"Das größere Problem wird nicht der Diesel, sondern der Benziner sein"

"Das größere Problem wird nicht der Diesel, sondern der Benziner sein"

Herr Kálmán Tekse, Geschäftsführer von Arval Österreich, registiert ein Comeback des Dieselsantriebs.

trend.at sprach mit Kálmán Tekse, Chef des Fuhrparkspezialisten Arval, über Eigenheiten des österreichischen Marktes, über Tracking-Apps, wann E-Autos für Unternehmen mehr als nur ein Feigenblatt sein werden, welches neue Service es für KMUs gibt, über das Comeback des Diesels und über die ausgedünnte Modellpalette der Autohersteller nach der WLTP-Umstellung.

trend: Herr Kálmán Tekse, Sie sind seit Herbst letzten Jahres Geschäftsführer von Arval Österreich und waren davor acht Jahre Chef des Fuhrparkunternehmen in Ungarn. Wie unterscheiden sich die beiden Flottenmärkte?
Kálmán Tekse: In Österreich werden 96 Prozent der Firmen-Fuhrparks mit Dieselmodellen bestückt. Ein so hoher Anteil, wie sonst in keinem anderen Land. Aber das ist verständlich. Jeder Unternehmer, der keinen Dieselantrieb wählt, ist gegenüber Benzinern steuerlich benachteiligt. In Ungarn liegt der Anteil bei rund 80 Prozent. Ungewöhnlich in Österreich ist auch die starke Dominanz der deutschen Hersteller. 80 Prozent der Flotten sind mit Autos deutscher Hersteller bestückt. Japanische und koreanische Hersteller, die auch eine hohe Qualität bieten, aber günstiger sind und Garantien zwischen fünf und sieben Jahren geben, spielen erstaunlicherweise eine vergleichsweise geringe Rolle.

trend: Welche Autohersteller dominieren in Osteuropa?
Tekse: In Polen ist Toyota überproportional stark bei Flotten, in Ungarn Kia und in Tschechien führt spielt Hyundai eine große Rolle.

trend: Welches Modell ist in Österreich bei Firmen besonders beliebt?
Tekse: Die österreichischen Firmen lieben den VW Passat. Von unseren 6.000 Leasing-Fahrzeugen sind rund 500 VW Passat. In Osteuropa rangiert dieser auf den hinteren Rängen. Aber jedes Land hat natürlich seine Eigenheiten.

trend: Welche Eigenheiten haben Sie am österreichischen Markt noch entdeckt?
Tekse: Hier hat man kaum Interesse an Telemetrie. Die dafür entwickelten Anwendungen dokumentieren Fahrzeugdaten wie Verbrauch, zurückgelegte Strecken privat und beruflich, oder beispielsweise das Fahrverhalten. Service-Apps bieten zusätzlich Infos über Anlaufstellen für Leasingautos, Dokumentation von Werkstättenbesuchen und Schäden oder die Möglichkeit zum Handyparken. Solche Features vereinfachen das Service für Firmenkunden, wie die Abrechnung und die Wartung, ungemein. Aber diese Service-Apps ist bei österreichischen Kunden nicht weit verbreitet. In unseren anderen Ländern ist das im Fuhrparkmanagement längst Standard. Hier findet man immer eine Entschuldigung, es nicht zu machen.


Auswertungen verbessern das Service und die Sicherheit und dienen nicht der Überwachung

trend: Die meisten lehnen solche Anwendungen ab, weil damit die gefahrenen Strecken und auf Wunsch auch das Fahrverhalten getrackt wird.
Tekse: Aber das ist das falsche Argument. Solche Auswertungen verbessern das Service und die Sicherheit, und dienen nicht der Überwachung. Außerdem haben Nutzer von Dienstwagen bei Telematik-Lösungen immer die Möglichkeit in einen Privat-Modus zu wechseln und den Detailgrad der Informationen an das Unternehmen zu limitieren. Wenn Firmen solche Apps wie wir sie entwickelt haben, aber erst einmal probiert haben, wollen sie nicht mehr ohne dieses sein. Wenn Private solche Daten ihrer Autoversicherung zur Verfügung stellen würden und so beispielsweise bei guter Fahrweise nur die halbe Prämie zahlen müssten, würde sich der eine oder andere ein solches Angebot auch überlegen.


