IAA Frankfurt: Autohersteller gehen an das Stromnetz

IAA Frankfurt: Autohersteller gehen an das Stromnetz

So leuchtend ist die Zukunft: Bei Mercedes in Form eines Kompakt-SUV mit Elektroantrieb. Bis 2020 sollen es zehn Modelle der Marke mit Vollelektro-Antrieb geben.

Im Vorfeld der IAA in Frankfurt zeigen sich die vom Dieselskandal gebeutelten deutschen Automobilhersteller geläutert. Sie nehmen Kurs in Richtung Elektromobilität und kündigen dutzende neue Modelle an. Eine Vorschau.

Wolfsburg/München/Stuttgart. Noch haben sich die düsteren Wolken im Diesel-Skandal nicht verzogen, doch gleichzeitig nimmt die E-Auto-Offensive immer deutlicher Fahrt auf. Volkswagen erhöht die Investitionen massiv, BMW zeigt den Tesla-Herausforderer und Daimler hat große Pläne mit Smart.

Mitten in der anhaltenden Diesel-Debatte will die deutsche Autoindustrie vor allem mit Elektroautos und autonomem Fahren punkten. Allein Volkswagen erhöht die Investitionen in E-Autos bis 2030 auf 20 Milliarden Euro. Bis 2025 seien von den Konzernmarken mehr als 80 neue Autos mit Elektromotor geplant, darunter rund 50 reine E-Modelle und 30 Plug-in-Hybride, sagte VW-Chef Matthias Müller vor dem Beginn der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt.

Auf der Automobilshow in Frankfurt, die offiziell am 14. September von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eröffnet wird, werden bis zum 24. September 2017 rund 1000 Aussteller aus 39 Ländern das neueste aus der Autowelt zeigen. Zu den Ausstellern zählen rund 50 Autobauer. Auf der Frankfurter Messe sollen den Veranstaltern zufolge 363 Innovationen gezeigt werden, darunter 228 Weltpremieren. Der Fokus liegt neben den neuen Autos auf Digitalisierung, Mobilität in Städten und Elektromobilität. Trotz Trend zur Elektromobilität, werden auch wieder zahlreiche tonnenschwere Geländewagen gezeigt, die mit Verbrennungsmotoren und Spritfressern ausgerüstet sind.

Audi Aicon: Nobles Reisen ohne Lenkrad und Gaspedal

Das Konzept-Fahrzeug Aicon, ist beim autonomen Fahren beim hohen Level 5 angelangt. Der Autobahn-Pilot lenkt das Auto mit einer Geschwindigkeit von 130 km/h. Der Aicon soll mit Luxus und Lounge-Charakter bestechen. Mit 5,4 Meter, hat es auf jedenfall Wohnzimmer-Maße. Lenkrad, Pedale und Anzeigeinstrumenten fehlen auf den ersten Blick. PIA, der elektronische Fahrzeugassistent, erkennt den Mitfahrer an seinem Smartphone und aktiviert seine persönlichen Einstellungen wie Klimaanlage und Sitzeinstellung. Die Navi wartet auf die Zieleingabe und schon geht’s los. In weniger als 30 Minuten soll die Batterie um 80 Prozent aufgeladen werden.

Skoda: Die Elektro-Premiere

Die Studie Vision E gibt einen konkreten Ausblick auf das Serienauto. Sie setzt nicht nur beim Antrieb auf Hightech, sondern auch im Innenraum. Dort ist es sehr hell, geräumig und futuristisch. Autonomes Fahren soll auf Level 3 stattfinden. Das Auto bis zu 500 Kilometer mit einem Tank schaffen.

Das Leben nach den Dreckschleudern

Und dennoch: Die Autobauer stehen eigentlich unter Druck, umweltschonenden Innovationen - endlich - zu präsentieren. Der Grund für die Offensive von Volkswagen ist auch - Kritiker meinen vor allem - die Abgas-Affäre, die den Volkswagen-Konzern mit seinen Automarken in eine tiefe Krise gestürzt hatte. Das Vertrauen wurde aufgrund der Manipulationen der VW-Manager aus eigenem Verschulden und Arroganz schwer angepatzt.

Zur letzten IAA vor zwei Jahren flog der Abgasbetrug bei Volkswagen auf, inzwischen ist die gesamte heimische Branche in Misskredit geraten. Die Kunden machen wegen drohender Fahrverbote einen großen Bogen um den Diesel. Politik und andere Industriezweige sorgen sich um die nicht zuletzt vom Auto geprägte Marke "Made in Germany".

