandel Schritt halten."

"Eine wichtige Frage dabei ist, wie sich digitale Kompetenzen standardisieren lassen", so Domany-Funtan. Dazu wurde nun das "Digitale Kompetenzmodell für Österreich - DigComp 2.2 AT", angelehnt an den Europäischen Referenzrahmen für digitale Kompetenzen (DigComp 2.1), entwickelt. Es bietet Unternehmen den Vorteil, dass sich damit alle digitalen Fähigkeiten klar einstufen lassen. Die digitalen Kompetenzen werden dabei in sechs Bereiche und acht Kompetenzstufen eingeteilt.

Mittelfristig soll auch eine Zertifizierungssystematik zur Verfügung stehen, die neben formalen Qualifikationen auch nonformal und informell erworbene Fähigkeiten berücksichtigt. "Heute erfordern schon 90 Prozent der Jobs digitale Grundkenntnisse", so die Expertin. Aktuell gehe es besonders darum, ein Bewusstsein und Verständnis für den digitalen Alltag und die digitale Wirtschaft zu schaffen. Auf der Website von fit4internet kann jeder in einem Onlinetest seine digitalen Kompetenzen und sein Security-Wissen selbst checken. Ab September kommt noch ein Test für den beruflichen Alltag hinzu.

Neue Skills und ständiges Lernen

Die neue Welt der Digitalisierung hat zu einer weiteren Beschleunigung sozialer und technologischer Entwicklung geführt. "Wichtig ist hier vor allem, dass wirklich laufend gelernt wird. Am besten sollten einige Stunden pro Woche in die Weiterbildung investiert werden", so der Bildungsspezialist Thomas Nárosy, der mehrere Bücher geschrieben hat und unter anderem Projektleiter für das "Digitale Kompetenzmodell für Österreich" war. Unternehmen wünschen sich von ihren künftigen Mitarbeitern möglichst viele digitale Fähigkeiten. "Am wichtigsten ist ihnen aber, dass sie lernen können", so der Bildungsexperte. Gefragt seien in Zeiten der digitalen Transformation besonders Lernkultur, Leadership und Teamkultur sowie die je nach Einsatz erforderlichen "Digital Skills".

Thomas Nárosy, Bildungsexperte

Bildungsspezialist Thomas Nárosy: "Strukturen schaffen die der digitalen Welt gerecht sind."

Diesen geht auch das AMS schon länger auf die Spur. Jüngst wurden die Ergebnisse der neuen Initiative "New Digital Skills" präsentiert, die klar belegen, dass am Arbeitsmarkt von morgen gerade wegen der Digitalisierung neben IT-Kenntnissen vor allem typisch menschliche Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Leadership und selbstständiges Lernen an Bedeutung gewinnen.

"Wichtig ist, dass wir endlich Strukturen schaffen, die dem Bedarf an ständiger Weiterbildung in der digitalen Welt gerecht werden", so Nárosy. Es müsste also beispielsweise ein organisatorischer Rahmen geschaffen werden, der während der Arbeit mehrere Stunden pro Woche Zeit für die Weiterbildung bietet. Neben einer besseren, auf die Digitalisierung ausgerichteten Schulbildung, die zugleich die aktuelle digitale und soziale Kluft reduziere, sollte kontinuierliches Lernen zum "Normalfall" jeder beruflichen Praxis werden.


EFA2020

Digitalisierung ist eines der Kernthemen am European Forum Alpbach #EFA2020, das vom 23. August bis zum 3. September 2020 COVID-19-bedingt als Online-Forum stattfindet.
Mehr dazu finden Sie im trend-Thema EFA2020


Der Artikel Interview ist der trend-Ausgabe 33-34 vom 14. August 2020 entnommen.

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