Diesel: Ein sauberes Comeback

VW Konzernchef Matthias Müller, Genfer Autosalon 2018

VW-Chef Matthias Müller warb in Genf zugleich für die Elektrostrategie des Konzerns und beschwor eine "Renaissance des Diesels"

Drohende Fahrverbote in großen Städten werden das Ende des Diesels nur noch beschleunigen, sagen Experten. Doch neue Tests und internationale Trends lassen die Autobauer auf eine baldige Wiedergeburt der diskreditierten Technologie hoffen.

Wenn Seiji Tanaka mit seinem schwarzen BMW X5 durch die Straßen von Tokio kurvt, ist er neuerdings in guter Gesellschaft. "Wir haben letztes Jahr um 50 Prozent mehr Dieselfahrzeuge verkauft wie im Jahr davor", jubelt der Kommunikationschef der japanischen BMW-Tochter. Die Nachrichten vom "Dieselgate" in Europa werden zwar auch in Nippon gelesen, doch der Skandal färbt kaum aufs Image ab. "Dieselfahrzeuge haben den Ruf, hochwertig und intelligent zu sein, sie sind leise, sparsam und sehr effizient. Die Japaner schätzen diese Technologie", sagt der junge Manager.

Japan - das ist nach China und den USA mit über vier Millionen Neuverkäufen pro Jahr der drittgrößte Automobilmarkt der Welt. Im letzten Jahrzehnt waren Autos mit Selbstzünder "praktisch tot", sagt Tanaka, doch nun kommen sie im Land der Hybridantriebe plötzlich in Mode. 2017 gab es bei den Neuzulassungen mit 156.000 Stück ein Diesel-Plus von zehn Prozent. Das sind zwar in absoluten Zahlen noch immer weniger als im kleinen Österreich, aber 16 Mal so viel wie vor acht Jahren. Der Marktanteil ist auf knapp unter vier Prozent gestiegen. "Und es könnte Richtung zehn Prozent gehen", hofft Tanaka, der in der Diesel-Modellpalette aus dem Vollen schöpfen kann.

Denn Hautprofiteure sind die großen europäischen Hersteller wie BMW, Mercedes, Volkswagen oder der französche PSA-Konzern. Während Toyota, Japans Nummer eins, am Genfer Automobilsalon eben seinen Ausstieg aus dem Diesel in Europa verkündet hat, hat VW im Februar einen neuen Passat in Japan eingeführt - der erste Launch eines Dieselfahrzeugs der Wolfsburger in diesem Markt seit 20 Jahren. Von den nationalen Autofirmen hat nur Mazda den Trend erkannt und mit Modellen wie dem Mazda CX-5 gepusht.

Antriebs-Revival

An Entwicklungen wie diese klammern sich die europäischen Autobauer, die Entwicklung, Produktion und Vertrieb bis vor zweieinhalb Jahren primär auf Diesel ausgerichtet hatten. "Ich glaube, dass der Diesel in absehbarer Zeit eine Renaissance erleben wird", teilte VW-Konzernchef Matthias Müller in Genf einer erstaunten Öffentlichkeit mit.

Die Einschätzung kam nur wenige Tage, nachdem das deutsche Bundesverwaltungsgericht Fahrverbote für Dieselautos in Großstädten für zulässig erklärt hatte. Werden sie eingeführt, werden Privatkäufer noch stärker vor den Selbstzündern zurückschrecken - die Aussicht, Autos mit deutlich schlechterem Wiederverkaufswert zu kaufen, wird den Sinkflug nur noch beschleunigen. Schon 2017 war der Diesel-Anteil in Westeuropa bei Neuzulassungen auf 44 Prozent zurückgegangen, im Jänner und Februar 2018 gab es weitere Einbrüche. Was also könnte Volkswagen-Boss Müller zu seinem gewagten Statement getrieben haben?

Diesel- und Benzin-Pkw: Marktanteile in Europa, 2011 und 2017

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Zum einen der Blick auf die Verkäufe in wichtigen Absatzländern. In den osteuropäischen Ländern etwa, die von der österreichischen Porsche Holding gesteuert werden, habe es seit dem Auffliegen des Skandals kaum Einbrüche gegeben, sagt Porsche-Holding-Sprecher Richard Mieling: "Dort ist die Nachfrage nach Dieselfahrzeugen ungebrochen hoch. Es gibt kaum Auswirkungen der mitteleuropäischen Diskussion." Mielings Botschaft: Wo man Technik ideologiefrei betrachtet, wird der Diesel deutlich positiver bewertet - nicht nur in Japan, sondern auch in den Märkten unmittelbar vor der Haustür.

