Anitra Eggler: "Wir sind alle handysüchtig"

Anitra Eggler: "Wir sind alle handysüchtig"

Anitra Eggler

Digital Detox ist heuer mehr als ein Neujahrsvorsatz. Die Industrie beginnt, ihre Produkte zu hinterfragen und prominente Meinungsmacher bekennen den eigenen Kontrollverlust.

Ein Interview mit Autorin Anitra Eggler. Die Digitalisierungs-Veteranin und Keynote Speakerin hat mit »Das Digital Detox Buch« gerade ihren vierten humorvollen Ratgeber veröffentlicht.

trend: Sie sind seit zehn Jahren „auf Tour“ und haben mehr als 200.000 Menschen den Spiegel vorgehalten: Sollte sich beim Publikum nicht langsam ein Lerneffekt einstellen, oder kommen viele einfach, um sich zu amüsieren?
Anitra Eggler: Natürlich, die Leute lernen dazu, aber nicht in der Geschwindigkeit, die notwendig wäre für eine zeitgemäße digitale Balance. Der digitale Stress wächst leider mit derselben exponentiellen Geschwindigkeit wie die Digitalisierung. Und damit auch die Dauerablenkung. Der Sofortnessdruck. Mit jedem neuen Handyfeature wächst die digitale Überforderung und der Wunsch, endlich mal abzuschalten. Nur wie? Der Leidensdruck ist so groß wie nie. Es gibt inzwischen zig Studien, die ganz objektiv belegen, dass Handys, Social Media und die meisten Apps so programmiert sind, dass sie uns süchtig machen. Wie das? Weil sie, vereinfacht gesagt, ständig unwiderstehliche Reize liefern, die unser Hirn anfixen mit Dopamin. Dieses Glückshormon ist das digitale Dope. Wir sind alle handysüchtig. Nur zugeben will das niemand, ist peinlich. In meinen Vorträgen entsteht durch Humor ein ähnlicher Effekt wie bei den Anonymen Alkoholikern: Wenn alle handysüchtig sind, ist niemand peinlich. Bei dieser Erkenntnis beginnt ein Veränderungsprozess, den ich auf der Bühne in Form einer heiteren Digitaltherapie verabreiche und in meinem neuen Buch als 28-Tage-Programm gestaltet habe.

Viele Firmen sind zu spät dran mit der Digitalisierung. Jetzt kommen Sie und sagen, die Leute sollen abschalten. Ist das nicht kontraproduktiv?
Eggler: Im Gegenteil. Spät zu digitalisieren kann ein enormer Vorteil sein, aber nur dann, wenn man die Digitalisierungs-Nachteile von Beginn an vermeidet und sich die Fehler erspart, die alle gemacht haben, die schnell vor schlau und Quantität vor Qualität gestellt haben oder noch schonungsloser gesagt: die aktionistisch statt smart digitalisiert haben. Meine Botschaft ist hier unmissverständlich: Es geht nicht darum, weniger digital zu sein, es geht jedoch zwingend darum besser, selbstbestimmter, selbstkritischer und selbstbewusster digital unterwegs zu sein. Da gehört die Fähigkeit abzuschalten und den eigenen Akku regelmäßig aufzuladen genauso dazu wie Bremsen und Tanken beim Autofahren. Keine Firma würde heute einen Mitarbeiter, der nicht bremsen kann, ein Firmenauto fahren lassen, oder? Jede Firma lässt heute Mitarbeiter, die digital nicht bremsen können, ans Firmenhandy … und die meisten freuen sich auch noch darüber, dass sich die Mitarbeiter freiwillig versklaven und rund um die Uhr erreichbar sind. Dabei ruinieren genau diese zwei Faktoren Mitarbeitergesundheit und Jahresergebnis: ständige Erreichbarkeit und digitale Dauerablenkung.

Ein Email kommt selten alleine: "Wer Mail sät, wird Mails ernten" ist einer von Anitra Egglers Leitsprüchen.

