Selbstfahrende Autos: Die Zukunft hat begonnen

Selbstfahrende Autos: Die Zukunft hat begonnen

Im Silicon Valley fahren bereits über 1.000 autonome Autos. In Phoenix, Arizona wurde ein Fahrdienst mit autonomen Autos gestartet und Carsharing-Anbieter wie Car2Go sehen Flotten autonomer Fahrzeuge als zentrale Elemente der städtischen Mobilität der Zukunft.

Wie gut ist der Mensch? Am Steuer eines Fahrzeuges nicht allzu gut, wenn man die offiziellen Unfallstatistiken betrachtet. Täglich sterben weltweit 3.500 Menschen durch Verkehrsunfälle, davon 500 Kinder. Bei unter den 15- bis 29-Jährigen sind Straßenverkehrsunfälle sogar Todesursache Nummer eins.

Auf den Straßen Österreichs ist es nicht minder gefährlich. So war im Vorjahr Unachtsamkeit und Ablenkung in Österreich die häufigste Unfallursache“, so Oliver Schmerold, Direktor des Automobilclubs ÖAMTC. 101 Unfälle endeten dadurch tötlich. Bei 2.361 Alkoholunfällen verunglückten im Vorjahr über 3.000 Menschen, fast genauso viele wurden verletzt, 22 getötet. Und rund ein Drittel aller 2016 im Auto getöteten Insassen hatten keinen Sicherheitsgurt angelegt.

Auch wenn es Automobilisten nicht gerne lesen: Selbstfahrenden oder autonomen Autos wird eine weit geringere Fehler- und damit auch Unfallquote zugeschrieben als den von Menschen gelenkten.

Natürlich lassen sich Unfälle auch bei autonomen Autos nicht ausschließen. Sensoren können ausfallen oder so wie auch Menschen Gefahrensituationen zu spät erkennen - das Auto sich zum Beispiel mit einer zu hohen Geschwindigkeit bewegen, um vor einem plötzlich auftretenden Hindernis noch anhalten oder dem Hindernis ausweichen zu können. Im Normalfall reagieren Sensoren jedoch wesentlich zuverlässiger, schneller und präziser als es Menschen möglich ist. Die zahlreichen, in modernen Autos oft schon serienmäßig integrierten Fahrassistenzsysteme belegen, dass die Sensoren einen großen Beitrag zur Steigerung der Sicherheit im Straßenverkehr leisten.

Guten Tag, Zukunft!

Mit Sensoren, Kameras und entsprechenden Computern ausgestattete Auto, die völlig ohne Fahrer unterwegs waren, gab es bislang nur in Tests, die jeweils einzeln genehmigt werden mussten. Das weltweite Zentrum des autonomen Fahrens ist das Silicon Valley in Kalifornien, wo mittlerweile rund 1.000 Autos selbstständig fahren.

Nun klopft jedoch die Zukunft noch lauter an die Tür: Waymo, ein zum Google-Konzern gehörendes Unternehmen, hat in Phoenix, Arizona, einen Fahrdienst mit 100 vollständig autonom fahrenden Autos gestartet. In der Pilotphase wird damit ein eingeschränkter Personenkreis chauffiert, Waymo-Chef John Krafcik will jedoch bald auf 600 Autos aufstocken und das Angebot für alle Bewohner der Stadt verfügbar machen.

Waymo, which started as the Google self-driving car project in 2009, is ready for the next phase.

Flotten autonomer Fahrzeuge, die als öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung stehen - darüber denken auch Fahrdienstvermittler wie Uber und Carsharing-Anbieter wie Car2Go nach. Selbstfahrende, voll elektrisch angetriebene Autos sollen den innerstädtischen Individualverkehr sauberer, kostengünstiger und sicherer machen und obendrein auch die Straßen von den zigtausend zumeist nur geparkten Autos befreien: Privatfahrzeuge sind im Durchschnitt mehr als 23 Stunden am Tag ungenutzt, Carsharing-Fahrzeuge im free-floating-System kommen bereits auf eine fünf- bis sechsmal höhere Auslastung. Autonome Carsharing-Fahrzeuge könnten sogar nahezu rund um die Uhr im Einsatz sein.

Der Weg zum selbstfahrenden Auto

Von einem Auto mit Fahrerassistenz hin zu einem komplett autonom fahrenden Auto ist es noch ein weiter Weg. Der internationale Automobil-Ingenieursverband SAE unterscheidet sechs Automationsstufen.

