5G-Start in Österreich: Snakker du Dansk?

Lasershow zum Start des A1-5G-Netzwerks

Der Start ins 5G-Zeitalter als öffentliches Spektakel: Die Lasershow von A1 Telekom Austria in Kitzbühel.

Österreichs Mobilfunkanbieter feiern in diesen Wochen mehr oder weniger lautstark den Start ihrer 5G-Netze und den Beginn einer neuen Ära. Ein Lokalaugenschein in Dänemark zeigt: Viel von dem, was in Österreich mit 5G versprochen wird, wäre schon mit bekannten Technologien möglich gewesen.

Das 80. Hahnenkamm-Rennwochenende Ende Jänner in Kitzbühel hatte es in sich. Aus sportlicher Sicht brachten die Speed-Kings Matthias Mayer und Vincent Kriechmayr sowie Stangen-Spezialist Marco Schwarz Österreich mit Podiumsplätzen an allen drei Renntagen zum Jubeln. Abseits davon boten das Rennen und die Kitzbüheler Berg-Idylle der Wirtschafts-, Politik- und Society-Prominenz einen perfekten Rahmen für Geschäfte und Gespräche. Und um sich vor den allgegenwärtigen Kameras in Szene zu setzen.

Äußerst gekonnt genutzt hat den prestigeträchtigen Rahmen der Telekom-Anbieter A1. Unmittelbar nach der Siegerehrung des Abfahrtsklassikers – der Jubel um Sieger Matthias Mayer und den Zweitplatzierten Vincent Kriechmayr war kaum verstummt – ging eine spektakuläre Lasershow am Zielhang der Streif los, die den Startschuss in das 5G-Zeitalter bei A1 markierte. „Was für ein Speed-Tag für Österreich. Zuerst gewinnt Matthias Mayer mit einer unglaublichen Fahrt die Abfahrt in Kitzbühel und dann haben Marcus Grausam und ich die Freude, das 5Giganetz von A1 einzuschalten“, postete A1 CEO Thomas Arnoldner auf seinem LinkedIn-Account (siehe unten).

LinkedIn-Posting von A1 Telekom Austria CEO Thomas Arnoldner (oben) und Arnoldner (li) und Marcus Grausam beim Launch des A1-5G-Netzes in Kitzbühel am 25. Jänner 2020.

LinkedIn-Posting von A1 Telekom Austria CEO Thomas Arnoldner (oben) und Arnoldner (li) und Marcus Grausam beim Launch des A1-5G-Netzes in Kitzbühel am 25. Jänner 2020.

Bundeskanzler Sebastian Kurz und die Ministerinnen Elisabeth Köstinger und Margarete Schramböck hatten bereits wenige Tage zuvor bei einer gemeinsam mit A1-Chef Arnoldner im Bundeskanzleramt abgehaltenen Pressekonferenz den Start des 5G-Netzes von A1 als großen Tag für Österreich erklärt. Als Chance, Österreich als Vorreiter der Digitalisierung zu positionieren, den Wirtschaftsstandort zu stärken und den Digital Gap zwischen den Städten und dem Land zu schließen.

Die zwei weiteren Handynetzbetreiber, Magenta und Drei, waren in der Folge nicht müde, auf ihre eigenen 5G-Aktivitäten hinzuweisen. Im Juni 2019 war Drei in der Linzer Innenstadt on air gegangen und hatte das Netz bis Ende 2019 auf Pörtschach, Wörgl, Leoben sowie Teile von Graz und Wien ausgebaut. Magenta konterte damit, in 31 Gemeinden und in sieben Wiener Bezirken eine 5G-Versorgung anzubieten und für zwei im Rahmen der 5G Vienna Use Case Challenge ausgezeichnete Projekte die Infrastruktur bereitzustellen.

5G - eine Lösung für alles

Dass 5G die Mobilfunktechnologie der Zukunft ist, daran besteht kein Zweifel. Der neue Mobilfunkstandard wird mit seinen Übertragungsraten, seinen kurzen Latenzzeiten und mit seiner hohen Verfügbarkeit gemeinsam mit einem dahinterliegenden Glasfaser-Netz künftig der Eckpfeiler der Kommunikation sein – sowohl unter Menschen als auch zwischen Menschen und Maschinen sowie für das Internet der Dinge (IoT), dem Datenaustausch zwischen Maschinen und Maschinen.

Auf die Innovationen, die dadurch entstehen, darf man gespannt sein. Wie beim Start jeder neuen Mobilfunk-Generation sind die nicht absehbar. Selbst anerkannte Zukunftsforscher haben sich mit ihren diesbezüglichen Prognosen in der Vergangenheit stets die Finger verbrannt, heute selbstverständliche Lösungen nicht erahnt und dagegen anderen, teilweise längst wieder überholten Technologien eine große Zukunft eingeräumt.

