Brechen Robo-Autos den Herstellern das Genick?

Brechen Robo-Autos den Herstellern das Genick?

Ubers Flotte aus selbstfahrenden Autos in Pittsburgh, Pennsylvania (USA): Willkommen in der Roboter-Zukunft.

Ein Auto muss man nicht mehr kaufen, sondern nur mieten. Gefahren wird es nicht von einem Menschen, sondern von einer Software. Was wie Utopie klingt, ist heute schon Wirklichkeit und stellt die Autohersteller vor scheinbar unlösbare Aufgaben: Sie müssen in neue Technologien investieren, während alte Erlösmodelle zerbrechen. Dafür sind sie auf die Hilfe von Start-ups angewiesen - ein Zug, auf den auch Österreichs Jungunternehmer aufspringen wollen.

In den kommenden Tagen werden auf dem Pariser Autosalon, der wichtigsten Automesse Europas, namhafte Hersteller ihre neuesten Modelle präsentieren und über die Trends der Zukunft sprechen – im Vordergrund steht dabei ein ganz bestimmtes Thema: Connected Cars, also mit dem Internet verbundene Autos, die dem Fahrer das Leben leichter machen und in manchen Fällen sogar selber fahren. Kaum ein Tag vergeht, an dem in diesem Bereich keine neue Innovation präsentiert wird, um die Gunst der Kunden ist ein beinhartes Rennen entbrannt zwischen etablierten Herstellern wie Daimler und BMW, Newcomern wie dem Elektroauto-Hersteller Tesla und Dienstleistungsunternehmen wie dem Fahrer-Vermittlungsdienst Uber.

Um sich gegen die Konkurrenz zu wappnen, haben die großen Hersteller ihre Entwicklungsbudgets um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr aufgestockt und inhaltlich neu ausgerichtet – trotzdem werden sie in punkto Innovation laut der „Connected C@r 2016“-Studie von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, von Newcomern wie Tesla überholt.

Denn das heutige Geschäftsmodell der Branche basiert auf komplexer Preisgestaltung, geringen Innovationsfrequenzen und dem einmaligen Produktverkauf. In der neuen Welt braucht es einfache Lösungen, die den Kunden auch nach dem Autokauf über digitale Dienste weiterhin begeistern. Große Teile der Wertschöpfung verlagern sich auf Mobilitätsdienstleister, neue Technologieanbieter und Zulieferer. Oder, anders gesagt: Vernetzte Dienste ersetzen Umsätze aus älteren Funktionalitäten, für die der Kunde nicht mehr bezahlen möchte. Der Anteil der Autohersteller am Gewinn der gesamten Mobilitätsbranche wird laut Studie bis 2030 von 70 Prozent (2015) auf nur noch 50 Prozent fallen – die Zukunft, so scheint es, gehört den anderen.

Roboter-Taxis fahren durch die USA

Dass diese besagte Zukunft immer näher rückt, können die Einwohner der US-Städte Pittsburgh und San Francisco bereits beobachten: Uber, die Nemesis aller Taxifahrer, testet in diesen Städten einen Service mit selbstfahrenden Autos. Bestellt ein Kunde ein Uber und ist gerade kein menschlicher Fahrer verfügbar, so kommt stattdessen ein Roboter-Taxi. Durch solche autonom fahrenden Autos wird Mobilität verfügbarer, flexibler und günstiger, sagt Michael Wagner, zuständiger Partner für Mobilität bei Strategy&: Für die Branche entsteht dadurch jedoch ein Preisdruck, zudem müssen die Hersteller steigende Entwicklungs- und Produktionskosten für die hochtechnisierten Autos der Zukunft schultern, insbesondere für die Themen Vernetzung, Automatisierung, Elektrifizierung und Mobilität. Laut Wagner führt das zu strukturellen Veränderungen und Investitionsbedarf.

