Autozulieferer: Mit Vollgas in die Krise

Autozulieferer: Mit Vollgas in die Krise

Die Gewinnmargen der Zulieferer sind im ersten Halbjahr 2019 um 17 Prozent eingebrochen.

Die Autozulieferbranche ist mitten in einer dramatischen Abwärtsentwicklung, die sich seit Anfang 2019 abzeichnet. Vor allem die Gewinne brechen ein. Die Gründe für die Entwicklung. Wovor Experten nun warnen und wozu sie raten.

Die Autozulieferer sehen derzeit mit dem Rücken zur Wand. Sie haben in den vergangenen goldenen Jahrzehnten Kapazitäten aufgebaut, sowohl was Mitarbeiter und Werke anbelangt. Doch nun geht es mit Umsätzen und Gewinnen so rasch bergab, dass viele von dem rasanten Abwärtsdrall überrascht wurden. Kündigungen, Werksschließungen und andere Kosteneinsparungen sind bereits die Folge. Das könnte jedoch erst der Anfang sein. Vielleicht auch der vom Ende einer Branche. Mit dramatischen Folgen, auch für Österreichs Wirtschaft: Drei der fünf weltgrößten Automobilzulieferer kommen aus Deutschland und viele namhafte Größen der Branche aus Österreich.

Das erste Halbjahr 2019 kündigt eine dramatische Kehrtwende in der Branche an, so das Ergebnis der Studie Global Automotive Supplier Study 2019" von Roland Berger und Lazard. Nach jährlichen soliden Zuwächsen in der Branche, knickte das Wachstum im ersten Halbjahr 2019 um fünf Prozent ein. Dafür verantwortlich ist vor allem China. Dort wurden in den ersten sechs Monaten eine Million Autos weniger verkauft. In anderen Ländern war der Rückgang dagegen moderat - noch. An eine kurze Konjunkturdelle glauben viele in der Branche nicht mehr. Der Umsatz- und Gewinnrückgang hat jedoch mehrere Gründe.

China: Rückgänge bei Neuwagenkäufen in zweistelliger Höhe
Produktion sinkt im ersten Halbjahr um fünf Prozent. Einer der Hauptgründe ist der Einbruch der Nachfrage in China (siehe Grafik). China war in den vergangenen Jahren der Wachstumsmotor der globalen Automobilindustrie. Der Handelskonflikt mit den USA hat die Rahmenbedingungen für China aber inzwischen deutlich verändert. So sanken die Automobilverkäufe im Land der Mitte im ersten Halbjahr 2019 zweistellig gegenüber der Vorjahresperiode.

In China ist das Wachstum im ersten Halbjahr bei den Neuzulassungen um eine Million Autos eingebrochen.

Umsatzwachstum stürzt ab
Erstmals seit 2012 dürfte heuer das Umsatzwachstum zurückgehen. Zwar ist das Wachstum seit 2016 nur noch bei zwei, drei Prozent gelegen und im Vorjahr gar nur noch bei einem Prozent, aber 2019 prognostizieren die Experten von Lazard und Roland Berger einen Wachstumsrückgang von fünf Prozent. Einer der Erkenntnisse der neuen "Global Automotive Supplier Study 2019" von Unternehmensberater Roland Berger und Asset Manager Lazard. Für die Studie wurden Kennzahlen von über 600 Zulieferern weltweit ausgewertet.

Der Boom bei den Autozulieferern ist vorbei. Das Umsatzwachstum ist nach Jahren vorbei.

Gewinne im Rückwärtsgang
Welchem Druck die Branche ausgesetzt ist, zeigt sich jedoch besonders an der Gewinnentwicklung. So wird für 2019 nur noch eine Gewinnmarge von im Schnitt sechs Prozent erwartet, der niedrigste Wert seit 2012, so die Prognosen der Autoren der Zuliefererstudie. Das zeigt auch, wie stark die Hersteller versuchen ihren Margendruck an die Zulieferer weiter zu geben.

Die Gewinne brechen in nur einem halben Jahr um 17 Prozent ein.

Hohe Überkapazitäten
Verschärfend kommt für die Zulieferer hinzu: "Die Wachstumsprognosen waren gut und viele Zulieferer haben weitere Kapazitäten aufgebaut", sagt Felix Mogge. "Jetzt bleiben bei manchen Zulieferern 60 bis 70 Prozent der neuen Kapazitäten ungenutzt."

Elektromobilität bringt starken Wandel in der Produktion
Generell sehen die Experten den Grund für diese negative Entwicklung der Zulieferer und damit auch der Autohersteller vor allem im vergleichsweise schwachen Absatz in China und die konjunkturelle Abkühlung. „Hinzu kommen strukturelle Veränderungen durch den Wandel hin zur Elektromobilität", erklärt Felix Mogge, Autospezialist bei Roland Berger. Wie heftig sich die Umstellung in der Produktion auswirken könnte, hat Bosch-Geschäftsführer veranschaulicht: „Für den Bau eines Einspritzsystem eines Dieselmotors braucht man zehn Mitarbeiter, für den eines Benziner werden drei Beschäftigte eingesetzt, bei einem Elektrofahrzeug einer.“ Ein Jobabbau ist da vorprogrammiert – sofern diese Autos auch im größeren Ausmaß gekauft werden.