Der Druck auf die Konzerne, saubere Antriebe zu entwickeln, ist enorm - zumal die Konkurrenz im Ausland Gang um Gang höher schaltet und inzwischen selbst in China, dem größten Automarkt der Welt, laut über ein mittel- bis langfristiges Verbot von Verbrennungsmotoren nachgedacht wird. US-Elektroauto-Pionier Tesla drängt zunehmend in den Massenmarkt.

Aber nicht nur VW will die Autoshow in Frankfurt nutzen, um das Image der Branche wieder in ein leuchtendes Licht zu stellen. Kurz vor der Eröffnung haben auch BMW und Daimler ihre Bemühungen bekannt gegeben, sich einen neuen Anstrich zu verpassen. Und das Thema Elektromobilität auf die Agenda genommen.

Der E-Autoantrieb aus dem Nichts

BMW will auf der Messe eine viertürige Elektro-Limousine präsentieren, mit der die Bayern Herausforderern wie Tesla und Nissan begegnen wollen. BMW-Lenker Harald Krüger plant bis 2025 25 Elektrofahrzeuge auf dem Markt zu bringen. Daimler plant, seine Kleinwagenmarke Smart komplett auf elektrische Antriebe umzustellen. Bis 2020 soll es in Europa und Nordamerika nur noch Elektro-Smarts geben, der Rest der Welt soll kurz darauf folgen, wie Vorstandschef Dieter Zetsche sagte. "Damit wird Smart die erste Automobilmarke, die konsequent vom Verbrenner-Portfolio auf ein reines Elektro-Portfolio umsteigt." Zetsche kündigte außerdem an, bis 2022 das komplette Autoangebot auch mit Elektroantrieben zur Verfügung zu stellen.

Nach Müllers Worten soll es bis 2030 für jedes der weltweit rund 300 Modelle des VW-Konzerns mindestens eine elektrifizierte Variante geben. Hintergrund ist eine "Roadmap E" genannte Strategie - laut VW die umfassendste Elektro-Offensive in der Autoindustrie. Zu den bisher in der Regel noch teuren E-Autos sagte er: "Wenn Volkswagen den ID anbietet, wird er nicht teurer sein als ein Diesel." Doch auch Dieselmotoren hätten Zukunft, bis 2025 soll der Anteil der Verbrenner nach Volkswagen-Schätzung ohnehin noch 75 Prozent betragen.

Der "Bild"-Zeitung (Dienstag) sagte Müller: "Diesel-Fahrverbote sind starker Tobak und können wir auf keinen Fall akzeptieren." Auch er als Vater und Großvater wolle saubere Luft. "Aber die Grenzwertdiskussion schreit zum Himmel. Wenn Sie von Messstationen 50 Meter weggehen und da messen, sieht das häufig schon ganz anders aus." Er wolle die Verantwortung der Autobauer nicht kleinreden, aber bei dem ganzen Thema sei - gerade in Zeiten des Wahlkampfes - viel Hysterie im Spiel und zu wenig Wissenschaft.

"Der Diesel ist nicht Teil des Problems, sondern der Lösung", sagte VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch der dpa. Die ganz neuen Motoren seien sauber und effizient. Er forderte ausländische Hersteller zu mehr Engagement auf, um Fahrverbote zu verhindern. "Wir strengen uns alle an", meinte Pötsch mit Blick auf die deutschen Hersteller und Maßnahmen, um Diesel umweltfreundlicher zu machen.

Derweil lehnt Merkel neben Fahrverboten auch Tempolimits als mögliche Konsequenz aus dem Diesel-Skandal ab. "Generelle Tempolimits sind falsch", sagte sie der "Berliner Zeitung" (Dienstag). "Über das autonome Fahren bekommen wir besser gelenkte Verkehrssysteme mit Richtgeschwindigkeiten. Bei alternativen Antrieben gibt es keine Emissionen, und laut ist es dann auch nicht mehr." Sie betonte, der Autoindustrie nicht zu unkritisch gegenüber zu stehen: "Die Fehler müssen benannt und abgestellt werden. Zugleich müssen wir sehen, dass in der Autoindustrie mehr als 800.000 Menschen arbeiten, die gar nichts falsch gemacht haben."

Zuvor hatte der Branchenverband VDA massive Investitionen der deutschen Hersteller in die zentralen Zukunftsfelder angekündigt. Allein in das vernetzte und automatisierte Fahren steckten die deutschen Unternehmen bis 2020 zwischen 16 und 18 Mrd. Euro, in alternative Antriebe rund 40 Mrd. Euro.

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