Formel E hautnah: Von Schlaglöchern und Überholmanöver am Stromlimit

Formel E hautnah: Von Schlaglöchern und Überholmanöver am Stromlimit

Volle Power durch die Großstadt: Der Grand Prix für Elektroautos führt nur die glamourösen Metropolen dieser Welt.

Trend.at war beim Formel E Rennen in Zürich dabei und sprach mit Jaguar-Racing-Chef James Barclay und Jaguar-Rennfahrer Jaguar Nelson Piquet Jr warum ihr Job schwieriger ist als der von Formel 1 Fahrern, ihr Gehalt, die Tücken Großstadt-Straßen und wofür die Fahrer abseits der Rennstrecke viel Zeit aufwenden.

Die Formel E ist ein Publikumsmagnet. Zumindest in Schweiz. Die Rennserie unter Strom hat dort bei seinem vorletzten Rennen der Saison 160.000 Besucher angezogen. Eine beachtliche Bilanz. In der Formel 1 waren im steirischen Spielberg waren im Vorjahr ähnlich viele. Nur die Elektro-Formel-1 gibt es erst seit 2014. Aber die meisten Besucher haben - ganz im Gegensatz zur Formel 1 - keinen Eintritt bezahlt. Es ist ein echtes Volksfest geworden, mitten in der Stadt und direkt am Zürchersee, das auch eine Leistungsschau der E-Mobilität war, bei dem die Zuschauer die elektrisch betriebenen Boliden hautnah besichtigen konnten.

Die Zweiklassengesellschaft

Wenn die Formel 1 ist auch der Grand Prix unter Strom eine Zweiklassengesellschaft ist. Da die aufwendig konstruierten VIP-Häuser und Zelte der Sponsoren, neben dran, und auf vergleichsweise weniger Platz, das gemeine Fußvolk. Die meisten davon auf gratis Stehplätzen mit kaum Sicht auf die Rennstrecke. Das Spektakel dürfte sich finanziell dennoch lohnen. Zwar schreibt die Formel E noch keine schwarzen Zahlen, aber gemessen an der großen Dichte an Sponsoren und der immer größer werdenden Zahl an Autoherstellern und Zulieferern, die sich in der Formel E engagieren, so etwa ab der nächsten Rennsaison die voestalpine (siehe trend-Artikel), kann diese Zielflagge nicht mehr weit sein. Ab der Saison 2018/19 soll Porsche ganz groß einsteigen, auch Mercedes ist dann erstmals an Bord. Audi und BMW, die schon seit Anfang an involviert sind, haben nun bereits vollständige Werksengagements. Andere Rennserien werden für die Autohersteller dafür immer uninteressanter. So steigen Hersteller wie Mercedes aus der DTM aus.

Viele Gleichteile geben alle Fahrern dieselbe Chance zu gewinnen

Noch herrscht in der Formel E ein Pioniergeist, der die strengen Reglements und internen Vorgaben der Formel 1 nur noch wie einen anochronistischen englischen Herrenclub wirken lässt. Für einen unverkrampften Zugang sorgt schon allein, dass vieles in der Formel E für alle gleich ist. So muss in allen Fahrzeugen dieselbe Batterie verwenden werden. Die ewig marternde Frage in der Formel 1 mit welchen Reifen bei welchem Wetter gefahren werden soll – hinfällig. Von Nick Heidfeld bis Nicolas Prost, alle fahren Allwetterreifen und dem dasselbe Einheitschassis aus Kohlefaser und Aluminium. Pasta. „Damit unterscheiden wir uns erheblich von der Formel 1. Bei uns hat jeder Rennfahrer so auch eine echte Chance zu gewinnen“, sagt Jaguar-Racing-Teamchef James Barclay gegenüber trend.at.

Jaguar, einer der Formel-E-Pioniere, bringt als erster Tesla-Konkurrenten auf den Markt

Wenn die Sache für Barclay auch eine Kehrseite hat: „Ohne diese Beschränkungen würde die Weiterentwicklung dieser Elektroautos bei den einzelnen Teams noch stärker vorangetrieben werden.“ Jaguar zählt zu jenen Autoherstellern, die in der Formel E am längsten dabei sind. Barclay: „Der Hersteller profitiert von unserem Knowhow, das wir in der Formel E gewinnen und umgekehrt.“ Das Engagement macht sich bezahlt. Jaguar ist seit kurzem mit dem i-Pace, dem ersten Oberklassenmodell mit reinem Elektroantrieb auf dem Markt. Einstiegspreis: 78.380 Euro und damit rund 13.000 Euro billiger als das Telsa Model X. Der Crossover mit einer Reichweite von 400 Kilometern kann so als erster dem Tesla das Wasser reichen.

