Elektro-Schock: VW investiert 70 Milliarden Euro in die E-Zukunft

Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller und der "Sedric", der vollelektrisch und autonom fahrende Minivan.

Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller und der "Sedric", der vollelektrisch und autonom fahrende Minivan.

Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller hat ein ehrgeiziges Ziel: Er will binnen der nächsten acht Jahre zur weltweiten Nummer Eins in der Elektromobilität und beim autonomen Fahren werden. Um dieses Ziel zu erreichen öffnet Müller die Kriegskasse: In den nächsten fünf Jahren sollen 72 Milliarden Euro investiert werden.

Es ist wohl kein Zufall, dass VW am Tag nachdem Tesla in der Wüste Kaliforniens die nächsten beiden Modelle vorgestellt hat - einen vollelektrisch angetriebenen Truck und einen neuen Roadster - eine neue, milliardenschwere Initiative zur Entwicklung und Weiterentwicklung der Elektromobilität, dem autonomen Fahren und nder Digitalisierung ankündigt.

Den Wolfsburgern ist es sichtlich ein Dorn im Auge, wie Elon Musk, der mit Tesla tief in der Kreide steckt, im letzten Quartal einen Verlust von fast 700 Millionen Dollar einstecken musste und die Produktion des Model 3 nicht in die Gänge bekommt, bei der Präsentation von Prototypen weltweit Applaus bekommt, während dem Volkswagen-Konzern nach der Diesel-Affäre immer noch das Stigma der "Umweltverpester" angeheftet wird.

So schritt Konzernchef Matthias Müller zur Tat und erklärte, in den nächsten fünf Jahren bis Ende 2022 über 34 Milliarden Euro direkt in die Entwicklung une Weiterentwicklung von elektrisch angetriebenen Fahrzeugen investieren zu wollen. Weitere Schwerpunkte, in de der Konzern Geld pumpt, sind die Bereiche autonomes Fahren und die Digitalisierung. Einschließlich der notwendigen Investitionen in die weltweiten Standorte sowie weitere Projekte wird der Volkswagen-Konzern sogar knapp 72 Milliarden Euro in seine Zukunftsprojekte investieren. Der Aufsichtsrat hat das Vorhaben gebilligt und das Budget dafür bereitgestellt.

Zurück aufs Siegerpodest

Mit dem Investment soll der Volkswagen zurück auf das Siegerpodest gehoben werden, und zwar ganz nach oben auf den ersten Stockerlplatz. „Mit der nun verabschiedeten Planungsrunde schaffen wir die Voraussetzungen, Volkswagen bis zum Jahr 2025 zur weltweiten Nummer Eins in der Elektromobilität zu machen“, sagte Vorstandschef Müller. „Das Auto wird gerade neu erfunden. Wir investieren gezielt und aus eigener Kraft die dafür nötigen Mittel in die Digitalisierung, ins Autonome Fahren, in die Elektro-mobilität, in neue Mobilitätsdienste. Wir tun das aber, ohne die aktuellen Technologien und Fahrzeugprojekte zu vernachlässigen. Denn damit verdienen wir auf absehbare Zeit unser Geld. Ich bin überzeugt: Diesen Spagat kann und wird der Volkswagen Konzern mit seinen Marken und seinem Synergiepotenzial meistern – wie kein anderes Unternehmen unserer Industrie.“

Die Pläne sind bereits einigermaßen konkret und teilweise bekannt, Teile davon wurden bereits im September in Frankfurt auf der Automobilmesse IAA vorgestellt. Müller macht nun aber mehr Druck, um schneller Erfolge herbeizuführen. So soll etwa das Werk in Zwickau in Sachsen zu einem europäischen Standort für die Serienproduktion von Elektrofahrzeuge umgebaut werden. Die dort bisher laufende Produktion der Modelle Passat und Golf soll in die schwächer ausgelasteten Werke in Emden und Wolfsburg verlagert werden.

Bis 2025 sollen die Konzernmarken mehr als 80 neue Elektromodelle auf den Markt bringen, darunter rund 50 rein batteriebetriebene Fahrzeuge. Die Zahl soll danach weiter steigen. Spätestens 2030 will der Konzern mindestens jeweils eine Elektroversion seiner insgesamt 300 Fahrzeugmodelle anbieten. Um den Bedarf an Batterien zu decken, hat Volkswagen bereits eines der größten Beschaffungsprogramme in der Geschichte beschlossen.