Bis 2022 sind autonome Autos allgegenwärtig

Bis 2022 werden die vernetzten Fahrzeuge den Markt laut Studie weitgehend durchdrungen haben. Den größten Anteil am Umsatz wird mit einem Volumen von 52,3 Milliarden Euro (37 Prozent) auch 2022 noch der Bereich der Sicherheitsanwendungen stellen (2017: 15,8 Milliarden Euro, 33 Prozent). Das Umsatzpotenzial des autonomen Fahrens steigt von 27 Prozent und einem Volumen von 12,8 Milliarden Euro 2017 bis 2022 auf 35 Prozent (49,3 Milliarden Euro) an. Das Marktvolumen im Bereich der Connected Services wie Entertainment oder Integration mit anderen vernetzten Endgeräten steigt von 18,6 Milliarden Euro 2017 auf 38,4 Milliarden Euro 2022, verliert aber anteilig an Bedeutung (39 Prozent 2017 vs. 27 Prozent 2022). 40 Prozent des Marktvolumens werden in der Basisausstattung der Neuwägen verbaut sein, der größte Teil wird auch 2022 noch als kostspielige und margenstarke Zusatzausstattung verkauft werden.

Klar ist auch, dass seitens der Endkunden Interesse besteht: Im Haupt-Wachstumsmarkt China würden 85 Prozent der Kunden ein Fahrzeug mit besserer vernetzter Technik sogar bei 10 Prozent höherem Anschaffungspreis bevorzugen. Zudem sind die Kunden dazu bereit, zum Zeitpunkt des Autokaufs 10 bis 15 Prozent des Listenpreises in digitale Services zu investieren.

Vom Hersteller zum Dienstleister

Der Markt wächst also, wandelt sich aber zugleich – und zwar in eine Richtung, mit der die etablierten Hersteller vergleichsweise wenig Erfahrung haben. Der Wechsel vom Produkt- zum Dienstleistungsgeschäft stellt sie unter Druck, ihre Strukturen umzustellen und neue Schwerpunkte zu definieren. Nicht verwunderlich ist es daher, dass die Konzerne teils neunstellige Beträge in Start-ups investieren, um sich deren Know-How anzueignen. Auch mit Blick auf andere Branchen haben viele Hersteller bemerkt: Eine Neuausrichtung aus dem Status-quo heraus ist für viele Riesen nur schwer zu stemmen, ein frischer Wind könnte also die Erlösung bringen.

Das hat auch die österreichische Start-up-Szene erkannt: Am kommenden Montag, den 3. Oktober, wird sich die auf mobile Technologielösungen fokussierte Eventreihe „Mobile Monday“ dem Thema „Connected Car“ widmen. Umfangreiche Daten – unter anderem auch Nutzerprofile der Kunden – sind ein essentieller Punkt, dem sich die Diskutanten auf der Veranstaltung widmen werden. Hier sehen auch die Experten von Strategy& einen wichtigen Schwerpunkt: Durch die exakten Daten über das Nutzerverhalten wird es möglich sein, maßgeschneiderte Lösungen zu schaffen, heißt es dort. „Neue Marktteilnehmer und Start-ups sichern sich bereits heute Marktanteile, weil sie die Daten strukturierter nutzen und vor allem auch das Potenzial des ständigen Kontakts zum Kunden erkannt haben“, zieht Wagner den Vergleich zwischen den Newcomern und den Autokonzernen: „Autohersteller müssen deswegen dringend darüber nachdenken, ob sie mit eigenen Lösungen konkurrenzfähig sein werden, oder auf plattformbasierte Lösungen mit Drittanbietern setzen.“

Parallel zum Engagement der heimischen Start-ups setzt auch Österreichs Politik auf die mobile Zukunft: Das Verkehrsministerium will das Thema mit dem „Aktionsplan Automatisiertes Fahren“ vorantreiben, unter anderem mit einem 20 Millionen Euro schweren Förderpaket.

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