Ziel: beste Verhältnis von Leistung und Verbrauch herauszuholen

Doch zurück zur Rennserie auf leisen Sohlen. Deren Surren im Übrigen gar nicht so leise ist. Die Kraft, die dahinter steckt, macht auch da einen guten Sound. Die Power aus Strom ist auch der heikelste Punkt im Rennen. Diese reicht nur für die halbe Renndistanz. Fahrer, die mit der Stromladung nicht clever umgehen, kann, gerade in den letzten Runden entscheidenden Runden, schon mal der Saft ausgehen. „Der Verbrauch ist so berechnet, dass die Fahrer im Idealfall mit einem Kilometer Reichweite im Ziel ankommen“, so Jaguar-Elektrorennwagenboss Barclay. Bei den Rennteams und Fahrern dreht sich deshalb auch der Großteil um das Spritmanagement und Verbesserungen beim Antriebsstrang. “Wir feilen ständig daran, das beste Verhältnis von Leistung und Verbrauch herauszuholen.“ Das machen aber nicht nur die Techniker auch die Formel-E-Piloten sind damit beschäftigt. „Es macht Spaß daran zu tüfteln“, erzählt Jaguar-Pilot Nelson Piquet Jr. Die größte Herausforderung sei schließlich, so schnell wie möglich zu fahren und dabei so wenig wie möglich Strom zu verbrauchen.

Formel E Zürich 2018 Highlights

Überholen: Der große Kraftakt

Zu den heikelsten Stellen im Rennen, zählt das Überholen. Barclay: „Dabei geht relativ viel Strom verloren.“ Das will daher gut überlegt sein. Misslingt das Manöver, verlieren die Fahrer wertvolle Tankreserven und stehen am Ende durch den hohen Stromverlust vielleicht sogar deutlich schlechter da als zuvor.

Filigrane Rennwagen brettern über Tramwayschienen

Die Herausforderungen für die Fahrer sind auch sonst nicht so ohne. Das fängt schon beim Zustand der Straße an. Die Rennen der Formel E werden auf Kursen mitten in den Großstädten der Welt ausgetragen. Von Santiago de Chile über Marrakesch, Mexico City bis New York. Piquet: „Viele Straßen sind sehr uneben. Besonders die Rennstrecken in Zürich und Punta del Este in Uruguay“. In den Metropolen hat der Verkehr seine Spuren in Form von Rillen und Schlaglöchern hinterlassen. Wie in Zürich brettern die filigranen Rennwagen auch über Tramwayschienen. „Die Rennautos können bei Unebenheiten leicht die Bodenhaftung verlieren und richtig abheben. Fahrfehler machen sich da sofort bemerkbar“, erklärt Jaguar-Team-Chef Barclay .

Keine Sicherheitszonen

Das ganze Geschehen beschränkt sich obendrein nur auf eine zweispurige Bahn, die links und rechts von hohen Absperrungen und Zäunen begrenzt ist. Sicherheitszonen aus Schotter und Gras wie in der Formel 1, sucht man hier vergeblich. Wer mit seinem Rennwagen in eine Leitplanke donnert und Teile verliert, riskiert auch noch bei einem weiteren letalen Aufprall für das Fahrzeug, nicht mehr weiterfahren zu können.

Trend-Redakteurin Anneliese Proissl im Gespräch mit Formel-E-Pilot Nelson Piquet Jr.

Zur Halbzeit wird von einem Auto ins nächste gesprungen

Denn mehr als zwei Autos stehen beim Rennen nicht zur Verfügung. Diese können nicht nur, sie müssen getauscht werden, den spätestens zur Halbzeit, also nach einer halben Stunde, geht den Boliden der Saft aus. Länger reichen die Akkus der Batterien mit 28 Kilowattstunden Kapazität nicht aus. Piquet & Co bolzen in den engen Straßen schon mal mit bis zu 225 km/h durch die Innenstädte. Derzeit bleibt den Fahrern daher zur Halbzeit nichts anderes übrig, sich in Windeseile von einem Rennwagen ins nächste zu springen. Ab der nächsten Saison können sich die Fahrer diese kleine Zirkusnummer aber schenken. Künftig wird die Batterie statt 28 Kilowattstunden 54 Kilowattstunden schaffen und die gesamte Renndistanz halten. Ein Rennauto wird dann reichen. Die neuen Modelle werden auch für mehr Dynamik beim Rennen sorgen. So können diese bis zu 280 Kilometer pro Stunde beschleunigen. Derzeit sind es 244 PS. Die Beschleunigung von 0 auf 100 Stundenkilometer gelingt schon jetzt auf Formel-1-Niveau in 2,8 Sekunden.


