"Afrikas Zukunft liegt in der Technologie" [Interview]

Nkemdilim (Nkem) Begho, Gründerin und Chefin von Futuresoft, Nigeria

Nkem Begho: "Wir brauchen eine Menge Investment - nicht nur Geld, sondern auch Skills – also Wissens-Transfer"

Die Nigerianerin Nkem Begho, Chefin von "Futuresoft" ist eine der Vorzeige-Unternehmerinnen Afrikas und in ihrer Heimat führende Anbieterin von Online-IT-Lösungen für Klein- und Mittelbetriebe. Sie plädiert für eine Technologie-Offensive, um afrikanische Probleme in Afrika zu lösen.

Nkemdilim (Nkem) Begho ist die Gründerin und Chefin von Futuresoft, dem führenden Anbieter von Online-IT-Lösungen, IT-Security und E-Learning für Klein- und Mittelbetriebe in Nigeria.

Über das 2008 gegründete Unternehmen Futuresoft hinaus engagiert sie sich für einen starken IT-Sektor in ihrer Heimat Nigeria und in den weiteren Ländern Afrikas, für Pan-Afrika-Lösungen und ist mittlerweile auch als Start-up-Mentorin, Mitgründerin und Investorin aktiv. Drei drei bisher von ihr mitbegründeten Start-ups sind das Baby-Mode und Lifestyle-Unternehmen "Always Me", die Versicherungs-Vergleichsplattform Compare Insurance Nigeria und Fucaire Lifestyle Ltd, das die Luxus-Plattform Aspire betreibt und dazu ein gleichnamiges Magazin herausgibt.

Für die Unternehmerin, die an der Ludwig Maximilian Universität (LMU) in München Bioinformatik studierte, ist die Informationstechnologie der Schlüssel für einen wirtschaftlich erfolgreichen und zukunftsorientierten, afrikanischen Kontinent. Im Rahmen der Konferenz "Wachstum im Wandel / Growth in Transition – Europe’s Transformation: Where People Matter" des BMNT war sie zu Gast in Wien. Der trend traf sie zum Interview.


"Afrikas Probleme mit in Afrika entwickelter Technologie lösen"

Nkemdilim (Nkem) Begho, Gründerin und CEO von Futuresoft

Nkemdilim (Nkem) Begho, Gründerin und CEO von Futuresoft

Nkem Begho über die Zukunft und Herausforderungen der Digitalisierung in Afrika und die Rolle der Informationstechnologie für die weitere Entwicklung und den Wandel auf dem afrikanischen Kontinent.

trend: Sie sind eine der Vorzeige-Unternehmerinnen Afrikas, gelten in Nigeria als eine Art "Mrs. Internet". Wie kam es dazu?
Nkem Begho: Ich habe in München an der Ludwig Maximilian Universität (LMU) Bioinformatik studiert, danach am Max Planck Institut gearbeitet und bin dann 2008 wieder nach Nigeria zurück. Jeder der einen Universitätsabschluss hat muss eine Art Zivildienst - eigentlich mehr ein einjähriges Praktikum bei einer Firma - machen. Sonst ist es schwer, in Nigeria einen Job zu bekommen oder in die Politik zu gehen. Als ich zuhause war, habe ich bemerkt, dass es unmöglich war, Dinge online zu finden. Zum Beispiel „Italienisches Restaurant in Lagos: Null Suchergebnisse“. Es gab kaum ein Unternehmen, das man überhaupt im Internet finden konnte. Wenige hatten E-Mail und wer mit E-Mail arbeitete, tat das mit Yahoo- oder Hotmail-Adressen und nicht einer Firmenadresse wie „@mybusiness.com“. Das war mehr oder weniger die Motivation, meine Firma zu gründen. Wir haben mit Webdesign, Business-Cards und Hosting, mit speziellem Fokus auf Kleinunternehmen angefangen. Davon gibt es in Nigeria sehr viele und die brauchen auch die meiste Hilfe, weil die überhaupt keine Ahnung haben.

trend: Das klingt abenteuerlich.
Begho: Das war es auch. Deshalb haben wir uns dann auch auf etwas größere Unternehmen konzentriert, mit Schwerpunkt auf digitales Marketing. Die sehr Kleinen sind die meiste Zeit nur verwirrt oder wissen nicht genau, was sie machen wollen. Wozu sie überhaupt eine Website brauchen, wozu Social Media, und was sie damit erreichen wollen. Es ist als ob man ihnen einen exotischen Fisch verkaufen will, den niemand kennt und niemand weiß, was man damit anfangen soll. Am Anfang war das ziemlich schlimm, weil die meisten gemeint haben, dass sie auch so Geld verdienen und das Internet nicht brauchen. Dabei haben sie auch nicht immer Geld verdient und konnten uns auch nicht immer bezahlen. Es ist schwer, mit digitalem Marketing oder Social Media erfolgreich zu sein, wenn man es immer wieder ein- und ausschalten muss. Und es war auch schwer für uns, heute vielleicht fünf Kunden und morgen wieder nur zwei zu haben.


Wir haben es in der Hand, afrikanische Probleme mit in Afrika entwickelter Technologie lösen.

trend: Einer Ihrer Ansätze ist, dass Afrikas Staaten mit Hilfe von Digitalisierung und Technologie zu Wohlstand kommen können. Ist das
Begho: Ich glaube nicht, dass die aktuellen Bestimmungen für die Zukunft geeignet sind. Wir brauchen Wachstumsimpulse für den Technologie-Sektor und Technologie-orientierte nationale Strategien, die es Start-ups erleichtern, Fuß zu fassen. Eine Breitband-Strategie und eine Neu-Ausrichtung der Bildungspolitik in Richtung Technologie. In Nigeria ist das Problem, dass praktisch die gesamte Wirtschaft des Landes vom Erdöl abhängt. Weil es immer Öl gab, wurden alle anderen Sektoren vernachlässigt. Es wurde nie in andere Sektoren investiert. Erst in der jüngsten Zeit hat sich das etwas geändert. Jetzt wird in Landwirtschaft investiert. Das ist gut, aber das Potenzial der Landwirtschaft ist im Vergleich zum Technologie-Sektor verschwindend.


