Fiat-Chrysler-Chef Marchionne: "Wer uns mit VW vergleicht, hat was geraucht"

Fiat-Chrysler-Chef Marchionne: "Wer uns mit VW vergleicht, hat was geraucht"

Neuer Wirbel um erhöhte Abgase: Nun steht auch Fiat-Chrysler mit Konzernchef Sergio Marchionne im Fokus der Ermittler. Auch gegen Renault wird ermittelt.

Der Dieselskandal geht in die nächste Runde - und zwar mit neuen Playern. Nach VW gibt es nun auch Manipulationsvorwürfe gegen Fiat-Chrysler und Renault bei Abgasmessungen per Software manipuliert zu haben. Beide Autokonzerne stemmen sich gegen die Beschuldigungen. Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne erklärt, die Abgas-Vorwürfe seien nicht mit Fall VW vergleichbar. Der Staatsanwaltschaft in Frankreich prüft die Vorwürfe gegen Renault.

Wolfsburg/Turin/Amsterdam. Nun haben nach VW auch Renault und Fiat Chrysler Abgasprobleme. Fiat will sich keinesfalls mit Volkswagen vergleichen lassen. Und Renault beteuert, alle Gesetze eingehalten zu haben. Nun schwindet auch bei der EU die Geduld.

Der Chef des italienisch-amerikanischen Autokonzerns Fiat Chrysler (FCA) hat nach den Vorwürfen der Abgas-Manipulation einen Vergleich mit VW scharf zurückgewiesen. "Wir haben keinerlei Betrug begangen", sagte Sergio Marchionne in einem Interview italienischer Medien, das am Freitag die Zeitung "La Repubblica" veröffentlichte. "Wer "Wer uns mit VW vergleicht, hat was geraucht."

Die Geschäftsziele von FCA würden durch die Anschuldigungen nicht beeinflusst. Dennoch erhöhte auch die EU den Druck auf das Unternehmen und auf die italienischen Behörden, die seit langem prüfen sollen, ob bei den Abgaswerten geschummelt wurde.

In den USA steht der Branchenriese im Verdacht, bei rund 100.000 Dieselwagen die Emissionswerte von Stickoxiden gefälscht zu haben. Dies hatte das Umweltamt EPA am Donnerstag in Washington mitgeteilt. Es geht um Software zur Abgaskontrolle, die Fiat Chrysler nicht offengelegt und so gegen Umweltgesetze verstoßen habe. Bei VW ging es tatsächlich um einen Betrug mit beträchtlich größerem Ausmaß. Über 500.000 Diesel-Fahrzeuge sollen alleine in den USA manipuliert worden sein. Die US-Umweltbehörde bezifferte schon im Herbst 2015 das mögliche Strafausmaß auf bis zu 18 Milliarden Dollar. Mit den 4,3 Milliarden Strafe ist VW vergleichsweise noch mit einem blauen Auge davon gekommen.

Bei Hunderten US-Zivilklagen von Kunden, Autohändlern und Behörden hatte sich VW bereits auf Vergleiche geeinigt, die über 17 Mrd. Dollar kosten könnten. Zusätzlich kommen für Volkswagen noch die weitere Belastungen aufgrund mehrere Prozesse in Europa, die allerdings weitaus geringer ausfallen können. 18,2 Mrd. Euro hatte VW alleine für Rechtskosten beiseite gelegt, was aber nicht ausreichen dürfte.

Volkswagen hatte im Herbst 2015 eingeräumt, bei Diesel-Abgastests getäuscht zu haben. Betroffen waren Millionen von Autos. Dies hatte VW in eine schwere Krise gestürzt und enorme Kosten verursacht. Ob es sich bei den bei Fiat Chrysler beanstandeten Programmen wie bei Volkswagen um illegale Abschalteinrichtungen ("defeat devices") handelt, muss laut EPA erst noch ermittelt werden.

EU mit große Sorge

Die EU-Kommission nannte die Anschuldigungen aus den USA gegen Fiat "besorgniserregend". Man werde mögliche Auswirkungen für in Europa verkaufte Fahrzeuge prüfen, sagte eine Sprecherin. In Brüssel war von Schätzungen die Rede, wonach in der EU ungefähr 33.000 Wagen der beiden betroffenen Modelle von Jeep und Dodge im Umlauf sein dürften.