VW-Konzeptauto Sedric: Vollelektrisch, voll autonom

VW-Konzeptauto Sedric: Vollelektrisch, voll autonom

„Die gesamte Autoindustrie steht in den nächsten Jahren vor einem grundlegenden Wandel, der große Chancen bietet, aber auch riesige Anstrengungen von uns fordert“, sagte Konzernchef Müller weiter. „Wir haben einen überzeugenden Plan. Wir sind finanziell robust aufgestellt. Wir haben die Erfahrung und das Talent. Und wo uns noch Kompetenzen fehlen, da bauen wir diese gezielt auf und verstärken uns. Mit der beschlossenen Planungsrunde sind die Leitplanken gesetzt. Jetzt gilt es: Tempo machen und am gemeinsamen Erfolg arbeiten.“

Analysten halten das neue Programm für ehrgeizig. Wegen seiner Größe mit zwölf Marken sei der Konzern aber in der Lage, die Summe zu stemmen. "Das Erstaunliche ist, trotz der 25 Milliarden Euro Kosten für Dieselgate reicht das Geld bei Volkswagen immer noch für Zukunftsinvestitionen", sagte Frank Schwope von der NordLB. "Bei anderen wäre es der Exitus gewesen."

Die Barmittel im Kerngeschäft - darauf schauen besonders die Ratingagenturen - sollen trotz der hohen Kosten die Marke von 20 Milliarden Euro im laufenden Jahr nicht unterschreiten. Dazu sieht sich der Konzern dank des starken Autogeschäfts und weltweit sprudelnder Einnahmen in der Lage. Zuletzt hatte Volkswagen im Automobilgeschäft eine Netto-Liquidität von 25,4 Milliarden Euro.

Volkswagen sei für den Wandel gut aufgestellt, betonte Müller. Er sagte, die Investitionen in die Elektromobilität sollten geschultert werden, ohne dabei die aktuellen Technologien und Fahrzeugprojekte zu vernachlässigen. "Denn damit verdienen wir auf absehbare Zeit unser Geld." Der Konzernchef zeigte sich überzeugt, dass der Spagat zwischen der herkömmlichen Verbrennungstechnologie und dem Aufbruch ins Zeitalter selbstfahrender Autos und neuer Mobilitätsdienste gelingen werde. Müller verwies dabei auf das noch in dem Konzern steckende Potenzial an Kostenvorteilen und Einsparungsmöglichkeiten.

Zufriedener Betriebsrat

Der Betriebsrat begrüßte den Investitionsplan als wichtiges Signal an die Belegschaft. "Volkswagen geht die Weichenstellungen für seine künftige Ausrichtung konsequent und mit hohem Tempo an", sagte Betriebsratschef Bernd Osterloh. Dabei würden die zehn deutschen Produktionsstandorte mit Milliardensummen gestärkt. Allein drei Milliarden Euro flössen ins Stammwerk in Wolfsburg. "Wir verteilen Produkte und Investitionen so, dass wir Beschäftigung sichern und dabei gleichzeitig betriebswirtschaftlich sinnvoll den maximalen Gewinn erzielen." Vorhandene Kapazitäten müssten dabei so gut wie möglich ausgelastet werden.

Wachsen will der Autokonzern in den kommenden Jahren vor allem in Brasilien, China, Russland und Nordamerika. Dort sowie auf dem Heimatmarkt in Europa wird das Geld verdient, das VW für neue Technologien benötigt, um den CO2-Ausstoß der Fahrzeuge zu reduzieren. Wenn das nicht gelingt, drohen sonst ab 2021 empfindlich Strafen der EU. Finanzvorstand Frank Witter drängt daher darauf, den Wandel zu Anbieter von Elektroautos "mit hoher Effizienz" voranzutreiben.

Nicht in dem Fünf-Jahres-Plan enthalten sind die Investitionen der chinesischen Gemeinschaftsunternehmen. Diese finanzieren ihre Ausgaben in die Werke und Produkte aus eigenen Mitteln. Auch dort investiert VW massiv in Elektromobilität, um die staatlichen Vorgaben zu erfüllen.

Der Volkswagen Konzern hat Anfang September mit seiner „Roadmap E" die Elektrifizierungsoffensive angekündigt: 2025 soll jedes vierte neue Fahrzeug des Konzerns rein batterieelektrisch angetrieben werden. Je nach Marktentwicklung könnten dies bis zu drei Millionen E-Autos jährlich sein. Bis 2030 will das Unternehmen sein gesamtes Modellportfolio elektrifizieren, dann wird es dementsprechend von jedem der rund 300 Konzernmodelle mindestens eine E-Variante geben.

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