Wie soll ein Angestellter abschalten während der Arbeitszeit? Ist Digital Detox nicht eher ein Thema für den Urlaub?
Eggler: Das ist ein großer Irrtum, den ich versuche in und mit meinem Buch aufzuklären. Ich habe mein Programm ganz bewusst für Berufstätige konzipiert. Mal kurz im Offline-Urlaub detoxen ist zwar trendy, bringt aber nichts. Das ist, wie wenn jemand, der sich von Pizza und Pommes ernährt, ein Wochenende fastet – und sich dann wieder von Pizza und Pommes ernährt. Fasten ist kein Ernährungsprogramm. Mein Verständnis von Digital Detox ist vergleichbar mit einem digitalen Ernährungsprogramm, Fitnesstraining inklusive, Jojo-Effekt ausgeschlossen.


Digital Detox ist Klimaschutz.

Sie ziehen auch die Verbindungen zwischen Klimadebatte und Digitalisierung.
Eggler: Digital Detox ist Klimaschutz. Alle Welt redet von Flugscham, wir sollten über E-Mail- oder Sinnlos-Surf-Scham sprechen – nichts heizt die Klimakrise mehr an als die Digitalisierung. Der ständig steigende Datenverkehr sorgt schon jetzt für mehr Treibhausgas-Emissionen als der gesamte Flugverkehr. Gleichzeitig ist das Lobbying der Digitalindustrie ebenso erfolgreich wie das der Plastikindustrie. Die tut seit Jahren so, als seien wir Konsumenten Schuld am Plastikmüll. Apple und Google überbieten sich im Lancieren von Digital-Detox-Apps, die z. B. die Bildschirmzeit messen, eingrenzen und das Handy automatisch abschalten, weil der arme Smartphone-Junkie das von alleine ja nicht mehr kann – das ist, als würde Johnnie Walker eine Flasche auf den Markt bringen, die sich vor Einbruch der Dämmerung nicht öffnen lässt und sich von selbst schließt, sobald man 0,8 Promille hat. Wenn Firmen Innovationen anpreisen, die gegen ihre Geschäftsinteressen sind, heißt dass, dass diese Firmen davon überzeugt sind, dass wir von ihren Produkten abhängig sind.

trend: Zu den schwierigsten Übungen gehört ja sicher, sich von digitalen Verbindungen zu lösen, also das „Kondo“ in den sozialen Netzwerken?
Eggler: Wohl wahr. Das wird aber auch überschätzt, das ist EINE Maßnahme von vielen. Ich habe mir für das neue Buch ganz bewusst die Methoden der AA und bei Diäten angesehen und den Coaching-Teil mit meinem Bruder, einem Leadership-Coach, erarbeitet. Die Beziehung, die viele zu ihrem Handy pflegen, hat den Status eines „Lebenspartners“: Im ersten Teil identifiziert man die Beziehung und zieht Screen-Life-Balance: Wie geht es mir damit? Was investiere ich? Was bekomme ich zurück? Was gibt mir Energie? Was raubt Energie? Wer destruktive digitale Gewohnheiten erkennt hat, kann gezielt an ihrer Veränderung arbeiten.

trend: Wie schätzen Sie die Vorbildwirkung öffentlicher Personen ein: Wenn Lewis Hamilton seine Follower wissen lässt, morgens mach ich kein Insta.
Eggler: Das ist enorm wichtig! Wir brauchen mehr digitale Vorbilder! Gerade bei jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren merke man, wie Influencer deren Handeln beeinflussen. Insta hat viel kaputt gemacht durch die Zelebrierung einer hyperoptimierten verzerrten Realität, die als echte „verkauft“ wird. Wir brauchen viel mehr echte Menschen, die „no filter“ und „no Fake“ vorleben. Ohne diese Vorbilder werden wir zu einer Fake-Gesellschaft mit Jugendlichen, die sich schon mit 16 Jahren vom Beauty-Doc die Lippen aufspritzen lassen.


Anitra Eggler - Das Digital Detox Buch
Das 28-Tage-Programm für ein smartes Leben in digitaler Balance.

Keine Lust mehr auf Handystress, Informationsflut, Facebook-Fakes und Insta-Druck? Dieses Buch befreit dich von allem, was digital nervt, Zeit stiehlt, Schlaf raubt, Freiheit nimmt, Energie raubt, Erfolg verhindert und dein Lebens- und Familienglück stört.
Like Publishing, 180 Seiten, 19,99 Euro


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