Jedes Rennen, bei denen die Autos ans Limit gefahren werden, ist ein richtiges Autorennen

Dafür, dass so mancher Motorsportbegeisterter Autorennen ohne Benzingeruch und ohrenbetäubendes Motorengeräusche nur milde belächelt, hat Jaguar-Formel-E-Fahrer Nelson Piquet Jr. kein Verständnis. „Jedes Rennen, bei denen die Fahrzeuge ans Limit gefahren werden, ist ein richtiges Autorennen, egal mit welchem Antrieb und mit welcher Geschwindigkeit man fährt.“


In der Formel 1 müssen die Fahrer nur Gas geben. In der Formel E reicht das nicht

Multi-Tasking in der Formel E

Die Fahrer sind zudem in verschiedener Hinsicht mehr gefordert als die Formel-1-Fahrer, nicht nur wegen der engen, unebenen Straßen. Piquet: „In der Formel 1 müssen die Fahrer nur Gas geben. In der Formel E reicht das nicht.“ Die Rennfahrer sind gezwungen ständig an mehrere Dinge gleichzeitig zu denken. „Wie kann ich Energie sparen, wie halte ich am besten die Ziele für den Spritverbrauch ein, wie hoch ist die Fahrzeugtemperatur“, zählt Piquet nur ein paar Beispiele auf, die es beim Fahren zu bedenken gilt. Im Gegensatz zur Formel 1 haben die Techniker in den Boxen nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu den Fahrzeugdaten während des Rennens. Der Fahrer ist daher gezwungen ständig viele Daten über Funk weiterzugeben. Aber selbst das ist nicht ganz einfach. „Die Häuser sind oft so hoch, dass die Funkverbindung abreißt“, erzählt Barclay.

In der Formel E gewinnt nicht die beste Technik, sondern der beste Fahrer

Diese vielen kleinen Unwägbarkeiten und auch Anfangsschwierigkeiten der neuen Sportart, sind es auch, die den speziellen Spirit der Formel E ausmacht. Es ist auch der Teamgeist über alle Fahrerlager hinweg. So kochen in der Elektro-Rennserie die Teams nicht jeder sein eigenes Süppchen wie in der Formel 1. Gegessen wird gemeinsam. Racing-Boss Barclay: „Bei uns ist es beim Essen wie in einer Kantine. Wir betreiben auch keine Politik. Bei uns geht´s ums Fahren“. Das keine großen Ränkespiele nötig sind, mag nicht nur an den vielen Gleichteilen der Autos liegen, sondern auch daran liegen, das jeder der 20 Formel-E-Fahrer ein Gehalt kriegt. Ein Novum im Motorsport. In der Formel 1 etwa dürften gerade einmal eine Handvoll Fahrer vom Rennstall ein Salär überwiesen bekommen. Alle anderen müssen dafür das sie Fahren dürfen zahlen - und nicht gerade wenig. Jaguar-Fahrer Piquet: „Bei der Formel E kriegt man nur einen Platz im Cockpit, wenn man wirklich gut fährt und nicht wie in der Formel 1, bei der viele Fahrer nur deshalb dabei sind, weil sie viel Geld auf den Tisch legen. In der Formel E gewinnt nicht die beste Technik, sondern der beste Fahrer und dem besten Team.“

Anderer Wind wenn Mercedes & Co einsteigen?

Mit den gemeinschaftlichen Essen aller Teams könnte es aber bald vorbei sein, fürchtet so mancher hinter vorgehaltener Hand. „Wenn nächstes Jahr die noble Gesellschaft von Mercedes und Porsche einsteigen, werden die sich vielleicht abschotten, selbst beim Essen.“

Doch noch weht der Hauch des Neuen durch die Fahrerlager und ein Gedanke, der die Fahrer aller Lager zusammen zu schweißen scheint: „Wir gegen die Formel 1“. Die Alternative zur Königsklasse mit Verbrennungsmotor trifft auf jeden Fall den Zeitgeist und findet immer mehr Aufmerksamkeit.

Jaguar-Racing-Direktor James Barclay nahm sich beim Abendessen Zeit für die Fragen vom Trend.

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