"In einem Jahr droht bei Autohändlern eine Pleitewelle"

Denzel-Vorstandschef Gregor Strassl spricht über die Auswirkungen des Shutdowns auf den Autohandelsriesen, über die fatale Lage in der sich viele Autohändler befinden, warum die Äußerung eines Ökonomen entbehrlich ist, wo Entlassungen drohen und warum die Nachfrage nach Firmenkunden entscheidend sein wird und er deshalb für einen Vorsteuerabzug für alle Firmenautos eintritt.

"In einem Jahr droht bei Autohändlern eine Pleitewelle"

Gregor Strassl, Denzel-Chef, sperrt Anfang Mai wieder 19. Standorte auf und holt an die 1.300 Mitarbeiter aus der Kurzarbeit.

trend: Wie war der Shutdown für Denzel?
Strassl: Wir haben am 13. März die Pressekonferenz im Fernsehen verfolgt, in der ein behördliches Betretungsverbot für Autohäuser ausgesprochen wurde. Noch am selben Nachmittag haben wir unsere 1.300 Mitarbeiter nach Hause geschickt, unserer 19 Standorte geschlossen und am nächsten Tag hat für alle die Kurzarbeit begonnen. Am 2. Mai sperren wir wieder auf und holen unsere Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurück.

Was hat der Shutdown in den vergangenen sieben Wochen für Ihr Unternehmen bedeutet?
Hohe Kosten. Jeden Monat fallen zehn Millionen Euro an Kosten an, sowohl für Sachwerte als auch Personal. Dem in dieser Zeit kein Umsatz gegenüber gestanden ist.

Mussten Sie einen AWS-Kredit beantragen?
Nein, unser Unternehmen steht finanziell gut da. Unser Fortbestand ist nicht einmal im Ansatz in Gefahr. Aber viele kleinere Autohändler, die meisten davon sind hierzulande KMUs, könnten in schwere ökonomische Turbulenzen geraten.

Womit haben kleinere Autohändler besonders zu kämpfen?
So manche haben noch nicht einmal die Anträge für Kurzarbeit genehmigt bekommen. Das will ich aber dezidiert nicht als Regierungskritik verstanden wissen. Ich weiß selbst, wie langwierig es sein kann, neue Maßnahmen in einem großen Verwaltungsapparat zu implementieren.

Droht der Branche eine Pleitewelle, wenn Anträge für Kurzarbeit oder aber auch für Kredite nicht rasch genug bearbeitet werden?
Für viele KMUs ist Schnelligkeit in der Abwicklung von Anträgen für Hilfszahlungen, wie auch Zuschüsse zu Kurzarbeitsgeld, extrem wichtig. Autohändler sind sehr schwach kapitalisiert. Die Bilanzen weisen eine durchschnittliche Umsatzrendite unter einem Prozent auf. Das sagt mehr als tausend Worte. Es geht auch um viele Arbeitsplätze. Österreichweit sind in der Automobilbranche 400.000 Mitarbeiter beschäftigt. Kurzfristig rechne ich, trotz hoher Liquiditätsprobleme, aber nicht mit vielen Pleiten. Eher mittelfristig, wenn sich die kurzfristigen Zahlungsschwierigkeiten in eine mittelfristige Schuldenfalle umwandeln. Derzeit wird alles gestundet, dem Lieferanten, der Hausbank, der Finanz, dem Vermieter – aber irgendwann müssen die Rechnungen beglichen werden. In neun bis 12 Monaten könnte es deshalb eng werden und zu einer Pleitewelle kommen.


Jedes Auto, das beim Händler steht und nicht verkauft werden kann, verliert jedes Monat einige Prozente an Wert

Werden die Gewinnspannen angesichts der langen Schließungen weiter sinken?
Davon ist auszugehen. Unsere Ware ist zwar nicht verderblich, wird aber täglich weniger Wert, wenn sie auf dem Hof steht. Jedes Auto, das beim Händler steht und nicht verkauft werden kann, ist gebundenes Kapital und verliert auch jedes Monat einige Prozente an Wert.

Wird es in Ihrem Unternehmen und in der Branche noch zu Kündigungen kommen?
Es österreichweit und in allen Branchen noch zu weiteren Entlassungen kommen wird.