Zum anderen ist in den letzten Wochen der Optimismus deutlich gewachsen, dass man die alte, schmutzige Dieselvergangenheit schneller hinter sich lassen kann als gedacht. Dazu hat die jüngste Veröffentlichung der PSA-Gruppe beigetragen, die eine Handvoll Peugeot-und Citroën-Modelle im echten Fahrbetrieb testen ließ. Diese Autos entsprechen der strengen Abgasnorm Euro 6d. Bei den Stickoxidwerten, deren Manipulation durch VW ja am Beginn des Dieselskandals stand, sind die Resultate geradezu sensationell. So stößt ein Peugeot 308 SW pro Kilometer lediglich 52 Milligramm Stickoxid (NOX) aus. Der ab 2020 gültige Grenzwert liegt bei 120 Gramm. "Wir erfüllen die Ziele der EU-Vorgaben zur Emissionsreduktion drei Jahre im Voraus", lässt PSA-Chef Carlos Tavares verlauten.

Der Diesel-Anteil der PSA-Gruppe in Europa beträgt nach wie vor 57 Prozent, in Österreich sogar 64 Prozent. Für den französisch-chinesischen Konzern ist die Dieselfrage also existenziell. Wenn es gelingt, sehr schnell sehr viele Modelle des sehr sauberen Diesels verfügbar zu machen, ist tatsächlich ein Comeback auf die Siegerstraße möglich. "Die Euro- 6d-Motoren könnten zu einer Wende führen", meint PSA-Österreich-Sprecher Christoph Stummvoll. Und wenn BMW, Mercedes, VW & Co. für ihre neuen Dieselmodelle demnächst ähnlich gute Ergebnisse auf den Tisch legen, könnte sich der Abgesang auf den Diesel definitiv als verfrüht herausstellen.

Alternativen unterwegs

Zwischen realistischen Revival-Chancen und Wunschdenken ist die Linie allerdings schwer zu ziehen. Außerhalb der Industrie sind die Stimmen noch skeptisch. Für Ferdinand Dudenhöffer etwa, Autoexperte am CAR -Center Automotive Research und Professor an der Universität Duisburg-Essen, sind die jüngsten Einschätzungen von Volkswagen-Chef Müller in Genf "absolut nicht nachvollziehbar".

Man könne den Diesel zwar sauberer machen, so Dudenhöffer, doch das sei entsprechend teuer - insbesondere in der Klein-und Kompaktwagenklasse würden sich deshalb die Alternativen durchsetzen:"Für die Autobauer werden in Zukunft der Benziner mit dem 48-Volt-Hybrid und das Elektroauto eine wichtigere Rolle spielen." Dazu komme, dass weder China noch Indien, die wirtschaftlichen Turbomärkte Asiens, auf die Dieseltechnologie setzen würden.

Ganz schwarz sieht der Experte aber nicht. Wenn die Steuervorteile blieben wie derzeit, hätte der Diesel bei großen Fahrzeugen - quasi am Übergang zur Nutzfahrzeugklasse - weiterhin einen Platz, schätzt Dudenhöffer. "Bei großen SUVs wird der Diesel bleiben, wenn die Besteuerung so bleibt wie derzeit." Nachsatz: "Eine Renaissance kann ich mir jedoch schwer vorstellen."

Der Ausgang der Diskussion ist nicht nur für Österreichs Autofahrer von Interesse, sondern auch für die Händler, die Leasingfirmen und die Autozulieferindustrie. Das BMW-Motorenwerk im oberösterreichischen Steyr etwa, das größte des deutschen Autobauers, muss seine Entwicklungs- und Produktionskapazitäten darauf vorbereiten, was kommt. Schon 2017 gab es deutliche Verschiebungen: Die Dieselmotorenerzeugung in Steyr ging um fast elf Prozent auf 776.129 Stück zurück, bei den gefertigten Benzinmotoren gab es hingegen ein Plus von über 40 Prozent auf 551.025 Stück. "Auf Basis von Entwicklungen wie in Japan und der jüngsten Testergebnisse für Fahrzeuge im realen Fahrbetrieb kann ich mir aber durchaus eine positive Entwicklung beim Diesel auch in Europa vorstellen", sagt der neue BMW-Motoren-Chef Christoph Schröder.

Perspektive

Einige Jahre werden die Diesel-Anteile in Europa wohl noch deutlich sinken. Doch die letzten Wochen haben die Chance auf eine Wiedergeburt genährt. In Japan, wo vor 20 Jahren der Diesel-Anteil bereits einmal bei zehn Prozent lag, freut man sich in der Zwischenzeit über eine solche Wiedergeburt im kleinen Stil: Der Selbstzünder-Anteil am Gesamtmarkt hat sich im Jänner und Februar weiter erhöht. Wetten auf die Zukunft würde BMW-Japan-Mann Seiji Tanaka aber noch keine abschließen: "Wir wissen nicht, wie lange dieser Boom anhält."


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 11/2018 vom 16. März 2018 entnommen.

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