Wir erstellen individuelle Mobilitätspakete für jeden Mitarbeiter

trend: Was halten Sie im Fuhrparkmanagement für den größten Zukunftstrend?
Tekse: Die Möglichkeit eines sogenannten Mobility Budgets. Wir stellen dabei auf Wunsch Firmen nicht nur unser Full-Leasing-Service zur Verfügung, sondern erstellen auf die Mitarbeiter abgestimmt, ein individuelles Mobilitätspaket. Jeder Mitarbeiter erhält beispielsweise ein Budget im Wert von 200 Euro im Monat, die er für den passenden Mobilitätsmix ausgegeben kann. Das können zum Beispiel Gutscheine für Taxifahrten, die Nutzung eines Mietautos, um am Wochenende Ausflüge machen zu können, Carsharing-Möglichkeiten oder Tickets für öffentliche Verkehrsmittel sein. Das ist die Zukunft. Das Managen des Fuhrparks alleine als Stand-online-Produkt reicht nicht mehr. In Holland laufen dazu bereits erste Tests.


Ab 2021 werden Elektroautos mehr als ein Feigenblatt für Unternehmen sein

trend: Welchen Platz räumen Sie Elektroautos im Fuhrparkmanagement in ein paar Jahren ein?
Tekse: Noch setzen die meisten Firmen Elektroautos mehr als Marketing-Instrument ein. Aber ab 2021 wird es mehr als ein Feigenblatt für die Unternehmen werden. Dann wird die Auswahl an Modellen drei bis vier Mal so hoch sein wie heute. Die Modelle werden im Schnitt eine Reichweite von 400 bis 500 Kilometer erreichen und damit wesentlich alltagstauglicher sein als heute.


Elektroautos können wesentlich länger gefahren werden

trend: Worin sehen Sie den Vorteil von Elektroautos ab diesem Zeitpunkt für Fuhrparkkunden?
Tekse: Elektroautos müssen kaum gewartet werden und können auch wesentlich länger gefahren werden als solche mit Verbrennungsmotoren. Wenn die Batterie getauscht werden kann, steigt die Lebensdauer der Modelle noch einmal. Der einzige Schwachpunkt ist schließlich die Batterie. Gerade für Mitarbeiter, die nur kurze Strecken zurücklegen, ist dieses Fortbewegungsmittel ideal. Am Gebrauchtwagenmarkt sind Elektroautos schon jetzt gefragt. Das spricht für die gute Akzeptanz von Elektroautos.

trend: Wo sehen Sie in Österreich als Fuhrparkmanager Wachstumspotential? Was sind die Herausforderungen?
Tekse: Wir finanzieren mehr Fahrzeuge für Klein- und Mittelbetriebe als früher und sehen auch da eine große Wachstumschance. Allerdings erwarten sich kleine Unternehmen hier dasselbe umfangreiche Service wie große Unternehmen, etwa regelmäßige Meetings mit uns und detaillierte Reportings. Wir versuchen deshalb den kleineren Unternehmen entgegen zu kommen und arbeiten an automatisieren vereinfachten Reporting-Standards. Wir können nun erstmals KMUs auch einen Carconfigurator anbieten. Der war bisher nur Großkunden zugänglich. So können auch kleinere Unternehmen für unser Full-Service-Leasing aus vielen Modellen und Marken wählen. Diese können sich mit dieser Anwendung nur individuell mit der Modellauswahl spielen, sondern auch wie viele und welche Extras sie für das Budget, das ihnen zur Verfügung steht, wählen. Gleichzeitig können unsere Kunden dadurch sicherstellen, dass die so zusammengestellten Modelle den Firmenvorgaben entsprechen.

trend: Arval bietet seinen Firmenkunden an, deren Mitarbeitern privates Leasing durch sie als Flottenmanager an, wodurch diese – aufgrund ihres günstigeren Einkaufspreises – im Schnitt günstiger als sonst ein Auto privat leasen können. Wie kommt das an?
Tekse: Es ist zwar ein gutes Produkt, aber die Nachfrage ist minimal. Der Grund dafür ist, dass sich Privatkunden der tatsächlichen Kosten eines Fahrzeugs nicht bewusst sind. Die wenigsten Autobesitzer berechnen Kosten wie den jährlichen Wertverlust, Reifen, Wartung, Mitgliedsbeitrag von Autofahrerclubs, Versicherung und verkennen dadurch das Einsparungspotenzial, das sich durch Full-Service Leasing bietet. Solange sich an all dem nichts ändert, wird dieses Angebot ein Ladenhüter bleiben.

trend: Zur Dieselproblematik. Ist der Dieselantrieb nun bald tot oder schon wieder salonfähig?
Tekse: Der Diesel feiert ein Comeback. Der Absatz hat sich nicht nur stabilisiert, er wächst. Das schlechte Gefühl einen Diesel zu fahren, ist wieder verflogen. Das größere Problem wird in Zukunft auch ein anderer Antrieb sein: Nämlich der Benziner. Durch die immer weiter sinkenden C02-Vorgaben des Staates, was die Höhe der Besteuerung von Firmenautos betrifft, kommen fast keine Benzinmodelle mehr in Frage. Bei keinem anderen Antrieb ist der C02-Ausstoß so hoch. Vielmehr werden neben Dieselmodellen auch mehr Dieselmodelle mit Hybridantrieb auf den Markt kommen.