Fiat-Chrysler droht eine Strafe von maximal 4,6 Milliarden Dollar (4,38 Mrd. Euro). An der Börse gerieten die Aktionäre bereits am Donnerstag in Panik. Der Kurs des Unternehmens stürzte zeitweise bis zu knapp 18 Prozent ab, letztlich blieben 9 Prozent Minus, am Freitag ging die Talfahrt weiter mit über zwei Prozent Minus (MEZ 17:15 Uhr). Die Anschuldigungen gegen Fiat Chrysler kommen nur einen Tag, nachdem sich VW mit den amerikanischen Behörden im Dieselskandal auf einen milliardenschweren Vergleich geeinigt hatte.

Der Ärger über alles

Marchionne sagte, sein Unternehmen stehe seit Monaten mit der US-Umweltbehörde im Kontakt: "Unsere Emissionen sind ganz klar berichtet worden." Er sei sehr verärgert über die Anschuldigungen und hoffe, dass der bevorstehende Regierungswechsel von US-Präsident Barack Obama zu Donald Trump keine Rolle bei dem Fall spiele. "Offensichtlich gab es jemanden bei der EPA, der das Dossier schließen musste, bevor die neue Regierung da ist. Aber ich will hoffen, dass es keine politische Angelegenheit ist."

Deutschland geht davon aus, dass bei Fiat ähnlich wie bei Volkswagen unzulässige Software zum Schönen von Abgaswerten zum Einsatz kam. Der Hersteller verneint das. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) beruft sich auf Untersuchungen des Kraftfahrt-Bundesamtes. Italienische Behörden sehen hingegen keinen Grund für Beanstandungen, reagierten am Freitag aber zunächst nicht auf entsprechende Anfragen. Die EU-Kommission agiert auf Bitte der Bundesregierung in diesem Fall als Vermittler zwischen Deutschland und Italien.

"Wir haben die italienischen Behörden wiederholt gebeten, so bald wie möglich überzeugende Antworten zu geben", sagte eine Sprecherin der EU-Kommission. Diese seien bisher ausgeblieben. "Uns geht allmählich die Zeit aus, weil wir die Gespräche über die Konformität von Fiat bald beenden wollen." In Brüssel war von einem Zeitrahmen von einigen Wochen die Rede.

Unterdessen leitete die französische Justiz Untersuchungen zu Abgaswerten bei Renault ein. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Täuschung, wie die Nachrichtenagentur AFP am Freitag unter Berufung auf die Behörde meldete. Nach dem Beginn des VW-Skandals waren bei Tests in Frankreich Überschreitungen von Abgasnormen bei Renault festgestellt worden. Die Wettbewerbsbehörde ermittelte und übergab ihre Erkenntnisse im November der Justiz.

Renault erklärte, noch keine offiziellen Informationen über ein Ermittlungsverfahren erhalten zu haben. Der Autobauer betonte erneut, dass er die Gesetzgebung einhalte und seine Fahrzeuge ordnungsgemäß zugelassen worden seien. Man habe keine Betrugssoftware eingesetzt.

168 Jahre Haft

Dem in den USA festgenommenen früheren Volkswagen -Manager drohen nach Angaben des US-Justizministeriums im Abgas-Skandal bis zu 169 Jahre Haft. "Faktisch sieht er sich mit lebenslangem Gefängnis konfrontiert", erklärte das Ministerium. Insgesamt gebe es elf Anklagepunkte. Der Mann war am Samstag in Miami nach einem Urlaub vor dem Heimflug nach Deutschland verhaftet worden. Wochen zuvor hatte er den US-Behörden signalisiert, dass er bei der Aufarbeitung des Abgasskandals mit den US-Behörden kooperieren werde. Eine erste Einvernahme hatte damals noch in London stattgefunden.

Am Donnerstag entschied der zuständige Richter William Turnoff, der Beschuldigte könne wegen hoher Fluchtgefahr nicht gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt werden. Seine Anwälte wollten gegen die Entscheidung Einspruch erheben.

Wegen Betrugs angeklagt sind zudem fünf weitere frühere und aktuelle Führungskräfte unterhalb des Volkswagen-Vorstands. Sie halten sich aber in Deutschland auf und müssen keine Auslieferung fürchten. Dass der nun verhaftete 49-jährige Ex-VW-Manager ausgerechnet in die USA in Urlaub gereist war, wird von Anwälten als "extrem fahrlässig" bezeichnet. Der für die Qualität zuständige Ex-VW-Manager hatte lange Jahre in den USA gelebt. Er wurde allerdings von anderen beschuldigten VW-Managern in den USA stark belastet.

Die US-Behörden werfen den sechs Beschuldigten laut "Bild"-Zeitung vor, Beweismaterial vernichtet zu haben. Zwei Führungskräfte sollen die Löschung von belastendem Material in Auftrag gegeben haben, berichtete das Blatt im Voraus unter Berufung auf die 39-seitige Klageschrift.

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