CO2-Grenzen: Ein Theater zum Fürchten

Christoph Kopp, Principal und Big Data-Experte bei Horváth & Partners

Christoph Kopp, Principal und Big Data-Experte bei Horváth & Partners

MANAGEMENT COMMENTARY: Christoph Kopp, Principal und Big Data-Experte bei Horváth & Partners: Wenn es den Autobauern nicht gelingt, Grenzwerte einzuhalten, stehen milliardenschwere Strafzahlungen im Raum.

In Wien gibt es seit 1987 ein „Theater zum Fürchten“. Sein Erfinder Bruno Max dachte aber nicht im Traum daran, furchterregende Stücke aufzuführen. Er wollte bloß eine Theatertruppe, die nicht von Subventionen abhängig ist. Dasselbe wollen heute die Autobauer – bloß nicht abhängig sein.

Ab 2020 dürfen neu zugelassene Autos in der EU im Schnitt nur noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer emittieren. Bis 2030 muss der Ausstoß um weitere 35% reduziert werden. Aktuell sind es 127g/km, die ein Durchschnittsauto auf dem deutschen Markt ausstößt.

Damit die künftigen Werte erreicht werden können, ist also einiges an Wegstrecke zurückzulegen, was die erfolgsverwöhnte Autobranche ziemlich in Bedrängnis bringt. Denn: Bei Überschreitungen der CO2-Grenzen drohen ab 2021 empfindliche Strafzahlungen, nicht zu vergessen der Imageschaden.

Damit die anspruchsvollen gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden können, ohne gleichzeitig die Profitabilität zu riskieren, müssen die Hersteller nicht nur technisch hochrüsten, sondern auch in eine neue Vertriebssteuerung investieren. Jetzt geht es darum, einen optimalen Verkaufsmix aus Elektro-, Plug-in-Hybrid- und Verbrennungsmotor-Fahrzeugen zu finden. Dafür fehlen in vielen Konzernen aber noch die für die Umsetzung nötigen Steuerungssysteme.

Strafen fressen Margen auf

Davor fürchten sich die Autobauer am meisten: Wenn es ihnen nicht gelingt, die neuen Grenzwerte einzuhalten, stehen milliardenschwere Strafzahlungen im Raum – und die könnten die Margen schnell auffressen. Dazu kommt der Imageschaden, der empfindliche Umsatzrückgänge zu Folge haben könnte.

Die Grenzwerte sind selbst mit vergleichsweise sauberen Verbrennungsmotoren derzeit nicht einzuhalten. Ein CO2-Ausstoß von 95 Gramm pro Kilometer entspricht einem Benzinverbrauch von 4,1 Litern bzw. 3,6 Liter bei Dieselfahrzeugen. Dies ist mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren kaum zu schaffen.

Um die Nachfrage zu steuern, muss also der Absatz von Batteriefahrzeugen und Plug-in-Hybriden gefördert werden, bis hin zu empfindlichen Preisnachlässen. Doch hier zeigt sich, dass das Absatzpotenzial für Umweltautos noch begrenzt ist, weil Elektro- oder Hybridautos eben für zu viele Käufer noch nicht in Frage kommen. Parallel müssen also hochmotorige Verbrenner im Preis angehoben werden, um die Käufer auf ausstoßärmere Fahrzeugtypen umzulenken.

Herbe Einschnitte drohen

Die neuen Grenzwerte trüben die Stimmung der deutschen Autokonzerne allemal. Der aktuell hohe Anteil an Premiumwägen aus deutscher Produktion trägt dazu bei, dass auch ohne Strafzahlungen Geschäftseinbußen drohen. Denn Fahrzeuge mit alternativen Antrieben, deren Verkauf es zu steigern gilt, sind aufgrund hoher Entwicklungs- und Materialkosten deutlich weniger profitabel. Und die strategisch gewollten, sinkenden Absätze bei besonders teuren, hochmotorigen Verbrennern wie SUVs und Limousinen dämpfen die Marge zusätzlich.

Intelligente Steuerung für mehr Profitabiltät

In der Vergangenheit konnte sich der Vertrieb auf reine Absatzzahlen und das daraus errechenbare Gesamtergebnis konzentrieren. Ab 2020 muss auch die CO2-Bilanz stimmen. Dafür muss jeder Hersteller für sich den optimalen Vertriebsmix ermitteln und daraus konkrete Absatzziele für jeden einzelnen Fahrzeugtyp festlegen. Die tatsächlichen Verkäufe müssen auch nach ihrer jeweiligen CO2-Bilanz quasi in Echtzeit und in Abhängigkeit zueinander im Blick behalten werden. Zeichnen sich Grenzwertüberschreitungen ab, muss mit Vertriebs- und Marketingaktivitäten gegengesteuert werden.

Fazit: Für Vertrieb und Controlling ist die Steuerung nach Absatzzahlen und CO2-Grenzwerten eine echte neue Challenge. Nur wenn die deutschen Hersteller ihren Vertrieb neu aufstellen, werden neue Abhängigkeiten und Kanossagänge in die Politik zu vermeiden sein. Und nur dann können sie sich auch im „Theater zum Fürchten“ entspannt zurücklehnen und weiter gut unterhalten.


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Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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