Die Umstellung auf WLTP war ein Desaster

trend: Wie haben Sie als Fuhrparkmanager die Umstellung des Genehmigungsverfahrens für den C02-Ausstoß von NEFZ auf WLTP erlebt? Wie stark war und ist die Modellvielfalt seither eingeschränkt?
Tekse: Die Umstellung auf WLTP war ein Desaster. Es sind zeitweise sehr wenige Modelle zur Auswahl gestanden, weil viele Hersteller ihre Modelle nicht wie vorgeschrieben rechtzeitig den Zulassungsverfahren für die neuen, realitätsnäheren Abgastests unterzogen haben. Doch das größere Problem kommt auf die Fuhrparks noch zu. Die neuen Abgastests haben im Schnitt einen um 20 Prozent höheren Co2-Ausstoß ergeben. Bei einem aktuellen Sachbezugsgrenzwert von 121 g C02 pro100 Kilometer kommen schon heuer kaum noch Modelle in Frage. 2020 sollen nur noch Modelle unter 118 Gramm C02-Ausstoß steuerbegünstigt sein. Für Firmen eine fast unlösbare Situation.


Modellpalette der Hersteller ist seit um die Hälfte gesunken

trend: Welche konkreten Auswirkungen hat WLTP schon heute auf die Auswahl von Modellen?
Tekse: Ein Beispiel ist der VW Passat. Bis zur Umstellung stand eine Vielzahl an Motorvarianten zur Auswahl. Bei vielen dieser Modellvarianten dauerte es Monate bis zur Freigabe, einige Seither sind sieben davon sind einige in der Versenkung verschwunden. Für viele Modelle, die weniger nachgefragt sind und deren C02-Ausstoß ohnehin zu hoch ist, lohnt sich die aufwendige Neuzertifizierung nicht. Andere Modellvarianten wurden zwar nicht eingemottet, sind aber wegen der Verzögerung beim Zulassungsverfahren immer noch nicht verfügbar. Insgesamt ist die Modell- und Motorenvielfalt der Hersteller seither im Schnitt um die Hälfte gesunken. Das ist eine echte Katastrophe. So mancher Hersteller hat das Problem noch immer nicht gelöst. Das ist unglaublich.

trend: Welche Probleme sehen Sie noch bei Autoherstellern?
Tekse: Die europäischen Hersteller sind bei der Einführung von Elektroautos spät dran. BMW hat angekündigt zum größten Elektroautohersteller aufsteigen zu wollen. Aber bisher sind noch immer erst zwei Modelle am Markt. Asiatische Hersteller wie Kia haben deutlich mehr. Die großen Player haben das Thema Elektromobilität lange Zeit völlig unterschätzt. Noch immer ist kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht.

trend: Wenn die Elektroautos gefragter werden und auch länger halten, fürchten Sie nicht als Leasingunternehmen langfristig überflüssig zu werden?
Tekse: Im Gegenteil. Die technischen Entwicklungen arbeiten für uns. Die Autos werden durch die weitere technologische Aufrüstung, wie autonomes Fahren, noch deutlich teurer werden. Immer weniger Menschen werden es sich leisten können, ein Auto bar zu bezahlen. Die Branche rechnet alleine aufgrund des technologischen Fortschritts in der Autobranche und dem damit verbundenen Preisanstiegen bei Modellen mit einem Wachstum von jährlich 25 Prozent. Der Preissprung wird schon heute ersichtlich. Ein Opel Corsa mit Verbrennungsmotor kostet heute rund 14.000 Euro, für einen Corsa mit Elektroantrieb werden rund 30.000 Euro fällig.

trend: xxxxx
Tekse: xxxx

trend: xxxxx
Tekse: xxxx

Auto & Mobilität

E-Mobility: BMW legt beim Rennen um Batterien Milliarden nach

Auto & Mobilität

Elon Musk will Tesla-Fabrik in Deutschland bauen

Auto & Mobilität

Carsharing: Nur eine App für BMW, Mercedes, Mini und Smart

Auto & Mobilität

Tod im Straßenverkehr: Neue EU-Sicherheitsvorschriften für Autos