Beispiele dafür gibt es en masse. So hatte etwa zum Start der letzten Mobilfunkgenerationen, 3G (2002) und 4G (2009) niemand den gigantischen Aufstieg von Social Media Plattformen wie Facebook oder Instagram, von Messaging-Diensten wie WhatsApp oder von Video-Streaming-Plattformen wie Netflix erahnt. Ebenso wenig wie die heute international umtriebige Start-up-Szene, die mit neuen, technologiebasierenden Entwicklungen die etablierte Wirtschaft und Industrie laufend herausfordert und oft über Jahrzehnte funktionierende Geschäftsmodelle von Unternehmen und ganzen Branchen handstreichartig neu definiert.

It's not the technology, stupid

Ein Blick über die Grenzen, nach Dänemark, gibt eine Ahnung davon, was auf uns zukommen wird. Der dortige Incumbent, die Tele Danmark Communications (TDC), hinkt mit dem Roll-Out des 5G-Netzes den Österreichern zwar hinterher, hat aber schon mit Hilfe der 4G-Technologie Lösungen realisiert, die in Österreich bis heute nicht existieren. Beispiele, die zeigen, dass eine Technologie zwar Möglichkeiten eröffnet, aber auch der Wille, der Mut und der Erfindergeist vorhanden sein müssen, um diese Möglichkeiten auszureizen.

Der Österreicher Alexander Jenbar, der zuletzt neun Jahre lang bei der Telekom Austria als Director Operation und Director Network für das A1-Netz zuständig war, ist seit September als COO für das Netzwerk der TDC zuständig. „Dänemark ist in vielen Bereichen deutlich fortgeschrittener als Österreich“, sagt er und betont, dass das nicht nur am topografischen Vorteil Dänemarks liegt. Dort gibt es zwar keine Berge, die sich einer effizienten Mobilfunkversorgung in den Weg stellen, dafür gehören zu dem Land aber über 1.400 Inseln, die ebenfalls eine spezielle Herausforderung darstellen.

Alexander Jenbar, COO der dänischen TDC

Alexander Jenbar vor der TDC-Zentrale in Kopenhagen: "Digitalisierung ist nicht nur eine Frage der Technologie."

Dass das dänische 5G-Netz noch nicht gestartet ist hat außerdem laut Jenbar vor allem politische Gründe. Als Nato-Mitgliedsland habe man Entscheidungen betreffend Huawei als Netzlieferant abwarten müssen. Letztlich sind die Chinesen als Lieferant ausgeschieden. Doch für den Netzwerktechniker besteht ohnehin noch keine besondere Dringlichkeit für einen 5G-Start. „Wir haben zwar das Ziel, bis zum Ende des Jahres eine flächendeckende 5G-Versorgung aufzubauen, aber es fehlen noch die Use-Cases und die Vielfalt der Endgeräte“, sagt Jenbar.

In der Zwischenzeit wird die Zeit genutzt, um das Rückgrat der Mobilfunktechnologie zu erneuern: In Dänemark wurde bereits zur Jahrtausendwende massiv in die Errichtung eines Glasfasernetzwerks investiert. Im laufenden Jahr werden über 2.500 Kilometer davon wieder ausgegraben und neu verlegt. „Das ist alle 20 bis 30 Jahre nötig“, erklärt Jenbar, „in Österreich will man sich mit 5G den Glasfaserausbau ersparen, aber das wird nicht möglich sein.“

Digital Denmark

Die bereits geleisteten Investitionen in das Glasfaser- und Mobilfunknetz haben die Digitalisierung in dem Land weit vorangebracht. 90 Prozent der dänischen Haushalte und Unternehmen haben bereits Zugang zu einem Breitband-Internet mit Übertragungsraten von mindestens 100 Mbit/s im Download und 30 Mbit/s im Upload und auch in ländlichen Gebieten liegt die Mobilfunk-Abdeckung fast bei 100 Prozent. Und die Politik hat in Dänemark den Willen gezeigt, die dadurch entstandenen Möglichkeiten zu nutzen und voranzutreiben.

Zur öffentlichen Information und für die Kommunikation zwischen den Bürgern und den Behörden wurde borger.dk eingerichtet, eine zentrale Plattform, die es den Dänen schon seit 2007 ermöglicht, alle Behördenwege online zu erledigen. Auf borger.dk stehen sämtliche dafür erforderlichen Formulare und Adressen online zur Verfügung. Der herkömmliche Postweg wird nur noch in wenigen Ausnahmefällen, etwa für ältere Personen genutzt.