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trend: Gibt es das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Investitionen in Richtung Technologie?
Begho: Nein. Dabei gibt es Beispiele von Ländern, die Technologie genutzt haben, um sich nach vorne zu katapultieren. Mein Lieblingsbeispiel ist Südkorea. 1959 war es das drittärmste Land der Welt und heute ist es einer der führenden High-Tech-Länder. Die Südkoreaner haben das strategisch sehr geschickt angelegt. Der Anteil der Leute, die in der Landwirtschaft arbeiten wurde von über 80 Prozent auf acht Prozent reduziert. In Nigeria passiert aber genau das Gegenteil. Wir bringen die Leute in die Landwirtschaft, wo sie manuelle Arbeit verrichten, statt Technologie zu nutzen, um die Probleme der manuellen Arbeit zu lösen, die Prozesse zu automatisieren und effizienter zu werden.
Wir brauchen große Investments in den Technologie-Bereich und die Infrastruktur dafür, das zeigt ein einfacher Vergleich: Nigeria hat 2016 rund 15 Milliarden Dollar mit Erdöl umgesetzt. Der Apple App-Store gleichzeitig 20 Milliarden Dollar. Nur um das Verhältnis zu zeigen: Ein einzelner App-Store hat ungefähr so viel verdient wie der Staat Nigeria. Das zeigt das Potenzial, das im Technologie-Sektor steckt. Der ist unsere Zukunft: Wir haben es in der Hand, afrikanische Probleme mit in Afrika entwickelter Technologie lösen. Man könnte Technologie auch hereinholen, aber wenn man sie selbst entwickelt und die eigenen Probleme löst, ist der Effekt wesentlich größer.


Technologie bringt Transparenz, und Transparenz ist für die Regierungen ein Problem.

trend: Woran fehlt es? Warum wird der Weg nicht eingeschlagen?
Begho: Das Hauptproblem ist der politische Wille. Wenn man nicht investieren will, dann wird es auch nicht geschehen. Zum Gutteil liegt das auch daran, dass man Technologie nicht wirklich will, weil sie Transparenz bringt und Transparenz ist für die Regierungen ein Problem. Und es müsste das Bildungssystem reformiert werden. Die aktuellen Uni-Lehrgänge für Technologie sind 40 Jahre alt und völlig irrelevant. Es gibt Schulen, an denen Computerkurse ohne Computer abgehalten werden. Und weil das Bildungssystem so schlecht ist, ist es auch schwer, Mitarbeiter zu finden. Die Uni-Lehrgänge müssen komplett geändert werden, es muss etwas gelehrt werden, mit dem die Leute auch tatsächlich etwas anfangen können. Man müsste einen oder zwei Universitätsstandorte aufbauen, an denen Computer Science mit modernsten Mitteln unterrichtet wird. Man könnte sich auch darauf spezialisieren, Blockchain-Developer auszubilden. Die werden weltweit gesucht. Man könnte eine ganzes Heer von Blockchain-Developern aufbauen, die weltweit arbeiten könnte, ohne Nigeria verlassen zu müssen.

trend: Wie steht es um Investoren aus dem Ausland?
Begho: Es kommen jetzt viele Investoren und es gibt inzwischen auch einige Start-ups aus Nigeria, die jetzt global sind. Andela ist zum Beispiel eines der großen Start-ups. Es bildet Developer aus, die dann für große amerikanische Konzerne arbeiten. Dafür hat Andela ein Funding der Zuckerberg-Chan-Foundation bekommen, der Stiftung von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Mit rund 24 Millionen ist es das größte Tech-Investment, das es bisher in Nigeria gab. Paystack – ein Payment-Anbieter, ähnlich wie Paypal, aber für lokale Karten und Transaktionen, hat acht Millionen aus den USA bekommen. Aber was passiert ist, ist dass das Unternehmen jetzt im Silicon Valley sitzt, mit einem kleinen Büro in Lagos. Man hätte das Unternehmen auch in Nigeria halten, hier Steuern zahlen, Mitarbeiter und Wissen aufbauen können.

trend: Sollten Europa oder die USA mehr in Afrika und seinen Technologie-Sektor investieren, auch in Hinblick auf das Migrationsproblem, um den Menschen vor Ort eine Perspektive zu geben?
Begho: Ja und nein. Ja, weil wir eine Menge Investment brauchen - nicht nur Geld, sondern auch Skills – also Wissens-Transfer. Auf der anderen Seite gibt es auch das Problem des Besitzes. Man darf den Kontinent nicht kaufen, sondern sollte in dessen die Zukunft investieren. Es muss eine Balance geben. Man könnte zum Beispiel festlegen, dass es OK ist, Direktinvestitionen aus dem Ausland anzunehmen, aber man sollte unsere Unternehmen nicht aus Afrika abziehen können. Ein Chinese kann in ein US-Unternehmen investieren. Aber man kann ein US-Unternehmen nicht nach China übersiedeln oder auch nicht einfach so die Mehrheit daran übernehmen. Solche Bestimmungen müssen von der Politik, in Afrika kommen. Wir brauchen die richtigen Gesetze, die richtigen rechtlichen Rahmenbedingungen.

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