Wir kriegen vermehrt Anfragen um Stundung der Raten

Wie steht es um die Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden, die Leasingautos gekauft haben?
Wir kriegen vermehrt Anfragen um Stundung der Raten, sowohl von Privaten als auch von Unternehmen.

Wovon hängt es ab, ob eine Pleitewelle wirklich eintritt?
Von der Nachfrage und die ist derzeit nicht einzuschätzen. Ob diese anspringt, hängt von den Kunden aber auch von den Hilfen der Regierung ab.

Viele Händler werden versuchen, die Kunden mit hohen Rabatten zu locken. Wird es bei Denzel Aktionen geben?
Jetzt ist auf jeden Fall eine günstige Zeit ein Auto zu kaufen. Bei uns wird es die selben Rabatte wie vor sieben Wochen geben. Generell dürfte der Druck auf die Preise davon abhängen, wie voll die Lager sind. Wir verfolgen immer eine strickte Lagerpolitik und sind auch deshalb in einer recht guten Position. Leasingangebote, etwa mit Null-Prozent-Zinsen, wird es beispielsweise schon geben.

Werden die Firmenkunden, aufgrund ihrer oft schwierigen ökonomischen Lage, wegbrechen?
Das ist die entscheidende Frage. Die Mehrzahl der Autos werden von Behörden und Firmen gekauft. Wenn diese Nachfrage einbricht, steht die Branche wirklich vor großen Problemen.

Wie könnte man dem Einbruch im Firmenkundengeschäft gegensteuern?
Der Vorschlag der Branche an die Regierung ist, für eine bestimmte Zeit alle Autos, die eine Firma kauft, einen Vorsteuerabzug geltend machen zu können, nicht nur für Vans, Kastenwagen oder Pick-Ups.


Kaufprämien sind eine Win-Win-Situation für Unternehmen und Staat

Es werden auch Kaufprämien für Endkunden gefordert. Gabriel Felbermayr vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, hat solche Forderungen kürzlich als entbehrlich bezeichnet. Prämien wären nicht angemessen, da die Menschen ohnehin liquide wären und die Zinsen niedrig seien. Was halten Sie von dieser Einschätzung?
Solche Kommentare sind völlig entbehrlich. Das sagt wohl jemand, der selbst einen sicheren Job hat und keine wirtschaftliche Verantwortung trägt. Hier steht viel auf dem Spiel. Eine Ökoprämie wäre dagegen für den Staat und die Unternehmen eine Win-Win-Situation. Die vergangene Förderung von Neuwagenkäufen, damals zahlten Händler, Importeure und der Staat jeweils ein Drittel, hat empirisch nachweisbar die Nachfrage angeschoben und auch in den Folgejahren 2010 und 2011, als es keine Prämie mehr gab, zu einer steigenden Nachfrage geführt.


Ist ein großer Schwung an neuen umweltfreundlichen Modellen gekommen

Werden die Menschen, in einer Zeit in der viele ihren Job verloren haben oder um ihn bangen, überhaupt ein Auto kaufen wollen?
Ich vernehme positive Signale. Günstige Finanzierungen und eine Fülle umweltfreundlicher Modelle, von denen bereits ein großer neuer Schwung an Modellen gekommen ist, bieten keine schlechte Basis.

Viele Autohersteller haben die Produktion zuletzt wieder aufgenommen. Müssen Kunden, die jetzt ein Auto neu bestellen, dennoch mit längeren Wartezeiten auf ihren Neuwagen rechnen?
Das lässt sich nicht ausschließen. Ein Werk aufzusperren, ist noch eine vergleichsweise einfache Sache. Aber ein Auto zu bauen, zählt zu den komplexesten Vorgängen in der Produktionswelt. Für ein einziges Auto sind Bauteile von oft mehreren 100 Zulieferern nötig. So manches Bauteil ist, fällt ein Lieferant aus, nicht so schnell durch einen anderen ersetzbar. Am besten werden Käufer, sowohl was Lieferfähigkeit als auch den Preis betrifft, derzeit mit dem Kauf eines Autos fahren, das beim Händler auf Lager steht.

Zur Person:
Georg Strassl, ist seit 1994 im Automobil-Import und -Handel tätig. Er war Geschäftsführer der Mitsubishi Import , Geschäftsführer des Einzelhandelsbereichs bei Denzel und ist seit 2015 Vorstandsvorsitzender der Wolfgang Denzel Auto AG.

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