E-Mobility: Warum die Mobilitätswende auf sich warten lässt

Alexander Rittel, Managing Consultant Horváth & Partners München

Alexander Rittel, Managing Consultant Horváth & Partners München

Rund 4.200 öffentlich zugängliche Ladestationen hält Österreich derzeit für Anhänger der Elektromobilität bereit. Das ist zwar angemessen für lediglich 25.000 E-Autos, aber weit entfernt von einer „Mobilitätswende“. Nur mit dem zügigen weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur wird es gelingen, die angepeilten Ziele mit der Elektromobilität zu schaffen, meint Alexander Rittel von Horváth & Partners München in seinem Gastkommentar.

Die Anzahl der öffentlichen Ladepunkte für E-Autos hat in Österreich wie in Deutschland in den letzten Jahren enorm zugenommen. 2010 gab es erst ein paar hundert Stationen, Ende 2018 waren es in Österreich schon über 4.000, in Deutschland etwa 16.000. Trotz der positiven Entwicklung – nicht zuletzt auch durch die Schaffung vieler halböffentlicher Ladestationen – entspricht die Ladeinfrastruktur bei weitem nicht den notwendigen Anforderungen.

Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt die Fahrzeughersteller. Während Tesla schon früh auf die Abhängigkeit von Drittanbietern verzichtet und eine eigene Ladeinfrastruktur von über 3.600 eigenen Schnellladepunkten in Europa aufgebaut hat, haben die großen Automobilkonzerne lange gezögert und sich mit eigenen Lösungen herumgeplagt. Inzwischen haben sich BMW, Daimler und VW zwar dem Joint Venture IONITY angeschlossen – mit dem Ziel, rund 400 öffentliche Ultraschnell-Ladestationen mit 350 kW entlang der Autobahnen in Europa bis 2020 aufzubauen und zu betreiben. Doch bis Mai 2019 wurden davon erst 100 aufgestellt, weitere 50 befanden sich in der Bauphase.

Akteure bewegen sich im Kreis

Dass der Ausbau der Ladeinfrastruktur so schleppend vorankommt, ist verständlich. Die Aufrüstung mit E-Ladestationen ist teuer und lohnt sich mit den bestehenden Preismodellen und der noch immer geringen Nachfrage kaum. So sehen etwa viele Tankstellenbesitzer wegen der bescheidenen Absatzzahlen von Elektrofahrzeugen keine Notwendigkeit aufzurüsten. Auf der anderen Seite schrecken viele Kunden vor dem Kauf eines E-Autos zurück, da die bestehende Ladeinfrastruktur nicht ausreicht.

Ob erst eine umfassende Lade-Infrastruktur oder neue und preiswertere E-Modelle für Schwung beim Absatz sorgen, ist eine müßige Diskussion. Benötigt wird beides. Kommt dann allerdings der für Mitte des kommenden Jahres erwartete Wendepunkt, wird dies deutlichen Einfluss auf den Diesel- und Benzinabsatz haben. Prognosen zufolge soll dieser bis 2030 um ein Drittel einbrechen. Daher werden viele der 14.500 bestehenden Tankstellen in Deutschland und rund 2.500 in Österreich dazu gezwungen sein, ihr Geschäftsmodell anzupassen.

Große Städte gefordert

Handlungsbedarf besteht aber auch für die Städte. Hier mangelt es in großem Maße an Ladepunkten. Laut einer aktuellen Analyse von Horváth & Partners müssten allein in den fünf größten deutschen Städten Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt zusammen 2020 mehr als 50.000 neue öffentliche, halböffentliche und private Ladepunkte gebaut werden, um die notwendige Infrastruktur für Elektrofahrzeuge zu schaffen. Der Bedarf würde demnach bis 2025 auf über 200.000 Ladepunkte in diesen fünf Metropolen ansteigen. Dadurch wird auch die Wettbewerbsdynamik in den nächsten Jahren verstärkt – neben überregionalen Versorgern und regionalen Stadtwerken kommen dann auch Erstausrüster (OEMs) und ausländische Wettbewerber auf den Markt.

Fazit: Klar ist, dass die E-Mobilität einen entschlossenen Ausbau der Ladeinfrastruktur benötigen wird. Die Verantwortung für entsprechende Lösungen tragen Autobauer und Energieversorger, aber auch Kommunen und Städte. Das ist keine neue Erkenntnis und wird in vielen vollmundigen Reden immer wieder betont.

Besteht bei potentiellen Käufern die Sorge vor Reichweitenproblemen, kann nicht erwartet werden, dass sich die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen schneller entwickelt. Nur wenn die notwendigen Rahmenbedingungen erfüllt sind, wird die Elektromobilität Zukunft haben.


Über den Autor

Im Rahmen des „Fakten-Check Elektromobilität“ analysieren die Berater von Horváth & Partners jährlich die aktuelle Entwicklung wesentlicher Treibergrößen der E-Mobilität in Deutschland und errechnen Wahrscheinlichkeiten für das Erreichen relevanter Schlüsselgrößen im Markt. Alexander Rittel ist Co-Autor des „Fakten-Check Elektromobilität“ und Managing Consultant bei Horváth & Partners München.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


Digital

Diese 6 neuen Berufe hat die Digitalisierung hervorgebracht

Auto & Mobilität

So will die voestalpine durch schwieriges Fahrwasser steuern

Auto & Mobilität

Schweizer Innovation für Wasserstoff-Tankstellen

Auto & Mobilität

Der neue VW Golf VIII: radikale Erneuerung