  • Level 0; Keine Automation: Das klassische Fahren. Der Fahrer führt alle Aktivitäten selbst aus.
  • Level 1; Fahrerassistenz: Der Fahrer erhält Unterstützung durch Spurhalte- oder Geschwindigkeitsassistenten, hat aber die völlige Kontrolle über das Auto.
  • Level 2; Teilautomation: Das Auto kann unter bestimmten Bedingungen auch die Lenkung übernehmen (Hands-off-Modus), der Fahrer ist aber immer noch voll für das Steuern verantwortlich.
  • Level 3; Bedingte Automation: Das Auto lenkt und beobachtet die Straße selbst, der Fahrer wird in bestimmten Situationen benötigt, um die Kontrolle zu übernehmen (Eyes-off-Modus)
  • Level 4; Hohe Automation: Das Auto übernimmt das Fahren weitgehend selbst, auch wenn der Fahrer trotz eines Aufrufs des Systems nicht reagiert (Mind-off-Modus)
  • Level 5; Vollständige Automation: Es gibt keinen Fahrer mehr, das Fahrzeug steuert ganz ohne menschliches Zutun.

Fünf Punkte sind aus der Sicht des Carsharing-Anbieters Car2Go entscheidend, um mit einer Flotte autonomer Fahrzeuge als Unternehmen Erfolg haben zu können.

  1. Flottenmanagement: Wer autonome Flotten steuern will, muss nicht nur die Software – also Big Data, Algorithmen und Apps – meistern, sondern auch die Hardware, also die Autos. Wissen und Erfahrung sind nötig, um Tausende von Autos erfolgreich in Betrieb zu haben und zu halten,denn ein Ausfall größerer Fahrzeugzahlen wäre ein starker Einschnitt. Autos, die ständig in Betrieb sind, benötigen regelmäßige Wartung, Reparaturen, neue Reifen, Ölwechsel und vieles mehr
  2. Nachfrage-Vorhersage: Demand Prediction ist ein weiterer Schlüssel zum Erfolg. In einem umkämpften Mobilitäts-Markt werden Kunden den Anbieter wählen, der in der kürzesten Zeit am zuverlässigsten und zu einem guten Preis den besten Service bietet. Für die Anbieter bedeutet das: Bestenfalls ist das Auto schon auf dem Weg zum Kunden, bevor dieser überhaupt ein Auto bestellt - etwa dass Autos am Ende einer Veranstaltung automatisch zum jeweiligen Ort disponiert werden.
  3. Intelligentes Flottenmanagement: Sobald bekannt ist, wo ein Kunde ein Auto benötigen wird, muss entschieden werden, welches Auto sich am sinnvollsten auf den Weg zum Kunden macht und welche Route es nimmt. Dafür ist eine automatisierte, zentrale Steuerung der gesamten Flotte notwendig.
  4. Intelligentes Laden: Entscheidend für den Erfolg einer elektrischen Fahrzeugflotte ist ein intelligentes, automatisches Lademanagement. Ladeszenarien lassen sich in komplexen Simulationen vorhersagen. Sie werden unter anderem von der Nachfrage, dem Fahrverhalten und der Anzahl der Fahrzeuge beeinflusst. Autonom fahrende Autos müssen auch Ladestationen autonom anfahren und dort ohne menschliches Zutun andocken können, in etwa so wie das Rasenmäher-Roboter tun.
  5. Das Kundenerlebnis: Dazu gehören neben der schnellen und garantierten Verfügbarkeit auch Punkte wie Zuverlässigkeit, Sauberkeit und Sicherheit. Durchgeführte Anwendungsstudien zeigen auch, dass sich die Nutzer einen fließenden Übergang der Bedienelemente im Fahrzeug wünschen. Konkret sollte die Möglichkeit bestehen, neben vorhandenen Bedienelementen im Fahrzeug auch das eigene Smartphone weiter zu nutzen, mit dem die Buchung des Autos erfolgt ist.

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis der Mensch beim Autofahren das Steuer tatsächlich ganz aus der Hand gibt. In manchen Punkten sind die aktuell vorliegenden Konzepte noch nicht ganz ausgereift, die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden und Autohersteller müssen ebenfalls noch liefern.

Der Österreicher Mario Herger, CEO von Enterprise Garage Consultancy, der seit 2001 im Silicon Valley lebt, ist sich jedenfalls sicher, dass kein Weg am autonomen Fahren vorbei führt. In seinem neu erschienenen Buch "Der letzte Führerscheinneuling ist bereits geboren" beschreibt er die Transformation, in der sich die Automobilindustrie aktuell befindet. Wie Technologie-Konzerne wie Google, Tesla, Apple, Uber & Co die Entwicklungen vorantreiben und somit Vorreiter der zweiten Automobilrevolution sind. "Meine drei Söhne werden nicht mehr selbst ans Steuer müssen. Sie werden gefahren werden, und das elektrisch, und vielleicht werden sie sogar kein eigenes Auto mehr besitzen", schreibt er.

Für die Automobilindustrie sei es Zeit aufzuwachen, den Wandel ernst zu nehmen, um auch in Zukunft unter den Global Playern mitmischen zu können. Auch im Sinne der hunderttausenden Arbeitsplätze, die europaweit daran hängen. Herger: "Es kann mir nicht egal sein, wenn gerade die Automobilindustrie den Bach runtergeht. Sie ist einfach zu wichtig für unsere Länder."


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