Deutsche Post gibt der Autoindustrie den Stromschlag

E-Transporter StreetScooter Work
E-Transporter StreetScooter Work

E-Transporter StreetScooter Work

Die Deutsche Post will ihre rund 70.000 Wagen umfassende Fahrzeugflotte durch selbst gebaute Elektroautos ersetzen. Dafür wurde das Aachener Start-up StreetScooter übernommen. Volkswagen, bisher einer der Hauslieferanten der Post, ist darüber grob verärgert.

Es weht ein frischer Wind in Deutschlands Autobranche. Und der kommt aus der Bonner Firmenzentrale der Deutschen Post. Mit einem Fuhrpark von rund 70.000 Fahrzeugen ist die Deutsche Post ein wichtiger und geschätzter Kunde der deutschen Automobilindustrie. Und ganz besonders für den Volkswagen-Konzern, der über Jahrzehnte hinweg einer der Haus- und Hoflieferanten der gelb lackierten Autos war, mit denen die Zusteller Briefe und Pakete im ganzen Land verteilen. Doch nun ist die Post drauf und dran, die Geschäftsbeziehungen zu den Automobilherstellern abzubrechen. Sie will die benötigten Fahrzeuge in Zukunft selbst bauen.

Den ersten entscheidenden Schritt in diese Richtung hat die Post im Dezember 2014 gesetzt. Zuvor wollte die Post noch den konventionellen Weg gehen und hat sich beim Volkswagen-Konzern und bei Daimler nach entsprechenden Elektrofahrzeugen erkundigt. Die beiden großen Automobilhersteller konnten der Post jedoch keine passenden Fahrzeuge anbieten. "Es war kein Fahrzeug zu bekommen, das unseren Ansprüchen gerecht wurde. Oder der Preis war zu hoch", kommentierte ein Post-Sprecher die gescheiterte Suche.

Fündig wurde die Post schließlich beim im Umfeld der RWTH Aachen gegründeten Start-up "StreetScooter". Das Unternehmen hatte einen Prototyp für ein Leicht-Elektromobil entwickelt und erste Fahrzeuge an die Städteregion Aachen und die Sparkasse verkauft. Die Deutsche Post übernahm die Firma kurzerhand und begann mit der Entwicklung eines den eigenen Bedürfnissen entsprechenden Lieferfahrzeugs, dem StreetScooter "Work".

Work - das Arbeitstier

Im April hatte das Konzept "Work" endgültige Formen angenommen und die Post rüstete das Firmengelände auf, um den Wagen in Serienproduktion zu schicken. Bis Jahresende sollen die ersten 2.000 der 1.420 Kilo schweren Elektro-Lieferwägen, die eine elektronisch begrenzte Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h erreichen und im 4,3 Kubikmeter großen Kofferbau 650 Kilo Fracht transportieren können gebaut werden. Langfristig will die Post ihren gesamten, etwa 70.000 Fahrzeuge umfassenden Fuhrpark ausrangieren und durch die selbst gebauten Elektromobile ersetzen.

Sehr zum Ärger von Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller. "Mich ärgert das maßlos", sagte er im Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten. Er frage sich, warum die Post so etwas nicht mit VW auf die Beine stelle. Er habe deshalb den Chef der eigenen Nutzfahrzeugsparte, Eckhard Scholz, gebeten, Kontakt zu Post-Vorstand Jürgen Gerdes aufzunehmen: "Wir werden sehen, ob wir da noch einen Fuß in die Tür kriegen."

Für Volkswagen scheint der Zug jedoch vorerst abgefahren zu sein. Die Post hat nämlich große Pläne mit dem StreetScooter. So soll das Fahrzeug nicht nur für den Eigenbedarf gebaut werden, sondern auch anderen Dienstleistern angeboten werden. Im September wird die Post den "Work" auch auf der Frankfurter Automobilmesse IAA präsentieren.

Auch für die österreichische Post könnte der "Work" dann ein Thema werden. Interessant findet Post-Sprecher Michael Homola das Konzept allemal: "Wenn ein Post-Dienstleister selbst Autos baut, dann wird dieses wohl auch entsprechend den besonderen Anforderungen adaptiert sein", meint er. Das könne bei künftigen Ausschreibungen ein Vorteil sein. Schon heute müssten die Fahrzeuge der Österreichischen Post speziell angepasst werden, etwa mit verstärkten Scharnieren in der Fahrertür oder mit strapazierfähigeren Fahrersitzen. Die Deutsche Post müsse jedoch bei den Ausschreibungen der Österreichischen Post ihren StreetScooter entsprechend anbieten. Bislang sind dabei die unterschiedlichsten Anbieter zum Zug gekommen, was das Fuhrparkmanagement relativ kompliziert macht. Den Plan der Deutschen, diesen Fuhrpark auf ein einziges Fahrzeugmodell zu konsolidieren kann Homola daher gut nachvollziehen.

Abgasfrei in die Zukunft

Prinzipiell geht auch die Österreichische Post seit einigen Jahren konsequent den Weg in Richtung Elektromobilität. Bis Jahresende wird die Post in Summe 1.300 Elektrofahrzeuge - Autos, Mopeds und Fahrräder - im Einsatz haben. Gerade bei den Autos gibt es aktuell jedoch noch viel Luft nach oben. Von den rund 7.500 Autos im Fuhrpark haben bislang lediglich 232 einen E-Antrieb, bis Jahresende sollen weitere 189 hinzukommen. Deutlich weiter verbreitet sind Elektroantriebe bei den Zweirädern. 332 der insgesamt 875 Post-Mopeds und 575 der 862 Post-Räder haben Elektromotoren.

Künftig soll der Anteil der Elektrofahrzeuge weiter steigen. Zu diesem Zweck werden auch die landesweiten Zustellbasen mit den notwendigen Ladestationen aufgerüstet. Eisenstadt wird laut Plan Ende 2016 die erste Stadt sein, in der nur noch E-Fahrzeuge eingesetzt werden. Andernorts wird das noch eine ganze Weile nicht möglich sein. "Wir haben bei Touren bis zu etwa 50 Kilometer sehr gute Erfahrungen mit Elektrofahrzeugen gemacht. Darüber kann es kritisch werden", sagt Post-Sprecher Homola. Im ländlichen Bereich sind manche Zustell-Touren bis zu 140 Kilometer lang und obendrein auch noch gespickt mit der einen oder anderen Bergetappe.

Bislang sei noch kein leistbares Elektroauto am Markt, das solche Touren bei einer entsprechenden Beladung auch noch in den kalten Wintermonaten zuverlässig absolvieren kann. Auch der StreetScooter "Work" ist mit seiner angegebenen Reichweite von 50 bis 80 Kilometern noch keine brauchbare Alternative. Doch es ist noch lange nicht aller Tage Abend. Die Reichweiten der Elektrofahrzeuge steigen ständig an, gleichzeitig sinken die Kosten und die Ladezeiten für die Akkus. Homola: "Auch wir gehen wie die Deutsche Post den Weg in Richtung Elektromobilität konsequent weiter."

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