Dramatisch beschleunigender und teils disruptiver Wandel der Autobranche

Continental-Chef Elmar Degenhart sprach von einem dramatisch beschleunigenden und teils disruptiven Wandel der Autobranche. Beim Zulieferer, einer der größten weltweit, denkt man über Einsparungen nach, auch von Verkäufen von Firmenassets.

ZF: Eine Milliarde Euro weniger Umsatz erwartet
Dramatisch auch die Entwicklung bei ZF. Im Frühjahr wurde die Umsatzerwartung um eine Milliarde Euro zurückgeschraubt. Der Gewinn brach im ersten Halbjahr 2019 um die Hälfte gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres ein.

Besonders stark getroffen, hat es den deutschen Zulieferer Leoni. Im Gegensatz zu vielen Zulieferern steckt das Unternehmen bereits tief in den roten Zahlen. Im ersten Halbjahr waren es über 170 Millionen Euro.

Nicht alle Zulieferer gleichermaßen betroffen
Wenn auch nicht alle Zulieferer von der heraufdämmernden Krise betroffen sind. Bei Magna Steyr, an dem Standort bei Graz werden unter anderem auch ganze Autos gebaut, sind im ersten Halbjahr knapp 89.000 Autos vom Band gerollt - das entspricht einem Zuwachs von fast 30 Prozent gegenüber demselben Zeitraum des Vorjahres. Der Gesamtkonzern von Magna senkte für das Jahr 2019 aber ebenfalls die Prognosen.

Miba: 100 Millionen für eMobility Cluster
Beim oberösterreichischen Zulieferer Miba wurden die ersten Krisensymptome der Branche ebenfalls gut abgefedert. Wie geplant soll die Umsatzmilliarde demnächst erreicht werden. Der Zulieferer, der rund die Hälfte seines Umsatzes mit Autozulieferteilen macht, investiert unter anderem stark in neue Teile für Elektroautos. Am Standort Vorchdorf entsteht ein eMobility Cluster. An dem oberösterreichischen Standort soll das Know-how des Unternehmens aus der Elektrifizierung und der Automobilbranche vernetzt werden. Insgesamt investiert die Miba bis 2025 mehr als 100 Millionen Euro in die eMobility.


Schwierig zu prognostizieren, wann und ob die Investitionen Profit abwerfen

Investitionsdruck durch neue Trends
Diese Entwicklung bei Miba dürften auch die Unternehmensberater von Roland Berger begrüßen. Denn Investitionen in die sich weiter verstärkenden Trends in der Automobilindustrie wie Digitalisierung, neue Mobilitätskonzepte, autonomes Fahren und E-Mobilität seien unumgänglich, so die Autoren der Studie, setzen die Branche aber unter gewaltigen Investitionsdruck – von den OEMs bis zu den Zulieferern. „Bei vielen dieser Projekte ist es schwierig zu prognostizieren, wann und ob die Investitionen Profit abwerfen. Gleichzeitig versuchen Autohersteller ihre Kosten zu senken, unter anderem mit Sparprogrammen im Einkauf, die wiederum die Zulieferer treffen“, heißt es in der Studie.

Große Zulieferer mit langfristig besserer Ausgangsposition
Das sorgt für einen schwierigen Spagat bei den etablierten Zulieferern. Sie müssen das angestammte Geschäft weiter profitabel geführt werden, gleichzeitig dürfen Wachstumstrends nicht verpasst werden. „Große und finanziell solide aufgestellte Unternehmen haben tendenziell eine bessere Ausgangsposition. Für viele kleinere Unternehmen wird der Wandel hingegen schwierig“, so die Schlussfolgerung der Studienautoren.

Zugang zu Kapital schwieriger
Die Zulieferer sollten sich jetzt einen ausreichenden finanziellen Spielraum sichern, der auf lange Sicht trägt, raten die Unternehmensberater von Roland Berger. Denn auch der Zugang zu Kapital könnte durch die negative Marktlage schwieriger werden. „Viele Equity-Investoren bevorzugen andere Sektoren als die zyklische Automobilindustrie. Gleichzeitig werden Banken restriktiver mit der Vergabe von Kreditfinanzierung – dies trifft insbesondere kleinere Zulieferer in Produktbereichen, die künftig strukturell unter Druck kommen werden“ sagt Christof Söndermann, Managing Director bei Lazard. Daneben gingen M&A-Transaktionen im Zuliefersektor im laufenden Jahr zurück. Gerade chinesische Unternehmen, die in den vergangenen Jahren eine wichtige Käufergruppe darstellten, seien mittlerweile deutlich weniger aktiv.

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