Das offizielle digitale Dänemark hat aber noch etliche weitere Facetten: Steuerangelegenheiten werden über die Finanzamt-Plattform skat.dk abgewickelt. Reisepässe können im Self-Service mit Hilfe eines Passport-Scanners beantragt werden. Der erstellt Fotos, nimmt Fingerabdrücke und verarbeitet die Daten sicher auf dem elektronischen Weg.

Die Online-Plattform e-Boks und die gleichnamige Smartphone-App werden von Banken, Pensionsstellen, Versicherungen und auch von der Wirtschaft genutzt, um Verträge oder Zahlungsinformationen an die Empfänger zu schicken.

sundhet.dk - die offizielle Gesundheitsplattform wird durch apoteket.dk ergänzt. Die NemID dient als universelle ID der Dänen zur Nutzung aller offiziellen digitalen Angebote.

sundhet.dk - die offizielle Gesundheitsplattform wird durch apoteket.dk ergänzt. Die NemID dient als universelle ID der Dänen zur Nutzung aller offiziellen digitalen Angebote.

Mit sundhed.dk wurde eine zentrale Gesundheitsplattform geschaffen, die Patienten und Ärzten Zugriff auf Befunde, Untersuchungsergebnisse und vorhandene Impfungen gibt. Rezepte werden zentral und elektronisch über apoteket.dk ausgegeben und für sämtliche Dienste gibt es die Nem-ID als einheitliches Identifizierungs-Tool für alle Bürger. Ursprünglich als physische Karte ausgegeben ist die Nem-ID mittlerweile zur Smartphone-App mutiert und praktisch auf jedem dänischen Handy vorhanden.

Smartphone - Werkzeug für alle Zwecke

„Die Dänen haben eine One-Device-Mentalität entwickelt“, sagt Jenbar. Auch Kreditkarten oder Tickets für den öffentlichen Verkehr - die Rejsekort - gibt es fast nur noch in Smartphone-Apps. Allerhöchstens noch als NFC-Zutrittskarte, die mit einem Konto verbunden ist, von dem automatisch abgebucht wird. Denn selbst dem Bargeld haben die Dänen bereits zum Großteil abgeschworen. Dänemark ist am besten Weg zu einer bargeldlosen Gesellschaft, kaum jemand hat mehr Münzen oder Scheine bei sich. Dienste wie Apple Pay oder Mobile Pay haben Smartphones auch im Zahlungsverkehr fix etabliert.

rejsekort - das dänische Öffi-Ticket für Bus, Zug und U-Bahn gibt es als Smartphone-App oder als NFC-Karte.

rejsekort - das dänische Öffi-Ticket für Bus, Zug und U-Bahn gibt es als Smartphone-App oder als NFC-Karte.

Obwohl all diese Lösungen auch mit der 4G-Technologie bestens funktionieren führt für die dänische TDC dennoch kein Weg an 5G vorbei. „Der Internet-Traffic steigt jährlich um 40 Prozent und die neuen Technologien entwickeln sich ständig weiter“, sagt Jenbar, „angesichts der rasanten Entwicklung im Datenverkehr sehen wir keine Alternative zu 5G. Die aktuellen Technologien würden da bald nicht mehr ausreichen.“

Für die breite Bevölkerung sieht der Telekommunikations-Spezialist 5G dennoch erst im Jahr 2023 als nützliche Technologie – ein Zeitpunkt, zu dem dann auch darauf basierende Anwendungen und eine entsprechende Palette von Endgeräten am Markt sein sollten. „Am Anfang wird 5G aber hauptsächlich für die Wirtschaft und die Industrie nützlich sein“, sagt er. Den konkretesten Nutzen sieht er derzeit bei der IoT-Kommunikation in Fabriken oder beim Datenaustausch in geschlossenen Gebäudekomplexen wie Flughäfen oder Krankenhäusern, für den auch das Network-Slicing des Mobilfunkstandards relevant ist: Mit 5G ist es möglich, etwa einem Flughafen-Areal lokal einen dezidierten, geschützten Frequenzbereich zuzuweisen, in dem dann die interne Kommunikation und der Datenaustausch sicher und von der Umgebung abgeschottet ablaufen können.

Außerdem betont Jenbar: „5G wird weltweit überall ausgerollt und es ist derzeit keine alternative Technologie in Sicht. Den Weg nicht zu gehen würde bedeuten, dass wir den technologischen Anschluss verlieren.“

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